revidiert 12-13.02.2010 - c.p.

ADOLF HITLER
Mein Kampf
Erster Band

EINE ABRECHNUNG
1. Kapitel:
Im Elternhaus

Als glückliche Bestimmung gilt es mir heute, daß das Schicksal mir zum Geburtsort gerade Braunau am
Inn zuwies. Liegt doch dieses Städtchen an der Grenze jener zwei deutschen Staaten, deren
Wiedervereinigung mindestens uns Jüngeren als eine mit allen Mitteln durchzuführende Lebensaufgabe
erscheint!
Deutschösterreich muß wieder zurück zum großen deutschen Mutterlande, und zwar nicht aus Gründen
irgendwelcher wirtschaftlicher Erwägungen heraus. Nein, nein: Auch wenn diese Vereinigung,
wirtschaftlich gedacht, gleichgültig, ja selbst wenn sie schädlich wäre, sie möchte dennoch stattfinden.
Gleiches Blut gehört in ein gemeinsames Reich. Das deutsche Volk besitzt so lange kein moralisches
Recht zu kolonialpolitischer Tätigkeit, solange es nicht einmal seine eigenen Söhne in einen
gemeinsamen Staat zu fassen vermag. Erst wenn des Reiches Grenze auch den letzten Deutschen
umschließt, ohne mehr die Sicherheit seiner Ernährung bieten zu können, ersteht aus der Not des
eigenen Volkes das moralische Recht zur Erwerbung fremden Grund und Bodens. Der Pflug ist dann das
Schwert, und aus den Tränen des Krieges erwächst für die Nachwelt das tägliche Brot. So scheint mir
dieses kleine Grenzstädtchen das Symbol einer großen Aufgabe zu sein. Allein auch noch in einer
anderen Hinsicht ragt es mahnend in unsere heutige Zeit. Vor mehr als hundert Jahren hatte dieses
unscheinbare Nest, als Schauplatz eines die ganze deutsche Nation ergreifenden tragischen Unglücks,
den Vorzug, für immer in den Annalen wenigstens der deutschen Geschichte verewigt zu werden. In der
Zeit der tiefsten
[002 Im Elternhaus]
Erniedrigung unseres Vaterlandes fiel dort für sein auch im Unglück heißgeliebtes Deutschland der
Nürnberger Johannes Palm, bürgerlicher Buchhändler, verstockter "Nationalist" und Franzosenfeind.
Hartnäckig hatte er sich geweigert, seine Mit-, besser Hauptschuldigen anzugeben. Also wie Leo
Schlageter. Er wurde allerdings auch, genau wie dieser, durch einen Regierungsvertreter an Frankreich
denunziert. Ein Augsburger Polizeidirektor erwarb sich diesen traurigen Ruhm und gab so das Vorbild
neudeutscher Behörden im Reiche des Herrn Severing.
In diesem von den Strahlen deutschen Märtyrertums vergoldeten Innstädtchen, bayerisch dem Blute,
österreichisch dem Staate nach, wohnten am Ende der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts
meine Eltern; der Vater als pflichtgetreuer Staatsbeamter, die Mutter im Haushalt aufgehend und vor
allem uns Kindern in ewig gleicher liebevoller Sorge zugetan. Nur wenig haftet aus dieser Zeit noch in
meiner Erinnerung, denn schon nach wenigen Jahren mußte der Vater das liebgewonnene
Grenzstädtchen wieder verlassen, um innabwärts zu gehen und in Passau eine neue Stelle zu beziehen;
also in Deutschland selber.
Allein das Los eines österreichischen Zollbeamten hieß damals häufig wandern,. Schon kurze Zeit später
kam der Vater nach Linz und ging endlich dort auch in Pension. Freilich "Ruhe" sollte dies für den alten
Herrn nicht bedeuten. Als Sohn eines armen, kleinen Häuslers hatte es ihn schon einst nicht zu Hause
gelitten. Mit noch nicht einmal dreizehn Jahren schnürte der damalige kleine junge sein Ränzlein und
lief aus der Heimat, dem Waldviertel. fort. Trotz des Abratens "erfahrener" Dorfinsassen war er nach
Wien gewandert, um dort ein Handwerk zu lernen. Das war in den fünfziger Jahren des vergangenen
Jahrhunderts. Ein bitterer Entschluß, sich mit drei Gulden Wegzehrung so auf die Straße zu machen ins
Ungewisse hinein. Als der Dreizehnjährige aber siebzehn alt geworden war, hatte er seine
Gesellenprüfung abgelegt, jedoch nicht die Zufriedenheit gewonnen. Eher das Gegenteil. Die lange Zeit
der damaligen Not, des ewigen Elends und Jammers
[003 Der kleine Rädelsführer]
festigte den Entschluß, das Handwerk nun doch wieder aufzugeben, um etwas "Höheres" zu werden.
Wenn einst dem armen Jungen im Dorfe der Herr Pfarrer als Inbegriff aller menschlich erreichbaren
Höhe erschien, so nun in der den Gesichtskreis mächtig erweiternden Großstadt die Würde eines
Staatsbeamten. Mit der ganzen Zähigkeit eines durch Not und Harm schon in halber Kindheit "alt"
Gewordenen verbohrte sich der Siebzehnjährige in seinen neuen Entschluß — und wurde Beamter. Nach
fast dreiundzwanzig Jahren, glaube ich, war das Ziel erreicht. Nun schien auch die Voraussetzung zu
einem Gelübde erfüllt, das sich der arme Junge einst gelobt hatte, nämlich nicht eher in das liebe
väterliche Dorf zurückzukehren, als bis er etwas geworden wäre.
Jetzt war das Ziel erreicht; allein aus dem Dorfe konnte sich niemand mehr des einstigen kleinen
Knaben erinnern, und ihm selber war das Dorf fremd geworden.
Da er endlich als Sechsundfünfzigjähriger in den Ruhestand ging, hätte er doch diese Ruhe keinen Tag
als "Nichtstuer" zu ertragen vermocht. Er kaufte in der Nähe des oberösterreichischen Marktfleckens
Lambach ein Gut, bewirtschaftete es und kehrte so im Kreislauf eines langen, arbeitsreichen Lebens
wieder zum Ursprung seiner Väter zurück.
In dieser Zeit bildeten sich mir wohl die ersten Ideale. Das viele Herumtollen im Freien, der weite Weg
zur Schule sowie ein besonders die Mutter manchmal mit bitterer Sorge erfüllender Umgang mit äußerst
robusten Jungen ließ mich zu allem anderen eher werden als zu einem Stubenhocker. Wenn ich mir also
auch damals kaum ernstliche Gedanken über meinen einstigen Lebensberuf machte, so lag doch von
vornherein meine Sympathie auf keinen Fall in der Linie des Lebenslaufes meines Vaters. Ich glaube,
daß schon damals mein rednerisches Talent sich in Form mehr oder minder eindringlicher
Auseinandersetzungen mit meinen Kameraden schulte. Ich war ein kleiner Rädelsführer geworden, der
in der Schule leicht und damals auch sehr gut lernte, sonst aber ziemlich schwierig zu behandeln war.
Da ich in meiner freien Zeit im Chor-
[004 Kriegsbegeisterung]
Herrenstift zu Lambach Gesangsunterricht erhielt, hatte ich beste Gelegenheit, mich oft und oft am
feierlichen Prunke der äußerst glanzvollen kirchlichen Feste zu berauschen. Was war natürlicher, als
daß, genau so wie einst dem Vater der kleine Herr Dorfpfarrer, nun mir der Herr Abt als höchst
erstrebenswertes Ideal erschien? Wenigstens zeitweise war dies der Fall. Nachdem aber der Herr Vater
bei seinem streitsüchtigen Jungen die rednerischen Talente aus begreiflichen Gründen nicht so zu
schätzen vermochte, um aus ihnen etwa günstige Schlüsse für die Zukunft seines Sprößlings zu ziehen,
konnte er natürlich auch ein Verständnis für solche Jugendgedanken nicht gewinnen. Besorgt
beobachtete er wohl diesen Zwiespalt der Natur.
Tatsächlich verlor sich denn auch die zeitweilige Sehnsucht nach diesem Berufe sehr bald, um nun
meinem Temperamente besser entsprechenden Hoffnungen Platz zu machen. Beim Durchstöbern der
väterlichen Bibliothek war ich über verschiedene Bücher militärischen Inhalts gekommenen, darunter
eine Volksausgabe des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71. Es waren zwei Bande einer illustrierten
Zeitschrift aus diesen Jahren, die nun meine Lieblingslektüre wurden. Nicht lange dauerte es, und der
grobe Heldenkampf war mir zum größten inneren Erlebnis geworden. Von nun an schwärmte ich mehr
und mehr für alles, was irgendwie mit Krieg oder doch mit Soldatentum zusammenhing.
Aber auch in anderer Hinsicht sollte dies von Bedeutung für mich werden. Zum ersten Male wurde mir,
wenn auch in noch unklarer Vorstellung, die Frage aufgedrängt, ob und welch ein Unterschied denn
zwischen den diese Schlachten schlagenden Deutschen und den anderen sei? Warum hat denn nicht auch
Österreich mitgekämpft in diesem Kriege, warum nicht der Vater und nicht all die anderen auch?
Sind wir denn nicht auch dasselbe wie eben alle anderen Deutschen?
Gehören wir denn nicht alle zusammen? Dieses Problem begann zum ersten Male in meinem kleinen
Gehirn zu
[005 Berufswahl]
wühlen. Mit innerem Neide mußte ich auf vorsichtige Fragen die Antwort vernehmen, daß nicht jeder
Deutsche das Glück besitze, dem Reich Bismarcks anzugehören.
Ich konnte dies nicht begreifen.
×
Ich sollte studieren.
Aus meinem ganzen Wesen und noch mehr aus meinem Temperament glaubte der Vater den Schluß
ziehen zu können, daß das humanistische Gymnasium einen Widersprüche zu meiner Veranlagung
darstellen würde. Besser schien ihm eine Realschule zu entsprechen. Besonders wurde er in dieser
Meinung noch bestärkt durch eine ersichtliche Fähigkeit zum Zeichnen; ein Gegenstand, der in den
österreichischen Gymnasien seiner Überzeugung nach vernachlässigt wurde. Vielleicht war aber auch
seine eigene schwere Lebensarbeit noch mitbestimmend, die ihn das humanistische Studium als in
seinen Augen unpraktisch, weniger schätzen ließ. Grundsätzlich war er aber der Willensmeinung, daß,
so wie er, natürlich auch sein Sohn Staatsbeamter werden würde, ja müßte. Seine bittere Jugend ließ ihm
ganz natürlich das später Erreichte um so größer erscheinen, als dieses doch, nur ausschließliches
Ergebnis seines eisernen Fleißes und eigener Tatkraft war. Es war der Stolz des Selbstgewordenen, der
ihn bewog, auch seinen Sohn in die gleiche, wenn möglich natürlich höhere Lebensstellung bringen zu
wollen, um so mehr, als er doch durch den Fleiß des eigenen Lebens seinem Kinde das Werden um so
viel zu erleichtern vermochte.
Der Gedanke einer Ablehnung dessen, was ihm einst zum Inhalt seines ganzen Lebens wurde, erschien
ihm doch als unfaßbar. So war der Entschluß des Vaters einfach, bestimmt und klar, in seinen eigenen
Augen selbstverständlich. Endlich wäre es seiner in dem bitteren Existenzkampfe eines ganzen Lebens
Herrisch gewordenen Natur aber auch ganz unerträglich vorgekommen, in solchen Dingen etwa die
letzte Entscheidung dem in seinen Augen unerfahrenen und damit eben noch nicht verantwortlichen
Jungen selber zu
[006 Niemals Staatsbeamter]
überlassen. Es würde dies auch als schlechte und verwerfliche Schwäche in der Ausübung der ihm
zukommenden väterlichen Autorität und Verantwortung für das spätere Leben seines Kindes unmöglich
zu seiner sonstigen Auffassung von Pflichterfüllung gepaßt haben.
Und dennoch sollte es anders kommen.
Zum ersten Male in meinem Leben wurde ich, als damals noch kaum Elfjähriger, in Opposition
gedrängt. So hart und entschlossen auch der Vater sein mochte in der Durchsetzung einmal ins Auge
gefaßter Pläne und Absichten, so verbohrt und widerspenstig war aber auch sein Junge in der Ablehnung
eines ihm nicht oder nur wenig zusagenden Gedankens.
Ich wollte nicht Beamter werden.
Weder Zureden noch "ernste" Vorstellungen vermochten an diesem Widerstande etwas zu ändern. Ich
wollte nicht Beamter werden, nein und nochmals nein. Alle Versuche, mir durch Schilderungen aus des
Vaters eigenem Leben Liebe oder Lust zu diesem Berufe erwecken zu wollen schlugen in das Gegenteil
um. Mir wurde gähnend übel bei dem Gedanken, als unfreier Mann einst in einem Büro sitzen zu
dürfen; nicht Herr sein zu können der eigenen Zeit, sondern in auszufüllende Formulare den Inhalt eines
ganzen Lebens zwängen zu müssen.
Welche Gedanken konnte dies auch erwecken bei einem Jungen, der doch wirklich alles andere war,
aber nur nicht "brav" im landläufigen Sinne! Das lächerlich leichte Lernen in der Schule gab mir so viel
freie Zeit, daß mich mehr die Sonne als das Zimmer sah. Wenn mir heute durch meine politischen
Gegner in liebevoller Aufmerksamkeit mein Leben durchgeprüft wird bis in die Zeit meiner damaligen
Jugend, um endlich mit Erleichterung feststellen zu können, welch unerträgliche Streiche dieser "Hitler"
schon im seiner Jugend verübt hatte, so danke ich dem Himmel, daß er mir so auch jetzt noch etwas
abgibt aus den Erinnerungen dieser glückseligen Zeit. Wiese und Wald waren damals der Fechtboden,
auf dem die immer vorhandenen "Gegensätze" zur Austragung kamen.

[007 Sondern Kunstmaler]
Auch der nun erfolgende Besuch der Realschule konnte dem wenig Einhalt tun. Freilich mußte nun aber
auch ein anderer Gegensatz ausgefochten werden.
Solange der Absicht des Vaters, mich Staatsbeamter werden zu lassen, nur meine prinzipielle
Abneigung zum Beamtenberuf an sich gegenüberstand, war der Konflikt leicht erträglich. Ich konnte
solange auch mit meinen inneren Anschauungen etwas zurückhalten, brauchte ja nicht immer gleich zu
widersprechen. Es genügte mein eigener fester Entschluß, später einmal nicht Beamter zu werden, um
mich innerlich vollständig zu beruhigen. Diesen Entschluß besaß ich aber unabänderlich. Schwerer
wurde die Frage, wenn dem Plane des Vaters ein eigener gegenübertrat. Schon mit zwölf Jahren trat dies
ein. Wie es nun kam, weiß ich heute selber nicht, aber eines Tages war es mir klar, daß ich Maler
werden würde, Kunstmaler. Mein Talent zum Zeichnen stand allerdings fest, war es doch sogar mit ein
Grund für den Vater, mich auf die Realschule zu schicken, allein nie und niemals hatte dieser daran
gedacht, mich etwa beruflich in einer solchen Richtung ausbilden zu lassen. Im Gegenteil. Als ich zum
ersten Male, nach erneuter Ablehnung des väterlichen Lieblingsgedankens, die Frage gestellt bekam.
was ich denn nun eigentlich selber werden wollte, und ziemlich unvermittelt mit meinem unterdessen
fest gefaßten Entschluß heraus. platzte, war der Vater zunächst sprachlos.
"Maler? Kunstmaler?"
Er zweifelte an meiner Vernunft, glaubte vielleicht auch nicht recht gehört oder verstanden zu haben.
Nachdem er allerdings darüber aufgeklärt war und besonders die Ernsthaftigkeit meiner Absicht fühlte,
warf er sich denn auch mit der ganzen Entschlossenheit seines Wesens dagegen. Seine Entscheidung
war hier nur sehr einfach, wobei irgendein Abwägen meiner etwa wirklich vorhandenen Fähigkeiten gar
nicht in Frage kommen konnte.
Kunstmaler, nein, solange ich lebe, "niemals." Da nun aber sein Sohn eben mit verschiedenen sonstigen
Eigen-
[008 Der junge Nationalist]
schaften wohl auch die einer ähnlichen Starrheit geerbt haben mochte, so kam auch eine ähnliche
Antwort zurück. Nur natürlich umgekehrt dem Sinne nach.
Auf beiden Seiten blieb es dabei bestehen. Der Vater verließ nicht sein "Niemals" und ich verstärkte
mein "Trotzdem".
Freilich hatte dies nun nicht sehr erfreuliche Folgen. Der alte Herr ward verbittert und, so sehr ich ihn
auch liebte, ich auch. Der Vater verbat sich jede Hoffnung, daß ich jemals zum Maler ausgebildet
werden würde. Ich ging einen Schritt weiter und erklärte, daß ich dann überhaupt nicht mehr lernen
wollte. Da ich nun natürlich mit solchen "Erklärungen" doch den kürzeren zog, insofern der alte Herr
jetzt seine Autorität rücksichtslos durchzusetzen sich anschickte, schwieg ich künftig, setzte meine
Drohung aber in die Wirklichkeit um. Ich glaubte, daß, wenn der Vater erst den mangelnden Fortschritt
in der Realschule sähe, er gut oder übel eben doch mich meinem erträumten Glück würde zugehen
lassen.
Ich weiß nicht, ob diese Rechnung gestimmt hätte. Sicher war zunächst nur mein ersichtlicher Mißerfolg
in der Schule. Was mich freute, lernte ich, vor allem auch alles, was ich meiner Meinung nach später als
Maler brauchen würde. Was mir in dieser Hinsicht bedeutungslos erschien oder mich auch sonst nicht so
anzog, sabotierte ich vollkommen. Meine Zeugnisse in dieser Zeit stellten, je nach dem Gegenstande
und seiner Einschätzung, immer Extreme dar. Neben "lobenswert" und "vorzüglich", "genügend" oder
auch "nicht genügend". Am weitaus besten waren meine Leistungen in Geographie und mehr noch in
Weltgeschichte. Die beiden Lieblingsfächer, in denen ich der Klasse vorschoß.
Wenn ich nun nach so viel Jahren mir das Ergebnis dieser Zeit prüfend vor Augen halte, so sehe ich
zwei hervorstechende Tatsachen als besonders bedeutungsvoll an:
Erstens: ich wurde Nationalist.
Zweitens: ich lernte Geschichte ihrem Sinne nach verstehen und begreifen.
[009 Die deutsche Ostmark]
Das alte Österreich war ein "Nationalitätenstaat".
Der Angehörige des Deutschen Reiches konnte im Grunde genommen, wenigstens damals, gar nicht
erfassen, welche Bedeutung diese Tatsache für das alltägliche Leben des einzelnen in einem solchen
Staate besitzt. Man hatte sich nach dem wundervollen Siegeszuge der Heldenheere im Deutsch-
Französischen Kriege allmählich immer mehr dem Deutschtum des Auslandes entfremdet, zum Teil
dieses auch gar nicht mehr zu würdigen vermocht oder wohl auch nicht mehr gekonnt. Man wechselte
besonders in bezug auf den Deutschösterreicher nur zu leicht die verkommene Dynastie mit dem im
Kern urgesunden Volke.
Man begriff nicht, daß, wäre nicht der Deutsche in Österreich wirklich noch von bestem Blute, er
niemals die Kraft hätte besitzen können, einem 52-Millionen-Staate so sehr seinen Stempel aufzuprägen,
daß ja gerade in Deutschland sogar die irrige Meinung entstehen konnte, Österreich wäre ein deutscher
Staat. Ein Unsinn von schwersten Folgen, aber ein doch glänzendes Zeugnis für die zehn Millionen
Deutschen der Ostmark. Von dem ewigen unerbittlichen Kampfe um die deutsche Sprache, um deutsche
Schule und deutsches Wesen hatten nur ganz wenige Deutsche aus dem Reiche eine Ahnung. Erst heute,
da diese traurige Not vielen Millionen unseres Volkes aus dem Reiche selber aufgezwungen ist, die
unter fremder Herrschaft vom gemeinsamen Vaterlande träumen und, sich sehnen nach ihm, wenigstens
das heilige Anspruchsrecht der Muttersprache zu erhalten versuchen, versteht man in größerem Kreise,
was es heißt, für sein Volkstum kämpfen zu müssen. Nun vermag auch vielleicht der eitle oder andere
die Größe des Deutschtums aus der alten Ostmark des Reiches zu messen, das, nur auf sich selbst
gestellt, jahrhundertelang das Reich erst nach Osten beschirmte, um endlich in zermürbendem
Kleinkrieg die deutsche Sprachgrenze zu halten, in einer Zeit, da das Reich sich wohl für Kolonien
interessierte, aber nicht für das eigene Fleisch und Blut vor seinen Toren.
Wie überall und immer, in jeglichem Kampf, gab es
[010 Der Kampf ums Deutschtum]
auch im Sprachenkampf des alten Österreich drei Schichten: die Kämpfer, die Lauen und die Verräter.
Schon in der Schule begann diese. Siebung einzutreten. Denn es ist das Bemerkenswerte des
Sprachenkampfes wohl überhaupt, daß seine Wellen vielleicht am schwersten gerade die Schule, als
Pflanzstätte der kommenden Generation umspülen. Um das Kind wird dieser Kampf geführt, und an das
Kind richtet sich der erste Appell dieses Streites: "Deutscher Knabe, vergiß nicht, daß du ein Deutscher
bist!" und "Mädchen gedenke, daß du eine deutsche Mutter werden sollst!"
Wer der Jugend Seele kennt, der wird verstehen können, daß gerade sie am freudigsten die Ohren für
einen solchen Kampfruf öffnet. In hunderterlei Formen pflegt sie diesen Kampf dann zu führen, auf ihre
Art und mit ihren Waffen. Sie lehnt es ab, undeutsche Lieder zu singen, schwärmt um so mehr für
deutsche Heldengröße, je mehr man versucht, sie dieser zu entfremden; sammelt an vom Munde
abgesparten Hellern zum Kampfschatz der Großen; sie ist unglaublich hellhörig dem undeutschen
Lehrer gegenüber und widerhaarig zugleich; trägt die verbotenen Abzeichen des eigenen Volkstums und
ist glücklich, dafür bestraft oder gar geschlagen zu werden. Sie ist also im kleinen ein getreues
Spiegelbild der Großen, nur oft in besserer und aufrichtigerer Gesinnung.
Auch ich hatte so einst die Möglichkeit, schon in verhältnismäßig früher Jugend am
des alten Österreich teilzunehmen. Für Südmark und Schulverein wurde da gesammelt, durch
Kornblumen und schwarz-rot-goldene Farben die Gesinnung betont, mit "Heil" begrüßt, und statt des
Kaiserliedes lieber "Deutschland über alles" gesungen, trotz Verwarnung und Strafen. Der Junge ward
dabei politisch geschult in einer Zeit, da der Angehörige eines sogenannten Nationalstaates meist noch
von seinem Volkstum wenig mehr als die Sprache kennt. Daß ich damals schon nicht zu den Lauen
gehört habe, versteht sich von selbst. In kurzer Zeit war ich zum fanatischen "Deutsch[
011 Der Kampf ums Deutschtum]
nationalen" geworden, wobei dies allerdings nicht identisch ist mit unserem heutigen Parteibegriff.
Diese Entwicklung machte bei mir sehr schnelle Fortschritte, so daß ich schon mit fünfzehn Jahren zum
Verständnis des Unterschiedes von dynastischem "Patriotismus" und völkischem "Nationalismus"
gelangte; und ich kannte damals schon nur mehr den letzteren.
Für den, der sich niemals die Mühe nahm, die inneren Verhältnisse der Habsburgermonarchie zu
studieren, mag ein solcher Vorgang vielleicht nicht ganz erklärlich sein. Nur der Unterricht in der
Schule über die Weltgeschichte mußte in diesem Staate schon den Keim zu dieser Entwicklung legen,
gibt es doch eine spezifisch österreichische Geschichte nur im kleinsten Maße. Das Schicksal dieses
Staates ist so sehr mit dem Leben und Wachsen des ganzen Deutschtunis verbunden, daß eine
der Geschichte etwa in eine deutsche und österreichische gar nicht denkbar erscheint. Ja, als endlich
Deutschland sich in zwei Machtbereiche zu trennen begann, wurde eben diese Trennung zur deutschen
Geschichte.
Die zu Wien bewahrten Kaiserinsignien einstiger Reichsherrlichkeit scheinen als wundervoller Zauber
weiterzuwirken als Unterpfand einer ewigen Gemeinschaft.
Der elementare Aufschrei des deutschösterreichischen Volkes in den Tagen des Zusammenbruches des
Habsburgerstaates nach Vereinigung mit dem deutschen Mutterland war ja nur das Ergebnis eines tief
im Herzen des gesamten Volkes schlummernden Gefühls der Sehnsucht nach dieser Rückkehr in das nie
vergessene Vaterhaus. Niemals aber würde dies erklärlich sein, wenn nicht die geschichtliche Erziehung
des einzelnen Deutschösterreichers Ursache einer solchen allgemeinen Sehnsucht gewesen wäre. In ihr
liegt ein Brunnen, der nie versiegt; der besonders in Zeiten des Vergessens als stiller Mahner, über
augenblickliches Wohlleben hinweg, immer wieder durch die Erinnerung an die Vergangenheit von
neuer Zukunft raunen wird.
Der Unterricht über Weltgeschichte in den sogenannten Mittelschulen liegt nun freilich auch heute noch
sehr im
[012 Geschichtsunterricht]
argen. Wenige Lehrer begreifen, daß das Ziel gerade des geschichtlichen Unterrichts nie und nimmer im
Auswendiglernen und Herunterhaspeln geschichtlicher Daten und Ereignisse liegen kann; daß es nicht
darauf ankommt, ob der Junge nun genau weiß, wann diese oder jene Schlacht geschlagen, ein FeldHerr
geboren wurde, oder gar ein (meistens sehr unbedeutender) Monarch die Krone seiner Ahnen auf das
Haupt gesetzt erhielt. Nein, wahrhaftiger Gott, darauf kommt es wenig an.
Geschichte "lernen" heißt die Kräfte suchen und finden die als Ursachen zu jenen Wirkungen führen die
wir dann als geschichtliche Ereignisse vor unseren Augen sehen.
Die Kunst des Lesens wie des Lernens ist auch hier: Wesentliches behalten, Unwesentliches vergessen.
Es wurde vielleicht bestimmend für mein ganzes späteres Leben, daß mir das Glück einst gerade für
Geschichte einen Lehrer gab, der es als einer der ganz wenigen verstand, für Unterricht und Prüfung
diesen Gesichtspunkt zum beHerrschenden zu machen. In meinem damaligen Professor Dr. Leopold
Pötsch an der Realschule zu Linz, war diese Forderung in wahrhaft idealer Weise verkörpert. Ein alter
Herr, von ebenso gütigen als aber auch bestimmtem Auftreten, vermochte er besonders durch eine
blendende Beredsamkeit uns nicht nur zu fesseln, sondern wahrhaft mitzureißen. Noch heute erinnere
ich mich mit leiser Rührung an den grauen Mann, der uns im Feuer seiner Darstellung manchmal die
Gegenwart vergessen ließ, uns zurückzauberte in vergangene Zeiten und aus dem Nebelschleier der
Jahrtausende die trockene geschichtliche Erinnerung zur lebendigen Wirklichkeit formte. Wir saßen
dann da, oft zu heller Glut begeistert, mitunter sogar zu Tränen gerührt.
Das Glück ward um so größer, als dieser Lehrer es verstand, aus Gegenwart Vergangenes zu erleuchten,
aus Vergangenheit aber die Konsequenzen für die Gegenwart zu ziehen. So brachte er denn auch, mehr
als sonst einer, Verständnis auf für all die Tagesprobleme, die uns damals in Atem hielten. Unser kleiner
nationaler Fanatismus
[013 Geschichte Lieblingsfach]
ward ihm ein Mittel zu unserer Erziehung, indem er öfter als einmal an das nationale Ehrgefühl
appellierend, dadurch allein uns Rangen schneller in Ordnung brachte, als dies durch andere Mittel
möglich gewesen wäre.
Mir hat dieser Lehrer Geschichte zum Lieblingsfach gemacht.
Freilich wurde ich, wohl ungewollt von ihm, auch damals schon zum jungen Revolutionär.
Wer konnte auch unter einem solchen Lehrer deutsche Geschichte studieren, ohne zum Feinde des
Staates zu werden, der durch sein Herrscherhaus in so unheilvoller Weise die Schicksale der Nation
beeinflußte?
Wer endlich konnte noch Kaisertreue bewahren einer Dynastie gegenüber, die in Vergangenheit und
Gegenwart die Belange des deutschen Volkes immer und immer wieder um schmählicher eigener
Vorteile wegen verriet?
Wußten wir nicht als Jungen schon, daß dieser österreichische Staat keine Liebe zu uns Deutschen
besaß, ja überhaupt gar nicht besitzen konnte?
Die geschichtliche Erkenntnis des Wirkens des Habsburgerhauses wurde noch unterstützt durch die
tägliche Erfahrung. Im Norden und im Süden fraß das fremde Völkergift am Körper unseres Volkstums,
und selbst Wien wurde mehr und mehr zur undeutschen Stadt. Das "Erzhaus" tschechisierte, wo immer
nur möglich, und es war die Faust der Göttin ewigen Rechtes und unerbittlicher Vergeltung, die den
tödlichsten Feind des österreichischen Deutschtums, Erzherzog Franz Ferdinand, gerade durch die
Kugeln fallen ließ, die er selber mithalf zu gießen. War er doch der PatronatsHerr der von oben herunter
betätigten Slawisierung Österreichs.
Ungeheuer waren die Lasten die man dem deutschen Volke zumutete, unerhört seine Opfer an Steuern
und an Blut, und dennoch mußte jeder nicht gänzlich Blinde erkennen, daß dieses alles umsonst sein
würde. Was uns dabei am meisten schmerzte, war noch die Tatsache, daß dieses ganze System
moralisch gedeckt wurde durch das Bündnis mit Deutschland, womit der langsamen Ausrottung des

[014 Geschichtliche Erkenntnisse]
Deutschtums in der alten Monarchie auch noch gewissermaßen von Deutschland aus selber die Sanktion
erteilt wurde. Die habsburgische Heuchelei, mit der man es verstand, nach außen den Anschein zu
erwecken, als ob Österreich noch immer ein deutscher Staat wäre, steigerte den Haß gegen dieses Haus
zur hellen Empörung und Verachtung zugleich.
Nur im Reiche selber sahen die auch damals schon allein "Berufenen" von all dem nichts. Wie mit
Blindheit geschlagen wandelten sie an der Seite eines Leichnams und glaubten in den Anzeichen der
Verwesung gar noch Merkmale "neuen" Lebens zu entdecken.
In der unseligen Verbindung des jungen Reiches mit dem österreichischen Scheinstaat lag der Keim zum
späteren Weltkrieg, aber auch zum Zusammenbruch..
Ich werde im Verlaufe des Buches mich noch gründlich mit diesem Problem zu beschäftigen haben. Es
genügt hier, nur festzustellen, daß ich im Grunde genommen schon in der frühesten Jugend zu einer
Einsicht kam, die mich niemals wieder verließ, sondern sich nur noch vertiefte:
Daß nämlich die Sicherung des Deutschtums die Vernichtung Österreichs voraussetzte, und daß weiter
Nationalgefühl in nichts identisch ist mit dynastischem Patriotismus; daß vor allem das habsburgische
Erzhaus zum Unglück der deutschen Nation bestimmt war.
Ich hatte schon damals die Konsequenzen aus dieser Erkenntnis gezogen: heiße Liebe zu meiner
deutsch-österreichischen Heimat, tiefen Haß gegenüber den österreichischen Staat.
×
Die Art des geschichtlichen Denkens, die mir so in der Schule beigebracht wurde, hat mich in der
Folgezeit nicht mehr verlassen. Weltgeschichte ward mir immer mehr zu einem unerschöpflichen Quell
des Verständnisses für das geschichtliche Handeln der Gegenwart, also für Politik. Ich will sie dabei
nicht "lernen" sondern sie soll mich lehren.
[015 Wagner-Verehrung]
War ich so frühzeitig zum politischen "Revolutionär" geworden, so nicht minder früh zum
künstlerischen.
Die oberösterreichische Landeshauptstadt besaß damals ein verhältnismäßig nicht schlechtes Theater.
Gespielt wurde so ziemlich alles. Mit zwölf Jahren sah ich da zum ersten Male "Wilhelm Tell", wenige
Monate darauf als erste Oper meines Lebens "Lohengrin". Mit einem Schlage war ich gefesselt. Die
jugendliche Begeisterung für den Bayreuther Meister kannte keine Grenzen. Immer wieder zog es mich
zu seinen Werken, und ich empfinde es heute als besonderes Glück, daß mir durch die Bescheidenheit
der provinzialen Aufführung die Möglichkeit einer späteren Steigerung erhalten blieb.
Dies alles festigte, besonders nach Überwindung der Flegeljahre (was bei mir sich nur sehr schmerzlich
vollzog), meine tiefinnere Abneigung gegen einen Beruf, wie ihn der Vater für mich erwählt hatte.
Immer mehr kam ich zur Überzeugung, daß ich als Beamter niemals glücklich werden würde. Seit nun
auch in dieser Realschule meine, zeichnerische Begabung anerkannt wurde stand mein Entschluß nur
noch fester.
Daran konnten weder Bitten noch Drohungen mehr etwas ändern.
Ich wollte Maler werden und um keine Macht der Welt Beamter.
Eigentümlich war es nur daß mit steigenden Jahren sich immer mehr Interesse für Baukunst einstellte.
Ich hielt dies damals für die selbstverständliche Ergänzung meiner malerischen Befähigung und freute
mich nur innerlich über die Erweiterung meines künstlerischen Rahmens.
Daß es einmal anders kommen sollte, ahnte ich nicht
×
Die Frage meines Berufes sollte nun doch schneller entschieden werden, als ich vorher erwarten durfte.
Mit dem dreizehnten Lebensjahr verlor ich urplötzlich den Vater. Ein Schlaganfall traf den sonst noch so
rüstigen Herrn und
[016 Tod der Eltern]
beendete auf schmerzloseste Weise seine irdische Wanderung, uns alle in tiefstes Leid versenkend. Was
er am meisten ersehnte, seinem Kinde die Existenz mitzuschaffen, um es vor den eigenen bitteren
Werdegang zu bewahren, schien ihm damals wohl nicht gelungen zu sein. Allein er legte, wenn auch
gänzlich unbewußt, die Keime für eine Zukunft, die damals weder er noch ich begriffen hätte.
Zunächst änderte sich ja äußerlich nichts.
Die Mutter fühlte sich wohl verpflichtet, gemäß dem Wunsche des Vaters meine Erziehung
weiterzuleiten, d. h. also mich für die Beamtenlaufbahn studieren zu lassen. Ich selber war mehr als je
zuvor entschlossen, unter keinen Umständen Beamter zu werden. In eben dem Maße nun, in die
Mittelschule sich in Lehrstoff und Ausbildung von meinem Ideal entfernte, wurde ich natürlich
gleichgültiger. Da kam mir plötzlich eine Krankheit zu Hilfe und entschied in wenigen Wochen über
meine Zukunft und die dauernde Streitfrage des väterlichen Hauses. Mein schweres Lungenleiden ließ
einen Arzt der Mutter auf das dringendste anraten, mich später einmal unter keinen Umständen in ein
Büro zu geben. Der Besuch der Realschule mußte ebenfalls auf mindestens ein Jahr eingestellt werden.
Was ich so lange im stillen ersehnt, für was ich immer gestritten hatte, war nun durch dieses Ereignis
mit einem Male fast von selber zur Wirklichkeit geworden.
Unter dem Eindruck meiner Erkrankung willigte die Mutter endlich ein, mich später aus der Realschule
nehmen zu wollen und die Akademie besuchen zu lassen.
Es waren die glücklichsten Tage, die mir nahezu als ein schöner Traum erschienen; und ein Traum sollte
es ja auch nur sein. Zwei Jahre später machte der Tod der Mutter all den schönen Plänen ein jähes Ende.
Es war der Abschluß einer langen, schmerzhaften Krankheit, die von Anfang an wenig Aussicht auf
Genesung ließ. Dennoch traf besonders mich der Schlag entsetzlich. Ich hatte den Vater verehrt, die
Mutter jedoch geliebt.
Not und harte Wirklichkeit zwangen mich nun, einen schnellen Entschluß zu fassen. Die geringen
väterlichen
[017 Übersiedlung nach Wien]
Mittel waren durch die schwere Krankheit der Mutter zum großen Teil verbraucht worden; die mir
zukommende Waisenpension genügte nicht, um auch nur leben zu können, also war ich nun angewiesen,
mir irgendwie mein Brot selber zu verdienen.
Einen Koffer mit Kleidern und Wäsche in den Händen, mit einem unerschütterlichen Willen im Herzen,
fuhr ich so nach Wien. Was dem Vater fünfzig Jahre vorher gelungen, hoffte auch ich dem Schicksal
abzujagen; auch ich wollte "etwas" werden, allerdings — auf keinen Fall Beamter.
[018]

2. Kapitel:
Wiener Lehr- und Leidensjahre
Als die Mutter starb, hatte das Schicksal in einer Hinsicht bereits seine Entscheidung getroffen.
In deren letzten Leidensmonaten war ich nach Wien gefahren, um die Aufnahmeprüfung in die
Akademie zu machen. Ausgerüstet mit einem dicken Pack von Zeichnungen, hatte ich mich damals auf
den Weg gemacht, überzeugt, die Prüfung spielend leicht bestehen zu können. In der Realschule war ich
schon weitaus der beste Zeichner meiner Klasse gewesen; seitdem war meine Fähigkeit noch ganz
außerordentlich weiter entwickelt worden, so daß meine eigene Zufriedenheit mich stolz und glücklich
das Beste hoffen ließ.
Eine einzige Trübung trat manchmal ein: mein malerisches Talent schien übertroffen zu werden von
meinem zeichnerischen, besonders auf fast allen Gebieten der Architektur. Ebenso aber wuchs auch
mein Interesse für die Baukunst an und für sich immer mehr. Beschleunigt wurde dies noch, seit ich,
noch nicht sechzehn Jahre alt, zum ersten Male zu einem Besuche auf zwei Wochen nach Wien fahren
durfte. Ich fuhr hin, um die Gemäldegalerie des Hofmuseums zu Studieren, hatte aber fast nur Augen für
das Museum selber. Ich lief die Tage vom frühen Morgen bis in die späte Nacht von einer
Sehenswürdigkeit zur anderen, allein es waren immer nur Bauten, die mich in erster Linie fesselten.
Stundenlang konnte ich so vor der Oper stehen, stundenlang das Parlament bewundern; die ganze
Ringstraße wirkte auf mich wie ein Zauber aus Tausend und einer Nacht.
Nun also war ich zum zweiten Male in der schöne Stadt und wartete mit brennender Ungeduld, aber
auch stolzer
[019 Befähigung zum Baumeister]
Zuversicht auf das Ergebnis meiner Aufnahmeprüfung. Ich, war vom Erfolg so überzeugt, daß die mir
verkündete Ablehnung mich wie ein jäher, Schlag aus heiterem Himmel traf. Und doch war es so. Als
ich mich dem Rektor vorstellen ließ und die Bitte um Erklärung der Gründe wegen meiner
Nichtaufnahme in die allgemeine Malerschule der Akademie vorbrachte, versicherte mir der Herr, daß
aus meinen mitgebrachten Zeichnungen einwandfrei meine Nichteignung zum Maler hervorgehe, da
meine Fähigkeit doch ersichtlich. auf dem Gebiete der Architektur liege; für mich käme niemals die
Malerschule, sondern nur die Architekturschule der Akademie in Frage. Daß ich bisher, weder eine
Bauschule besucht noch sonst einen Unterricht in Architektur erhalten hatte, konnte man zunächst gar
nicht verstehen.
Geschlagen verließ ich den Hansenschen Prachtbau am Schillerplatz, zum ersten Male in meinem
jungen Leben unsicher mit mir selber. Denn was ich über meine Fähigkeit gehört hatte, schien mir nun
auf einmal wie ein greller Blitz einen Zwiespalt aufzudecken, unter dem ich schon längst gelitten hatte,
ohne bisher mir eine klare Rechenschaft über das Warum und Weshalb geben zu können.
In wenigen Tagen wußte ich nun auch selber, daß ich einst Baumeister werden würde.
Freilich war der Weg unerhört schwer; denn was ich bis. her aus Trotz in der Realschule versäumt hatte,
sollte sich nun bitter rächen. Der Besuch der Architekturschule der Akademie war abhängig vom Besuch
der Bauschule der Technik, und den Eintritt in diese bedingte eine vorher abgelegte Matura an einer
Mittelschule. Dieses alles fehlte mir vollständig. Nach menschlichem Ermessen also war eine Erfüllung
meines Künstlertraumes nicht mehr möglich. Als ich nun nach dem Tode der Mutter zum dritten Male
nach Wien und dieses Mal für viele Jahre zog, war bei mir mit der unterdessen verstrichenen Zeit Ruhe
und Entschlossenheit zurückgekehrt. Der frühere trotz war wieder gekommen und mein Ziel endgültig
ins Auge gefaßt. Ich wollte Baumeister werden, und Widerstände sind nicht da, daß [020 Fünf Jahre
Elend]man vor ihnen kapituliert, sondern daß man sie bricht. Und brechen wollte ich diese Widerstande,
immer das Bild des Vaters vor Augen, der sich einst vom armen Dorf- und Schusterjungen zum
Staatsbeamten emporgerungen hatte. Da war mein Boden doch schon besser, die Möglichkeit des
Kampfes um so viel leichter; und was damals mir als Härte des Schicksals erschien, preise ich heute als
Weisheit der Vorsehung. Indem mich die Göttin der Not in ihre Arme nahm und mich so oft zu
zerbrechen drohte, wuchs der Wille zum Widerstand, und endlich blieb der Wille Sieger.
Das danke ich der damaligen Zeit, daß ich hart geworden bin und hart sein kann. Und mehr noch als
dieses preise ich sie dafür, daß sie mich losriß von der Hohlheit des gemächlichen Lebens, daß sie das
Muttersöhnchen aus den weichen Daunen zog und ihm Frau Sorge zur neuen Mutter gab, daß sie den
Widerstrebenden hineinwarf in die Welt des Elends und der Armut und ihn so die kennenlernen ließ, für
die er später kämpfen sollte.
×
In dieser Zeit sollte mir auch das Auge geöffnet werden für zwei Gefahren, die ich beide vordem kaum
dem Namen nach kannte, auf keinen Fall aber in ihrer entsetzlichen Bedeutung für die Existenz des
deutschen Volkes begriff: Marxismus und Judentum.
Wien die Stadt, die so vielen als Inbegriff harmloser Fröhlichkeit gilt, als festlicher Raum vergnügter
Menschen, ist für mich leider nur die lebendige Erinnerung an die traurigste Zeit meines Lebens.
Auch heute noch kann diese Stadt nur trübe Gedanken in mir erwecken. Fünf Jahre Elend und Jammer
sind im Namen dieser Phäakenstadt für mich enthalten. Fünf Jahre, in denen ich erst als Hilfsarbeiter,
dann als kleiner Maler mir mein Brot verdienen mußte; mein wahrhaft kärglich Brot, daß doch nie
langte, um auch nur den gewöhnlichen Hunger zu stillen. Er war damals mein getreuer Wächter, der
mich als einziger fast nie verließ, der in allem redlich mit mir
[021 Bildung der Weltanschauung]
teilte. Jedes Buch, das ich mir erwarb, erregte seine Teilnahme, ein Besuch der Oper ließ ihn mir dann
wieder Gesellschaft leisten auf Tage hinaus; es war ein dauernder Kampf mit meinem mitleidslosen
Freunde. Und doch habe ich in dieser Zeit gelernt wie nie zuvor. Außer meiner Baukunst, dem seltenen,
vom Munde abgesparten Besuch der Oper hatte ich als einzige Freude nur mehr Bücher.
Ich las damals unendlich viel, und zwar gründlich. Was mir so an freier Zeit von meiner Arbeit übrig
blieb, ging restlos für mein Studium auf. In wenigen Jahren schuf ich mir damit die Grundlagen eines
Wissens, von denen ich auch heute noch zehre.
Aber mehr noch als dieses.
In dieser Zeit bildeten sich mir ein Weltbild und eine Weltanschauung, die zum granitenen Fundament
meines derzeitigen Handelns wurde. Ich habe zu dem, was ich mir so einst schuf, nur weniges
hinzulernen müssen, zu ändern brauchte ich nichts.
Im Gegenteil.
Ich glaube heute fest daran, daß im allgemeinen sämtliche schöpferischen Gedanken schon in der
Jugendgrunds ich erscheinen, sofern solche überhaupt vorhanden sind. Ich unterscheide zwischen der
Weisheit des Alters, die nur in einer größeren Gründlichkeit und Vorsicht als Ergebnis der Erfahrungen
eines langen Lebens gelten kann, und der Genialität der Jugend, die in unerschöpferischer Fruchtbarkeit
Gedanken und Ideen ausschüttet, ohne sie zunächst auch nur verarbeiten zu können, infolge der Fülle
ihrer Zahl. Sie liefert die Baustoffe und Zukunftspläne, aus denen das weisere Alter die Steine nimmt,
behaut und den Tau aufführt, soweit nicht die sogenannte Weisheit des Alters die Genialität der Jugend
erstickt hat.
×
Das Leben, das ich bis dorthin im väterlichen Hause geführt hatte, unterschied sich eben wenig oder in
nichts von dem all der anderen. Sorgenlos konnte ich den neuen Tag erwarten, und ein soziales Problem
gab es für mich nicht.
[022 Ablegen kleinbürgerlicher Scheuklappen]
Die Umgebung meiner Jugend setzte sich zusammen aus den Kreisen kleinen Bürgertums, also aus einer
Welt, die zu dem reinen Handarbeiter nur sehr wenig Beziehungen besitzt. Denn so sonderbar es auch
auf den ersten Blick scheinen mag, so ist doch die Kluft gerade zwischen diesen durchaus wirtschaftlich
nicht glänzend gestellten Schichten und dem Arbeiter der Faust oft tiefer, als man denkt. Der Grund
dieser, sagen wir fast Feindschaft liegt in der Furcht einer Gesellschaftsgruppe, die sich erst ganz kurze
Zeit aus dem Niveau der Handarbeiter herausgehoben hat, wieder zurückzusinken in den alten, wenig
geachteten Stand, oder wenigstens noch zu ihm gerechnet zu werden. Dazu kommt noch bei vielen die
widerliche Erinnerung an das kulturelle Elend dieser unteren Klassen, die häufige Roheit des Unigangs
untereinander, wobei die eigene, auch noch so geringe Stellung im gesellschaftlichen Leben jede
Berührung mit dieser überwundenen Kultur- und Lebensstufe zu einer unerträglichen Belastung werden
läßt.
So kommt es, daß häufig der Höherstehende unbefangener zu seinem letzten Mitmenschen herabsteigt,
als es dem "Emporkömmling" auch nur möglich erscheint.
Denn Emporkömmling ist nun einmal jeder, der sich durch eigene Tatkraft aus einer bisherigen
Lebensstellung in eine höhere emporringt.
Endlich aber läßt dieser häufig sehr herbe Kampf das Mitleid absterben. Das eigene schmerzliche
Ringen um das Dasein tötet die Empfindung für das Elend der Zurückgebliebenen.
Mit mir besaß das Schicksal in dieser Hinsicht Erbarmen. Indem es mich zwang, wieder in diese Welt
der Armut und der Unsicherheit zurückzukehren, die einst der Vater im Laufe seines Lebens schon
verlassen hatte, zog es mir die Scheuklappen einer beschrankten kleinbürgerlichen Erziehung von den
Augen. Nun erst lernte ich die Menschen kennen; lernte unterscheiden zwischen hohlem Scheine oder
brutalem Äußeren und ihrem inneren Wesen.
Wien gehörte nach der Jahrhundertwende schon zu den sozial ungünstigsten Städten.
[023 Soziale Gegensätze Wiens]
Strahlender Reichtum und abstoßende Armut lösten einander in schroffem Wechsel ab. Im Zentrum und
in den inneren Bezirken fühlte man so recht den Pulsschlag des 52-Millionen-Reiches, mit all dem
bedenklichen Zauber des Nationalitätenstaates. Der Hof in seiner blendenden Pracht wirkte ähnlich
einem Magneten auf Reichtum und Intelligenz des übrigen, Staates. Dazu kam noch die starke
Zentralisierung der Habsburgermonarchie an und für sich.
In ihr bot sich eine einzige Möglichkeit, diesen Völkerbrei in fester Form zusammenzuhalten. Die Folge
davon aber war eine außerordentliche Konzentration von hohen und höchsten Behörden in der Hauptund
Residenzstadt.
Doch Wien war nicht nur politisch und geistig die Zentrale der alten Donaumonarchie, sondern auch
wirtschaftlich. Dem Heer von hohen Offizieren, Staatsbeamten, Künstlern und Gelehrten stand eine
noch größere Armee von Arbeitern gegenüber, dem Reichtum der Aristokratie und des Handels eine
blutige Armut. Vor den Palästen der Ringstraße lungerten Tausende von Arbeitslosen, und unter dieser
via triumphalis des alten Österreichs hausten im Zwielicht und Schlamm der Kanäle die Obdachlosen.
Kaum in einer deutschen Stadt war die soziale Frage besser zu studieren als in Wien. Aber man täusche
sich nicht. Dieses "Studieren" kann nicht von oben herunter geschehen. Wer nicht selber in den
Klammern dieser würgenden Natter sich befindet, lernt ihre Giftzähne niemals kennen. Im anderen Falle
kommt nichts heraus als oberflächliches Geschwätz und verlogene Sentimentalität. Beides ist von
Schaden. Das eine, weil es nie bis zum Kerne der, Problems zu dringen vermag, das andere, weil es an
ihm vorübergeht. Ich weis nicht, was verheerender ist: die Nichtbeachtung der sozialen Not, wie dies die
Mehrzahl der vom Glück Begünstigten oder auch durch eigenes Verdienst Gehobenen tagtäglich sehen
läßt, oder jene ebenso hochnäsige wie manchmal wieder zudringlich taktlose, aber immer gnädige
Herablassung gewisser mit dem "Volk "empfindender" Modeweiber in Röcken und Hosen. Diese
Menschen sündigen jedenfalls mehr, als sie in ihrem instinktlosen Verstande
[024 Der Hilfsarbeiter]
überhaupt nur zu begreifen vermögen. Daher ist dann zu ihrem eigenen Erstaunen das Ergebnis einer
durch sie betätigten sozialen "Gesinnung" immer Null, häufig aber sogar empörte Ablehnung; was dann
freilich als Beweis der Undankbarkeit des Volkes gilt.
Daß eine soziale Tätigkeit damit gar nichts zu tun hat, vor allem auf Dank überhaupt keinen
Anspruch erheben darf, da sie ja nicht Gnaden verteilen, sondern Rechte herstellen soll, leuchtet
einer solchen Art von Köpfen nur ungern ein.
Ich wurde bewahrt davor, die soziale Frage in solcher Weise zu lernen. Indem sie mich in den Bannkreis
ihres Leidens zog, schien sie mich nicht zum, "Lernen" einzuladen, als vielmehr sich an mir selber
erproben zu wollen. Es war nicht ihr Verdienst, daß das Kaninchen dennoch heil und gesund die
Operation überstand.
×
Wenn ich nun versuchen will, die Reihe meiner damaligen Empfindungen heute wiederzugeben, so kann
dies niemals auch nur annähernd vollständig sein; nur die wesentlichsten und für mich oft
erschütterndsten Eindrücke sollen hier dargestellt werden mit den wenigen Lehren, wie ich sie in dieser
Zeit schon zog.
×
Es wurde mir damals meist nicht sehr schwer, Arbeit an sich zu linden, da ich ja nicht gelernter
Handwerker war, sondern nur als sogenannter Hilfsarbeiter und manches Mal als Gelegenheitsarbeiter
versuchen mußte, mir das tägliche Brot zu schaffen.
Ich stellte mich dabei auf den Standpunkt aller jener, die den Staub Europas von den Füßen schütteln
dem unerbittlichen Vorsatz, sich in der Neuen Welt auch eine neue Existenz zu gründen, eine neue
Heimat zu erobern. Losgelöst von allen bisherigen lähmenden Vorstellungen des Be-
[025 Die Unsicherheit des Brotverdienstes]
rufes und Standes, von Umgebung und Tradition, greifen sie nun nach jedem Verdienst, der sich ihnen
bietet, packen jede Arbeit an, sich so immer mehr zur Auffassung durchdringend, daß ehrliche Arbeit
niemals schändet, ganz gleich, welcher Art sie auch sein möge. So war auch ich entschlossen, mit beiden
Füßen in die für mich neue Welt hineinzuspringen und mich durchzuschlagen.
Daß es da irgendeine Arbeit immer gibt, lernte ich bald kennen, allein ebenso schnell auch, wie leicht sie
wieder zu verlieren ist.
Die Unsicherheit des täglichen Brotverdienstes erschien mir in kurzer Zeit als eine der schwersten
Schattenseiten des neuen Lebens.
Wohl wird der "gelernte" Arbeiter nicht so häufig auf die Straße gesetzt sein, als dies beim ungelernten
der Fall ist; allein ganz ist doch auch er nicht gegen dieses Schicksal gefeit. Bei ihm tritt eben an Stelle
des Brotverlustes aus Arbeitsmangel die Aussperrung oder sein eigener Streik.
Hier rächt sich die Unsicherheit des täglichen Verdienstes schon auf das bitterste an der ganzen
Wirtschaft selber.
Der Bauernbursche, der in die Großstadt wandert, angezogen von der vermeintlich oder wohl auch
wirklich leichteren Arbeit, der kürzeren Arbeitszeit, am meisten aber durch das blendende Licht, das die
Großstadt nun einmal auszustrahlen vermag, ist noch an eine gewisse Sicherheit des Verdienstes
gewöhnt. Er pflegt den alten Posten auch nur dann zu verlassen, wenn ein neuer mindestens in Aussicht
steht. Endlich ist der Mangel an Landarbeitern groß, die Wahrscheinlichkeit eines längeren
Arbeitsmangels also an und für sich sehr gering. Es ist nun ein Fehler, zu glauben, daß der sich in die
Großstadt begebende junge Bursche etwa schon von vornherein aus schlechterem Holze geschnitzt wäre
als der sich auch weiter redlich auf der bäuerlichen Scholle ernährende. Nein, im Gegenteil: die
Erfahrung zeigt, daß alle auswandernden Elements eher aus den gesündesten und tatkräftigsten Naturen
bestehen als etwa umgekehrt. Zu diesen "Auswanderern" aber zählt nicht nur der Amerikawanderer,
sondern auch schon der junge Knecht, der

[026 Das Schicksal des Arbeiter]
sich entschließt, das heimatliche Dorf zu verlassen, um nach der fremden Großstadt zu ziehen. Auch er
ist bereit, ein ungewisses Schicksal auf sich zu nehmen. Meist kommt er mit etwas Geld in die große
Stadt, braucht also nicht schon am ersten Tage zu verzagen, wenn das Unglück ihn längere Zeit keine
Arbeit finden läßt. Schlimmer aber wird es, wenn er eine gefundene Arbeitsstelle in kurzer Zeit wieder
verliert. Das Finden einer neuen ist besonders im Winter häufig schwer, wenn nicht unmöglich. Die
ersten Wochen geht es dann noch. Er erhält Arbeitslosenunterstützung aus den Kassen seiner
Gewerkschaft und schlägt sich durch so gut als eben möglich. Allein, wenn der letzte eigene Heller und
Pfennig verbraucht ist, die Kasse infolge der langen Dauer der Arbeitslosigkeit die Unterstützung auch
einstellt, kommt die große Not. Nun lungert er hungernd herum, versetzt und verkauft oft noch das
Letzte, kommt so in seiner Kleidung immer mehr herunter und sinkt damit auch äußerlich in eine
Umgebung herab, die ihn nun zum körperlichen Unglück noch seelisch vergiftet. Wird er dann noch
obdachlos, und ist dies (wie es oft der Fall zu sein pflegt) im Winter, so wird der Jammer schon sehr
groß. Endlich findet er wieder irgendeine Arbeit. Allein, das Spiel wiederholt sich. Ein zweites Mal tritt
es ihn ähnlich, ein drittes Mal vielleicht noch schwerer, so daß er das ewig Unsichere nach und nach
gleichgültiger ertragen lernt. Endlich wird die Wiederholung zur Gewohnheit.
So lockert sich der sonst fleißige Mensch in seiner ganzen Lebensauffassung, um allmählich zum
Instrument jener heranzureifen, die sich seiner nun bedienen um niedriger Vorteile willen. Er war so oft
ohne eigenes Verschulden arbeitslos, daß es nun auf einmal mehr oder weniger auch nicht ankommt,
selbst wenn es sich dabei nicht mehr um das Erkämpfen wirtschaftlicher Rechte, sondern um das
Vernichten staatlicher, gesellschaftlicher oder allgemein kultureller Werte handelt. Er wird, wenn schon
nicht streiklustig, so doch schon streikgleichgültig sein.
Diesen Prozeß konnte ich an tausend Beispielen mit offenen Augen verfolgen. Je länger ich das Spiel
sah, um so
[027 Das Schicksal des Arbeiters]
mehr wuchs meine Abneigung gegen die Millionenstadt, die die Menschen erst gierig an sich zog, um
sie dann so grausam zu zerreiben.
Wenn sie kamen, zählten sie noch immer zu ihrem Volke; wenn sie blieben, gingen sie ihm verloren.
Auch ich war so vom Leben in der Weltstadt herumgeworfen worden und konnte also am eigenen Leibe
die Wirkungen dieses Schicksals erproben und seelisch durchkosten. Ich sah noch eines: der schnelle
Wechsel von Arbeit zur Nichtarbeit und umgekehrt, sowie die dadurch bedingte ewige Schwankung des
Ein- und Auskommens zerstört auf die Dauer bei vielen das Gefühl für Sparsamkeit ebenso wie das
Verständnis für eine kluge Lebenseinteilung. Der Körper gewöhnt sich scheinbar langsam daran, in
guten Zeiten aus dem vollen zu leben und in schlechten zu hungern. Ja, der Hunger wirft jeden Vorsatz
für spätere vernünftige Einteilung in der besseren Zeit des Verdienstes um, indem er dem von ihm
Gequälten in einer dauernden Fata Morgana die Bilder eines satten Wohllebens vorgaukelt und diesen
Traum zu einer solchen Sehnsucht zu steigern versteht, daß solch ein krankhaftes Verlangen zum Ende
jeder Selbstbeschränkung wird, sobald Verdienst und Lohn dies irgendwie gestatten. Daher kommt es,
daß der kaum eine Arbeit Erlangende sofort auf das unvernünftigste jede Einteilung vergißt, um aus
vollen Zügen in den Tag hinein zu leben. Dies führt selbst bis zur Umstoßung des kleinen
Wochenhaushaltes, da sogar hier die kluge Einteilung ausbleibt; es langt anfangs noch für fünf Tage
statt für sieben, später nur mehr für drei, endlich für kaum noch einen Tag, um am Schlusse in der ersten
Nacht schon verjubelt zu werden.
Zu Hause sind dann oft Weib und Kinder. Manches Mal werden auch sie von diesem Leben angesteckt,
besonders wenn der Mann zu ihnen an und für sich gut ist, ja, sie auf seine Art und Weise sogar liebt.
Dann wird der Wochenlohn in zwei, drei Tagen zu Hause gemeinsam vertan; es wird gegessen und
getrunken, solange das Geld hält, und die letzten Tage werden ebenso gemeinsam durchgehungert.
[028 Das Schicksal des Arbeiters]
Dann schleicht die Frau in die Nachbarschaft und Umgebung, borgt sich ein weniges aus, macht kleine
Schulden beim Krämer und sucht so die bösen letzten Tage der Woche durchzuhalten. Mittags sitzen sie
alle beisammen vor mageren Schüsseln, manchmal auch vor nichts, und warten auf den kommenden
Lohntag, reden von ihm, machen Pläne, und wahrend sie hungern, träumen sie schon wieder vom
kommenden Glück.
So werden die kleinen Kinder in ihrer frühesten Jugend mit diesem Jammer vertraut gemacht.
Übel aber endet es, wenn der Mann von Anfang an seine eigenen Wege geht und das Weib, gerade den
Kindern zuliebe, dagegen auftritt. Dann gibt es Streit und Hader, und in dem Maße, in dem der Mann
der Frau nun fremder wird, kommt er dem Alkohol näher. Jeden Samstag ist er nun betrunken, und im
Selbsterhaltungstrieb für sich und ihre Kinder rauft sich das Weib um die wenigen Groschen, die sie
ihm, noch dazu meistens auf dem Wege von der Fabrik zur Spelunke, abbiegen muß. Kommt er endlich
Sonntag oder Montag nachts selber nach Hause betrunken und brutal, immer aber befreit vom letzten
Heller und Pfennig, dann spielen sich oft Szenen ab, daß Gott erbarm’.
In Hunderten von Beispielen habe ich dieses alles miterlebt, anfangs angewidert oder wohl auch empört,
um später die ganze Tragik dieses Leides zu begreifen, die tieferen Ursachen zu verstehen. Unglückliche
Opfer schlechter Verhältnisse.
Fast trüber noch waren damals die Wohnungsverhältnisse. Das Wohnungselend des Wiener
Hilfsarbeiters war ein entsetzliches. Mich schaudert noch heute, wenn ich an diese jammervollen
Wohnhöhlen denke, an Herberge und Massenquartier, an diese düsteren Bilder von Unrat, widerlichem
Schmutz und Ärgerem.
Wie mußte und wie muß dies einst werden, wenn aus diesen Elendshöhlen der Strom losgelassener
Sklaven über die andere, so gedankenlose Mitwelt und Mitmenschheit sich ergießt!
Denn gedankenlos ist diese andere Welt.
[029 Der Weg zur Besserung]
Gedankenlos läßt sie die Dinge eben treiben, ohne in ihrer Instinktlosigkeit auch nur zu ahnen, daß
früher oder später das Schicksal zur Vergeltung schreiten muß, wenn nicht die Menschen zur Zeit noch
das Schicksal versöhnen.
Wie bin ich heute dankbar jener Vorsehung, die mich in diese Schule gehen ließ. In ihr konnte ich nicht
mehr sabotieren, was mir nicht gefiel. Sie hat mich schnell und gründlich erzogen.
Wollte ich nicht verzweifeln an den Menschen meiner Umgebung von damals, mußte ich unterscheiden
lernen zwischen ihrem äußeren Wesen und Leben und den Gründen ihrer Entwicklung. Nur dann ließ
sich dies alles ertragen, ohne verzagen zu müssen. Dann wuchsen aus all dem Unglück und Jammer, aus
Unrat und äußerer Verkommenheit nicht mehr Menschen heraus, sondere traurige Ergebnisse trauriger
Gesetze; wobei mich die Schwere des eigenen, doch nicht leichteren Lebenskampfes davor bewahrte,
nun etwa in jämmerlicher Sentimentalität vor den verkommenen Schlußprodukten dieses
Entwicklungsprozesses zu kapitulieren.
Nein, so soll dies nicht verstanden werden.
Schon damals ersah ich, daß mir nur ein doppelter Weg zum Ziele einer Besserung dieser Zustände
führen könne:
Tiefstes soziales Verantwortungsgefühl zur Herstellung besserer Grundlagen unserer Entwicklung,
gepaart mit brutaler Entschlossenheit in der Niederbrechung unverbesserlicher Auswüchslinge.
So wie die Natur ihre größte Aufmerksamkeit nicht auf die Erhaltung des Bestehenden, sondern auf die
Züchtung des Nachwuchses, als des Trägers der Art, konzentriert, so kann es sich auch im menschlichen
Leben weniger darum handeln, bestehendes Schlechtes künstlich zu veredeln, was bei der Veranlagung
des Menschen zu neunundneunzig Prozent unmöglich ist, als darum, einer kommenden Entwicklung
gesündere Bahnen von Anfang an zu sichern.[030 Das Wesen sozialer Tätigkeit]Schon während meines
Wiener Existenzkampfes war mir klar geworden, daß die soziale Tätigkeit nie und immer in ebenso
lächerlichen wie zwecklosen Wohlfahrtsduseleien ihre Aufgabe zu erblicken hat, als vielmehr in der
Beseitigung solcher grundsätzlicher Mängel in der Organisation unseres Wirtschafts- und Kulturlebens,
die zu Entartungen einzelner führen müssen oder wenigstens verleiten können.
Die Schwierigkeiten des Vorgehens mit letzten und brutalsten Mitteln gegen das staatsfeindliche
Verbrechertum liegt ja nicht zum wenigsten gerade in der Unsicherheit des Urteils über die inneren
Beweggründe oder Ursachen solcher Zeiterscheinungen.
Diese Unsicherheit ist nur zu begründet im Gefühl einer eigenen Schuld an solchen Tragödien der
Verkommenheit; sie lähmt aber nun jeden ernsten und festen Entschluß und hilft so mit an der, weil
schwankend, auch schwachen und halben Durchführung selbst der notwendigsten Maßnahmen der
Selbsterhaltung.
Erst wenn einmal eine Zeit nicht mehr von den Schatten des eigenen Schuldbewußtseins umgeistert ist,
erhält sie mit der innere Ruhe auch die äußere Kraft, brutal und rücksichtslos die wilden Schößlinge
herauszuschneiden, das Unkraut auszujäten.
Da der österreichische Staat eine soziale Rechtsprechung, und Gesetzgebung überhaupt so gut als gar
nicht kannte, war auch seine Schwäche in der Niederkämpfung selbst böser Auswüchse in die Augen
springend groß.
×
Ich weiß nicht, was mich nun zu dieser Zeit am meisten entsetzte: das wirtschaftliche Elend meiner
damaligen Mitgefährten, die sittliche und moralische Roheit oder der Tiefstand ihrer geistigen Kultur.
[031 Der Mangel an "Nationalstolz"]
Wie oft fährt nicht unser Bürgertum in aller moralischen Entrüstung empor, wenn es aus dem Munde
irgendeines jämmerlichen Landstreichers die Äußerung vernimmt, daß es sich ihm gleichbleibe,
Deutscher zu sein oder auch nicht, daß er sich überall gleich wohl fühle, sofern er nur sein nötiges
Auskommen habe.
Dieser Mangel an "Nationalstolz" wird dann auf das tiefste beklagt und dem Abscheu vor einer solchen
Gesinnung kräftig Ausdruck gegeben.
Wie viele haben sich aber schon die Frage vorgelegt, was denn nun eigentlich bei ihnen selber die
Ursache ihrer besseren Gesinnung bildet?
Wie viele begreifen denn die Unzahl einzelner Erinnerungen an die Größe des Vaterlandes, der Nation,
auf allen Gebieten des kulturellen und künstlerischen Lebens, die ihnen als Sammelergebnis eben den
berechtigten Stolz vermitteln, Angehörige eines so begnadeten Volkes sein zu dürfen?
Wie viele ahnen denn, wie sehr der Stolz auf das Vaterland abhängig ist von der Kenntnis der Größe
desselben auf allen diesen Gebieten?
Denken nun unsere bürgerlichen Kreise darüber nach, in welch lächerlichem Umfange diese
Voraussetzung zum Stolz auf das Vaterland dem "Volke" vermittelt wird? Man rede sich nicht darauf
hinaus, daß in "anderen Ländern dies ja auch nicht anders" sei, der Arbeiter dort aber "dennoch" zu
seinem Volkstum stände. Selbst wenn dies so wäre, würde es nicht zur Entschuldigung eigener
Versäumnisse dienen können. Es ist aber nicht so. Denn was wir immer mit einer "chauvinistischen"
Erziehung, z. B. des französischen Volkes bezeichnen, ist doch nichts anderes als das übermäßige
Herausheben der Größe Frankreichs auf allen Gebieten der Kultur oder, wie der Franzose zu sagen
pflegt, der "Zivilisation". Der junge Franzose wird eben nicht zur Objektivität erzogen, sondern zur
subjektivsten Ansicht, die man sich nur denken kann, sofern es sich um die Bedeutung der politischen
oder kulturellen Größe seines Vaterlandes handelt.
[032 Der Leidensweg des Arbeiterkindes]
Diese Erziehung wird sich dabei immer auf allgemeine, ganz große Gesichtspunkte zu beschränken
haben, die, wenn nötig, in ewiger Wiederholung dem Gedächtnis und dem Empfinden des Volkes
einzuprägen sind.
Nun kommt aber bei uns zur negativen Unterlassungssünde noch die positive Zerstörung des Wenigen,
das der einzelne das Glück hat, in der Schule zu lernen. Die Ratten der politischen Vergiftung unseres
Volkes fressen auch dieses Wenige noch aus dem Herzen und der Erinnerung der breiten Masse heraus,
soweit nicht Not und Jammer schon das ihrige besorgten.
Man stelle sich doch einmal folgendes vor:
In einer Kellerwohnung, aus zwei dumpfen Zimmern bestehend, haust eine siebenköpfige
Arbeiterfamilie. Unter den fünf Kindern auch ein Junge von, nehmen wir an, drei Jahren. Es ist dies das
Alter, in dem die ersten Eindrücke einem Kinde zum Bewußtsein kommen. Bei Begabten finden sich
noch bis in das hohe Alter Spuren der Erinnerung aus dieser Zeit. Schon die Enge und Überfüllung des
Raumes führt nicht zu günstigen Verhältnissen. Streit und Hader werden sehr häufig schon auf diese
Weise entstehen. Die Menschen leben ja so nicht miteinander, sondern bücken auf einander. Jede, wenn
auch kleinste Auseinandersetzung, die in geräumiger Wohnung schon durch ein leichtes Absondern
ausgeglichen werden kann, sich so von selbst wieder löst, führt hier zu einem nicht mehr ausgehenden,
widerlichen Streit. Bei den Kindern ist dies natürlich noch erträglich; sie streiten in solchen
Verhältnissen ja immer und vergessen es untereinander wieder schnell und gründlich. Wenn aber dieser
Kampf unter den Eltern selber ausgefochten wird, und zwar fast jeden Tag, in Formen, die an innerer
Roheit oft wirklich nichts zu wünschen übriglassen, dann müssen sich, wenn auch noch so langsam,
endlich die Resultate eines solchen Anschauungsunterrichtes bei den Kleinen zeigen. Welcher Art sie
sein müssen, wenn dieser gegenseitige Zwist die Form roher Ausschreitungen des Vaters gegen die
Mutter annimmt, zu Mißhandlungen in betrunkenem Zustande führt, kann sich [033 Junge
Autoritätsverächter]der ein solches Milieu eben nicht Kennende nur schwer vorstellen. Mit sechs Jahren
ahnt der kleine, zu bedauernde Junge Dinge, vor denen auch ein Erwachsener nur Grauen empfinden
kann. Moralisch angegiftet, körperlich unterernährt, das arme Köpfchen verlaust, so wandert der junge
"Staatsbürger" in die Volksschule. Daß es mit Ach und Krach bis zum Lesen und Schreiben kommt, ist
auch so ziemlich alles. Von einem Lernen zu Hause kann keine Rede sein. Im Gegenteil. Mutter und
Vater reden ja selbst, und zwar den Kindern gegenüber, in nicht wiederzugebender Weise über Lehrer
und Schule, sind viel eher bereit, jenen Grobheiten zu sagen, als etwa ihren kleinen Sprößling über das
Knie zu legen und zur Vernunft zu bringen. Was der kleine Kerl sonst noch alles zu Hause hört, führt
auch nicht zu einer Stärkung der Achtung vor der lieben Mitwelt. Nichts Gutes wird hier an der
Menschheit gelassen, keine Institution bleibt unangefochten; vom Lehrer angefangen bis hinauf zur
Spitze des Staates. Mag es sich um Religion handeln oder um Moral an sich, um den Staat oder die
Gesellschaft, einerlei, es wird alles beschimpft, in der unflätigsten Weise in den Schmutz einer
niedrigsten Gesinnung gezerrt. Wenn der junge Mensch nun mit vier. zehn Jahren aus der Schule
entlassen wird, ist es schon schwer mehr zu entscheiden, was größer ist an ihm: die unglaubliche
Dummheit, insofern es sich um wirkliches Wissen und Können handelt, oder die ätzende Frechheit
seines Auftretens, verbunden mit einer Unmoral schon in diesem Alter, daß einem die Haare zu Berge
stehen könnten.
Welche Stellung aber kann dieser Mensch, dem jetzt schon kaum mehr etwas heilig ist, der ebensosehr
nichts Großes kennengelernt hat, wie er umgekehrt jede Niederung des Lebens ahnt und weiß, im Leben
einnehmen, in das er ja nun hinauszutreten sich anschickt?
Aus dem dreijährigen Kinde ist ein fünfzehnjähriger Verächter jeder Autorität geworden. Der junge
Mensch ist nur mit Schmutz und Unrat in Berührung gekommen und hat noch nichts kennengelernt, das
ihn zu irgendeiner höheren Begeisterung anzuregen vermöchte.
[034 Die Vorbedingung der "Nationalisierung"]
Jetzt aber kommt er erst noch in die Hohe Schule dieses Daseins.
Nun setzt das gleiche Leben ein, das er vom Vater die Jahre der Kindheit entlang in sich aufgenommen
hatte. Er streunt herum und kommt weiß Gott wann nach Hause, prügelt zur Abwechslung auch noch
selber das zusammengerissene Wesen, das einst seine Mutter war, flucht aber Gott und die Welt und
wird endlich aus irgendeinem besonderen Anlaß verurteilt und in ein Jugendlichengefängnis verbracht.
Dort erhält er den letzten Schliff.
Die liebe bürgerliche Mitwelt aber ist ganz erstaunt über die mangelnde "nationale "Begeisterung"
dieses jungen "Staatsbürgers".
Sie sieht, wie in Theater und Kino, in Schundliteratur und Schmutzpresse Tag für Tag das Gift
kübelweise in das Volk hineingeschüttet wird, und erstaunt dann aber den geringen "sittlichen "Gehalt",
die "nationale "Gleichgültigkeit" der Massen dieses Volkes. Als ob Kinokitsch, Schundpresse und
ähnliches die Grundlagen der Erkenntnis vaterländischer Größe abgeben würden. Von der früheren
Erziehung des einzelnen ganz abgesehen.
Was ich ehedem nie geahnt hatte, lernte ich damals schnell und gründlich verstehen:
Die Frage der "Nationalisierung" eines Volkes ist mit in erster Linie eine Frage der Schaffung gesunder
sozialer Verhältnisse als Fundament einer Erziehungsmöglichkeit des einzelnen. Denn nur wer durch
Erziehung und Schule die kulturelle, wirtschaftliche, vor allem aber politische Größe des eigenen
Vaterlandes kennengelernt, vermag und wird auch jenen inneren Stolz gewinnen, Angehöriger eines
solchen Volkes sein zu dürfen. Und kämpfen kann ich nur für etwas, das ich liebe, lieben nur, was ich
[035 Zeichner und Aquarellist]
achte, und achten, was ich mindestens kenne.
×
Sowie mein Interesse für die soziale Frage erweckt war, begann ich sie auch mit aller Gründlichkeit zu
studieren. Es war eine neue, bisher unbekannte Welt, die sich mir so erschloß.
In den Jahren 1909 auf 1910 hatte sich auch meine eigene Lage insofern etwas geändert, als ich nun
selber nicht mehr als Hilfsarbeiter mir mein tägliches Brot zu verdienen brauchte. Ich arbeitete damals
schon selbständig als kleiner Zeichner und Aquarellist. So bitter dies in bezug auf den Verdienst war es
langte wirklich kaum zum Leben, so gut war es aber für meinen erwählten Beruf. Nun war ich nicht
mehr wie früher des Abends nach der Rückkehr von der Arbeitsstelle todmüde, unfähig, in ein Buch zu
sehen, ohne in kurzer Zeit einzunicken. Meine jetzige Arbeit verlief ja parallel meinem künftigen
Berufe. Auch konnte ich nun als Herr meiner eigenen Zeit mir diese wesentlich besser einteilen, als dies
früher möglich war.
Ich malte zum Brotverdienen und lernte zur Freude.
So war es mir auch möglich, zu meinem Anschauungsunterricht über das soziale Problem die
notwendige theoretische Ergänzung gewinnen zu können. Ich studierte so ziemlich alles, was ich über
dieses ganze Gebiet an Büchern erhalten konnte, und vertiefte mich im übrigen in meine eigenen
Gedanken.
Ich glaube, meine Umgebung von damals hielt mich wohl für einen Sonderling.
Daß ich dabei mit Feuereifer meiner Liebe zur Baukunst diente, war natürlich. Sie erschien mir neben
der Musik als die Königin der Künste: meine Beschäftigung mit ihr war unter solchen Umständen auch
keine "Arbeit", sondern höchstes Glück. Ich konnte bis in die späte Nacht hinein lesen oder zeichnen,
müde wurde ich da nie. So verstärkte sich mein Glaube, daß mir mein schöner Zukunftstraum, wenn
auch nach langen Jahren, doch Wirklichkeit werden
[036 Die Kunst des Lesens]
würde. Ich war fest überzeugt, als Baumeister mir dereinst einen Namen zu machen.
Daß ich nebenbei auch das größte Interesse für alles, was mit Politik zusammenhing, besaß, schien mir
nicht viel zu bedeuten. Im Gegenteil: dies war in meinen Augen ja die selbstverständliche Pflicht jedes
denkenden Menschen überhaupt. Wer dafür kein Verständnis besaß, verlor eben das Recht zu jeglicher
Kritik und jeglicher Beschwerde.
Auch hier las und lernte ich also viel.
Freilich verstehe ich unter "lesen" vielleicht etwas anderes als der große Durchschnitt unserer
sogenannten "Intelligenz".
Ich kenne Menschen, die unendlich viel "lesen", und zwar Buch für Buch, Buchstaben um Buchstaben,
und die ich doch nicht als "belesen" bezeichnen möchte. Sie besitzen freilich eine Unmenge von
"Wissen", allein ihr Gehirn versteht nicht, eine Einteilung und Registratur dieses in sich
aufgenommenen Materials durchzuführen. Es fehlt ihnen die Kunst, im Buche das für sie Wertvolle vom
Wertlosen zu sondern, das eine dann im Kopfe zu behalten für immer, das andere, wenn möglich, gar
nicht zu sehen, auf jeden Fall aber nicht als zwecklosen Ballast mitzuschleppen. Auch das Lesen ist ja
nicht Selbstzweck, sondern Mittel zu einem solchen. Es soll in erster Linie mithelfen den Rahmen zu
füllen, den Veranlagung und Befähigung jedem ziehen; mithin soll es Werkzeug und Baustoffe liefern,
die der einzelne in seinem Lebensberuf nötig hat, ganz gleich, ob dieser nur dem primitiven Broterwerb
dient oder die Befriedigung einer höheren Bestimmung darstellt; in zweiter Linie aber soll es ein
allgemeines Weltbild vermitteln. In beiden Fällen ist es aber nötig, daß der Inhalt des jeweilig Gelesenen
nicht in der Reihenfolge des Buches oder gar der Bücherfolge dem Gedächtnis zur Aufbewahrung
übergeben wird, sondern als Mosaiksteinchen in dem allgemeinen Weltbilde seinen Platz an der ihm
zukommenden Stelle erhält und so eben mithilft, dieses Bild im Kopfe des Lesers zu formen. Im anderen
Falle entsteht ein wirres Durcheinander von eingelerntem Zeug, das ebenso
[037 Die Kunst des Lesens]
wertlos ist, wie es andererseits den unglücklichen Besitzer eingebildet macht. Denn dieser glaubt nun
wirklich allen Ernstes "gebildet" zu sein, vom Leben etwas zu verstehen, Kenntnisse zu besitzen,
während er mit jedem neuen Zuwachs dieser Art von "Bildung" in Wahrheit der Welt sich mehr und
mehr entfremdet, bis er nicht selten entweder in einem Sanatorium oder als "Politiker" in einem
Parlament endet.

Niemals wird es so einem Kopfe gelingen, aus dem Durcheinander seines "Wissens" das für die
Forderung einer Stunde Passende herauszuholen, da ja sein geistiger Ballast nicht in den Linien
des Lebens geordnet liegt, sondern in der Reihenfolge der Bücher, wie er sie las und wie ihr Inhalt
ihm nun im Kopfe sitzt. Würde das Schicksal bei seinen Anforderungen des täglichen Lebens ihn
immer an die richtige Anwendung des einst Gelesenen erinnern, so müßte es aber auch noch Buch und
Seitenzahl erwähnen, da der arme Tropf sonst in aller Ewigkeit das Richtige nicht linden würde. Da es
dies nun aber nicht tut, geraten diese neunmal Klugen bei jeder kritischen Stunde in die schrecklichste
Verlegenheit, suchen krampfhaft nach analogen Fällen und erwischen mit tödlicher Sicherheit natürlich
die falschen Rezepte.
Wäre es nicht so, könnte man die politischen Leistungen unserer gelehrten Regierungsheroen in
höchsten Stellen nicht begreifen, außer man entschlösse sich, anstatt pathologischer Veranlagung
schurkenhafte Niedertracht anzunehmen.
Wer aber die Kunst des richtigen Lesens inne hat, den wird das Gefühl beim Studieren jedes Buches,
jeder Zeitschrift oder Broschüre augenblicklich auf all das aufmerksam machen, was seiner Meinung
nach für ihn zur dauernden Festhaltung geeignet ist, weil entweder zweckmäßig oder allgemein
wissenswert. Sowie das auf solche Weise Gewonnene seine sinngemäße Eingliederung in das immer
schon irgendwie vorhandene Bild, das sich die Vorstellung von dieser oder jener Sache geschaffen hat,
findet, wird es entweder korrigierend oder ergänzend wirken, also
[038 Die Kunst des Lesens]
entweder die Richtigkeit oder Deutlichkeit desselben erhöhen. Legt nun das Leben plötzlich irgendeine
Frage zur Prüfung oder Beantwortung vor, so wird bei einer solchen Art des Lesens das Gedächtnis
augenblicklich zum Maßstabe des schon vorhandenen Anschauungsbildes greifen und aus ihm alle die
in Jahrzehnten gesammelten einzelnen diese Fragen betreffenden Beiträge herausholen, dem Verstande
unterbreiten zur Prüfung und neuen Einsichtnahme, bis die Frage geklärt oder beantwortet ist.
Nur so hat das Lesen dann Sinn und Zweck.
Ein Redner zum Beispiel, der nicht auf solche Weise seinem Verstande die nötigen Unterlagen liefert,
wird nie in der Lage sein, bei Widerspruch zwingend seine Ansicht zu vertreten, mag sie auch
tausendmal der Wahrheit oder Wirklichkeit entsprechen. Bei jeder Diskussion wird ihn das Gedächtnis
schnöde im Stiche lassen: er wird weder Gründe zur Erhärtung des von ihm selbst Behaupteten noch
solche zur Widerlegung des Gegners finden. Solange es sich dabei, wie bei einem Redner, in erster Linie
nur um die Blamage der eigenen Person handelt, mag dies noch hingehen, böse aber wird es, wenn das
Schicksal einen solchen Vielwisser, über Nichtskönner zum Leiter eines Staates bestellt.
Ich habe mich seit früher Jugend bemüht, auf richtige Art zu lesen, und wurde dabei in glücklichster
Weise von Gedächtnis und Verstand unterstützt. Und in solchem Sinne betrachtet, war für mich
besonders die Wiener Zeit fruchtbar und wertvoll. Die Erfahrungen des täglichen Lebens bildeten die
Anregung zu immer neuem Studium der verschiedensten Probleme. Indem ich endlich so in der Lage
war, die Wirklichkeit theoretisch zu begründen, die Theorie an der Wirklichkeit zu prüfen, wurde ich
davor bewahrt, entweder in der Theorie zu ersticken oder in der Wirklichkeit zu verflachen.
So wurde in dieser Zeit in zwei wichtigsten Fragen, außer der sozialen, die Erfahrung des täglichen
Lebens bestimmend und anregend für gründlichstes theoretisches Studium.[039 Die Sozialdemokratie]
Wer weiß, wann ich mich in die Lehren und das Wesen des Marxismus einmal vertieft hätte, wenn mich
nicht die damalige Zeit förmlich mit dem Kopfe auf dieses Problem gestoßen hätte!
×
Was ich in meiner Jugend von der Sozialdemokratie wußte, war herzlich wenig und reichlich unrichtig.
Daß sie den Kampf um das allgemeine und geheime Wahlrecht führte, freute mich innerlich. Sagte mir
doch mein Verstand schon damals, daß dies zu einer Schwächung des mir so sehr verhaßten
Habsburgerregiments führen müßte. In der Überzeugung, daß der Donaustaat, außer unter Opferung des
Deutschtums, doch nie zu halten sein werde, daß aber selbst der Preis einer langsamen Slawisierung des
deutschen Elements noch keineswegs die Garantie eines dann auch wirklich lebensfähigen Reiches
bedeutet hätte, da die staatserhaltende Kraft des Slaventums höchst zweifelhaft eingeschätzt werden
muß, begrüßte ich jede Entwicklung, die meiner Überzeugung nach zum Zusammenbruch dieses
unmöglichen, das Deutschtum in zehn Millionen Menschen zum Tode verurteilenden Staates führen
mußte. Je mehr das Sprachentohuwabohu auch das Parlament zerfraß und zersetzte, mußte die Stunde
des Zerfalles dieses babylonischen Reiches näherrücken und damit aber auch die Stunde der Freiheit
meines deutschösterreichischen Volkes. Nur so konnte dann dereinst der Anschlug an das alte
Mutterland wieder kommen.
So war mir also diese Tätigkeit der Sozialdemokratie nicht unsympathisch. Daß sie endlich, wie mein
damaliges harmloses Gemüt noch dumm genug war zu glauben, die Lebensbedingungen des Arbeiters
zu heben trachtete, schien mir ebenfalls eher für sie als gegen sie zu sprechen. Was mich am meisten
abstieg, war ihre feindselige Stellung gegenüber dem Kampf um die Erhaltung des Deutschtums, das
jämmerliche Buhlen um die Gunst der slawischen "Genossen", die diese Liebeswerbung, sofern sie mit
praktischen Zugeständnissen verbunden war, wohl entgegen-
[040 Erstes Zusammentreffen mit Sozialdemokraten]
nahmen, sonst sich aber arrogant hochnäsig zurückhielten, den zudringlichen Bettlern auf diese Weise
den verdienten Lohn gebend.
So war mir im Alter von siebzehn Jahren das Wort "Marxismus" noch wenig bekannt, wahrend mir
"Sozialdemokratie" und Sozialismus als identische Begriffe erschienen. Es bedurfte auch hier erst der
Faust des Schicksals, um mir das Auge über diesen unerhörtesten Völkerbetrug zu öffnen.
Hatte ich bis dorthin die sozialdemokratische Partei nur als Zuschauer bei einigen
Massendemonstrationen kennengelernt, ohne auch nur den geringsten Einblick in die Mentalität ihrer
Anhänger oder gar in das Wesen der Lehre zu besitzen, so kam ich nun mit einem Schlage mit den
Produkten ihrer Erziehung und "Weltanschauung" in Berührung. Und was sonst vielleicht erst nach
Jahrzehnten eingetreten wäre, erhielt ich jetzt im Laufe weniger Monate: das Verständnis für eine unter
der Larve sozialer Tugend und Nächstenliebe wandelnde Pestilenz, von der möglichst die Menschheit
schnell die Erde befreien möge, da sonst gar leicht die Erde von der Menschheit frei werden könnte.
Am Bau fand mein erstes Zusammentreffen mit Sozialdemokraten statt.
Es war schon von Anfang an nicht sehr erfreulich. Meine Kleidung war noch etwas in Ordnung, meine
Sprache gepflegt und mein Wesen zurückhaltend. Ich hatte mit meinem Schicksal noch so viel zu tun,
daß ich mich um meine Umwelt nur wenig zu kümmern vermochte. Ich suchte nur nach Arbeit, um
nicht zu verhungern, um damit die Möglichkeit einer, wenn auch noch so langsamen, Weiterbildung zu
er. halten. Ich würde mich um meine neue Umgebung vielleicht überhaupt nicht gekümmert haben,
wenn nicht schon am dritten oder vierten Tage ein Ereignis eingetreten wäre, das mich sofort zu einer
Stellungnahme zwang. Ich wurde aufgefordert, in die Organisation einzutreten.
Meine Kenntnisse der gewerkschaftlichen Organisation waren damals noch gleich Null. Weder die
Zweckmäßigkeit noch die Unzweckmäßigkeit ihres Bestehens hätte ich zu be-
[041 Erstes Zusammentreffen mit Sozialdemokraten]
weisen vermocht. Da man mir erklärte, daß ich eintreten müsse, lehnte ich ab. Ich begründete dies
damit, daß ich die Sache nicht verstünde, mich aber überhaupt zu nichts zwingen lasse. Vielleicht war
das erstere der Grund, warum man mich nicht sofort hinauswarf. Man mochte vielleicht hoffen, mich in
wenigen Tagen bekehrt oder mürbe gemacht zu haben. Jedenfalls hatte man sich darin gründlich
getäuscht. Nach vierzehn Tagen konnte ich dann aber nicht mehr, auch wenn ich sonst noch gewollt
hätte. In diesen vierzehn Tagen lernte ich meine Umgebung näher kennen, so daß mich keine Macht der
Welt mehr zum Eintritt in eine Organisation hätte bewegen können, deren Träger mir in. zwischen in so
ungünstigem Lichte erschienen waren.
Die ersten Tage war ich ärgerlich.
Mittags ging ein Teil in die zunächst gelegenen Wirtshäuser, während ein anderer am Bauplatz verblieb
und dort ein meist sehr ärmliches Mittagsmahl verzehrte. Es waren dies die Verheirateten, denen ihre
Frauen in armseligen Geschirren die Mittagssuppe brachten. Gegen Ende der Woche wurde diese Zahl
immer größer; warum, begriff ich erst später. Nun wurde politisiert.
Ich trank meine Flasche Milch und aß mein Stück Brot irgendwo seitwärts und studierte vorsichtig
meine neue Umgebung oder dachte über mein elendes Los nach. Dennoch hörte ich mehr als genug;
auch schien es mir oft, als ob man mit Absicht an mich heranrückte, um mich so vielleicht zu einer
Stellungnahme zu veranlassen. Jedenfalls war das, was ich so vernahm, geeignet, mich aufs äußerste
aufzureizen. Man lehnte da alles ab: die Nation, als eine Erfindung der "kapitalistischen" wie oft mußte
ich nur allein dieses Wort hören! Klassen; das Vaterland, als Instrument der Bourgeoisie zur
Ausbeutung der Arbeiterschaft; die Autorität des Gesetzes als Mittel zur Unterdrückung des Proletariats;
die Schule, als Institut zur Züchtung des Sklavenmaterials, aber auch der Sklavenhalter; die Religion, als
Mittel der Verblödung des zur Ausbeutung bestimmten Volkes; die Moral, als Zeichen dummer
Schafsgeduld usw. Es gab da aber rein gar nichts,
[042 Der erste Terror]
was nicht in den Kot einer entsetzlichen Tiefe gezogen wurde.
Anfangs versuchte ich zu schweigen. Endlich ging es aber nicht mehr. Ich begann Stellung zu nehmen,
begann zu widersprechen. Da mußte ich allerdings erkennen, daß dies so lange vollkommen aussichtslos
war, solange ich nicht wenigstens bestimmte Kenntnisse über die nun einmal umstrittenen Punkte besaß.
So begann ich in den Quellen zu spüren, aus denen sie ihre vermeintliche Weisheit zogen. Buch um
Buch, Broschüre um Broschüre kam jetzt an die Reihe.
Am Bau aber ging es nun oft heiß her. Ich stritt, von Tag zu Tag besser auch über ihr eigenes Wissen
informiert als meine Widersacher selber, bis eines Tages jenes Mittel zur Anwendung kam, das freilich
die Vernunft am leichtesten besiegt: der Terror, die Gewalt. Einige der Wortführer der Gegenseite
zwangen mich, entweder den Bau sofort zu verlassen oder vom Gerüst herunterzufliegen. Da ich allein
war, Widerstand aussichtslos erschien. zog ich es, um eine Erfahrung reicher, vor, dem ersten Rat zu
folgen.
Ich ging, von Ekel erfüllt, aber zugleich doch so ergriffen, daß es mir ganz unmöglich gewesen wäre,
der ganzen Sache nun den Rücken zu kehren. Nein, nach dem Aufschießen der ersten Empörung
gewann die Halsstarrigkeit wieder die Oberhand. Ich war fest entschlossen, dennoch wieder auf einen
Bau zu gehen. Bestärkt wurde ich in diesem Entschluß noch durch die Not, die einige Wochen später,
nach dem Verzehren des geringen ersparten Lohnes, mich in ihre herzlosen. Arme schloß. Nun mußte
ich, ob ich wollte oder nicht. Und das Spiel ging denn auch wieder von vorne los, um ähnlich wie beim
ersten Male, zu enden.
Damals rang ich in meinem Innern: Sind dies noch Menschen, wert, einem großen Volke anzugehören?
Eine qualvolle Frage; denn wird sie mit Ja beantwortet, so ist der Kampf um ein Volkstum wirklich
nicht mehr der Mühen und Opfer wert, die die Besten für einen solchen Auswurf zu bringen haben; heißt
die Antwort aber Nein, dann ist unser Volk schon arm an Menschen.
[043 Die sozialdemokratische Presse]
Mit unruhiger Beklommenheit sah ich in solchen Tagen des Grübelns und Hineinbohrens die Masse der
nicht mehr zu ihrem Volke zu Rechnenden anschwellen zu einem bedrohlichen Heere.
Mit welch anderen Gefühlen starrte ich nun in die endlosen Viererreihen einer eines Tages
stattfindenden Massendemonstration Wiener Arbeiter! Fast zwei Stunden lang stand ich so da und
beobachtete mit angehaltenem Atem den ungeheuren menschlichen Drachenwurm, der sich da langsam
vorbeiwälzte. In banger Gedrücktheit verließ ich endlich den Platz und wanderte heimwärts. Unterwegs
erblickte ich in einem Tabakladen die "Arbeiterzeitung", das Zentralorgan der alten österreichischen
Sozialdemokratie. In einem billigen Volkscafé, in das ich öfters ging, um Zeitungen zu lesen, lag sie
auch auf; allein ich konnte es bisher nicht über mich bringen, in das elende Blatt, dessen ganzer Ton auf
mich wie geistiges Vitriol wirkte, länger als zwei Minuten hineinzusehen. Unter dem deprimierenden
Eindruck der Demonstration trieb mich nun eine innere Stimme an, das Blatt einmal zu kaufen und es
dann gründlich zu lesen. Abends besorgte ich dies denn auch unter Überwindung des in mir manchmal
aufsteigenden Jähzorns über diese konzentrierte Lügenlösung.
Mehr als aus aller theoretischen Literatur konnte ich nun aus dem täglichen Lesen der
sozialdemokratischen Presse das innere Wesen dieser Gedankengänge studieren.
Denn welch ein Unterschied zwischen den in der theoretischen Literatur schillernden Phrasen von
Freiheit, Schönheit und Würde, dem irrlichternden, scheinbar tiefste Weisheit mühsam ausdrückenden
Wortgeflunker, der widerlich humanen Moral alles mit der eisernen Stirne einer prophetischen
Sicherheit hingeschrieben und der brutalen, vor keiner Niedertracht zurückschreckenden, mit jedem
Mittel der Verleumdung und einer wahrhaft balkenbiegenden Lügenvirtuosität arbeitenden Tagespresse
dieser Heilslehre der neuen Menschheit! Das eine ist bestimmt für die dummen Gimpel aus mittleren
und natürlich auch höheren "Intelligenzschichten", das andere für die Masse.[044 Die Psyche der
Masse]Für mich bedeutete das Vertiefen in Literatur und Presse dieser Lehre und Organisation das
Wiederfinden zu meinem Volke.
Was mir erst als unüberbrückbare Kluft erschien, sollte nun Anlaß zu einer größeren Liebe als jemals
zuvor werden.
Nur ein Narr vermag bei Kenntnis dieser ungeheuren Vergiftungsarbeit das Opfer auch noch zu
verdammen. je mehr ich mich in den nächsten Jahren selbständig machte, um so mehr wuchs mit
steigender Entfernung der Blick für die inneren Ursachen der sozialdemokratischen Erfolge. Nun begriff
ich die Bedeutung der brutalen Forderung, nur rote Zeitungen zu halten, nur rote Versammlungen zu
besuchen, rote Bücher zu lesen usw. In plastischer Klarheit sah ich das zwangsläufige Ergebnis dieser
Lehre der Unduldsamkeit vor Augen.
Die Psyche der breiten Masse ist nicht empfänglich für alles Halbe und Schwache.
Gleich dem Weibe, dessen seelisches Empfinden weniger durch Gründe abstrakter Vernunft bestimmt
wird als durch solche einer undefinierbaren, gefühlsmäßigen Sehnsucht nach ergänzender Kraft, und das
sich deshalb lieber dem Starken beugt als den Schwächling beherrscht, liebt auch die Masse mehr den
Herrscher als den Bittenden und fühlt sich im Innern mehr befriedigt durch eine Lehre, die keine andere
neben sich duldet, als durch die Genehmigung liberaler Freiheit; sie weiß mit ihr auch meist nur wenig
anzufangen und fühlt sich sogar leicht verlassen. Die Unverschämtheit ihrer geistigen Terrorisierung
kommt ihr ebensowenig zum Bewußtsein wie die empörende Mißhandlung ihrer menschlichen Freiheit,
ahnt sie doch den inneren Irrsinn der ganzen Lehre in keiner Weise. So sieht sie nur die rücksichtslose
Kraft und Brutalität ihrer zielbewußten Äußerungen, der sie sich endlich immer beugt.
Wird der Sozialdemokratie eine Lehre von besserer Wahrhaftigkeit, aber gleicher Brutalität der
Durchführung
[045 Die Taktik der Sozialdemokratie]
entgegengestellt, wird diese siegen, wenn auch nach schwerstem Kampfe.
Ehe nur zwei Jahre vergangen waren, war mir sowohl die Lehre als auch das technische Werkzeug der
Sozialdemokratie klar.
Ich begriff den infamen geistigen Terror, den diese Bewegung vor allem auf das solchen Angriffen
weder moralisch noch seelisch gewachsene Bürgertum ausübt, indem sie auf ein gegebenes Zeichen
immer ein förmliches Trommelfeuer von Lügen und Verleumdungen gegen den ihr am gefährlichsten
erscheinenden Gegner losprasseln läßt, so lange, bis die Nerven der Angegriffenen brechen und sie, um
nur wieder Ruhe zu haben, den Verhaßten opfern.
Allein die Ruhe erhalten diese Toren dennoch nicht.
Das Spiel beginnt von neuem und wird so oft wiederholt, bis die Furcht vor dem wilden Köter zur
suggestiven Lähmung wird.
Da die Sozialdemokratie den Wert der Kraft aus eigener Erfahrung am besten kennt, läuft sie auch am
meisten Sturm gegen diejenigen, in deren Wesen sie etwas von diesem ohnehin so seltenen Stoffe
wittert. Umgekehrt lobt sie jeden Schwächling der anderen Seite, bald vorsichtig, bald lauter, je nach der
erkannten oder vermuteten geistigen Qualität.
Sie fürchtet ein ohnmächtiges, willenloses Genie weniger als eine Kraftnatur, wenn auch bescheidenen
Geistes.
Am eindringlichsten empfiehlt sie Schwächlinge an Geist und Kraft zusammen.
Sie versteht den Anschein zu erwecken, als ob nur so die Ruhe zu erhalten wäre, während sie dabei in
kluger Vorsicht, aber dennoch unentwegt eine Position nach der anderen erobert, bald durch stille
Erpressung, bald durch tatsächlichen Diebstahl in Momenten, da die allgemeine Aufmerksamkeit,
anderen Dingen zugewendet, entweder nicht gestört sein will oder die Angelegenheit für zu klein hält,
um großes Aufsehen zu erregen und den bösen Gegner neu zu reizen.
Es ist eine unter genauer Berechnung aller menschlichen
[046 Die Taktik der Sozialdemokratie]
Schwächen gefundene Taktik, deren Ergebnis fast mathematisch zum Erfolge führen muß, wenn eben
nicht auch die Gegenseite lernt, gegen Giftgas mit Giftgas zu kämpfen.
Schwächlichen Naturen muß dabei gesagt werden, daß es sich hierbei eben um Sein oder Nichtsein
handelt.
Nicht minder verständlich wurde mir die Bedeutung des körperlichen Terrors dem einzelnen, der Masse
gegenüber.
Auch hier genaue Berechnung der psychologischen Wirkung.
Der Terror auf der Arbeitsstätte, in der Fabrik, im Versammlungslokal und anläßlich der
Massenkundgebung wird immer von Erfolg begleitet sein, solange ihm nicht ein gleich großer Terror
entgegentritt.
Dann freilich wird die Partei in entsetzlichem Geschrei Zeter und Mordio jammern, wird als alte
Verächterin jeder Staatsautorität kreischend nach dieser rufen, um in den meisten Fällen in der
allgemeinen Verwirrung tatsächlich das Ziel zu erreichen nämlich: sie wird das Hornvieh eines höheren
Beamten linden, der, in der blödseligen Hoffnung, sich vielleicht dadurch für später den gefürchteten
Gegner geneigt zu machen, den Widersacher dieser Weltpest brechen hilft.
Welchen Eindruck ein solcher Schlag auf die Sinne der breiten Masse sowohl der Anhänger als auch der
Gegner ausübt, kann dann nur der ermessen, der die Seele eines Volkes nicht aus Büchern, sondern aus
dem Leben kennt. Denn während in den Reihen ihrer Anhänger der erlangte Sieg nunmehr als ein
Triumph des Rechtes der eigenen Sache gilt, verzweifelt der geschlagene Gegner in den meisten Fällen
am Gelingen eines weiteren Widerstandes überhaupt.
Je mehr ich vor allem die Methoden des körperlichen Terrors kennenlernte, um so größer wurde meine
Abbitte den Hunderttausenden gegenüber, die ihm erlagen.
Das danke ich am inständigsten meiner damaligen Leidenszeit, daß sie allein mir mein Volk
wiedergegeben
[047 Die Sünden des Bürgertums]
hat, daß ich die Opfer unterscheiden lernte von den Verführern.
Anders als Opfer sind die Ergebnisse dieser Menschenverführung nicht zu bezeichnen. Denn wenn ich
nun in einigen Bildern mich bemühte das Wesen dieser "untersten" Schichten aus dem Leben heraus zu
zeichnen, so würde dies nicht vollständig sein ohne die Versicherung, daß ich aber in diesen Tiefen auch
wieder Lichter fand in den Formen einer oft seltenen Opferwilligkeit, treuester Kameradschaft,
außerordentlicher Genügsamkeit und zurückhaltender Bescheidenheit, besonders soweit es die damals
ältere Arbeiterschaft betraf. Wenn auch diese Tugenden in der jungen Generation mehr und mehr, schon
durch die allgemeinen Einwirkungen der Großstadt, verloren wurden, so gab es selbst hier noch viele,
bei denen das vorhandene kerngesunde Blut über die gemeinen Niederträchtigkeiten des Lebens Herr
wurde. Wenn dann diese oft seelenguten braven Menschen in ihrer politischen Betätigung dennoch in
die Reihen der Todfeinde unseres Volkstums eintraten und diese so schließen halfen, dann lag dies
daran, daß sie ja die Niedertracht der neuen Lehre weder verstanden noch verstehen konnten, daß
niemand sonst sich die Mühe nahm, sich um sie zu kümmern, und daß endlich die sozialen Verhältnisse
stärker waren als aller sonstige etwa vorhandene gegenteilige Wille. Die Not, der sie eines Tages so oder
so verfielen, trieb sie in das Lager der Sozialdemokratie doch noch hinein.
Da nun das Bürgertum unzählige Male in der ungeschicktesten, aber auch unmoralischsten Weise gegen
selbst allgemein menschlich berechtigte Forderungen Front machte, ja oft ohne einen Nutzen aus einer
solchen Haltung zu erlangen oder gar überhaupt erwarten zu dürfen, wurde selbst der anständigste
Arbeiter aus der gewerkschaftlichen Organisation in die politische Tätigkeit hineingetrieben.
Millionen von Arbeitern waren sicher in ihrem Inneren
[048 Die Gewerkschaftsfrage]
anfangs Feinde der sozialdemokratischen Partei, wurden aber in ihrem Widerstande besiegt durch eine
manches Mal denn doch irrsinnige Art und Weise, in der seitens der bürgerlichen Parteien gegen jede
Forderung sozialer Art Stellung genommen wurde. Die einfach bornierte Ablehnung aller Versuche
einer Besserung der Arbeitsverhältnisse, der Schutzvorrichtungen an Maschinen, der Unterbindung von
Kinderarbeit sowie des Schutzes der Frau wenigstens in den Monaten, da sie unter dem Herzen schon
den kommenden Volksgenossen trägt, half mit, der Sozialdemokratie, die dankbar jeden solchen Fall
erbärmlicher Gesinnung aufgriff, die Massen in das Netz zu treiben. Niemals kann unser "Politisches"
Bürgertum wieder gutmachen, was so gesündigt wurde. Denn indem es gegen alle Versuche einer
Beseitigung sozialer Mißstände Widerstand leistete, säte es Haß und rechtfertigte scheinbar selber die
Behauptungen der Todfeinde des ganzen Volkstums, daß nur die sozialdemokratische Partei allein die
Interessen des schaffenden Volkes verträte.
Es schuf so in erster Linie die moralische Begründung für den tatsächlichen Bestand der
Gewerkschaften, der Organisation, die der politischen Partei die größten Zutreiberdienste von jeher
geleistet hat.
In meinen Wiener Lehrjahren wurde ich gezwungen, ob ich wollte oder nicht, auch zur Frage der
Gewerkschaften Stellung zu nehmen.
Da ich sie als einen unzertrennlichen Bestandteil der sozialdemokratischen Partei an sich ansah, war
meine Entscheidung schnell und falsch.
Ich lehnte sie selbstverständlich glatt ab.
Auch in dieser so unendlich wichtigen Frage gab mir das Schicksal selber Unterricht.
Das Ergebnis war ein Umsturz meines ersten Urteils.
Mit zwanzig Jahren hatte ich unterscheiden gelernt zwischen der Gewerkschaft als Mittel zur
Verteidigung allgemeiner sozialer Rechte des Arbeitnehmers und zur Erkämpfung besserer
Lebensbedingungen desselben im
[049 Die Gewerkschaftsfrage]
einzelnen und der Gewerkschaft als Instrument der Partei des politischen Klassenkampfes.
Daß die Sozialdemokratie die enorme Bedeutung der gewerkschaftlichen Bewegung begriff, sicherte ihr
das Instrument und damit den Erfolg; daß das Bürgertum dies nicht verstand, kostete es seine politische
Stellung. Es glaubte, mit einer naseweisen "Ablehnung" einer logischen Entwicklung den Garaus
machen zu können, um in Wirklichkeit dieselbe nun in unlogische Bahnen zu zwingen. Denn daß die
Gewerkschaftsbewegung etwa an sich vaterlandsfeindlich sei ist ein Unsinn und außerdem eine
Unwahrheit. Richtig ist eher das Gegenteil. Wenn eine gewerkschaftliche Betätigung als Ziel die
Besserstellung eines mit zu den Grundpfeilern der Nation gehörenden Standes im Auge hat und
durchführt, wirkt sie nicht nur nicht vaterlands- oder staatsfeindlich, sondern im wahrsten Sinne des
Wortes "national". Hilft sie doch so mit, die sozialen Voraussetzungen zu schaffen, ohne die eine
allgemeine nationale Erziehung gar nicht zu denken ist. Sie erwirbt sich höchstes Verdienst, indem sie
durch Beseitigung sozialer Krebsschäden sowohl geistigen als aber auch körperlichen
Krankheitserregern an den Leib rückt und so zu einer allgemeinen Gesundheit des Volkskörpers mit
beiträgt.
Die Frage nach ihrer Notwendigkeit also ist wirklich überflüssig.
Solange es unter Arbeitgebern Menschen mit geringem sozialen Verständnis oder gar mangelndem
Rechts- und Billigkeitsgefühl gibt, ist es nicht nur das Recht, sondern die Pflicht der von ihnen
Angestellten, die doch einen Teil unseres Volkstums bilden, die Interessen der Allgemeinheit gegenüber
der Habsucht oder der Unvernunft eines einzelnen zu schützen; denn die Erhaltung von Treu und
Glauben an einem Volkskörper ist im Interesse der Nation genau so wie die Erhaltung der Gesundheit
des Volkes.
Beides wird durch unwürdige Unternehmer, die sich nicht als Glied der ganzen Volksgemeinschaft
fühlen, schwer bedroht. Aus dem üblen Wirken ihrer Habsucht oder Rücksichtslosigkeit erwachsen tiefe
Schäden für die Zukunft.
050 Die Gewerkschaftsfrage]
Die Ursachen einer solchen Entwicklung
beseitigen, heißt sich ein Verdienst um die Nation erwerben, und nicht etwa umgekehrt.
Man sage dabei nicht, daß es ja jedem einzelnen freistünde, die Folgerungen aus einem ihm tatsächlich
oder vermeintlich zugefügten Unrecht zu ziehen, also zu gehen. Nein! Dies ist Spiegelfechterei und muß
als Versuch angesehen werden die Aufmerksamkeit abzulenken. Entweder ist die Beseitigung
schlechter, unsozialer Vorgänge im Interesse der Nation gelegen oder nicht. Wenn ja, dann muß der
Kampf gegen sie mit den Waffen aufgenommen werden, die die Aussicht auf Erfolg bieten. Der
einzelne Arbeiter aber ist niemals in der Lage, sich gegenüber der Macht des großen Unternehmers
durchzusetzen, da es sich hier nicht um eine Frage des Sieges des höheren Rechtes handeln kann da ja
bei Anerkennung desselben der ganze Streit infolge des Mangels jeder Veranlassung nicht vorhanden
wäre, sondern um die Frage der größeren Macht. Im anderen Falle würde das vorhandene Rechtsgefühl
allein schon der Streit in ehrlicher Weise beenden, oder richtiger, es könnte nie zu einem solchen
kommen.

Nein, wenn unsoziale oder unwürdige Behandlung von Menschen zum Widerstande auffordert, dann
kann dieser Kampf, solange nicht gesetzliche, richterliche Behörden zur Beseitigung dieser Schäden
geschaffen werden, nur durch die größere Macht zur Entscheidung kommen. Damit aber ist
selbstverständlich, daß der Einzelperson und mithin konzentrierten Kraft des Unternehmers allein die
zur Einzelperson zusammengefaßte Zahl der Arbeitnehmer gegenübertreten kann, um nicht von
Anbeginn schon auf die Möglichkeit des Sieges verzichten zu müssen.
So kann die gewerkschaftliche Organisation zu einer Stärkung des sozialen Gedankens in dessen
praktischer Auswirkung im täglichen Leben führen und damit zu einer Be-
[051 Die Politisierung der Gewerkschaften]
seitigung von Reizursachen, die immer wieder die Veranlassung zur Unzufriedenheit und zu Klagen
gehen.
Daß es nicht so ist, kommt zu einem sehr großen Teil auf das Schuldkonto derjenigen, die jeder
gesetzlichen Regelung sozialer Mißstände Hindernisse in den Weg zu legen, erstanden oder sie mittels
ihres politischen Einflusses unterbanden.
In eben dem Maße, in dem das politische Bürgertum dann die Bedeutung der gewerkschaftlichen
Organisation nicht verstand oder, besser, nicht verstehen wollte und sich zum Widerstand dagegen
stemmte, nahm sich die Sozialdemokratie der umstrittenen Bewegung an. Sie schuf damit weitschauend
eine feste Unterlage, die sich schon einigemal in kritischen Stunden als letzte Stütze bewährte. Freilich
ging damit der innere Zweck allmählich unter, um neuen Zielen Raum zu geben.
Die Sozialdemokratie dachte nie daran, die von ihr umfaßte Berufsbewegung der ursprünglichen
Aufgabe zu erhalten.
Nein, so meinte sie dies allerdings nicht.
In wenigen Jahrzehnten war unter ihrer kundigen Hand aus dem Hilfsmittel einer Verteidigung sozialer
Menschenrechte das Instrument zur Zertrümmerung der nationalen Wirtschaft geworden. Die Interessen
der Arbeiter sollten sie dabei nicht im geringsten behindern. Denn auch politisch gestattet die
Anwendung wirtschaftlicher Druckmittel, jederzeit Erpressungen auszuüben, sowie nur die nötige
Gewissenlosigkeit auf der einen und dumme Schafsgeduld auf der anderen Seite in ausreichendem Maße
vorhanden ist.
Etwas, das in diesem Falle beiderseits zutrifft.
×
Schon um die Jahrhundertwende hatte die Gewerkschaftsbewegung längst aufgehört, ihrer früheren
Aufgabe zu dienen. Von Jahr zu Jahr war sie mehr und mehr in den Bannkreis sozialdemokratischer
Politik geraten, um endlich nur noch als Ramme des Klassenkampfes Anwendung zu linden. Sie sollte
den ganzen, mühselig aufgebauten Wirt-
[052 Die Politisierung der Gewerkschaften]
schaftskörper durch dauernde Stöße endlich zum Einsturz bringen, um so dem Staatsbau, nach Entzug
seiner wirtschaftlichen Grundmauern, das gleiche Schicksal leichter zufügen zu können. Die Vertretung
aller wirklichen Bedürfnisse der Arbeiterschaft kam damit immer weniger in Frage, bis die politische
Klugheit es endlich überhaupt nicht mehr als wünschenswert erscheinen ließ, die sozialen und gar
kulturellen Nöte der breiten Masse zu beheben, da man sonst gar Gefahr lief, diese, in ihren Wünschen
befriedigt, nicht mehr als willenlose Kampftruppe ewig weiterbenützen zu können.
Eine derartige, ahnungsvoll gewitterte Entwicklung jagte den klassenkämpferischen Führern solche
Furcht ein, daß sie endlich kurzerhand jede wirklich segensvolle soziale Hebung ablehnten, ja auf das
entschlossenste dagegen Stellung nahmen.
Um eine Begründung eines vermeintlich so unverständlichen Verhaltens brauchte ihnen dabei nie bange
zu sein.
Indem man die Forderungen immer höher spannte, erschien die mögliche Erfüllung derselben so klein
und unbedeutend, daß man der Masse jederzeit einzureden vermochte, es handle sich hierbei nur um den
teuflischen Versuch, durch solch eine lächerliche Befriedigung heiligster Anrechte die Stoßkraft der
Arbeiterschaft auf billige Weise zu schwächen, ja wenn möglich lahmzulegen. Bei der geringen
Denkfähigkeit der breiten Masse wundere man sich nicht über den Erfolg.
Im bürgerlichen Lager war man empört über solche ersichtliche Unwahrhaftigkeit sozialdemokratischer
Taktik, ohne daraus aber auch nur die geringsten Schlüsse zu ziehen für die Richtlinien eines eigenen
Handelns. Gerade die Furcht der Sozialdemokratie vor jeder tatsächlichen Hebung der Arbeiterschaft
aus der Tiefe ihres bisherigen kulturellen und sozialen Elends hätte zu größten Anstrengungen eben in
dieser Zielrichtung führen müssen, um nach und nach den Vertretern des Klassenkampfes das
Instrument aus der Hand zu winden.
Dies geschah jedoch nicht.
[053 Der Schlüssel zur Sozialdemokratie]
Statt in eigenem Angriff die gegnerische Stellung zu nehmen, ließ man sich lieber drücken und drängen,
um endlich zu gänzlich unzureichenden Aushilfen zu greifen, die, weil zu spät, wirkungslos blieben,
weil zu unbedeutend, auch noch leicht abzulehnen waren. So blieb in Wahrheit alles beim alten, nur die
Unzufriedenheit war größer als vorher.
Gleich einer drohenden Gewitterwolke hing schon damals die "freie Gewerkschaft" über dem
politischen Horizont und über dem Dasein des einzelnen.
Sie war eines jener fürchterlichen Terrorinstrumente gegen die Sicherheit und Unabhängigkeit der
nationalen Wirtschaft, die Festigkeit des Staates und die Freiheit der Person.
Sie war es vor allem, die den Begriff der Demokratie zu einer widerlich-lächerlichen Phrase machte, die
Freiheit schändete und die Brüderlichkeit in dem Satze "Und willst du nicht Genosse sein, so schlagen
wir dir den Schädel ein" unsterblich verhöhnte.
So lernte ich damals diese Menschheitsfreundin kennen. Im Laufe der Jahre hat sich meine Anschauung
über sie erweitert und vertieft, zu ändern brauchte ich sie nicht.
×
Je mehr ich Einblick in das äußere Wesen der Sozialdemokratie erhielt, um so größer wurde die
Sehnsucht, den inneren Kern dieser Lehre zu erfassen.
Die offizielle Parteiliteratur konnte hierbei freilich nur wenig nützen. Sie ist, soweit es sich um
wirtschaftliche Fragen handelt, unrichtig in Behauptung und Beweis; soweit die politischen Ziele
behandelt werden, verlogen. Dazu kam, daß ich mich besonders von der neueren rabulistischen
Ausdrucksweise und der Art der Darstellung innerlich abgestoßen fühlte. Mit einem ungeheuren
Aufwand von Worten unklaren Inhalts oder unverständlicher Bedeutung werden da Sätze
zusammengestammelt, die ebenso geistreich sein sollen, wie sie sinnlos sind. Nur die Dekadenz unserer
Großstadtbohème mag sich in diesem Irrgarten der Ver-
[054 Die Judenfrage]
nunft wohlig zu Hause fühlen, um aus dem Mist dieses literarischen Dadaismus "inneres Erleben"
herauszuklauben, unterstützt von der sprichwörtlichen Bescheidenheit eines Teiles unseres Volkes, die
im persönlich Unverständlichsten immer um so tiefere Weisheit wittert.
Allein, indem ich so theoretische Unwahrheiten und Unsinn dieser Lehre abwog mit der Wirklichkeit
ihrer Erscheinung, bekam ich allmählich ein klares Bild ihres inneren Wollens.
In solchen Stunden beschlichen mich trübe Ahnungen und böse Furcht. Ich sah dann eine Lehre vor mir,
bestehend aus Egoismus und Haß, die nach mathematischen Gesetzen zum Siege führen kann, der
Menschheit aber damit auch das Ende bringen muß.
Ich hatte ja unterdessen den Zusammenhang zwischen dieser Lehre der Zerstörung und dem Wesen
eines Volkes verstehen gelernt, das mir bis dahin so gut wie unbekannt war.
Nur die Kenntnis des Judentums allein bietet den Schlüssel zum Erfassen der inneren und damit
wirklichen Absichten der Sozialdemokratie.
Wer dieses Volk kennt, dem sinken die Schleier irriger Vorstellungen über Ziel und Sinn dieser Partei
vom Auge, und aus dem Dunst und Nebel sozialer Phrasen erhebt sich grinsend die Fratze des
Marxismus.
×
Es ist für mich heute schwer, wenn nicht unmöglich, zu sagen, wann mir zum ersten Male das Wort
"Jude" Anlaß zu besonderen Gedanken gab. Im väterlichen Hause erinnere ich mich überhaupt nicht, zu
Lebzeiten des Vaters das Wort auch nur gehört zu haben. Ich glaube, der alte Herr würde schon in der
besonderen Betonung dieser Bezeichnung eine kulturelle Rückständigkeit erblickt haben. Er war im
Laufe seines Lebens zu mehr oder minder weltbürgerlichen Anschauungen gelangt, die sich bei
schroffster nationaler Gesinnung nicht nur erhalten hatten, sondern auch auf mich abfärbten.
[055 Die Judenfrage]
Auch in der Schule fand ich keine Veranlassung, die bei mir zu einer Veränderung dieses
übernommenen Bildes hatte führen können.
In der Realschule lernte ich wohl einen jüdischen Knaben kennen, der von uns allen mit Vorsicht
behandelt wurde, jedoch nur, weil wir ihm in bezug auf seine Schweigsamkeit, durch verschiedene
Erfahrungen gewitzigt, nicht sonderlich vertrauten; irgendein Gedanke kam mir dabei so wenig wie den
anderen.
Erst in meinem vierzehnten bis fünfzehnten Jahre stieß ich öfters auf das Wort Jude, zum Teil im
Zusammenhange mit politischen Gesprächen. Ich empfand dagegen eine leichte Abneigung und konnte
mich eines unangenehmen Gefühls nicht erwehren, das mich immer beschlich, wenn konfessionelle
Stänkereien vor mir ausgetragen wurden.
Als etwas anderes sah ich aber damals die Frage nicht an.
Linz besaß nur sehr wenig Juden. Im Laufe der Jahrhunderte hatte sich ihr Äußeres europäisiert und war
menschlich geworden; ja, ich hielt sie sogar für Deutsche. Der Unsinn dieser Einbildung war mir wenig
klar, weil ich das einzige Unterscheidungsmerkmal ja nur in der fremden Konfession erblickte. Daß sie
deshalb verfolgt worden waren, wie ich glaubte, ließ manchmal meine Abneigung gegenüber
ungünstigen Äußerungen über sie fast zum Abscheu werden.
Vom Vorhandensein einer planmäßigen Judengegnerschaft ahnte ich überhaupt noch nichts.
So kam ich nach Wien.
Befangen von der Fülle der Eindrücke auf architektonischem Gebiete, niedergedrückt von der Schwere
des eigenen Loses, besaß ich in der ersten Zeit keinen Blick für die innere Schichtung des Volkes in der
Riesenstadt. Trotzdem Wien in diesem Jahren schon nahe an die zweihunderttausend Juden unter seinen
zwei Millionen Menschen zählte, sah ich diese nicht. Mein Auge und mein Sinn waren dem Einstürmen
so vieler Werte und Gedanken in den ersten Wochen noch nicht gewachsen. Erst als all-
[056 Die sogenannte Weltpresse]
mählich die Ruhe wiederkehrte und sich das aufgeregte Bild zu klären begann, sah ich mich in meiner
neuen Welt gründlicher um und stieß nun auch auf die Judenfrage.
Ich will nicht behaupten, daß die Art und Weise, in der ich sie kennenlernen sollte, mir besonders
angenehm erschien. Noch sah ich im Juden nur die Konfession und hielt deshalb aus Gründen
menschlicher Toleranz die Ablehnung religiöser Bekämpfung auch in diesem Falle aufrecht. So erschien
mir der Ton, vor allem der, den die antisemitische Wiener Presse anschlug, unwürdig der kulturellen
Überlieferung eines großen Volkes. Mich bedrückte die Erinnerung an gewisse Vorfälle des Mittelalters,
die ich nicht gerne wiederholt sehen wollte. Da die betreffenden Zeitungen allgemein nicht als
hervorragend galten — woher dies kam, wußte ich damals selber nicht genau —, sah ich in ihnen mehr
die Produkte bürgerlichen Neides als Ergebnisse einer grundsätzlichen, wenn auch falschen Anschauung
überhaupt.
Bestärkt wurde ich in dieser meiner Meinung durch die, wie mir schien, unendlich würdigere Form, in
der die wirklich große Presse auf all diese Angriffe antwortete oder sie, was mir noch dankenswerter
vorkam, gar nicht erwähnte, sondern einfach totschwieg.
Ich las eifrig die sogenannte Weltpresse ( Neue Freie Presse", "Wiener Tageblatt" usw.) und erstaunte
über den Umfang des in ihr dem Leser Gebotenen sowie über die Objektivität der Darstellung im
einzelnen. Ich würdigte den vornehmen Ton und war eigentlich nur von der Überschwenglichkeit des
Stils manches Mal innerlich nicht recht befriedigt oder selbst unangenehm berührt. Doch mochte dies im
Schwunge der ganzen Weltstadt liegen.
Da ich Wien damals für eine solche hielt, glaubte ich diese mir selbst gegebene Erklärung wohl als
Entschuldigung gelten lassen zu dürfen.
Was mich aber wiederholt abstieß, war die unwürdige Form, in der diese Presse den Hof umbuhlte. Es
gab kaum ein Ereignis in der Hofburg, das da nicht dem Leser entweder in Tönen verzückter
Begeisterung oder klagender
[057 Die Kritik an Wilhelm II.]
Betroffenheit mitgeteilt wurde, ein Getue, das besonders, wenn es sich um den "weisesten Monarchen"
aller Zeiten selber handelte, fast dem Balzen eines Auerhahnes glich.
Mir schien die Sache gemacht.
Damit erhielt die liberale Demokratie in meinen Augen Flecken.
Um die Gunst dieses Hofes buhlen und in so unanständigen Formen, hieß die Würde der Nation
preisgeben.
Dies war der erste Schatten, der mein geistiges Verhältnis zur "großen" Wiener Presse trüben sollte.
Wie vorher schon immer, verfolgte ich auch in Wien alle Ereignisse in Deutschland mit größtem
Feuereifer, ganz gleich, ob es sich dabei um politische oder kulturelle Fragen handeln mochte. In stolzer
Bewunderung verglich ich den Aufstieg des Reiches mit dem Dahinsiechen des österreichischen Staates.
Wenn aber die außenpolitischen Vorgange meist ungeteilte Freude erregten, dann die nicht so
erfreulichen des innenpolitischen Lebens oft trübe Bekümmernis. Der Kampf, der zu dieser Zeit gegen
Wilhelm II. geführt wurde, fand damals nicht meine Billigung. Ich sah in ihm nicht nur den Deutschen
Kaiser, sondern in erster Linie den Schöpfer einer deutschen Flotte.
Die Redeverbote, die dem Kaiser vom Reichstag auferlegt wurden, ärgerten mich deshalb so
außerordentlich, weil sie von einer Stelle ausgingen, die in meinen Augen dazu aber auch wirklich keine
Veranlassung besaß, sintemalen doch in einer einzigen Sitzungsperiode diese parlamentarischen
Gänseriche mehr Unsinn zusammenschnatterten, als dies einer ganzen Dynastie von Kaisern in
Jahrhunderten, eingerechnet ihre allerschwächsten Nummern, je gelingen konnte.
Ich war empört, daß in einem Staat, in dem jeder Halbnarr nicht nur das Wort zu seiner Kritik für sich in
Anspruch nahm, ja im Reichstag sogar als "Gesetzgeber" auf die Nation losgelassen wurde, der Träger
der Kaiserkrone von der seichtesten Schwätzerinstitution aller Zeiten "Verweise" erhalten konnte.
Ich war aber noch mehr entrüstet, daß die gleiche Wiener Presse, die doch vor dem letzten Hofgaul noch
die ehr-
[058 Frankreichkult der Presse]
erbietigste Verbeugung riß und über ein zufälliges Schweifwedeln außer Rand und Band geriet, nun mit
scheinbar besorgter Miene, aber, wie mir schien, schlecht verhehlter Boshaftigkeit ihren Bedenken
gegen den Deutschen Kaiser Ausdruck verlieh. Es liege ihr ferne, sich etwa in die Verhältnisse des
Deutschen Reiches einmischen zu wollen — nein, Gott bewahre —, aber indem man in so
freundschaftlicher Weise den Finger auf diese Wunde lege, erfülle man ebensosehr die Pflicht, die der
Geist des gegenseitigen Bündnisses auferlege, wie man umgekehrt auch der journalistischen Wahrheit
genüge usw. Und nun bohrte dann dieser Finger in der Wunde nach Herzenslust herum.
Mir schoß in solchen Fällen das Blut in den Kopf. Das war es, was mich die große Presse schon nach
und nach vorsichtiger betrachten ließ. Daß eine der antisemitischen Zeitungen, das "Deutsche
Volksblatt", anläßlich einer solchen Angelegenheit sich anständiger verhielt, mußte ich einmal
anerkennen.
Was mir weiter auf die Nerven ging, war der doch widerliche Kult, den die große Presse schon damals
mit Frankreich trieb. Man mußte sich geradezu schämen, Deutscher zu sein, wenn man diese süßlichen
Lobeshymnen auf die "große Kulturnation" zu Gesicht bekam. Dieses erbärmliche Französeln ließ mich
öfter als einmal eine dieser "Weltzeitungen" aus der Hand legen. Ich griff nun überhaupt manchmal nach
dem "Volksblatt", das mir freilich viel kleiner, aber in diesem Dingen etwas reinlicher vorkam. Mit dem
scharfen antisemitischen Ton war ich nicht einverstanden, allein ich las auch hin und wieder
Begründungen, die mir einiges Nachdenken verursachten.
Jedenfalls lernte ich aus solchen Anlässen langsam den Mann und die Bewegung kennen, die damals
Wiens Schicksal bestimmten: Dr. Karl Lueger und die christlich-soziale Partei.
Als ich nach Wien kam, stand ich beiden feindselig gegenüber. Der Mann und die Bewegung galten in
meinen Augen als "reaktionär".
[059 Wandlung zum Antisemiten]
Das gewöhnliche Gerechtigkeitsgefühl aber mußte dieses Urteil in eben dem Maße abändern, in dem ich
Gelegenheit erhielt, Mann und Werk kennenzulernen; und langsam wuchs die gerechte, Beurteilung zur
unverhohlenen Bewunderung. Heute sehe ich in dem Manne mehr noch als früher den gewaltigsten
deutschen Bürgermeister aller Zeiten.
Wie viele meiner vorsätzlichen Anschauungen wurden aber durch eine solche Änderung meiner
Stellungnahme zur christlich-sozialen Bewegung umgeworfen!Wenn dadurch langsam auch meine
Ansichten in bezug auf den Antisemitismus dem Wechsel der Zeit unterlagen, dann war dies wohl meine
schwerste Wandlung überhaupt.
Sie hat mir die meisten inneren seelischen Kampfe gekostet, und erst nach monatelangem zwischen
Verstand und Gefühl begann der Sieg sich auf die Seite des Verstandes zu schlagen. Zwei Jahre später
war das Gefühl dem Verstande gefolgt, um von nun an dessen treuester Wächter und Warner zu sein.
In der Zeit dieses bitteren Ringens zwischen seelischer Erziehung und kalter Vernunft hatte mir der
Anschauungsunterricht der Wiener Straße unschätzbare Dienste geleistet. Es kam die Zeit, da ich nicht
mehr wie in den ersten Tagen blind durch die mächtige Stadt wandelte, sondern mit offenem Auge außer
den Bauten auch die Menschen besah.
Als ich einmal so durch die innere Stadt strich, stieß ich plötzlich auf eine Erscheinung in langem Kaftan
mit schwarzen Locken.
Ist dies auch ein Jude? war mein erster Gedanke.
So sahen sie freilich in Linz nicht aus. Ich beobachtete den Mann verstohlen und vorsichtig, allein je
länger ich in dieses fremde Gesicht starrte und forschend Zug um Zug prüfte, um so mehr wandelte sich
in meinem Gehirn die erste Frage zu einer anderen Frage:Ist dies auch ein Deutscher?Wie immer in
solchen Fällen begann ich nun zu versuchen, mir die Zweifel durch Bilder zu beheben. Ich kaufte mir
damals um wenige Heller die ersten antisemitischen
[060 Wandlung zum Antisemiten]
Broschüren meines Lebens. Sie gingen leider nur alle von dem Standpunkt aus, daß im Prinzip der Leser
wohl schon die Judenfrage bis zu einem gewissen Grade mindestens kenne oder gar begreife. Endlich
war die Tonart meistens so, daß mir wieder Zweifel kamen infolge der zum Teil so flachen und
außerordentlich unwissenschaftlichen Beweisführung für die Behauptung.
Ich wurde dann wieder rückfällig auf Wochen, ja einmal auf Monate hinaus. Die Sache schien mir so
ungeheuerlich, die Bezichtigung so maßlos zu sein, daß ich, gequält von der Furcht, Unrecht zu tun,
wieder ängstlich und unsicher wurde.
Greilich daran, daß es sich hier nicht um Deutsche einer besonderen Konfession handelte, sondern um
ein Volk für sich, konnte auch ich nicht mehr gut zweifeln; denn seit ich mich mit der Frage zu
beschäftigen begonnen hatte, auf den Juden erst einmal aufmerksam wurde, erschien mir Wien in einem
anderen Lichte als vorher. Wo immer ich ging, sah ich nun Juden, und je mehr ich sah, um so schärfer
sonderten sie sich für das Auge von den anderen Menschen ab. Besonders die innere Stadt und die
Bezirke nördlich des Donaukanals wimmelten von einem Volke, das schon äußerlich eine Ähnlichkeit
mit dem deutschen nicht mehr besaß.
Aber wenn ich daran noch gezweifelt hätte, so wurde das Schwanken endgültig behoben durch die
Stellungnahme eines Teiles der Juden selber.
Eine große Bewegung unter ihnen, die in Wien nicht wenig umfangreich war, trat auf das schärfste für
die Bestätigung des völkischen Charakters der Judenschaft ein: der Zionismus.
Wohl hatte es den Anschein, als ob nur ein Teil der Juden diese Stellungnahme billigen würde, die große
Mehrheit aber eine solche Festlegung verurteilte, ja innerlich ablehne. Bei näherem Hinsehen zerflatterte
aber dieser Anschein in einen üblen Dunst von aus reinen Zweckmäßgkeitsgründen vorgebrachten
Ausreden, um nicht zu sagen Lügen. Denn das sogenannte Judentum liberaler
[061 Wandlung zum Antisemiten]
Denkart lehnte ja die Zionisten nicht als Nichtjuden ab, sondern nur als Juden von einem unpraktischen,
ja vielleicht sogar gefährlichen öffentlichen Bekenntnis zu ihrem Judentum.
An ihrer inneren Zusammengehörigkeit änderte sich gar nichts. Dieser scheinbare Kampf zwischen
zionistischen und liberalen Juden ekelte mich in kurzer Zeit schon an; war er doch durch und durch
unwahr, mithin verlogen und dann aber wenig passend zu der immer behaupteten sittlichen Höhe und
Reinheit dieses Volkes.Überhaupt war die sittliche und sonstige Reinlichkeit dieses Volkes ein Punkt für
sich. Daß es sich hier um keine Wasserliebhaber handelte, konnte man ihnen ja schon am Äußeren
ansehen, leider sehr oft sogar bei geschlossenem Auge. Mir wurde bei dem Geruche dieser Kaftanträger
später manchmal übel. Dazu kamen noch die unsaubere Kleidung und die wenig heldische Erscheinung.
Dies alles konnte schon nicht sehr anziehend wirken; abgestoßen mußte man aber werden, wenn man
aber die körperliche Unsauberkeit hinaus plötzlich die moralischen Schmutzflecken des auserwählten
Volkes entdeckte.
Nichts hatte mich in kurzer Zeit so nachdenklich gestimmt als die langsam aufsteigende Einsicht in die
Art der Betätigung der Juden auf gewissen Gebieten.
Gab es denn da einen Unrat, eine Schamlosigkeit in irgendeiner Form, vor allem des kulturellen Lebens,
an der nicht wenigstens ein Jude beteiligt gewesen wäre?Sowie man nur vorsichtig in eine solche
Geschwulst hineinschnitt, fand man, wie die Made im faulenden Leibe, oft ganz geblendet vom
plötzlichen Lichte, ein Jüdlein.
Es war eine schwere Belastung, die das Judentum in meinen Augen erhielt, als ich seine Tätigkeit in der
Presse, in Kunst, Literatur und Theater kennenlernte. Da konnten nun alle salbungsvollen Beteuerungen
wenig oder nichts mehr nützen. Es genügte schon, eine der Anschlagsäulen zu betrachten, die Namen
der geistigen Erzeuger dieser gräßlichen Machwerke für Kino und Theater, die da ange-
[062 Wandlung zum Antisemiten]
priesen wurden, zu studieren, um auf längere Zeit hart zu werden. Das war Pestilenz, geistige Pestilenz,
schlimmer als der schwarze Tod von einst, mit der man da das Volk infizierte. Und in welcher Menge
dabei dieses Gift erzeugt und verbreitet wurde! Natürlich, je niedriger das geistige und sittliche Niveau
eines solchen Kunstfabrikanten ist, um so unbegrenzter ist seine Fruchtbarkeit, bis so ein Bursche schon
mehr wie eine Schleudermaschine seinen Unrat der anderen Menschheit ins Antlitz spritzt.
Dabei bedenke man noch die Unbegrenztheit ihrer Zahl; man bedenke, daß auf einen Goethe die Natur
immer noch leicht zehntausend solcher Schmierer der Mitwelt in den Pelz setzt, die nun als
Bazillenträger schlimmster Art die Seelen vergiften.
Es war entsetzlich, aber nicht zu übersehen, daß gerade der Jude in überreichlicher Anzahl von der Natur
zu dieser schmachvollen Bestimmung auserlesen schien.
Sollte seine Auserwähltheit darin zu suchen sein?Ich begann damals sorgfältig die Namen all der
Erzeuger dieser unsauberen Produkte des öffentlichen Kunstlebens zu prüfen.
Das Ergebnis war ein immer böseres für meine bisherige Haltung den Juden gegenüber. Mochte sich da
das Gefühl auch noch tausendmal sträuben, der Verstand mußte seine Schlüsse ziehen. D
ie Tatsache, daß neun Zehntel alles literarischen Schmutzes, künstlerischen Kitsches und theatralischen
Blödsinns auf das Schuldkonto eines Volkes zu schreiben sind, das kaum ein Hundertstel aller
Einwohner im Lande beträgt, ließ sich einfach nicht wegleugnen; es war eben so.
Auch meine liebe "Weltpresse" begann ich nun von solchen Gesichtspunkten aus zu prüfen.
Je gründlicher ich aber hier die Sonde anlegte, um so mehr schrumpfte der Gegenstand meiner einstigen
Bewunderung zusammen.
Der Stil ward immer unerträglicher, den Inhalt mußte ich als innerlich seicht und flach ablehnen, die
Objektivität der Darstellung schien mir nun mehr Lüge zu sein als ehrliche Wahrheit; die Verfasser aber
waren — Juden.
[063 Wandlung zum Antisemiten]
Tausend Dinge, die ich früher kaum gesehen, fielen mir nun als bemerkenswert auf, andere wieder, die
mir schon einst zu denken gaben, lernte ich begreifen und verstehen.
Die liberale Gesinnung dieser Presse sah ich nun in einem anderen Lichte, ihr vornehmer Ton im
Beantworten von Angriffen sowie das Totschweigen derselben enthüllte sich mir jetzt als ebenso kluger
wie niederträchtiger Trick; ihre verklärt geschriebenen Theaterkritiken galten immer dem jüdischen
Verfasser, und nie traf ihre Ablehnung jemand anderen als den Deutschen. Das leise Sticheln gegen
Wilhelm II. ließ in der Beharrlichkeit die Methode erkennen, genau so wie das Empfehlen französischer
Kultur und Zivilisation. Der kitschige Inhalt der Novelle wurde nun zur Unanständigkeit, und aus der
Sprache vernahm ich Laute eines fremden Volkes; der Sinn des Ganzen aber war dem Deutschtum so
ersichtlich abträglich, daß dies nur gewollt sein konnte.
Wer aber besaß daran ein Interesse? War dies alles nur Zufall? So wurde ich langsam unsicher.
Beschleunigt wurde die Entwicklung aber durch Einblicke, die ich in eine Reihe anderer Vorgänge
erhielt. Es war dies die allgemeine Auffassung von Sitte und Moral, wie man sie von einem großen Teil
des Judentums ganz offen zur Schau getragen und betätigt sehen konnte.
Hier bot wieder die Straße einen manchmal wahrhaft bösen Anschauungsunterricht.
Das Verhältnis des Judentums zur Prostitution und mehr noch zum Mädchenhandel selber konnte man
Wien studieren wie wohl in keiner sonstigen westeuropäischen Stadt, südfranzösische Hafenorte
vielleicht ausgenommen. Wenn man abends so durch die Straßen und Gassen der Leopoldstadt lief,
wurde man auf Schritt und Tritt, ob man wollte oder nicht, Zeuge von Vorgängen, die dem Großteil des
deutschen Volkes verborgen geblieben waren, bis der Krieg den Kämpfern an der Ostfront Gelegenheit
gab, Ähnliches ansehen zu können, besser gesagt, ansehen zu müssen.
[064 Der Jude als Führer der Sozialdemokratie]
Als ich zum ersten Male den Juden in solcher Weise als den ebenso eisig kalten wie schamlos
geschäftstüchtigen Dirigenten dieses empörenden Lasterbetriebes des Auswurfes der Großstadt
erkannte, lief mir ein leichtes Frösteln über den Rücken.
Dann aber flammte es auf.
Nun wich ich der Erörterung der Judenfrage nicht mehr aus, nein, nun wollte ich sie. Wie ich aber so in
allen Richtungen des kulturellen und künstlerischen Lebens und seinen verschiedenen Äußerungen nach
dem Juden suchen lernte, stieß ich plötzlich an einer Stelle auf ihn, an der ich ihn am wenigsten
vermutet hätte.
Indem ich den Juden als Führer der Sozialdemokratie erkannte, begann es mir wie Schuppen von den
Augen zu fallen. Ein langer innerer Seelenkampf fand damit seinen Abschluß.
Schon im tagtäglichen Verkehr mit meinen Arbeitsgenossen fiel mir die erstaunliche
Wandlungsfähigkeit auf, mit der sie zu einer gleichen Frage verschiedene Stellungen einnahmen,
manchmal in einem Zeitraume von wenigen Tagen, oft auch nur wenigen Stunden. Ich konnte schwer
verstehen, wie Menschen, die, allein gesprochen, immer noch vernünftige Anschauungen besaßen, diese
plötzlich verloren, sowie sie in den Bannkreis der Masse gelangten. Es war oft zum Verzweifeln. Wenn
ich nach stundenlangem Zureden schon überzeugt war, dieses Mal endlich das Eis gebrochen oder einen
Unsinn aufgeklärt zu haben, und mich schon des Erfolges herzlich freute, dann mußte ich zu meinem
Jammer am nächsten Tage wieder von vorne beginnen; es war alles umsonst gewesen. Wie ein ewiges
Pendel schien der Wahnsinn ihrer Anschauungen immer von neuem zurückzuschlagen.
Alles vermochte ich dabei noch zu begreifen: daß sie mit ihrem Lose unzufrieden waren, das Schicksal
verdammten, welches sie oft so herbe schlug; die Unternehmer haßten, die ihnen als herzlose
Zwangsvollstrecker dieses Schicksals erschienen; auf die Behörden schimpften, die in ihren Augen kein
Gefühl für die Lage besaßen; daß sie gegen Lebens-
[065 Der Jude als Führer der Sozialdemokratie]
mittelpreise demonstrierten und für ihre Forderungen auf die Straße zogen, alles dies konnte man ohne
Rücksicht auf Vernunft mindestens noch verstehen. Was aber unverständlich bleiben mußte, war der
grenzenlose Haß, mit dem sie ihr eigenes Volkstum belegten, die Größe desselben schmähten, seine
Geschichte verunreinigten und große Männer in die Gosse zogen.
Dieser Kampf gegen die eigene Art, das eigene Nest, die eigene Heimat war ebenso sinnlos wie
unbegreiflich. Das war unnatürlich.
Man konnte sie von diesem Laster vorübergehend heilen, jedoch nur auf Tage, höchstens auf Wochen.
Traf man aber später den vermeintlich Bekehrten, dann war er wieder der alte geworden.
Die Unnatur hatte ihn wieder in ihrem Besitze.×Daß die sozialdemokratische Presse überwiegend von
Juden geleitet war, lernte ich allmählich kennen; allein, ich schrieb diesem Umstand keine besondere
Bedeutung zu, lagen doch die Verhältnisse bei den anderen Zeitungen genau so. Nur eines war vielleicht
auffallend: es gab nicht ein Blatt, bei dem sich Juden befanden, das als wirklich national angesprochen
hätte werden können, so wie dies in der Linie meiner Erziehung und Auffassung gelegen war.
Da ich mich nun überwand und diese Art von marxistischen Presseerzeugnissen zu lesen versuchte, die
Abneigung aber in eben diesem Maße ins Unendliche wuchs, suchte ich nun auch die Fabrikanten dieser
zusammengefaßten Schurkereien näher kennenzulernen.
Es waren, vom Herausgeber angefangen, lauter Juden.
Ich nahm die mir irgendwie erreichbaren sozialdemokratischen Broschüren und suchte die Namen ihrer
Verfasser: Juden. Ich merkte mir die Namen fast aller Führer; es waren zum weitaus größten Teil
ebenfalls Angehörige des "auserwählten Volkes", mochte es sich dabei um die Vertreter im Reichsrat
handeln oder um die Sekretäre der
[066 Jüdische Dialektik]
Gewerkschaften, die Vorsitzenden der Organisationen oder die Agitatoren der Straße. Es ergab sich
immer das gleiche unheimliche Bild. Die Namen der Austerlitz, David, Adler, Ellenbogen usw. werden
mir ewig in Erinnerung bleiben. Das eine war mir nun klar geworden: die Partei, mit deren kleinen
Vertretern ich seit Monaten den heftigsten Kampf auszufechten hatte, lag in ihrer Führung fast
auschließlich in den Händen eines fremden Volkes; denn daß; der Jude kein Deutscher war, wußte ich
zu meiner inneren glücklichen Zufriedenheit schon endgültig.
Nun aber erst lernte ich den Verführer unseres Volkes ganz kennen.
Schon ein Jahr meines Wiener Aufenthaltes hatte genügt, um mir die Überzeugung beizubringen, daß
kein Arbeiter so verbohrt sein konnte, als daß er nicht besserem Wissen und besserer Erklärung erlegen
wäre. Ich war langsam Kenner ihrer eigenen Lehre geworden und verwendete sie als Waffe im Kampf
für meine innere Überzeugung.
Fast immer legte sich nun der Erfolg auf meine Seite.
Die große Masse war zu retten, wenn auch nur nach schwersten Opfern an Zeit und Geduld.
Niemals aber war ein Jude von seiner Anschauung zu befreien.
Ich war damals noch kindlich genug, ihnen den Wahnsinn ihrer Lehre klarmachen zu wollen, redete mir
in meinem kleinen Kreise die Zunge wund und die Kehle heiser, und vermeinte, es müßte mir gelingen,
sie von der Verderblichkeit ihres marxistischen Irrsinns zu überzeugen; allein dann erreichte ich erst
recht nur das Gegenteil. Es schien, als ob die steigende Einsicht von der vernichtenden Wirkung
sozialdemokratischer Theorien und ihrer Erfüllung nur zur Verstärkung ihrer Entschlossenheit dienen
würde.
Je mehr ich dann mit ihnen stritt, um so mehr lernte ich ihre Dialektik kennen. Erst rechneten sie mit der
Dummheit ihres Gegners, um dann, wenn sich ein Ausweg nicht mehr fand, sich selber einfach dumm
zu stellen. Nützte alles nichts, so verstanden sie nicht recht oder sprangen, gestellt,
[067 Jüdische Dialektik]
augenblicklich auf ein anderes Gebiet über, brachten nun Selbstverständlichkeiten, deren Annahme sie
aber sofort wieder auf wesentlich andere Stoffe bezogen, um nun, wieder angefaßt, auszuweichen und
nichts Genaues zu wissen. Wo immer man so einen Apostel angriff, umschloß die Hand qualligen
Schleim; das quoll einem geteilt durch die Finger, um sich im nächsten Moment schon wieder
zusammenzuschließen. Schlug man aber einen wirklich so vernichtend, daß er, von der Umgebung
beobachtet, nicht mehr anders als zustimmen konnte, und glaubte man, so wenigstens einen Schritt
vorwärtsgekommen zu sein, so war das Erstaunen am nächsten Tag groß. Der Jude wußte nun von
gestern nicht mehr das geringste, erzählte seinen alten Unfug wieder weiter, als ob überhaupt nichts
vorgefallen wäre, und tat, empört zur Rede gestellt, erstaunt, konnte sich an rein gar nichts erinnern,
außer an die doch schon am Vortage bewiesene Richtigkeit seiner Behauptungen.
Ich stand manches Mal starr da.
Man wußte nicht, was man mehr bestaunen sollte, ihre Zungenfertigkeit oder ihre Kunst der Lüge.
Ich begann sie allmählich zu hassen.
Dies alles hatte nun das eine. Gute, daß in eben dem Umfange, in dem mir die eigentlichen Träger oder
wenigstens die Verbreiter der Sozialdemokratie ins Auge fielen, die Liebe zu meinem Volke wachsen
mußte. Wer konnte auch bei der teuflischen Gewandtheit dieser Verführer das unselige Opfer
verfluchen? Wie schwer war es doch mir selber, der dialektischen Verlogenheit dieser Rasse Herr zu
werden! Wie vergeblich aber war ein solcher Erfolg bei Menschen, die die Wahrheit im Munde
verdrehen, das soeben gesprochene Wort glatt verleugnen, um es schon in der nächsten Minute für sich
selbst in Anspruch zu nehmen!Nein. Je mehr ich den Juden kennenlernte, um so mehr mußte ich dem
Arbeiter verzeihen.
Die schwerste Schuld lag nun in meinen Augen nicht mehr bei ihm, sondern bei all denen, die es nicht
der Mühe wert fanden, sich seiner zu erbarmen, in eiserner Gerechtigkeit dem Sohne des Volkes zu
geben, was ihm gebührt,
[068 Studium der Grundlagen des Marxismus]
den Verführer und Verderber aber an die Wand zu schlagen.
Von der Erfahrung des täglichen Lebens angeregt, begann ich nunmehr, den Quellen der marxistischen
Lehre selber nachzuspüren. Ihr Wirken war mir im einzelnen klar geworden, der Erfolg davon zeigte
sich mir täglich vor dem aufmerksamen Blick, die Folgen vermochte ich bei einiger Phantasie mir
auszumalen. Die Frage war nur noch, ob den Begründern das Ergebnis ihrer Schöpfung, schon in seiner
letzten Form gesehen, vorschwebte, oder ob sie selber das Opfer eines Irrtums wurden.
Beides war nach meinem Empfinden möglich.
Im einen Falle war es Pflicht eines jeden denkenden Menschen, sich in die Front der unseligen
Bewegung zu dringen, um so vielleicht doch das Äußerste zu verhindern, im andern aber mußten die
einstigen Urheber dieser Völkerkrankheit wahre Teufel gewesen sein; denn nur in dem Gehirne eines
Ungeheuers — nicht eines Menschen — konnte dann der Plan zu einer Organisation sinnvolle Gestalt
annehmen, deren Tätigkeit als Schlußergebnis zum Zusammenbruch der menschlichen Kultur und damit
zur Verödung der Welt führen muß.
In diesem Falle blieb als letzte Rettung noch der Kampf, der Kampf mit allen Waffen, die menschlicher
Geist, Verstand und Wille zu erfassen vermögen, ganz gleich, wem das Schicksal dann seinen Segen in
die Waagschale senkt.
So begann ich nun, mich mit den Begründern dieser Lehre vertraut zu machen, um so die Grundlagen
der Bewegung zu studieren. Daß ich hier schneller zum Ziele kam, als ich vielleicht erst selber zu
denken wagte, hatte ich allein meiner nun gewonnenen, wenn auch damals noch wenig vertieften
Kenntnis der Judenfrage zu danken. Sie allein ermöglichte mir den praktischen Vergleich der
Wirklichkeit mit dem theoretischen Geflunker der Gründungsapostel der Sozialdemokratie, da sie mich
die Sprache des jüdischen Volkes verstehen gelehrt hatte; das redet, um die Gedanken zu verbergen oder
mindestens zu verschleiern;
[069 Marxismus als Zerstörer der Kultur]
und sein wirkliches Ziel ist mithin nicht in den Zeilen zu linden, sondern schlummert wohlverborgen
zwischen ihnen. Es war für mich die Zeit der großen Umwälzung gekommen, die ich im Innern jemals
durchzumachen hatte.
Ich war vom schwächlichen Weltbürger zum fanatischen Antisemiten geworden.
Nur einmal noch — es war das letztemal — kamen mir in tiefster Beklommenheit ängstlich drückende
Gedanken.
Als ich so durch lange Perioden menschlicher Geschichte das Wirken des jüdischen Volkes forschend
betrachtete, stieg mir plötzlich die bange Frage auf, ob nicht doch vielleicht das unerforschliche
Schicksal aus Gründen, die uns armseligen Menschen unbekannt, den Endsieg dieses kleinen Volkes in
ewig unabänderlichem Beschlusse wünsche?Sollte diesem Volke, das ewig nur dieser Erde lebt, die
Erde als Belohnung zugesprochen sein?Haben wir ein objektives Recht zum Kampf für unsere
Selbsterhaltung, oder ist auch dies nur subjektiv in uns begründet?Indem ich mich in die Lehre des
Marxismus vertiefte und so das Wirken des jüdischen Volkes in ruhiger Klarheit einer Betrachtung
unterzog, gab mir das Schicksal selber seine Antwort.
Die jüdische Lehre des Marxismus lehnt das aristokratische Prinzip der Natur ab und setzt an Stelle des
ewigen Vorrechtes der Kraft und Stärke die Masse der Zahl und ihr totes Gewicht. Sie leugnet so im
Menschen den Wert der Person, bestreitet die Bedeutung von Volkstum und Rasse und entzieht der
Menschheit damit die Voraussetzung ihres Bestehens und ihrer Kultur. Sie würde als Grundlage des
Universums zum Ende jeder gedanklich für Menschen faßlichen Ordnung führen. Und so wie in diesem
größten erkennbaren Organismus nur Chaos das Ergebnis der Anwendung eines solchen Gesetzes sein
könnte, so auf der Erde für die Bewohner dieses Sternes nur ihr eigener Untergang.
Siegt der Jude mit Hilfe seines marxistischen Glaubensbekenntnisses über die Völker dieser Welt, dann
wird seine
[070 Marxismus als Zerstörer der Kultur]
Krone der Totentanz der Menschheit sein, dann wird dieser Planet wieder wie einst vor Jahrmillionen
menschenleer durch den Äther ziehen.
Die ewige Natur rächt unerbittlich die Übertretung ihrer Gebote.
So glaube ich heute im Sinne des allmächtigen Schöpfers zu handeln: Indem ich mich des Juden
erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn.
[071]

3. Kapitel:
Allgemeine politische Betrachtungen aus meiner Wiener Zeit

Ich bin heute der Überzeugung, daß der Mann sich im allgemeinen, Fälle ganz besonderer Begabung
ausgenommen, nicht vor seinem dreißigsten Jahre in der Politik öffentlich betätigen soll. Er soll dies
nicht, da ja bis in diese Zeit hinein zumeist erst die Bildung einer allgemeinen Plattform stattfindet, von
der aus er nun die verschiedenen politischen Probleme prüft und seine eigene Stellung zu ihnen
endgültig festlegt. Erst nach dem Gewinnen einer solchen grundlegenden Weltanschauung und der
dadurch erreichten Stetigkeit der eigenen Betrachtungsweise gegenüber den einzelnen Fragen des Tages
soll oder darf der nun wenigstens innerlich ausgereifte Mann sich an der politischen Führung des
Gemeinwesens beteiligen.
Ist dies anders, so läuft er Gefahr, eines Tages seine bisherige Stellung in wesentlichen Fragen entweder
ändern zu müssen oder wider sein besseres Wissen und Erkennen bei einer Anschauung
stehenzubleiben, die Verstand und Überzeugung bereits längst ablehnen. Im ersteren Falle ist dies sehr
peinlich für ihn persönlich, da er nun, als selber schwankend, mit Recht nicht mehr erwarten darf, daß
der Glaube seiner Anhänger ihm in gleicher unerschütterlicher Festigkeit gehöre wie vordem; für die
von ihm Geführten jedoch bedeutet ein solcher Umfall des Führers Ratlosigkeit sowie nicht selten das
Gefühl einer gewissen Beschämung den bisher von ihnen Bekämpften gegenüber. Im zweiten Falle aber
tritt ein, was wir besonders heute so oft sehen: in eben dem Maße, in dem der Führer nicht mehr an das
von ihm Gesagte glaubt, wird seine Ver-
[072 Der Politiker]
teidigung hohl und flach, dafür aber gemein in der Wahl der Mittel. Während er selber nicht mehr daran
denkt, für seine politischen Offenbarungen ernstlich einzutreten (man stirbt nicht für etwas, an das man
selber nicht glaubt), werden die Anforderungen an reine Anhänger jedoch in eben diesem Verhältnis
immer größer und unverschämter, bis er endlich den letzten Rest des Führers opfert, um beim "Politiker"
zu landen; das heißt bei jener Sorte von Menschen, deren einzige wirkliche Gesinnung die
Gesinnungslosigkeit ist, gepaart mit frecher Aufdringlichkeit und einer oft schamlos entwickelten Kunst
der Lüge.
Kommt so ein Bursche dann zum Unglück der anständigen Menschheit auch noch in ein Parlament, so
soll man schon von Anfang an wissen, daß das Wesen der Politik für ihn nur noch im heroischen Kampf
um den dauernden Besitz dieser Milchflasche seines Lebens und seiner Familie besteht. Je mehr dann
Weib und Kind an ihr hängen, um so zäher wird er für sein Mandat streiten. Jeder sonstige Mensch mit
politischen Instinkten ist damit allein schon sein persönlicher Feind; in jeder neuen Bewegung wittert er
den möglichen Beginn seines Endes und in jedem größeren Manne die wahrscheinlich von diesem noch
einmal drohende Gefahr.
Ich werde auf diese Sorte von Parlamentswanzen noch gründlich zu sprechen kommen.
Auch der Dreißigjährige wird im Laufe seines Lebens noch vieles zu lernen haben, allein es wird dies
nur eine Ergänzung und Ausfüllung des Rahmens sein, den die grundsätzlich angenommene
Weltanschauung ihm vorlegt. Sein Lernen wird kein prinzipielles Umlernen mehr sein, sondern ein
Hinzulernen, und seine Anhänger werden nicht das beklommene Gefühl hinunterwürgen müssen, von
ihm bisher falsch unterrichtet worden zu sein, sondern im Gegenteil: das ersichtliche organische
Wachsen des Führers wird ihnen Befriedigung gewähren, da sein Lernen ja nur die Vertiefung ihrer
eigenen Lehre bedeutet. Dies aber ist in ihren Augen ein Beweis für die Richtigkeit ihrer bisherigen
Anschauungen.
[073 Das politische Denken]
Ein Führer, der die Plattform seiner allgemeinen Weltanschauung an sich, weil als falsch erkannt,
verlassen muß, handelt nur dann mit Anstand, wenn er in der Erkenntnis seiner bisherigen fehlerhaften
Einsicht die letzte Folgerung zu ziehen bereit ist. Er muß in einem solchen Falle mindestens der.
öffentlichen Ausübung einer weiteren politischen Betätigung entsagen. Denn da er schon einmal in
grundlegenden Erkenntnissen einem Irrtum verfiel, ist die Möglichkeit auch ein zweites Mal gegeben.
Auf keinen Fall aber hat er noch das Recht, weiterhin das Vertrauen der Mitbürger in Anspruch zu
nehmen oder gar ein solches zu fordern.
Wie wenig nun allerdings heute einem solchen Anstand entsprochen wird, bezeugt nur die allgemeine
Verworfenheit des Packs, das sich zur Zeit berufen fühlt, in Politik zu "machen".
Auserwählt dazu ist von ihnen kaum einer.
Ich hatte mich einst gehütet, irgendwie öffentlich aufzutreten, obwohl ich glaubte, mich mehr mit Politik
beschäftigt zu haben als so viele andere. Nur im kleinsten Kreise sprach ich von dem, was mich
innerlich bewegte oder anzog. Dieses Sprechen im engsten Rahmen hatte viel Gutes für sich: ich lernte
so wohl weniger "reden", dafür aber die Menschen in ihren oft unendlich primitiven Anschauungen und
Einwänden kennen. Dabei schulte ich mich, ohne Zeit und Möglichkeit zu verlieren, zur eigenen
Weiterbildung. Die Gelegenheit dazu war sicher nirgends in Deutschland so günstig wie damals in
Wien.
×
Das allgemeine politische Denken in der alten Donaumonarchie war zunächst seinem Umfange nach
größer und umspannender als im alten Deutschland der gleichen Zeit Teile von Preußen, Hamburg und
die Küste der Nordsee ausgenommen. Ich verstehe nun allerdings unter der Bezeichnung "Österreich" in
diesem Falle jenes Gebiet des großen Habsburgerreiches, das infolge seiner deutschen Besiedelung in
jeglicher Hinsicht nicht nur die historische
[074 Wiens letzter Aufschwung]
Veranlassung der Bildung dieses Staates überhaupt war, sondern das in seiner Bevölkerung auch
ausschließlich jene Kraft aufwies, die diesem politisch so künstlichen Gebilde das innere kulturelle
Leben auf viele Jahrhunderte zu schenken vermochte. Je mehr die Zeit fortschritt, um so mehr war
Bestand und Zukunft dieses Staates gerade von der Erhaltung dieser Keimzelle des Reiches abhängig.
Waren die alten Erblande das Herz des Reiches, daß immer wieder frisches Blut in den Kreislauf des
staatlichen und kulturellen Lebens trieb, dann aber war Wien Gehirn und Wille zugleich.
Schon in ihrer äußeren Aufmachung durfte man dieser Stadt die Kraft zusprechen, in einem solchen
Völkerkonglomerat als einigende Königin zu thronen, um so durch die Pracht der eigenen Schönheit die
bösen Alterserscheinungen des Gesamten vergessen zu lassen.
Mochte das Reich in seinem Innern noch so heftig zucken unter den blutigen Kämpfen der einzelnen
Nationalitäten, das Ausland, und besonders Deutschland, sah nur das liebenswürdige Bild dieser Stadt.
Die Täuschung war um so größer, als Wien in dieser Zeit vielleicht den letzten und größten sichtbaren
Aufschwung zu nehmen schien. Unter der Herrschaft eines wahrhaft genialen Bürgermeisters erwachte
die ehrwürdige Residenz der Kaiser des alten Reiches noch einmal zu einem wundersamen jungen
Leben. Der letzte große Deutsche, den das Kolonistenvolk der Ostmark aus seinen Reihen gebar, zählte
offiziell nicht zu den sogenannten "Staatsmännern"; aber indem dieser Dr. Lueger als Bürgermeister der
"Reichshaupt- und Residenzstadt" Wien eine unerhörte Leistung nach der anderen auf, man darf sagen,
allen Gebieten kommunaler Wirtschafts- und Kulturpolitik hervorzauberte, stärkte er das Herz des
gesamten Reiches und wurde aber diesen Umweg zum größeren Staatsmann, als die sogenannten
"Diplomaten" es alle zusammen damals waren.
Wenn das Völkergebilde, "Österreich" genannt, endlich dennoch zugrunde ging, dann spricht dies nicht
im geringsten gegen die politische Fähigkeit des Deutschtums in der
[075 Das Deutschtum in Österreich]
alten Ostmark, sondern war das zwangsläufige Ergebnis der Unmöglichkeit, mit zehn Millionen
Menschen einen Fünfzig-Millionen-Staat von verschiedenen Nationen auf die Dauer halten zu, können,
wenn eben nicht ganz bestimmte Voraussetzungen rechtzeitig gegeben wurden.
Der Deutschösterreicher dachte mehr als groß.
Er war immer gewohnt, im Rahmen eines großen Reiches zu leben und hatte das Gefühl für die damit
verbundenen Aufgaben nie verloren. Er war der einzige in diesem Staate, der aber die Grenzen des
engeren Kronlandes hinaus noch die Reichsgrenze sah; ja, als das Schicksal ihn schließlich vom
gemeinsamen Vaterlande trennen sollte, da versuchte er immer noch der ungeheuren Aufgabe Herr zu
werden und dem Deutschtum zu erhalten, was die Väter in unendlichen Kämpfen dem Osten einst
abgerungen hatten. Wobei noch zu bedenken ist, daß dies nur noch mit geteilter Kraft geschehen konnte;
denn Herz und Erinnerung der Besten hörten niemals auf, für das gemeinsame Mutterland zu empfinden,
und nur ein Rest blieb der Heimat.
Schon der allgemeine Gesichtskreis des Deutschösterreichers war ein verhältnismäßig weiter. Seine
wirtschaftlichen Beziehungen umfaßten häufig nahezu das ganze vielgestaltige Reich. Fast alle wirklich
großen Unternehmungen befanden sich in seinen Händen, das leitende Personal an Technikern und
Beamten war zum größten Teil von ihm gestellt. Er war aber auch der Träger des Außenhandels, soweit
nicht das Judentum auf diese ureigenste Domäne seine Hand gelegt hatte. Politisch hielt er allein noch
den Staat zusammen. Schon die Dienstzeit beim Heere warf ihn aber die engen Grenzen der Heimat weit
hinaus. Der deutschösterreichische Rekrut rückte wohl vielleicht bei einem deutschen Regiment ein,
allein das Regiment selber konnte ebensogut in der Herzegowina liegen wie in Wien oder Galizien. Das
Offizierskorps war immer noch deutsch, das höhere Beamtentum vorherrschend. Deutsch aber waren
endlich Kunst und Wissenschaft. Abgesehen vom Kitsch der neueren Kunstentwicklung, dessen
Produktion allerdings auch einem Negervolke ohne weiteres
[076 Das Deutschtum in Österreich]
auch einem Negervolke ohne weiteres möglich sein dürfte, war der Besitzer und auch Verbreiter wahrer
Kunstgesinnung nur der Deutsche allein. In Musik, Baukunst, Bildhauerei und Malerei war Wien der
Brunnen, der in unerschöpflicher Fülle die ganze Doppelmonarchie versorgte, ohne jemals selber
sichtlich zu versiegen.
Das Deutschtum war endlich noch der Träger der gesamten Außenpolitik, wenn man von den der Zahl
nach wenigen Ungarn absieht.
Dennoch war jeder Versuch, dieses Reich zu erhalten, vergeblich, da die wesentlichste Voraussetzung
fehlte.
Gür den österreichischen Völkerstaat gab es nur eine Möglichkeit, die zentrifugalen Kräfte bei den
einzelnen Nationen zu überwinden. Der Staat wurde entweder zentral regiert und damit aber auch
ebenso innerlich organisiert, oder er war überhaupt nicht denkbar.
In verschiedenen lichten Augenblicken kam diese Einsicht auch der "Allerhöchsten" Stelle, um aber
zumeist schon nach kurzer Zeit vergessen oder als schwer durchführbar wieder beiseitegetan zu werden.
Jeder Gedanke einer mehr föderativen Ausgestaltung des Reiches mußte zwangsläufig infolge des
Fehlens einer starken staatlichen Keimzelle von überragender Macht fehlschlagen. Dazu kamen noch die
wesentlich anderen inneren Voraussetzungen des österreichischen Staates gegenüber dem Deutschen
Reiche Bismarckscher Fassung. In Deutschland handelte es sich nur darum, politische Tradition zu
überwinden, da kulturell eine gemeinsame Grundlage immer vorlag. Vor allem besaß das Reich, von
kleinen fremden Splittern abgesehen, nur Angehörige eines Volkes.
In Österreich lagen die Verhältnisse umgekehrt.
Hier fiel die politische Erinnerung eigener Größe bei den einzelnen Ländern, von Ungarn abgesehen,
entweder ganz fort, oder sie war vom Schwamm der Zeit gelöscht, mindestens aber verwischt und
undeutlich. Dafür entwickelten sich nun im Zeitalter des Nationalitätenprinzips in den verschiedenen
Ländern völkische Kräfte, deren Überwindung in eben dem Maße schwer werden mußte, als sich am
Rande,
[077 Zentrifugale Kräfte der Völker Österreichs]
der Monarchie Nationalstaaten zu bilden begannen, deren Staatsvölker, rassisch mit den einzelnen
österreichischen Volkssplittern verwandt oder gleich, nunmehr ihrerseits mehr Anziehungskraft
auszuüben vermochten, als dies umgekehrt dem Deutschösterreicher noch möglich war.
Selbst Wien konnte auf die Dauer diesen Kampf nicht mehr bestehen.
Mit der Entwicklung von Budapest zur Großstadt hatte es zum ersten Male eine Rivalin erhalten, deren
Aufgabe nicht mehr die Zusammenfassung der Gesamtmonarchie war, sondern vielmehr die Stärkung
eines Teiles derselben. In kurzer Zeit schon sollte Prag dem Beispiel folgen, dann Lemberg, Laibach
usw. Mit dem Aufstieg dieser einstmaligen Provinzstädte zu nationalen Hauptstädten einzelner Länder
bildeten sich nun auch Mittelpunkte für ein mehr und mehr selbständiges Kulturleben derselben. Erst
dadurch aber erhielten die völkisch-politischen Instinkte ihre geistige Grundlage und Vertiefung. Es
mußte so einmal der Zeitpunkt herannahen, da diese Triebkräfte der einzelnen Völker mächtiger wurden
als die Kraft der gemeinsamen Interessen, und dann war es um Österreich geschehen.
Diese Entwicklung lies sich seit dem Tode Josephs II. in ihrem Laufe sehr deutlich feststellen. Ihre
Schnelligkeit war von einer Reihe von Faktoren abhängig, die zum Teil in der Monarchie selber lagen,
zum anderen Teil daher das Ergebnis der jeweiligen außenpolitischen Stellung des Reiches bildeten.
Wollte man den Kampf für die Erhaltung dieses Staates ernstlich aufnehmen und durchfechten, dann
konnte nur eine ebenso rücksichtslose wie beharrliche Zentralisierung allein zum Ziele führen. Dann
mußte aber vor allem durch die prinzipielle Festlegung einer einheitlichen Staatssprache die rein
formelle Zusammengehörigkeit betont, der Verwaltung aber das technische Hilfsmittel in die Hand
gedrückt werden, ohne das ein einheitlicher Staat nun einmal nicht zu bestehen vermag. Ebenso konnte
nur dann auf die Dauer durch Schule und Unterricht eine einheitliche Staatsgesinnung herangezüchtet
werden. Dies war nicht in zehn oder
[078 Folgen blutsmäßiger Verschiedenheit]
zwanzig Jahren zu erreichen, sondern hier mußte man mit Jahrhunderten rechnen, wie denn überhaupt in
allen kolonisatorischen Fragen der Beharrlichkeit eine größere Bedeutung zukommt als der Energie des
Augenblicks.
Daß dann die Verwaltung sowohl als auch die politische Leitung in strengster Einheitlichkeit zu führen
sind, versteht sich von selbst.
Es war nun für mich unendlich lehrreich, festzustellen, warum dies nicht geschah, oder, besser, warum
man dies nicht getan. Nur der Schuldige an dieser Unterlassung war der Schuldige am Zusammenbruche
des Reiches.
Das alte Österreich war mehr als ein anderer Staat gebunden an die Größe seiner Leitung. Hier fehlte ja
das Fundament des Nationalstaates, der in der völkischen Grundlage immer noch eine Kraft der
Erhaltung besitzt, wenn die Führung als solche auch noch so sehr versagt. Der einheitliche Volksstaat
kann vermöge der natürlichen Trägheit seiner Bewohner und der damit verbundenen Widerstandskraft
manchmal erstaunlich lange Perioden schlechtester Verwaltung oder Leitung ertragen, ohne daran
innerlich zugrunde zu gehen. Es ist dann oft so, als befinde sich in einem solchen Körper keinerlei
Leben mehr, als wäre er tot und abgestorben, bis plötzlich der Totgewähnte sich wieder erhebt und nun
staunenswerte Zeichen seiner unverwüstlichen Lebenskraft der übrigen Menschheit gibt.
Anders aber ist dies bei einem Reiche, das aus nicht gleichen Völkern zusammengesetzt, nicht durch das
gemeinsame Blut, als vielmehr durch eine gemeinsame Faust gehalten wird. Hier wird jede Schwäche
der Leitung nicht zu einem Winterschlaf des Staates führen, sondern zu einem Erwachen all der
individuellen Instinkte Anlaß geben, die blutsmäßig vorhanden sind, ohne sich in Zeiten eines
überragenden Willens entfalten zu können. Nur durch jahrhundertelange gemeinsame Erziehung, durch
gemeinsame Tradition, gemeinsame Interessen usw. kann diese Gefahr gemildert werden. Daher werden
solche Staatsgebilde, je jünger sie sind, um so mehr von der Größe der Führung abhängen, ja als Werk
überragender Gewaltmenschen und
[079 Joseph II.]
Geistesheroen oft schon nach dem Tode des einsamen großen Begründers wieder zerfallen. Aber noch
nach Jahrhunderten können diese Gefahren nicht als überwunden gelten, sie schlummern nur, um oft
plötzlich zu erwachen, sobald die Schwäche der gemeinsamen Leitung und die Kraft der Erziehung, die
Erhabenheit aller Tradition, nicht mehr den Schwung des eigenen Lebensdranges der verschiedenen
Stimme zu überwinden vermag.
Dies nicht begriffen zu haben, ist die vielleicht tragische Schuld des Hauses Habsburg.
Einem einzigen unter ihnen hielt das Schicksal noch einmal die Fackel über die Zukunft seines Landes
empor, dann verlosch sie für immer.
Joseph II., römischer Kaiser der deutschen Nation, sah in fliegender Angst, wie sein Haus, auf die
äußerste Kante des Reiches gedrängt, dereinst im Strudel eines Völkerbabylons verschwinden müßte,
wenn nicht in letzter Stunde das Versäumte der Väter wieder gutgemacht würde. Mit übermenschlicher
Kraft stemmte sich der "Freund der Menschen" gegen die Fahrlässigkeit der Vorfahren und suchte in
einem Jahrzehnt einzuholen, was Jahrhunderte vordem versäumten. Wären ihm nur vierzig Jahre
vergönnt gewesen zu seiner Arbeit und hätten nach ihm auch nur zwei Generationen in gleicher Weise
das begonnene Werk fortgeführt, so würde das Wunder wahrscheinlich gelungen sein. Als er aber nach
kaum zehn Jahren Regierung, zermürbt an Leib und Seele, starb, sank mit ihm auch sein Werk in das
Grab, um, nicht mehr wiedererweckt, in der Kapuzinergruft auf ewig zu entschlafen.
Seine Nachfolger waren der Aufgabe weder geistig noch willensmäßig gewachsen.
Als nun durch Europa die ersten revolutionären Wetterzeichen einer neuen Zeit flammten, da begann
auch Österreich langsam nach und nach Feuer zu fangen. Allein als der Brand endlich ausbrach, da
wurde die Glut schon weniger durch soziale, gesellschaftliche oder auch allgemeine politische Ursachen
angefacht als vielmehr durch Triebkräfte völkischen Ursprungs.
[080 Die Auflösung der Donaumonarchie]
Die Revolution des Jahres 1848 konnte überall Klassenkampf sein, in Österreich jedoch war sie schon
der Beginn eines neuen Rassenstreites. Indem damals der Deutsche, diesen Ursprung vergessend oder
nicht erkennend, sich in den Dienst der revolutionären Erhebung stellte, besiegelte er damit sein eigenes
Los. Er half mit, den Geist der westlichen Demokratie zu erwecken, der in kurzer Zeit ihm die
Grundlagen der eigenen Existenz entzog.
Mit der Bildung eines parlamentarischen Vertretungskörpers ohne die vorhergehende Niederlegung und
Festigung einer gemeinsamen Staatssprache war der Grundstein zum Ende der Vorherrschaft des
Deutschtums in der Monarchie gelegt worden. Von diesem Augenblick an war damit aber auch der Staat
selber verloren. Alles, was nun noch folgte, war nur die historische Abwicklung eines Reiches.
Diese Auflösung zu verfolgen, war ebenso erschütternd wie lehrreich. In tausend und aber tausend
Formen vollzog sich im einzelnen diese Vollstreckung eines geschichtlichen Urteils. Daß ein großer Teil
der Menschen blind durch die Erscheinungen des Zerfalls wandelte, bewies nur den Willen der Götter zu
Österreichs Vernichtung.
Ich will hier nicht in Einzelheiten mich verlieren, da dies nicht die Aufgabe dieses Buches ist. Ich will
nur jene Vorgänge in den Kreis einer gründlicheren Betrachtung ziehen, die als immer gleichbleibende
Ursachen des Verfalles von Völkern und Staaten auch für unsere heutige Zeit Bedeutung besitzen, und
die endlich mithalfen, meiner politischen Denkweise die Grundlagen zu sichern.
×
Unter den Einrichtungen, die am deutlichsten die Zerfressung der österreichischen Monarchie auch dem
sonst nicht mit scharfen Augen gesegneten Spießbürger aufzeigen konnten, befand sich an der Spitze
diejenige, die am meisten Stärke ihr eigen nennen sollte — das Parlament oder, wie es in Österreich
hieß, der Reichsrat.
[081 Der Parlamentarismus]
Ersichtlich war das Muster dieser Körperschaft in England, dem Lande der klassischen "Demokratie",
gelegen. Von dort übernahm man die ganze beglückende Anordnung und setzte sie so unvermindert als
möglich nach Wien.
Im Abgeordneten- und Herrenhaus feierte das englische Zweikammersystem seine Wiederauferstehung.
Nur die "Häuser" selber waren etwas verschieden. Als Barry einst seinen Parlamentspalast aus den
Fluten der Themse her herauswachsen ließ, da griff er in die Geschichte des britischen Weltreichs hinein
und holte sich aus ihr den Schmuck für die 1200 Nischen, Konsolen und Säulen seines Prachtbaues
heraus. In Bildwerk und Malerkunst wurde so das Haus der Lords und des Volkes zum Ruhmestempel
der Nation.
Hier kam die erste Schwierigkeit für Wien. Denn als der Däne Hansen die letzten Giebel am
Marmorhaus der neuen Volksvertretung vollendet hatte, da blieb ihm auch zur Zierde nichts anderes
übrig, als Entlehnungen bei der Antike zu versuchen. Römische und griechische Staatsmänner und
Philosophen verschönern und dieses Theatergebäude der "westlichen Demokratie", und in symbolischer
Ironie ziehen über den zwei Häusern die Quadrigen nach den vier Himmelsrichtungen auseinander, auf
solche Art dem damaligen Treiben im Innern auch nach außen den besten Ausdruck verleihend.
Die "Nationalitäten" hatten es sich als Beleidigung und Provokation verbeten, daß in diesem Werke
österreichische Geschichte verherrlicht würde, so wie man im Reiche selbst ja auch erst unter dem
Donner der Weltkriegsschlachten wagte, den Wallotschen Bau des Reichstages durch Inschrift dem
deutschen Volke zu weihen.
Als ich, noch nicht zwanzig Jahre alt, zum ersten Male in den Prachtbau am Franzensring ging, um als
Zuschauer und Hörer einer Sitzung des Abgeordnetenhauses beizuwohnen, ward ich von den
widerstrebendsten Gefühle erfaßt.
Ich hatte schon von jener das Parlament gehaßt, jedoch durchaus nicht als Institution an sich. Im
Gegenteil, als freiheitlich empfindender Mensch konnte ich mir eine andere
[082 Der Parlamentarismus]
Möglichkeit der Regierung gar nicht vorstellen, denn der Gedanke irgendeiner Diktatur wäre mir bei
meiner Haltung zum Hause Habsburg als Verbrechen wider die Freiheit und gegen jede Vernunft
vorgekommen.
Nicht wenig trug dazu bei, daß mir als jungem Menschen infolge meines vielen Zeitunglesens, ohne daß
ich dies wohl selber ahnte, eine gewisse Bewunderung für das Englische Parlament eingeimpft worden
war, die ich nicht so ohne weiteres zu verlieren vermochte. Die Würde, mit der dort auch das Unterhaus
seinen Aufgaben oblag (wie dies unsere Presse so schön zu schildern verstand), imponierte mir mächtig.
Konnte es denn überhaupt eine erhabenere Form der Selbstregierung eines Volkstums geben?Gerade
deshalb aber war ich ein Feind des österreichischen Parlaments. Ich hielt die Form des ganzen
Auftretens für unwürdig des großen Vorbildes. Nun trat aber noch folgendes hinzu:Das Schicksal des
Deutschtums im österreichischen Staate war abhängig von seiner Stellung im Reichsrat. Bis zur
Einführung des allgemeinen und geheimen Wahlrechts war noch eine, wenn auch unbedeutende
deutsche Majorität im Parlament vorhanden. Schon dieser Zustand war bedenklich, da bei der national
unzuverlässigen Haltung der Sozialdemokratie diese in kritischen, das Deutschtum betreffenden Fragen
um sich nicht die Anhänger in den einzelnen Fremdvölkern abspenstig zu machen — immer gegen die
deutschen Belange auftrat. Die Sozialdemokratie konnte schon damals nicht als deutsche Partei
betrachtet werden. Mit der Einführung des allgemeinen Wahlrechts aber hörte die deutsche
Überlegenheit auch rein ziffernmäßig auf. Nun war der weiteren Entdeutschung des Staates kein
Hindernis mehr im Wege.
Der nationale Selbsterhaltungstrieb ließ mich schon damals aus diesen Grunde eine Volksvertretung
wenig lieben, in der das Deutschtum statt vertreten verraten wurde. Allein dies waren Mängel, die, wie
so vieles andere eben auch, nicht der Sache an sich, sondern dem österreichischen Staate zuzuschreiben
waren. Ich
[083 Der Parlamentarismus]
glaubte früher noch, daß mit einer Wiederherstellung der deutschen Mehrheit in den Vertretungskörpern
zu einer prinzipiellen Stellungnahme dagegen kein Anlaß mehr vorhanden wäre, solange der alte Staat
eben überhaupt noch bestünde.
So also innerlich eingestellt, betrat ich zum ersten Male die ebenso geheiligten wie umstrittenen Räume.
Allerdings waren sie mir nur geheiligt durch die erhabene Schönheit des herrlichen Baues. Ein
hellenisches Wunderwerk auf deutschem Boden.
In wie kurzer Zeit aber war ich empört, als ich das jämmerliche Schauspiel sah, das sich nun unter
meinen Augen abrollte!Es waren einige Hundert dieser Volksvertreter anwesend, die eben zu einer
Frage von wichtiger wirtschaftlicher Bedeutung Stellung zu nehmen hatten.
Mir genügte schon dieser erste Tag, um mich zum Denken auf Wochen hindurch anzuregen.
Der geistige Gehalt des Vorgebrachten lag auf einer wahrhaft niederdrückenden "Höhe", soweit man das
Gerede überhaupt verstehen konnte; denn einige der Herren sprachen nicht deutsch, sondern in ihren
slawischen Muttersprachen oder besser Dialekten. Was ich bis dahin nur aus dem Lesen der Zeitungen
wußte, hatte ich nun Gelegenheit, mit meinen eigenen Ohren zu hören. Eine gestikulierende, in allen
Tonarten durcheinander schreiende, wildbewegte Masse, darüber einen harmlosen alten Onkel, der sich
im Schweiße seines Angesichts bemühte, durch heftiges Schwingen einer Glocke und bald begütigende,
bald ermahnende ernste Zurufe die Würde des Hauses wieder in Fluß zu bringen.
Ich mußte lachen.
Einige Wochen später war ich neuerdings in dem Hause. Das Bild war verändert, nicht zum
Wiedererkennen. Der Saal ganz leer. Man schlief da unten. Einige Abgeordnete waren auf ihren Plätzen
und gähnten sich gegenseitig an, einer "redete". Ein Vizepräsident des Hauses war anwesend und sah
ersichtlich gelangweilt in den Saal.
[084 Der Parlamentarismus]
Die ersten Bedenken stiegen mir auf. Nun lief ich, wenn mir die Zeit nur irgendwie die Möglichkeit bot,
immer wieder hin und betrachtete mir still und aufmerksam das jeweilige Bild, hörte die Reden an,
soweit sie zu verstehen waren, studierte die mehr oder minder intelligenten Gesichter dieser
Auserkorenen der Nationen dieses traurigen Staates — und machte mir dann allmählich meine eigenen
Gedanken.
Ein Jahr dieser ruhigen Beobachtung genügte, um meine frühere Ansicht aber das Wesen dieser
Institution aber auch restlos zu ändern oder zu beseitigen. Mein Inneres nahm nicht mehr Stellung gegen
die mißgestaltete Form, die dieser Gedanke in Österreich angenommen hatte; nein, nun konnte ich das
Parlament als solches nicht mehr anerkennen. Bis dahin sah ich das Unglück des österreichischen
Parlaments im Fehlen einer deutschen Majorität, nun aber sah ich das Verhängnis in der ganzen Art und
dem Wesen dieser Einrichtung überhaupt.
Eine ganze Reihe von Fragen stieg mir damals auf.
Ich begann mich mit dem demokratischen Prinzip der Mehrheitsbestimmung, als der Grundlage dieser
ganzen Einrichtung, vertraut zu machen, schenkte aber auch nicht weniger Aufmerksamkeit den
geistigen und moralischen Werten der Herren, die als Auserwählte der Nationen diesem Zwecke dienen
sollten.
So lernte ich Institutionen und Träger derselben zugleich kennen.
Im Verlauf einiger Jahre bildete sich mir dann in Erkenntnis und Einsicht der Typ der würdevollsten
Erscheinung der neueren Zeit in plastischer Deutlichkeit aus: der Parlamentarier. Er begann sich mir
einzuprägen in einer Form, die niemals mehr einer wesentlichen Änderung unterworfen wurde.
Auch dieses Mal hatte mich der Anschauungsunterricht der praktischen Wirklichkeit davor bewahrt, in
einer Theorie zu ersticken, die auf den ersten Blick so vielen verführerisch erscheint, die aber
nichtsdestoweniger zu den Verfallserscheinungen der Menschheit zu rechnen ist.
[085 Der Parlamentarismus]
Die Demokratie des heutigen Westens ist der Vorläufer des Marxismus, der ohne sie gar nicht denkbar
wäre. Sie gibt erst dieser Weltpest den Nährboden, auf dem sich dann die Seuche auszubreiten vermag.
In ihrer äußeren Ausdrucksform, dem Parlamentarismus, schuf sie sich noch eine "Spottgeburt aus
Dreck und Feuer", bei der mir nur leider das "Feuer" im Augenblick ausgebrannt zu sein scheint.
Ich muß dem Schicksal mehr als dankbar sein, daß es mir auch diese Frage noch in Wien zur Prüfung
vorlegte, denn ich fürchte, daß ich mir in Deutschland damals die Antwort zu leicht gemacht haben
würde. Hätte ich die Lächerlichkeit dieser Institution, "Parlament" genannt, zuerst in Berlin
kennengelernt, so würde ich vielleicht in das Gegenteil verfallen sein und mich, nicht ohne scheinbar
guten Grund, auf die Seite derjenigen gestellt haben, die des Volkes und Reiches Heil in der
ausschließlichen Förderung der Macht des Kaisergedankens allein erblickten und so der Zeit und den
Menschen dennoch fremd und blind zugleich gegenüberstanden.
In Österreich war dies unmöglich.
Hier konnte man nicht so leicht von einem Fehler in den anderen verfallen. Wenn das Parlament nichts
taugte, dann taugten die Habsburger noch viel weniger — auf gar keinen Fall mehr. Mit der Ablehnung
des "Parlamentarismus" war es hier allein nicht getan; denn dann blieb immer noch die Frage offen: Was
nun? Die Ablehnung und Beseitigung des Reichsrates würde als einzige Regierungsgewalt ja nur das
Haus Habsburg übriggelassen haben, ein besonders für mich ganz unerträglicher Gedanke.
Die Schwierigkeit dieses besonderen Falles führte mich zu einer gründlicheren Betrachtung des
Problems an sich, als dies sonst wohl in so jungen Jahren eingetreten wäre.
Was nur zuallererst und am allermeisten zu denken gab, war das ersichtliche Fehlen jeder
Verantwortlichkeit einer einzelnen Person.
Das Parlament fast irgendeinen Beschluß, dessen Folgen noch so verheerend sein mögen niemand trägt
dafür eine
[086 Der Mangel an Verantwortung]
Verantwortung, niemand kann je zur Rechenschaft gezogen werden. Denn heißt dies etwa
Verantwortung übernehmen, wenn nach einem Zusammenbruch sondergleichen die schuldige Regierung
zurücktritt? Oder die Koalition sich ändert, ja das Parlament sich auflöst?
Kann denn überhaupt eine schwankende Mehrheit von Menschen jemals verantwortlich gemacht
werden?
Ist denn nicht der Gedanke jeder Verantwortlichkeit an die Person gebunden?
Kann man aber praktisch die leitende Person einer Regierung haftbar machen für Handlungen, deren
Werden und Durchführung ausschließlich auf das Konto des Wollens und der Geneigtheit einer Vielheit
von Menschen zu sehen sind?
Oder: Wird nicht die Aufgabe des leitenden Staatsmannes, statt in der Geburt des schöpferischen
Gedankens oder Planes an sich, vielmehr nur in der Kunst gesehen, die Genialität seiner Entwürfe einer
Hammelherde von Hohlköpfen verständlich zu machen, um dann deren gütige Zustimmung zu
erbetteln?Ist dies das Kriterium des Staatsmannes, daß er die Kunst der Überredung in ebenso hohem
Maße besitze wie die der staatsmännischen Klugheit im Fassen großer Richtlinien oder Entscheidungen?
Ist die Unfähigkeit eines Führers dadurch bewiesen, daß es ihm nicht gelingt, die Mehrheit eines durch
mehr oder minder saubere Zufälle zusammengebeulten Haufens für eine bestimmte Idee zu gewinnen?
Ja, hat denn dieser Haufe überhaupt schon einmal eine Idee begriffen, ehe der Erfolg zum Verkünder
ihrer Größe wurde?
Ist nicht jede geniale Tat auf dieser Welt der sichtbare Protest des Genies gegen die Trägheit der Masse?
Was aber soll der Staatsmann tun, dem es nicht gelingt, die Gunst dieses Haufens für seine Pläne zu
erschmeicheln?
Soll er sie erkaufen?
Oder soll er angesichts der Dummheit seiner Mitbürger auf die Durchführung der als
Lebensnotwendigkeit er-

[087 Die Zerstörung des Führergedankens]
kannten Aufgaben verzichten, sich zurückziehen, oder soll er dennoch bleiben?
Kommt nicht in einem solchen Falle der wirkliche Charakter in einen unlösbaren Konflikt zwischen
Erkenntnis und Anstand oder, besser gesagt, ehrlicher Gesinnung?Wo liegt hier die Grenze, die die
Pflicht der Allgemeinheit gegenüber scheidet von der Verpflichtung der persönlichen Ehre?Muß nicht
jeder wahrhaftige Führer es sich verbitten, auf solche Weise zum politischen Schieber degradiert zu
werden? Und muß nicht umgekehrt jeder Schieber sich nun berufen fühlen, in Politik zu "machen", da
die letzte Verantwortung niemals er, sondern irgend ein unfaßbarer Haufe zu tragen hat?Muß nicht unser
parlamentarisches Mehrheitsprinzip zur Demolierung des Führergedankens überhaupt führen?
Glaubt man aber, daß der Fortschritt dieser Welt etwa aus dem Gehirn von Mehrheiten stammt und nicht
aus den Köpfen einzelner?
Oder vermeint man, vielleicht für die Zukunft dieser Voraussetzung menschlicher Kultur entbehren zu
können? Scheint sie nicht im Gegenteil heute nötiger zu sein als je?
Indem das parlamentarische Prinzip der Majoritätsbestimmung die Autorität der Person ablehnt und an
deren Stelle die Zahl des jeweiligen Haufens setzt, sündigt es wider den aristokratischen Grundgedanken
der Natur, wobei allerdings deren Anschauung vom Adel in keinerlei Weise etwa in der heutigen
Dekadenz unserer oberen Zehntausend verkörpert zu sein braucht.
Welche Verwüstungen diese Einrichtung moderner demokratischer Parlamentsherrschaft anrichtet, kann
sich freilich der Leser jüdischer Zeitungen schwer vorstellen, sofern er nicht selbständig denken und
prüfen gelernt hat. Sie ist in erster Linie der Anlaß für die unglaubliche Überschwemmung des gesamten
politischen Lebens mit den minderwertigsten Erscheinungen unserer Tage. So sehr sich der
[088 Die Ausschaltung von Köpfen]
wahrhaftige Führer von einer politischen Betätigung zurückziehen wird, die zu ihrem größten Teile nicht
in schöpferischer Leistung und Arbeit bestehen kann, als vielmehr im Feilschen und Handeln um die
Gunst einer Mehrheit, so sehr wird gerade diese Tätigkeit dem kleinen Geist entsprechen und diesen
mithin auch anziehen.
Je zwergenhafter ein solcher Lederhändler heute an Geist und Können ist, je klarer ihm die eigene
Einsicht die Jämmerlichkeit seiner tatsächlichen Erscheinung zum Bewußtsein bringt, um so mehr wird
er ein System preisen, das von ihm gar nicht die Kraft und Genialität eines Riesen verlangt, sondern
vielmehr mit der Pfiffigkeit eines Dorfschulzen vorlieb nimmt, ja, eine solche Art von Weisheit lieber
sieht als die eines Perikles. Dabei braucht solch ein Tropf sich nie mit der Verantwortung seines
Wirkens abzuquälen. Er ist dieser Sorge schon deshalb gründlich enthoben, da er ja genau weiß, daß,
ganz gleich, wie immer auch das Ergebnis seiner "staatsmännischen" Murkserei sein wird, sein Ende ja
doch schon längst in den Sternen verzeichnet steht: er wird eines Tages einem anderen, ebenso großen
Geist den Platz zu räumen haben. Denn dies ist mit ein Kennzeichen eines solchen Verfalls, daß die
Menge großer Staatsmänner in eben dem Maße zunimmt, in dem der Maßstab des einzelnen
zusammenschrumpft. Er wird aber mit zunehmender Abhängigkeit von parlamentarischen Mehrheiten
immer kleiner werden müssen, da sowohl die großen Geister es ablehnen werden, die Büttel blöder
Nichtskönner und Schwätzer zu sein, wie umgekehrt die Repräsentanten der Majorität, das ist also der
Dummheit, nichts inständiger hassen als den überlegenen Kopf.
Es ist immer ein tröstliches Gefühl für solch eine Ratsversammlung Schildaer Stadtverordneter, einen
Führer an der Spitze zu wissen, dessen Weisheit dem Niveau der Anwesenden entspricht: hat doch so
jeder die Freude, von Zeit zu Zeit auch seinen Geist dazwischen blitzen lassen zu können und vor allem
aber, wenn Hinze Meister sein kann, warum dann nicht auch einmal Peter?
[089 Die Ausschaltung von Köpfen]
Am innigsten entspricht diese Erfindung der Demokratie aber einer Eigenschaft, die in letzter Zeit zu
einer wahren Schande ausgewachsen ist, nämlich der Feigheit eines großen Teils unseres sogenannten
"Führertums". Welch ein Glück, sich in allen wirklichen Entscheidungen von einiger Bedeutung hinter
den Rockschößen einer sogenannten Majorität verstecken zu können! Man sehe sich nur solch einen
politischen Strauchdieb einmal an, wie er besorgt zu jeder Verrichtung sich die Zustimmung der
Mehrheit erbettelt, um sich so die notwendigen Spießgesellen zu sichern und damit jederzeit die
Verantwortung abladen zu können. Dies aber ist mit der Hauptgrund, warum eine solche Art von
politischer Betätigung einem innerlich anständigen und damit aber auch mutigen Mann widerlich und
verhaßt ist, wahrend es alle elenden Charaktere und wer nicht für seine Handlung persönlich auch die
Verantwortung übernehmen will, sondern nach Deckung sucht, ist ein feiger Lump — anzieht. Sowie
aber erst einmal die Leiter einer Nation aus solchen Jämmerlingen bestehen, dann wird sich dies schon
in kurzer Zeit böse rächen. Man wird dann zu keiner entschlossenen Handlung mehr den Mut
aufbringen, wird jede, auch noch so schmähliche Entehrung lieber hinnehmen, als sich zu einem
Entschlusse aufzuraffen; ist doch niemand mehr da, der von sich aus bereit ist, seine Person und seinen
Kopf für die Durchführung einer rücksichtslosen Entscheidung einzusetzen.
Denn eines soll und darf man nie vergessen: Die Majorität kann auch hier den Mann niemals ersetzen.
Sie ist nicht nur immer eine Vertreterin der Dummheit, sondern auch der Feigheit. Und so wenig hundert
Hohlköpfe einen Weisen ergeben, so wenig kommt ans hundert Feiglingen ein heldenhafter Entschluß.
Je leichter aber die Verantwortung des einzelnen Führers ist, um so mehr wird die Zahl derjenigen
wachsen, die selbst bei jämmerlichsten Ausmaßen sich berufen fühlen werden, ebenfalls der Nation ihre
unsterblichen Kräfte zur Verfügung zu stellen. ja, sie werden es gar nicht mehr er-
[090 Die Ausschaltung von Köpfen]
warten können, endlich einmal auch an die Reihe zu kommen; sie stehen an in einer langen Kolonne und
zählen mit schmerzlichem Bedauern die Zahl der vor ihnen Wartenden und rechnen die Stunde fast aus,
die menschlichem Ermessen nach sie zum Zuge bringen wird. Daher ersehnen sie jeden Wechsel in dem
ihnen vorschwebenden Amte und sind dankbar für jeden Skandal, der die Reihe vor ihnen lichtet. Will
jedoch einmal einer nicht von der eingenommenen Stelle wieder weichen, so empfinden sie dies fast als
Bruch eines heiligen Abkommens gemeinsamer Solidarität. Dann werden sie bösartig und ruhen nicht
eher, als bis der Unverschämte, endlich gestürzt, seinen warmen Platz der Allgemeinheit wieder zur
Verfügung stellt. Er wird dafür nicht so schnell wieder an diese Stelle gelangen. Denn sowie eine dieser
Kreaturen ihren Posten aufzugeben gezwungen ist, wird sie sich sofort wieder in die allgemeine Reihe
der Wartenden einzuschieben versuchen, sofern nicht das dann anhebende Geschrei und Geschimpfe der
anderen sie davon abhält.
Die Folge von dem allem ist der erschreckend schnelle Wechsel in den wichtigsten Stellen und Ämtern
eines solchen Staatswesens, ein Ergebnis, das in jedem Falle ungünstig manchmal aber geradezu
katastrophal wirkt. Denn nun wird ja nicht nur der Dummkopf und Unfähige dieser Sitte zum Opfer
fallen, sondern noch mehr der wirkliche Führer, wenn das Schicksal einen solchen an diese Stelle Zu
setzen überhaupt noch fertigbringt. Sowie man nur einmal dieses erkannt hat, wird sich sofort eine
geschlossene Front zur Abwehr bilden, besonders wenn ein solcher Kopf, ohne aus den eigenen Reihen
zu stammen, dennoch sich untersteht, in diese erhabene Gesellschaft einzudringen. Man will da
grundsatzlich nur unter sich sein und haßt als gemeinsamen Feind jeden Schädel, der unter den Nullen
etwa einen Einser ergeben könnte. Und in dieser Richtung ist der Instinkt um so schärfer, je mehr er
auch in allen anderen fehlen mag.
So wird die Folge eine immer mehr um sich greifende geistige Verarmung der führenden Schichten sein.
Was da[
091 Die Ausschaltung von Köpfen]
bei für die Nation und den Staat herauskommt, kann jeder selbst ermessen, soweit er nicht persönlich zu
dieser Sorte von "Führern" gehört.
Das alte Österreich besaß das parlamentarische Regiment bereits in Reinkultur.
Wohl wurden die jeweiligen Ministerpräsidenten vom Kaiser und König ernannt, allein schon diese
Ernennung war nichts anderes als die Vollstreckung parlamentarischen Wollens. Das Feilschen und
Handeln aber um die einzelnen Ministerposten war schon westliche Demokratie von reinstem Wasser.
Die Ergebnisse entsprachen auch den angewandten Grundsätzen. Besonders der Wechsel der einzelnen
Persönlichkeiten trat schon in immer kürzeren Fristen ein, um endlich zu einem wahrhaften Jagen zu
werden. In demselben Maße sank die Größe der jeweiligen "Staatsmänner" immer mehr zusammen, bis
endlich überhaupt nur jener kleine Typ von parlamentarischen Schiebern übrigblieb, deren
staatsmännischer Wert nur mehr nach ihrer Fähigkeit gemessen und anerkannt wurde, mit der es ihnen
gelang, die jeweiligen Koalitionen zusammenzukleistern, also jene kleinsten politischen
Handelsgeschäfte durchzuführen, die ja allein die Eignung dieser Volksvertreter für praktische Arbeit zu
begründen vermögen.
So konnte einem die Wiener Schule auf diesem Gebiete die besten Einblicke vermitteln.
Was mich nicht weniger anzog, war der Vergleich zwischen dem vorhandenen Können und Wissen
dieser Volksvertreter und den Aufgaben, die ihrer harrten. Freilich mußte man sich dann aber, man
mochte wollen oder nicht, mit dem geistigen Horizont dieser Auserwählten der Völker selber näher
beschäftigen, wobei es sich dann gar nicht mehr umgehen ließ, auch den Vorgängen, die zur Entdeckung
dieser Prachterscheinungen unseres öffentlichen Leben führen, die nötige Beachtung zu schenken.
Auch die Art und Weise, in der das wirkliche Können dieser Herren in den Dienst des Vaterlandes
gestellt und angewendet wurde, also der technische Vorgang ihrer Be-
[092 Die "Öffentliche Meinung"]
tätigung war wert, gründlich untersucht und geprüft zu werden.
Das gesamte Bild des parlamentarischen Lebens ward dann um so jämmerlicher, je mehr man sich
entschloß, in diese inneren Verhältnisse einzudringen, Personen und sachliche Grundlagen mit
rücksichtslos scharfer Objektivität zu studieren. Ja, dies ist sehr angezeigt einer Institution gegenüber,
die sich veranlaßt sieht, durch ihre Träger in jedem zweiten Satz auf "Objektivität" als die einzige
gerechte Grundlage zu jeglicher Prüfung und Stellungnahme überhaupt hinzuweisen. Man prüfe diese
Herren selber und die Gesetze ihres bitteren Daseins, und man wird aber das Ergebnis nur staunen.
Es gibt gar kein Prinzip, das, objektiv betrachtet, so unrichtig ist wie das parlamentarische.
Man darf dabei noch ganz absehen von der Art, in der die Wahl der Herren Volksvertreter stattfindet,
wie sie überhaupt zu ihrem Amte und zu ihrer neuen Würde gelangen. Daß es sich hierbei nur zu einem
wahrhaft winzigen Bruchteil um die Erfüllung eines allgemeinen Wunsches oder gar eines Bedürfnisses
handelt, wird jedem sofort einleuchten, der sich klarmacht, daß das politische Verständnis der breiten
Masse gar nicht so entwickelt ist, um von sich aus zu bestimmten allgemein politischen Anschauungen
zu gelangen und die dafür in Frage kommenden Personen auszusuchen.
Was wir immer mit dem Worte "öffentliche Meinung" bezeichnen, beruht nur zu einem kleinsten Teile
auf selbstgewonnenen Erfahrungen oder gar Erkenntnissen der einzelnen, zum größten Teil dagegen auf
der Vorstellung, die durch eine oft ganz unendlich eindringliche und beharrliche Art von sogenannter
"Aufklärung" hervorgerufen wird.
So wie die konfessionelle Einstellung das Ergebnis der Erziehung ist und nur das religiöse Bedürfnis an
sich im Innern des Menschen schlummert, so stellt auch die politische Meinung der Masse nur das
Endresultat einer manchmal ganz unglaublich zähen und gründlichen Bearbeitung von Seele und
Verstand dar.
[093 Die "Öffentliche Meinung"]
Der weitaus gewaltigste Anteil an, der politischen "Erziehung", die man in diesem Falle mit dem Wort
Propaganda sehr treffend bezeichnet, fällt auf das Konto der Presse. Sie besorgt in erster Linie diese
"Aufklärungsarbeit" und stellt damit eine Art von Schule für die Erwachsenen dar. Nun liegt dieser
Unterricht nicht in der Hand des Staates, sondern in den Klauen von zum Teil höchst minderwertigen
Kräften. Ich hatte gerade in Wien schon als junger Mensch die allerbeste Gelegenheit, Inhaber und
geistige Fabrikanten dieser Massenerziehungsmaschine richtig kennenzulernen. Ich mußte im Anfang
staunen, in wie kurzer Zeit es dieser schlimmen Großmacht im Staate möglich wurde, eine bestimmte
Meinung zu erzeugen, auch wenn es sich dabei um die vollständige Umfälschung sicher vorhandener
innerer Wünsche und Anschauungen der Allgemeinheit handeln mochte. In wenigen Tagen war da aus
einer lächerlichen Sache eine bedeutungsvolle Staatsaktion gemacht, während umgekehrt zu gleicher
Zeit lebenswichtige Probleme dem allgemeinen Vergessen anheimfielen, besser aber einfach aus dem
Gedächtnis und der Erinnerung der Masse gestohlen wurden.
So gelang es, im Verlaufe weniger Wochen Namen aus dem Nichts hervorzuzaubern, unglaubliche
Hoffnungen der breiten Öffentlichkeit an sie zu knüpfen, ja ihnen Popularität zu verschaffen, die dem
wirklich bedeutenden Manne oft in seinem ganzen Leben nicht zuteil zu werden vermag; Namen, die
dabei noch vor einem Monat überhaupt kein Mensch aber auch nur dem Hören nach kannte, wahrend in
der gleichen Zeit alte, bewährte Erscheinungen des staatlichen oder sonstigen öffentlichen Lebens bei
bester Gesundheit einfach für die Mitwelt abstarben oder mit solch elenden Schmähungen überhäuft
wurden, daß ihr Name in kurzem drohte, zum Symbol einer ganz bestimmten Niedertracht oder
Schurkerei zu werden. Man muß diese infame jüdische Art, ehrlichen Menschen mit einem Male und
wie auf Zauberspruch zugleich von hundert und aller hundert Stellen aus die Schmutzkübel niedrigster
Verleumdungen und Ehrabschneidungen aber das saubere Kleid
[094 Die "Öffentliche Meinung"]
zu gießen, studieren, um die ganze Gefahr dieser Presselumpen richtig würdigen zu können.
Es gibt dann nichts, das solch einem geistigen Raubritter nicht passend wäre, um zu seinen sauberen
Zielen zu kommen.
Er wird dann bis in die geheimsten Familienangelegenheiten hineinschnüffeln und nicht eher ruhen, als
bis sein Trüffelsuchinstinkt irgendeinen armseligen Vorfall aufstöbert, der dann bestimmt ist, dem
unglücklichen Opfer den Garaus zu machen. Findet sich aber weder im öffentlichen noch im privaten
Leben selbst bei gründlichstem Abriechen rein gar nichts, dann greift so ein Bursche einfach zur
Verleumdung in der festen Überzeugung, daß nicht nur an und für sich auch bei tausendfältigem
Widerrufe doch immer etwas hängen bleibt, sondern daß infolge der hundertfachen Wiederholung, die
die Ehrabschneidung durch alle seine sonstigen Spießgesellen sofort findet, ein Kampf des Opfers
dagegen in den meisten Fällen gar nicht möglich ist; wobei aber dieses Lumpenpack niemals etwa aus
Motiven, wie sie vielleicht bei der anderen Menschheit glaubhaft oder wenigstens verständlich waren,
etwas unternimmt. Gott bewahre! Indem so ein Strolch die liebe Mitwelt in der schurkenhaftesten Weise
angreift, hüllt sich dieser Tintenfisch in eine wahre Wolke von Biederkeit und salbungsvollen Phrasen,
schwatzt von "journalistischer Pflicht" und ähnlichem verlogenem Zeug, ja versteigt sich sogar noch
dazu, bei Tagungen und Kongressen, also Anlässen, die diese Plage in größerer Zahl beisammensehen,
von einer ganz besonderen, nämlich der journalistischen "Ehre" zu salbadern, die sich das versammelte
Gesindel dann gravitätisch gegenseitig bestätigt.
Dieses Pack aber fabriziert zu mehr als zwei Dritteln die sogenannte "öffentliche Meinung", deren
Schaum dann die parlamentarische Aphrodite entsteigt.
Um dieses Verfahren richtig zu schildern und in seiner ganzen verlogenen Unwahrhaftigheit
darzustellen, müßte man Bände schreiben. Allein, auch wenn man von dem ganz absieht und nur das
gegebene Produkt samt seiner
[095 Das Mehrheitsprinzip]
Tätigkeit betrachtet, so scheint mir dies genügend, um den objektiven Irrsinn dieser Einrichtung auch für
das strenggläubige Gemüt aufdämmern zu lassen.
Man wird diese ebenso unsinnige wie gefährliche menschliche Verwirrung am ehesten und auch am
leichtesten verstehen, sobald man den demokratischen Parlamentarismus in Vergleich bringt mit einer
wahrhaften germanischen Demokratie.
Das Bemerkenswerte des ersteren liegt darin, daß eine Zahl von sagen wir fünfhundert Männern oder in
letzter Zeit auch Frauen gewählt wird, denen nun in allem und jedem die endgültige Entscheidung zu
treffen obliegt. Sie sind so praktisch allein die Regierung; denn wenn auch von ihnen ein Kabinett
gewählt wird, das nach außen hin die Leitung der Staatsgeschäfte vornimmt, so ist dies trotzdem nur
zum Scheine da. In Wirklichkeit kann diese sogenannte Regierung nicht einen Schritt tun, ohne sich
nicht vorher erst die Genehmigung von der allgemeinen Versammlung geholt zu haben. Sie ist aber
damit auch für gar nichts verantwortlich zu machen, da die letzte Entscheidung ja niemals bei ihr liegt,
sondern bei der Majorität des Parlaments. Sie ist in jedem Falle nur die Vollstreckerin des jeweiligen
Mehrheitswillens. Man könnte ihre politische Fähigkeit eigentlich nur beurteilen nach der Kunst, mit der
sie es versteht, sich entweder dem Willen der Mehrheit anzupassen oder die Mehrheit zu sich
herüberzuziehen. Sie sinkt damit aber von der Höhe einer tatsächlichen Regierung herunter zu einer
Bettlerin gegenüber der jeweiligen Majorität. Ja, ihre vordringlichste Aufgabe hat nun überhaupt nur
mehr darin zu bestehen, von Fall zu Fall sich entweder die Gunst der bestehenden Mehrheit zu sichern
oder die Bildung einer besser geneigten neuen zu übernehmen. Gelingt dies, dann darf sie wieder eine
kleine Zeit weiter "regieren", gelingt es nicht, dann kann sie gehen. Die Richtigkeit ihrer Absichten an
und für sich spielt dabei gar keine Rolle.
Damit aber wird jede Verantwortlichkeit praktisch ausgeschaltet.
[096 Das Mehrheitsprinzip]
Zu welchen Folgen dies führt, geht schon aus einer ganz einfachen Betrachtung hervor:Die innere
Zusammensetzung der fünfhundert gewählten Volksvertreter nach Beruf oder gar nach den Fähigkeiten
der einzelnen ergibt ein ebenso zerrissenes wie meist auch noch kümmerliches Bild. Denn man wird
doch nicht etwa glauben, daß diese Auserwählten der Nation auch ebenso Auserwählte des Geistes oder
auch nur des Verstandes sind! Man wird hoffentlich nicht meinen, daß aus den Stimmzetteln einer alles
eher als geistreichen Wählerschaft die Staatsmänner gleich zu hunderten herauswachsen. Überhaupt
kann man dem Unsinn gar nicht scharf genug entgegentreten, daß aus allgemeinen Wahlen Genies
geboren werden. Zum ersten gibt es in einer Nation nur alle heiligen Zeiten einmal einen wirklichen
Staatsmann und nicht gleich an die hundert und mehr auf einmal; und zum zweiten ist die Abneigung
der Masse gegen jedes überragende Genie eine geradezu instinktive. Eher geht auch ein Kamel durch ein
Nadelöhr, ehe ein großer Mensch durch eine Wahl "entdeckt" wird.
Was wirklich aber das Normalmaß des breiten Durchschnitts hinausragt, pflegt sich in der
Weltgeschichte meistens persönlich anzumelden.
So aber stimmen fünfhundert Menschen von mehr als bescheidenen Ausmaßen über die wichtigsten
Belange der Nation ab, setzen Regierungen ein, die sich dann selber wieder in jedem einzelnen Falle und
jeder besonderen Frage die Zustimmung der erlauchten Ratsversammlung zu holen haben, mithin wird
also, tatsächlich die Politik von fünfhundert gemacht.
Und danach sieht sie auch meistens aus.
Aber selbst die Genialität dieser Volksvertreter ganz aus dem Spiele gelassen, bedenke man doch, welch
verschiedener Art die Probleme sind, die einer Erledigung harren, auf welch auseinanderliegenden
Gebieten Lösungen und Entscheidungen getroffen werden müssen, und man wird wohl begreifen, wie
untauglich hierzu eine Regierungseinrichtung sein muß, die das letzte Bestimmungsrecht einer
[097 Das Mehrheitsprinzip]
Massenversammlung von Menschen überträgt, von der immer nur ein ganz winziger Bruchteil
Kenntnisse und Erfahrung in der zur Behandlung stehenden Angelegenheit besitzt. Die wichtigsten
wirtschaftlichen Maßnahmen werden so einem Forum unterbreitet, das nur zu einem Zehntel seiner
Mitglieder wirtschaftliche Vorbildung aufzuweisen hat. Das heißt aber doch nichts anderes, als die letzte
Entscheidung in einer Sache in die Hände von Männern legen, denen jegliche Voraussetzung hierzu
vollkommen fehlt.
So ist es aber mit jeder anderen Frage auch. Immer wird durch eine Mehrheit von Nichtswissern und
Nichtskönnern der Ausschlag gegeben werden, da ja die Zusammensetzung dieser Einrichtung
unverändert bleibt, während sich die zur Behandlung stehenden Probleme auf fast alle Gebiete des
öffentlichen Lebens erstrecken, mithin einen dauernden Wechsel der über sie urteilenden und
bestimmenden Abgeordneten voraussetzen werden. Es ist doch unmöglich, über
Verkehrsangelegenheiten dieselben Menschen verfügen zu lassen wie, sagen wir, über eine Frage hoher
Außenpolitik. Es müßten dies anders denn lauter Universalgenies sein, wie sie in Jahrhunderten kaum
einmal in wirkliche Erscheinung treten. Leider handelt es sich hier aber zumeist überhaupt um keine
"Köpfe", sondern um ebenso beschrankte wie eingebildete und aufgeblasene Dilettanten, geistige
Halbwelt übelster Sorte. Daher kommt auch die so oft unverständliche Leichtsinnigkeit, mit der diese
Herrschaften über Dinge reden und beschließen, die selbst den größten Geistern sorgenvolle Überlegung
bereiten würden. Maßnahmen von der schwersten Bedeutung für die Zukunft eines ganzen Staates, ja
einer Nation werden da getroffen, als ob eine ihnen sicher besser zustehende Partie Schafkopf oder
Tarock auf dem Tisch läge und nicht das Schicksal einer Rasse.
Nun wäre es sicher ungerecht, zu glauben, daß jeder der Abgeordneten eines solchen Parlaments von
sich aus schon immer mit so geringen Gefühlen für Verantwortung behaftet gewesen sei.
[098 Das Verderben des Charakters]
Nein, durchaus nicht.
Aber indem dieses System den einzelnen zwingt, zu solchen ihm gar nicht liegenden Fragen Stellung zu
nehmen, verdirbt es allmählich den Charakter. Keiner wird den Mut aufzubringen vermögen, zu
erklären: "Meine Herren, ich glaube, wir verstehen von dieser Angelegenheit nichts. Ich persönlich
wenigstens auf keinen Fall." (Im übrigen würde dies auch nur wenig ändern, denn sicher bliebe diese
Art von Aufrichtigkeit nicht nur gänzlich unverstanden, sondern man ließe sich auch wohl kaum durch
solch einen ehrlichen Esel das allgemeine Spiel verderben.) Wer die Menschen nun aber kennt, wird
begreifen, daß in einer so illustren Gesellschaft nicht gerne einer der Dümmste sein möchte, und in
gewissen Kreisen ist Ehrlichkeit immer gleichbedeutend mit Dummheit.
So wird auch der zunächst noch ehrenhafte Vertreter zwangsläufig in diese Bahn der allgemeinen
Verlogenheit und Betrügerei geworfen. Gerade die Überzeugung, daß das Nichtmittun eines einzelnen
an der Sache an und für sich gar nichts ändern würde, tötet jede ehrliche Regung, die dem einen oder
anderen etwa noch aufsteigen mag. Er wird sich zum Schlusse noch einreden, daß er persönlich noch
lange nicht der Schlechteste unter den anderen sei und durch sein Mittun nur vielleicht Ärgeres verhüte.
Greilich wird man den Einwand bringen, daß allerdings der einzelne Abgeordnete in dieser oder jener
Sache kein besonderes Verständnis besitze, über seine Stellungnahme ja von der Fraktion als Leiterin
der Politik des betreffenden Herrn doch beraten werde; diese habe ihre besonderen Ausschüsse, die von
Sachverständigen ohnehin mehr als genügend erleuchtet würden.
Dies scheint auf den ersten Blick zu stimmen. Aber die Frage wäre doch dann die: Warum wählt man
fünfhundert, wenn doch nur einige die nötige Weisheit zur Stellungnahme in den wichtigsten Belangen
besitzen?Ja, darin liegt eben des Pudels Kern.
Es ist nicht das Ziel unseres heutigen demokratischen Parlamentarismus, etwa eine Versammlung von
Weisen
[099 Die jüdische Demokratie]
zu bilden, als vielmehr eine Schar geistig abhängiger Nullen zusammenzustellen, deren Leitung nach
bestimmten Richtlinien um so leichter wird, je größer die persönliche Beschränktheit des einzelnen ist.
Nur so kann Parteipolitik im heutigen üblen Sinne gemacht werden. Nur so aber ist es auch möglich, daß
der eigentliche Drahtzieher immer vorsichtig im Hintergrund zu bleiben vermag, ohne jemals persönlich
zur Verantwortung gezogen werden zu können. Denn nun wird jede der Nation auch noch so schädliche
Entscheidung ja nicht auf das Konto eines aller sichtbaren Lumpen kommen, sondern auf die Schultern
einer ganzen Fraktion abgeladen werden.
Damit aber fallt jede praktische Verantwortung weg, denn diese kann nur in der Verpflichtung einer
einzelnen Person liegen und nicht in der einer parlamentarischen Schwätzervereinigung.
Diese Einrichtung kann nur den allerverlogensten und zugleich besonders das Tageslicht scheuenden
Schliefern lieb und wert sein, während sie jedem ehrlichen, geradlinigen, zur persönlichen
Verantwortung bereiten Kerl verhaßt sein muß.
Daher ist diese Art von Demokratie auch das Instrument derjenigen Rasse geworden, die ihren inneren
Zielen nach die Sonne zu scheuen hat, jetzt und in allen Zeiten der Zukunft. Nur der Jude kann eine
Einrichtung preisen, die schmutzig und unwahr ist wie er selber.
×
Dem steht gegenüber die wahrhaftige germanische Demokratie der freien Wahl des Führers mit dessen
Verpflichtung zur vollen Übernahme aller Verantwortung für sein Tun und Lassen. In ihr gibt es keine
Abstimmung einer Majorität zu einzelnen Fragen, sondern nur die Bestimmung eines einzigen, der dann
mit Vermögen und Leben für seine Entscheidung einzutreten hat.
Wenn man mit dem Einwand kommen wird, daß unter solchen Voraussetzungen sich schwerlich jemand
bereitfinden
[100 Die germanische Demokratie]
dürfte, seine Person einer so riskanten Aufgabe zu widmen, so muß darauf nur eines geantwortet
werden:Gott sei gedankt, darin liegt ja eben der Sinn einer germanischen Demokratie, daß nicht der
nächstbeste unwürdige Streber und moralische Drückeberger auf Umwegen zur Regierung seiner
Volksgenossen kommt, sondern daß schon durch die Größe der zu übernehmenden Verantwortung
Nichtskönner und Schwächlinge zurückgeschreckt werden.
Sollte sich aber dennoch einmal ein solcher Bursche einzustehlen versuchen, dann kann man ihn leichter
finden und rücksichtslos anfahren: Hinweg, feiger Lump! Ziehe den Fuß zurück, du beschmutzest die
Stufen; denn der Vorderaufstieg in das Pantheon der Geschichte ist nicht für Schleicher da, sondern für
Helden!
×
"
Zu dieser Anschauung hatte ich mich nach zweijährigem Besuch des Wiener Parlaments durchgerungen.
Ich ging dann nicht mehr weiter hinein.
Das parlamentarische Regiment hatte mit ein Hauptverdienst an der in den letzten Jahren immer mehr
zunehmenden Schwäche des alten habsburgischen Staates. Je mehr durch sein Wirken die Vorherrschaft
des Deutschtums gebrochen wurde, um so mehr verfiel man nun einem System der Ausspielung der
Nationalitäten untereinander. Im Reichsrat selber ging dies immer auf Kosten der Deutschen und damit
allerdings in erster Linie auf Kosten des Reiches; denn um die Jahrhundertwende schon mußte auch dem
Allereinfältigsten einleuchten, daß die Anziehungskraft der Monarchie die Loslösungsbestrebungen der
Länder nicht mehr zu bannen vermochte.
Im Gegenteil.
Je armseliger die Mittel wurden, die der Staat zu seiner Erhaltung aufzuwenden hatte, um so mehr stieg
die allgemeine Verachtung für ihn. Nicht nur in Ungarn, sondern auch in den einzelnen slawischen
Provinzen fühlte man sich mit der gemeinsamen Monarchie so wenig mehr identisch, daß ihre Schwäche
keineswegs als eigene Schande emp-
[101 Die zusammenbrechende Doppelmonarchie]
funden wurde. Man freute sich eher noch über solche Anzeichen des eintretenden Alters; hoffte man
doch mehr auf ihren Tod als auf ihre Gesundung.
Im Parlament wurde der vollkommene Zusammenbruch noch verhindert durch ein würdeloses
Nachgeben und Erfüllen aber auch jeder Erpressung, die dann der Deutsche zu bezahlen hatte; im Lande
durch ein möglichst geschicktes Ausspielen der einzelnen Völker gegeneinander. Allein die allgemeine
Linie der Entwicklung war dennoch gegen die Deutschen gerichtet. Besonders seit die Thronfolgerschaft
dem Erzherzog Franz Ferdinand einen gewissen Einfluß einzuräumen begann, kam in die von oben
herunter betriebene Tschechisierung Plan und Ordnung. Mit allen nur möglichen Mitteln versuchte
dieser zukünftige Herrscher der Doppelmonarchie der Entdeutschung Vorschub zu leisten oder sie selber
zu fördern, mindestens aber zu decken. Rein deutsche Orte wurden so über den Umweg der staatlichen
Beamtenschaft langsam, aber unbeirrt sicher in die gemischtsprachliche Gefahrenzone hineingeschoben.
Selbst in Niederösterreich begann dieser Prozeß immer schnellere Fortschritte zu machen, und Wien galt
vielen Tschechen schon als ihre größte Stadt.
Der leitende Gedanke dieses neuen Habsburgers, dessen Familie nur mehr Tschechisch sprach (die
Gemahlin des Erzherzogs war als ehemalige tschechische Gräfin dem Prinzen morganatisch angetraut;
sie stammte aus Kreisen, deren deutschfeindliche Stellung Tradition bildete), war, in Mitteleuropa
allmählich einen slawischen Staat aufzurichten, der zum Schutze gegen das orthodoxe Rußland auf
streng katholische Grundlage gestellt werden sollte. Damit wurde, wie schon öfters bei den
Habsburgern, die Religion wieder einmal in den Dienst eines rein politischen Gedankens, noch dazu
eines — wenigstens von deutschen Gesichtspunkten aus betrachtet — unseligen Gedankens, gestellt.
Das Ergebnis war ein mehr als trauriges in vielfacher Hinsicht.
Weder das Haus Habsburg noch die katholische Kirche bekamen den erwarteten Lohn.
[102 Habsburg und Deutschtum]
Habsburg verlor den Thron, Rom einen großen Staat. Denn indem die Krone auch religiöse Momente in
den Dienst ihrer politischen Erwägungen stellte, rief sie einen Geist wach, den sie selber zunächst
freilich nicht für möglich gehalten hatte.
Aus dem Versuch, mit allen Mitteln das Deutschtum in der alten Monarchie auszurotten, erwuchs als
Antwort die alldeutsche Bewegung in Österreich.
Mit den achtziger Jahren hatte der manchesterliche Liberalismus jüdischer Grundeinstellung auch in der
Monarchie den Höhepunkt erreicht, wenn nicht schon überschritten. Die Reaktion dagegen kam jedoch,
wie bei allem im alten Österreich, nicht aus in erster Linie sozialen Gesichtspunkten heraus, sondern aus
nationalen. Der Selbsterhaltungstrieb zwang das Deutschtum, in schärfster Form sich zur Wehr zu
setzen. Erst in zweiter Linie begannen langsam auch wirtschaftliche Erwägungen maßgebenden Einfluß
zu gewinnen. So schälten sich zwei Parteigebilde aus dem allgemeinen politischen Durcheinander
heraus, das eine mehr national, das andere mehr sozial eingestellt, beide aber hochinteressant und
lehrreich für die Zukunft.
Nach dem niederdrückenden Ende des Krieges 1866 trug das Haus Habsburg sich mit dem Gedanken
einer Wiedervergeltung auf dem Schlachtfelde. Nur der Tod des Kaisers Max von Mexiko, dessen
unglückliche Expedition man in erster Linie Napoleon III. zuschrieb, und dessen Fallenlassen durch den
Franzosen allgemeine Empörung wachrief, verhinderte ein engeres Zusammengehen mit Frankreich.
Dennoch lag Habsburg damals auf der Lauer. Wäre der Krieg von 1870/71 nicht zu einem so
einzigartigen Siegeszug geworden, so hätte der Wiener Hof wohl doch noch das blutige Spiel um die
Rache für Sadowa gewagt. Als aber die ersten Heldenmären von den Schlachtfeldern eintrafen,
wundersam und kaum zu glauben, aber dennoch wahr, da erkannte der "weiseste" aller Monarchen die
unpassende Stunde und machte eine möglichst gute Miene zum bösen Spiel.
Der Heldenkampf dieser beiden Jahre hatte aber noch ein

[103 Rebellion der Deutschösterreicher]
viel gewaltigeres Wunder vollbracht; denn bei den Habsburgern entsprach die veränderte Stellungnahme
niemals dem Drang des inneren Herzens, sondern dem Zwang der Verhältnisse. Das deutsche Volk in
der alten Ostmark aber wurde von dem Siegesrausche des Reiches mitgerissen und sah mit tiefer
Ergriffenheit das Wiederaufstehen des Traumes der Väter zur herrlichsten Wirklichkeit.
Denn man täusche sich nicht: der wahrhaft deutschgesinnte Österreicher hatte auch in Königgrätz von
diesen Stunden an nur mehr die ebenso tragische wie aber auch notwendige Voraussetzung erkannt zur
Wiederaufrichtung eines Reiches, das nicht mehr mit dem fauligen Marasmus des alten Bundes behaftet
sein sollte und es auch nicht mehr war. Er lernte vor allem auch am gründlichsten am eigenen Leibe zu
fühlen, daß das Haus Habsburg seine geschichtliche Sendung endlich beendet hatte und das neue Reich
nur mehr den zum Kaiser küren dürfe, der in seiner heldischen Gesinnung der "Krone des Rheines" ein
würdiges Haupt zu bieten habe. Wieviel mehr noch aber war das Schicksal zu preisen, da es diese
Belehnung an dem Sprossen eines Hauses vollzog, das in Friedrich dem Großen schon einmal der
Nation in verschwommener Zeit ein leuchtendes Sinnbild zur Erhebung für immer geschenkt hatte.
Als aber nach dem großen Kriege das Haus Habsburg mit der letzten Entschlossenheit daranging, das
gefährliche Deutschtum der Doppelmonarchie (dessen innere Gesinnung nicht zweifelhaft sein konnte)
langsam, aber unerbittlich auszurotten — denn dies mußte das Ende der Slawisierungspolitik sein —, da
brannte der Widerstand des zum Ende bestimmten Volkes empor in einer Art, wie die deutsche
Geschichte der neueren Zeit dies noch nicht kannte.
Zum ersten Male wurden national und patriotisch gesinnte Männer Rebellen.
Rebellen nicht gegen die Nation, auch nicht gegen den Staat an sich, sondern Rebellen gegen eine Art
der Regierung, die ihrer Überzeugung nach zum Untergang des eigenen Volkstums führen mußte.
Zum ersten Male in der neueren deutschen Geschichte
[104 Staatsautorität nicht Selbstzweck]
schied sich der landläufige dynastische Patriotismus von nationaler Vaterlands- und Volksliebe.
Es ist das Verdienst der alldeutschen Bewegung Deutschösterreichs der neunziger Jahre gewesen, in
klarer und eindeutiger Weise festgestellt zu haben, das eine Staatsautorität nur dann das Recht hat,
Achtung und Schutz zu verlangen, wenn sie den Belangen eines Volkstums entspricht, mindestens ihm
nicht Schaden zufügt.
Staatsautorität als Selbstzweck kann es nicht geben, da in diesem Falle jede Tyrannei auf dieser Welt
unangreifbar und geheiligt wäre.
Wenn durch die Hilfsmittel der Regierungsgewalt ein Volkstum dem Untergang entgegengeführt wird,
dann ist die Rebellion eines jeden Angehörigen eines solchen Volkes nicht nur Recht, sondern Pflicht.
Die Frage aber, wann ein solcher Fall gegeben sei, wird nicht entschieden durch theoretische
Abhandlungen, sondern durch die Gewalt und den Erfolg.
Da jede Regierungsgewalt selbstverständlich die Pflicht der Erhaltung der Staatsautorität für sich in
Anspruch nimmt, mag sie auch noch so schlecht sein und die Belange eines Volkstums tausendmal
verraten, so wird der völkische Selbsterhaltungstrieb bei Niederkämpfung einer solchen Macht, zur
Erringung der Freiheit oder Unabhängigkeit, dieselben Waffen zu führen haben, mittels deren der
Gegner sich zu halten versucht. Der Kampf wird demnach so lange mit "legalen" Mitteln gekämpft
werden, solange auch die zu stürzende Gewalt sich solcher bedient; es wird aber auch nicht vor illegalen
zurückzuschrecken sein, wenn auch der Unterdrücker solche anwendet.
Im allgemeinen soll aber nie vergessen werden, daß nicht die Erhaltung eines Staates oder gar die einer
Regierung höchster Zweck des Daseins der Menschen ist, sondern die Bewahrung ihrer Art.
Ist aber einmal diese selber in Gefahr, unterdrückt oder gar beseitigt zu werden, dann spielt die Frage
der Legalität nur mehr eine untergeordnete Rolle. Es mag dann sein, daß sich die herrschende Macht
tausendmal sogenannter
[105 Menschenrecht bricht Staatsrecht]
legaler" Mittel in ihrem Vorgehen bedient, so ist dennoch der Selbsterhaltungstrieb der Unterdrückten
immer die erhabenste Rechtfertigung für ihren Kampf mit allen Waffen.
Nur aus der Anerkennung dieses Satzes allein sind die Freiheitskämpfe gegen innere und auch äußere
Versklavung von Völkern auf dieser Erde in so gewaltigen historischen Beispielen geliefert worden.
Menschenrecht bricht Staatsrecht.
Unterliegt aber ein Volk in seinem Kampf um die Rechte des Menschen, dann wurde es eben auf der
Schicksalswaage zu leicht befunden für das Glück der Forterhaltung auf der irdischen Welt. Denn wer
nicht bereit oder fähig ist, für sein Dasein zu streiten, dem hat die ewig gerechte Vorsehung schon das
Ende bestimmt.
Die Welt ist nicht da für feige Völker.
× "
Wie leicht es einer Tyrannei aber ist, sich das Mäntelchen einer sogenannten "Legalität" umzuhängen,
zeigte wieder am klarsten und eindringlichsten das Beispiel Österreichs..
Die legale Staatsgewalt fußte damals auf dem deutschfeindlichen Boden des Parlaments mit seinen
nichtdeutschen Majoritäten und dem ebenso deutschfeindlichen Herrscherhaus. In diesen beiden
Faktoren war die gesamte Staatsautorität verkörpert. Von dieser Stelle aus das Los des
deutschösterreichischen Volkes ändern zu wollen, war Unsinn. Damit aber wäre nun nach den
Meinungen unser Anbeter des einzig möglichen "legalen" Weges und der Staatsautorität an sich jeder
Widerstand, weil mit legalen Mitteln nicht durchführbar, zu unterlassen gewesen Dieses aber würde das
Ende des deutschen Volkes in der Monarchie mit zwingender Notwendigkeit — und zwar in kurzer Zeit
— bedeutet haben. Tatsächlich ist das Deutschtum vor diesem Schicksal auch nur durch den
Zusammenbruch dieses Staates allein gerettet worden.
Der bebrillte Theoretiker freilich würde immer noch lieber für seine Doktrin sterben als für sein Volk.
[106 Die alldeutsche Bewegung]
Da die Menschen sich erst Gesetze schaffen, glaubt er, sie waren später für diese da.
Mit diesem Unsinn zum Entsetzen aller theoretischen Prinzipienreiter sowie sonstiger staatlicher
Fetischinsulaner gründlich aufgeräumt zu haben, war das Verdienst der damaligen alldeutschen
Bewegung in Österreich.
Indem die Habsburger versuchten, mit allen Mitteln dem Deutschtum auf den Leib zu rücken, griff diese
Partei das "erhabene" Herrscherhaus selber, und zwar rücksichtslos an. Sie hat zum ersten Male die
Sonde an diesen faulen Staat gelegt und Hunderttausenden die Augen geöffnet. Es ist ihr Verdienst, den
herrlichen Begriff der Vaterlandsliebe aus der Umarmung dieser traurigen Dynastie erlöst zu haben.
Ihr Anhang war in der ersten Zeit ihres Auftretens außerordentlich groß, ja drohte zu einer förmlichen
Lawine zu werden. Allein, der Erfolg hielt nicht an. Als ich nach Wien kam, war die Bewegung schon
längst von der inzwischen zur Macht gelangten christlich-sozialen Partei überflügelt. ja zu einer nahezu
vollständigen Bedeutungslosigkeit herabgewürdigt worden.
Dieser ganze Vorgang des Werdens und Vergehens der alldeutschen Bewegung einerseits und des
unerhörten Aufstiegs der christlich-sozialen Partei andererseits sollte als klassisches Studienobjekt für
mich von tiefster Bedeutung werden.
Als ich nach Wien kam, standen meine Sympathien voll und ganz auf der Seite der alldeutschen
Richtung.
Daß man den Mut aufbrachte, im Parlament den Ruf "Hoch Hohenzollern" auszustoben, imponierte mir
ebenso sehr, wie es mich freute; daß man sich immer noch als bloß vorübergehend getrennten
Bestandteil des Deutschen Reiches betrachtete und keinen Augenblick vergehen ließ, um dieses auch
öffentlich zu bekunden, erweckte in mir freudige Zuversicht; daß man in allen das Deutschtum
betreffenden Fragen rücksichtslos Farbe bekannte und niemals zu Kompromissen sich herbeiließ, schien
mir der einzige noch gangbare Weg zur Rettung unseres Volkes zu sein; daß aber die Bewegung nach
ihrem erst so herrlichen Aufstieg nun
[107 Schönerer und Lueger]
so sehr niedersank, konnte ich nicht verstehen. Noch weniger aber, daß die christlich-soziale Partei in
dieser gleichen Zeit zu so ungeheurer Macht zu gelangen vermochte. Sie war damals gerade am Gipfel
ihres Ruhmes angelangt.
Indem ich daranging, beide Bewegungen zu vergleichen, gab mir auch hier das Schicksal, durch meine
sonstige traurige Lage beschleunigt, den besten Unterricht zum Verständnis der Ursachen dieses Rätsels.
Ich beginne mein Abwägen zuerst bei den beiden Männern, die als Führer und Begründer der zwei
Parteien anzusehen sind: Georg v. Schönerer und Dr. Karl Lueger.
Rein menschlich genommen ragen sie, einer wie der andere, weit über den Rahmen und das Ausmaß der
sogenannten parlamentarischen Erscheinungen hinaus. Im Sumpfe einer allgemeinen politischen
Korruption blieb ihr ganzes Leben rein und unantastbar. Dennoch lag meine persönliche Sympathie
zuerst auf seiten des Alldeutschen Schönerer, um sich nur nach und nach dem christlich-sozialen Führer
ebenfalls zuzuwenden.
In ihren Fähigkeiten verglichen schien mir schon damals Schönerer als der bessere und gründlichere
Denker in prinzipiellen Problemen zu sein. Er hat das zwangsläufige Ende des österreichischen Staates
richtiger und klarer erkannt als irgendein anderer. Würde man besonders im Reiche seine Warnungen
vor der Habsburgermonarchie besser gehört haben, so wäre das Unglück des Weltkrieges Deutschlands
gegen ganz Europa nie gekommen.
Allein, wenn Schönerer die Probleme ihrem inneren Wesen nach erkannte, dann irrte er sich um so mehr
in den Menschen.
Hier lag wieder die Stärke Dr. Luegers.
Dieser war ein seltener Menschenkenner, der sich besonders hütete, die Menschen besser zu sehen, als
sie nun einmal sind. Daher rechnete er auch mehr mit den realen Möglichkeiten des Lebens, während
Schönerer hierfür nur wenig Verständnis aufbrachte. Alles, was der Alldeutsche auch dachte, war,
theoretisch genommen, richtig, allein indem die Kraft und das Verständnis fehlten, die theoretische Er-
[108 Schönerer und Lueger]
kenntnis der Masse zu vermitteln, sie also in solche Form zu bringen, daß sie damit der
Aufnahmefähigkeit des breiten Volkes, die nun einmal eine begrenzte ist und bleibt, entsprach, war eben
alles Erkennen nur seherische Weisheit, ohne jemals praktische Wirklichkeit werden zu können.
Dieses Fehlen tatsächlicher Menschenkenntnis führte aber im weiteren Verlaufe zu einem Irrtum in der
Krafteinschätzung ganzer Bewegungen sowie uralter Institutionen.
Endlich hat Schönerer allerdings erkannt, daß es sich hier um Weltanschauungsfragen handelt, aber
nicht begriffen, daß sich zum Träger solcher nahezu religiöser Überzeugungen in erster Linie immer nur
die breiten Massen eines Volkes eignen.
Er sah in leider nur sehr kleinem Umfang die außerordentliche Begrenztheit des Kampfwillens der
sogenannten "bürgerlichen" Kreise schon infolge ihrer wirtschaftlichen Stellung, die den einzelnen
zuviel zu verlieren befürchten läßt und ihn deshalb auch mehr zurückhält.
Und doch wird im allgemeinen eine Weltanschauung nur dann Aussicht auf den Sieg haben, wenn sich
die breite Masse als Trägerin der neuen Lehre bereit erklärt, den notwendigen Kampf auf sich zu
nehmen.
Diesem Mangel an Verständnis für die Bedeutung der unteren Volksschichten entsprang dann aber auch
die vollständig unzureichende Auffassung über die soziale Frage.
In all dem war Dr. Lueger das Gegenteil Schönerers.
Die gründliche Menschenkenntnis ließ ihn die möglichen Kräfte ebenso richtig beurteilen, wie er
dadurch aber auch bewahrt blieb vor einer zu niederen Einschätzung vorhandener Institutionen, ja
vielleicht gerade aus diesem Grunde sich eher noch solcher als Hilfsmittel zur Erreichung seiner
Absichten bedienen lernte.
Er verstand auch nur zu genau, daß die politische Kampfkraft des oberen Bürgertums in der heutigen
Zeit nur gering und nicht ausreichend war, einer neuen großen Bewegung den Sieg zu erkämpfen. Daher
legte er das Hauptgewicht seiner politischen Tätigkeit auf die Gewinnung von Schichten, deren Dasein
bedroht war und mithin eher zu
[109 Schönerer und Lueger]
einem Ansporn als zu einer Lähmung des Kampfwillens wurde. Ebenso war er geneigt, sich all der
einmal schon vorhandenen Machtmittel zu bedienen, bestehende mächtige Einrichtungen sich geneigt zu
machen, um aus solchen alten Kraftquellen für die eigene Bewegung möglichst großen Nutzen ziehen zu
können.
So stellte er seine neue Partei in erster Linie auf den vom Untergang bedrohten Mittelstand ein und
sicherte sich dadurch eine nur sehr schwer zu erschütternde Anhängerschaft von ebenso großer
Opferwilligkeit wie zäher Kampfkraft. Sein unendlich klug ausgestaltetes Verhältnis zur katholischen
Kirche aber gewann ihm in kurzer Zeit die jüngere Geistlichkeit in einem Umfange, daß die alte
klerikale Partei entweder das Kampffeld zu räumen gezwungen war oder, noch klüger, sich der neuen
Partei anschloß, um so langsam Position um Position wieder zu gewinnen.
Würde aber dies allein als das charakteristische Wesen des Mannes angesehen werden, dann geschähe
ihm schweres Unrecht. Denn zum klugen Taktiker kamen auch die Eigenschaften eines wahrhaft großen
und genialen Reformators. Freilich auch hier begrenzt durch eine genaue Kenntnis der nun einmal
vorhandenen Möglichkeiten sowie auch der Fähigkeit der eigenen Person.
Es war ein unendlich praktisches Ziel, das sich dieser wahrhaft bedeutende Mann gestellt hatte. Er
wollte Wien erobern. Wien war das Herz der Monarchie, von dieser Stadt ging noch das letzte Leben in
den krankhaft und alt gewordenen Körper des morschen Reiches hinaus. Je gesünder das Herz würde,
um so frischer mußte auch der übrige Körper aufleben. Ein prinzipiell richtiger Gedanke, der aber doch
nur eine bestimmte, begrenzte Zeit zur Anwendung kommen konnte.
Und hierin lag die Schwäche dieses Mannes.
Was er als Bürgermeister der Stadt Wien geleistet hat, ist im besten Sinne des Wortes unsterblich; die
Monarchie aber vermochte er dadurch nicht mehr zu retten — es war zu spät.
Dieses hatte sein Widersacher Schönerer klarer gesehen.
[110 Ursachen des Mißerfolgs Schönerers]
Was Dr. Lueger praktisch angriff, gelang in wundervoller Weise; was er sich davon erhoffte, blieb aus.
Was Schönerer wollte, gelang ihm nicht, was er befürchtete, traf aber leider in furchtbarer Weise ein.
So haben beide Männer ihr weiteres Ziel nicht erreicht. Lueger konnte Österreich nicht mehr retten und
Schönerer das deutsche Volk nicht mehr vor dem Niedergang bewahren.
Es ist unendlich lehrreich für unsere heutige Zeit, die Ursachen des Versagens beider Parteien zu
studieren. Es ist dies besonders für meine Freunde zweckmäßig, da in vielen Punkten die Verhältnisse
heute ähnliche sind wie damals und Fehler dadurch vermieden werden können, die schon einst zum
Ende der einen Bewegung und zur Fruchtlosigkeit der anderen geführt hatten:Der Zusammenbruch der
alldeutschen Bewegung in Österreich hatte in meinen Augen drei Ursachen:Erstens die unklare
Vorstellung der Bedeutung des sozialen Problems gerade für eine neue, ihrem inneren Wesen nach
revolutionäre Partei.
Indem sich Schönerer und sein Anhang in erster Linie an die bürgerlichen Schichten wandten, konnte
das Ergebnis nur ein sehr schwächliches, zahmes sein.
Das deutsche Bürgertum ist besonders in seinen höheren Kreisen, wenn auch von einzelnen ungeahnt,
pazifistisch bis zur förmlichen Selbstverleugnung, wenn es sich um innere Angelegenheiten der Nation
oder des Staates handelt. In guten Zeiten, das heißt in diesem Falle also in Zeiten einer guten Regierung,
ist eine solche Gesinnung ein Grund des außerordentlichen Wertes dieser Schichten für den Staat; in
Zeiten schlechterer Herrschaft aber wirkt sie geradezu verheerend. Schon um die Durchführung eines
wirklich ernsten Kampfes überhaupt zu ermöglichen, mußte die alldeutsche Bewegung sich vor allem
der Gewinnung der Massen widmen. Daß sie dies nicht tat, nahm ihr von vornherein den elementaren
Schwung, den eine solche Welle nun einmal braucht, wenn sie nicht in kurzer Zeit schon verebben soll.
[111 Ursachen des Miflerfolgs Schönerers]
Sowie aber dieser Grundsatz nicht von Anfang an ins Auge gefaßt und auch durchgeführt wird, verliert
die neue Partei für später jede Möglichkeit eines Nachholens des Versäumten. Denn mit der Aufnahme
überaus zahlreicher gemäßigt bürgerlicher Elemente wird sich die innere Einstellung der Bewegung
immer nach diesen richten und so jede weitere Aussicht zum Gewinnen nennenswerter Kräfte aus dem
breiten Volke einbüßen. Damit aber wird eine solche Bewegung über bloßes Nörgeln und Kritisieren
nicht mehr hinauskommen. Der mehr oder minder fast religiöse Glaube, verbunden mit einer
ebensolchen Opferwilligkeit, wird nimmer mehr zu finden sein; an dessen Stelle wird aber das
Bestreben treten, durch "positive" Mitarbeit, das heißt in diesem Falle aber durch Anerkennung des
Gegebenen, die Härten des Kampfes allmählich abzuschleifen, um endlich bei einem faulen Frieden zu
landen.
So ging es auch der alldeutschen Bewegung, weil sie nicht von vornherein das Hauptgewicht auf die
Gewinnung ihrer Anhänger aus den Kreisen der breiten Masse gelegt hatte. Sie wurde "bürgerlich,
vornehm, gedämpft radikal".
Aus diesem Fehler erwuchs ihr aber die zweite Ursache des schnellen Unterganges.
Die Lage in Österreich für das Deutschtum war zur Zeit des Auftretens der alldeutschen Bewegung
schon verzweifelt. Von Jahr zu Jahr war das Parlament mehr zu einer Einrichtung der langsamen
Vernichtung des deutschen Volkes geworden. Jeder Versuch einer Rettung in zwölfter Stunde konnte
nur in der Beseitigung dieser Institution eine wenn auch kleine Aussicht auf Erfolg bieten.
Damit trat an die Bewegung eine Frage von prinzipieller Bedeutung heran:Sollte man, um das Parlament
zu vernichten, in das Parlament gehen, um dasselbe, wie man sich auszudrücken pflegte, "von innen
heraus auszuhöhlen", oder sollte man diesen Kampf von außen angriffsweise gegen diese Einrichtung an
und für sich führen?Man ging hinein und kam geschlagen heraus.
Greilich, man mußte hineingehen.
[112 Alldeutsche und Parlament]
Den Kampf gegen eine solche Macht von außen durchführen, heißt, sich mit unerschütterlichem Mute
rüsten, aber auch zu unendlichen Opfern bereit sein. Man greift den Stier damit an den Hörnern an und
wird viele schwere Stöße erhalten, wird manchmal zu Boden stürzen, um sich vielleicht einmal nur mit
gebrochenen Gliedern wieder erheben zu können, und erst nach schwerstem Ringen wird sich der Sieg
dem kühnen Angreifer zuwenden. Nur die Größe der Opfer wird neue Kämpfer der Sache gewinnen, bis
endlich der Beharrlichkeit der Lohn des Erfolges wird.
Dazu aber braucht man die Kinder des Volkes aus den breiten Massen.
Sie allein sind entschlossen und zähe genug, diesen Streit bis zum blutigen Ende durchzufechten.
Diese breite Masse aber besaß die alldeutsche Bewegung eben nicht; so blieb ihr auch nichts anderes
übrig, als in das Parlament zu gehen.

Es wäre falsch, zu glauben, daß dieser Entschluß das Ergebnis langer innerer seelischer Qualen oder
auch nur Überlegungen gewesen wäre; nein, man dachte an gar nichts anderes. Die Teilnahme an
diesem Unsinn war nur der Niederschlag allgemeiner, unklarer Vorstellungen über die Bedeutung und
die Wirkung einer solchen eigenen Beteiligung an der im Prinzip ja schon als falsch erkannten
Einrichtung. Im allgemeinen erhoffte man sich wohl eine Erleichterung der Aufklärung breiterer
Volksmassen, indem man ja nun vor dem "Forum der ganzen Nation" zu sprechen Gelegenheit bekam.
Auch schien es einzuleuchten, daß der Angriff an der Wurzel des Übels erfolgreicher sein müsse als das
Anstürmen von außen. Durch den Schutz der Immunität glaubte man die Sicherheit des einzelnen
Vorkämpfers gestärkt, so daß die Kraft des Angriffes sich dadurch nur erhöhen konnte.
In der Wirklichkeit natürlich kamen die Dinge wesentlich anders.
Das Forum, vor dem die alldeutschen Abgeordneten sprachen, war nicht größer, sondern eher kleiner
geworden; denn es spricht jeder nur vor dem Kreis, der ihn zu hören ver-
[113 Alldeutsche und Parlament]
mag, oder der durch die Berichte der Presse eine Wiedergabe des Gesprochenen erhält.
Das größte unmittelbare Forum an Zuhörern stellt aber nicht der Hörsaal eines Parlaments dar, sondern
die große Öffentliche Volksversammlung.
Denn in ihr befinden sich Tausende von Menschen, die nur gekommen sind, um zu vernehmen, was der
Redner ihnen zu sagen habe, während im Sitzungssaale des Abgeordnetenhauses nur wenige hundert
sind, zumeist auch nur da, um Diäten in Empfang zu nehmen, keineswegs, um etwa die Weisheit des
einen oder anderen Herrn "Volksvertreters" in sich hineinleuchten zu lassen.
Vor allem aber: Es ist dies ja immer das gleiche Publikum, das niemals mehr etwas hinzulernen wird, da
ihm außer dem Verstande ja auch der hierzu nötige, wenn auch noch so bescheidene Wille fehlt.
Niemals wird einer dieser Volksvertreter von sich aus der besseren Wahrheit die Ehre geben, um sich
dann auch in ihren Dienst zu stellen. Nein, dies wird nicht ein einziger tun, außer er hat Grund zu
hoffen, durch eine solche Wendung sein Mandat für eine weitere Session noch retten zu können. Erst
also, wenn es in der Luft liegt, daß die bisherige Partei bei einer kommenden Wahl schlecht abschneiden
wird, werden sich diese Zierden von Mannhaftigkeit auf den Weg machen und sehen, ob und wie sie zur
anderen, vermutlich besser abschneidenden Partei oder Richtung zu kommen vermögen, wobei dieser
Positionswechsel allerdings unter einem Wolkenbruch moralischer Begründungen vor sich zu gehen
pflegt. Daher wird immer, wenn eine bestehende Partei der Ungunst des Volkes in so großem Umfange
verfallen erscheint, daß die Wahrscheinlichkeit einer vernichtenden Niederlage droht, ein großes
Wandern anheben: die parlamentarischen Ratten verlassen das Parteischiff.
Mit besserem Wissen oder Wollen aber hat dies nichts zu tun, sondern nur mit jener hellseherischen
Begabung, die solch eine Parlamentswanze gerade noch zur rechten Zeit warnt und so immer wieder auf
ein anderes warmes Parteibett fallen läßt.
[114 Alldeutsche und Parlament]
Vor einem solchen "Forum" zu sprechen, heißt aber doch wirklich Perlen vor die bekannten Tiere
werfen. Das lohnt sich wahrhaftig nicht! Der Erfolg kann hier gar nicht anders als Null sein.
Und so war es auch. Die alldeutschen Abgeordneten mochten sich die Kehlen heiser reden: die Wirkung
blieb völlig aus.
Die Presse aber schwieg sie entweder tot oder zerriß ihre Reden so, daß jeglicher Zusammenhang, ja oft
sogar der Sinn verdreht wurde oder ganz verlorenging und dadurch die öffentliche Meinung ein nur sehr
schlechtes Bild von den Absichten der neuen Bewegung erhielt. Es war ganz bedeutungslos, was die
einzelnen Herren sprachen: die Bedeutung lag in dem, was man von ihnen zu lesen bekam. Dies aber
war ein Auszug aus ihren Reden, der in seiner Zerrissenheit nur unsinnig wirken konnte und sollte.
Dabei aber bestand das einzige Forum, vor dem sie nun in Wahrheit sprachen, aus knapp fünfhundert
Parlamentariern, und dies besagt genug.
Das Schlimmste aber war folgendes:Die alldeutsche Bewegung konnte nur dann auf Erfolg rechnen,
wenn sie vom ersten Tage an begriff, daß es sich hier nicht um eine neue Partei handeln durfte, als
vielmehr um eine neue Weltanschauung. Nur eine solche vermochte die innere Kraft aufzubringen,
diesen riesenhaften Kampf auszufechten. Dazu aber taugen nun einmal als Führer nur die allerbesten
und auch mutigsten Köpfe.
Wenn der Kampf für eine Weltanschauung nicht von aufopferungsbereiten Helden geführt wird, werden
sich in kurzer Zeit auch keine todesmutigen Kämpfer mehr finden. Wer hier für sein eigenes Dasein
ficht, kann für die Allgemeinheit nicht mehr viel übrig haben.
Um aber diese Voraussetzung sich zu erhalten, ist es notwendig für jedermann, zu wissen, daß die neue
Bewegung Ehre und Ruhm vor der Nachwelt, in der Gegenwart aber nichts bieten kann. Je mehr eine
Bewegung zu vergeben hat an leicht zu erringenden Posten und Stellen, um so größer wird der Zulauf an
Minderwertigen sein, bis endlich
[115 Alldeutsche und Parlament]
diese politischen Gelegenheitsarbeiter eine erfolgreiche Partei in solcher Zahl überwuchern, daß der
redliche Kämpfer von einst die alte Bewegung gar nicht mehr wiedererkennt und die neu
Hinzugekommenen ihn selber als lästigen "Unberufenen" entschieden ablehnen. Damit aber ist die
"Mission" einer solchen Bewegung erledigt.
Sowie die alldeutsche Bewegung sich dem Parlament verschrieb, erhielt sie eben auch "Parlamentarier"
statt Führer und Kämpfer. Sie sank damit auf das Niveau einer der gewöhnlichen politischen
Tagesparteien hinab und verlor die Kraft, einem verhängnisvollen Schicksal mit dem Trost des
Märtyrertums entgegenzutreten. Statt zu fechten, lernte sie nun auch "reden" und "verhandeln". Der
neue Parlamentarier aber empfand es schon in kurzer Zeit als schönere, weil risikolosere Pflicht, die
neue Weltanschauung mit den "geistigen" Waffen parlamentarischer Beredsamkeit auszufechten, als
sich, wenn nötig, unter Einsatz des eigenen Lebens in einen Kampf zu stürzen, dessen Ausgang unsicher
war, auf alle Fälle jedoch nichts einbringen konnte.
Da man nun einmal im Parlamente saß, begannen die Anhänger draußen auf Wunder zu hoffen und zu
warten, die natürlich nicht eintraten und auch gar nicht eintreten konnten. Man wurde deshalb schon in
kurzer Zeit ungeduldig; denn auch das, was man so von den eigenen Abgeordneten zu hören bekam,
entsprach in keiner Weise den Erwartungen der Wähler. Dies war leicht erklärlich, da sich die feindliche
Presse wohl hütete, ein wahrheitsgetreues Bild des Wirkens der alldeutschen Vertreter dem Volke zu
vermitteln.
Je mehr aber die neuen Volksvertreter Geschmack an der doch etwas milderen Art des "revolutionären"
Kampfes in Parlament und Landtagen erhielten, um so weniger fanden sie sich noch bereit, in die
gefährlichere Aufklärungsarbeit der breiten Schichten des Volkes zurückzukehren.
Die Massenversammlung, der einzige Weg einer wirklich wirkungsvollen, weil unmittelbar persönlichen
Beeinflussung und dadurch allein möglichen Gewinnung großer Volksteile, wurde daher immer mehr
zurückgestellt.
[116 Die Bedeutung der Rede]
Sowie der Biertisch des Versammlungssaales endgültig mit der Tribüne des Parlaments vertauscht war,
um von diesem Forum aus die Reden statt in das Volk in die Häupter seiner sogenannten
"Auserwählten" zu gießen, hörte die alldeutsche Bewegung auch auf, eine Volksbewegung zu sein und
sank in kurzer Zeit zu einem mehr oder minder ernst zu nehmenden Klub akademischer Erörterungen
zusammen.
Der durch die Presse vermittelte schlechte Eindruck wurde demgemäß in keiner Weise mehr durch
persönliche Versammlungstätigkeit der einzelnen Herren berichtigt, so daß endlich das Wort
"alldeutsch" einen sehr üblen Klang in den Ohren des breiten Volkes bekam.
Denn das mögen sich alle die schriftstellernden Ritter und Gecken von heute besonders gesagt sein
lassen: die größten Umwälzungen auf dieser Welt sind nie durch einen Gänsekiel geleitet worden!Nein,
der Feder blieb es immer nur vorbehalten, sie theoretisch zu begründen.
Die Macht aber, die die großen historischen Lawinen religiöser und politischer Art ins Rollen brachte,
war seit urewig nur die Zauberkraft des gesprochenen Wortes.
Die breite Masse eines Volkes vor allem unterliegt immer nur der Gewalt der Rede. Alle großen
Bewegungen aber sind Volksbewegungen, sind Vulkanausbrüche menschlicher Leidenschaften und
seelischer Empfindungen, aufgerührt entweder durch die grausame Göttin der Not oder durch die
Brandfackel des unter die Masse geschleuderten Wortes und sind nicht limonadige Ergüsse
ästhetisierender Literaten und Salonhelden.
Völkerschicksale vermag nur ein Sturm von heißer Leidenschaft zu werden, Leidenschaft erwecken aber
kann nur, wer sie selbst im Innern trägt.
Sie allein schenkt dann dem von ihr Erwählten die Worte, die Hammerschlägen ähnlich die Tore zum
Herzen eines Volkes zu öffnen vermögen.
Wem aber Leidenschaft versagt und der Mund verschlos-
[117 Wirkung auf die Masse]
sen bleibt, den hat der Himmel nicht zum Verkünder seines Willens ausersehen.
Daher möge jeder Schreiber bei seinem Tintenfasse bleiben, um sich "theoretisch" zu betätigen, wenn
Verstand und Können hierfür genügen; zum Führer aber ist er weder geboren noch erwählt.
Eine Bewegung mit großen Zielen muß deshalb ängstlich bemüht sein, den Zusammenhang mit dem
breiten Volke nicht zu verlieren.
Sie hat jede Frage in erster Linie von diesem Gesichtspunkte aus zu prüfen und in dieser Richtung ihre
Entscheidung zu treffen.
Sie muß weiter alles vermeiden, was ihre Fähigkeit, auf die Masse zu wirken, mindern oder auch nur
schwächen könnte, nicht etwa aus "demagogischen" Gründen heraus, nein, sondern aus der einfachen
Erkenntnis, daß ohne die gewaltige Kraft der Masse eines Volkes keine große Idee, mag sie auch noch
so hehr und hoch erscheinen, zu verwirklichen ist.
Die harte Wirklichkeit allein muß den Weg zum Ziel bestimmen; unangenehme Wege nicht gehen
wollen, heißt auf dieser Welt nur zu oft auf das Ziel verzichten; man mag dann dies wollen oder nicht.
Sowie die alldeutsche Bewegung durch ihre parlamentarische Einstellung das Schwergewicht ihrer
Tätigkeit statt in das Volk in das Parlament verlegte, verlor sie die Zukunft und gewann dafür billige
Erfolge des Augenblicks.
Sie wählte den leichteren Kampf und war damit aber des letzten Sieges nicht mehr wert.
Ich habe gerade diese Frage schon in Wien auf das gründlichste durchdacht und in ihrem Nichterkennen
eine der Hauptursachen des Zusammenbruches der Bewegung gesehen, die in meinen Augen damals
berufen war, die Führung des Deutschtums in ihre Hand zu nehmen.
Die beiden ersten Fehler, die die alldeutsche Bewegung scheitern ließen, standen in
verwandtschaftlichem Verhältnis zueinander. Die mangelnde Kenntnis der inneren Triebkräfte großer
Umwälzungen führte zu einer unge-
[118 Die Los-von-Rom-Bewegung]
nügenden Einschätzung der Bedeutung der breiten Massen des Volkes; daraus ergab sich das geringe
Interesse an der sozialen Frage, das mangelhafte und ungenügende Werben um die Seele der unteren
Schichten der Nation sowie aber auch die dies nur begünstigende Einstellung zum Parlament.
Hätte man die unerhörte Macht erkannt, die der Masse als Trägerin revolutionären Widerstandes zu
allen Zeiten zukommt, so würde man in sozialer wie in propagandistischer Richtung anders gearbeitet
haben. Dann wäre auch nicht das Hauptgewicht der Bewegung in das Parlament verlegt worden, sondern
auf Werkstatt und Straße.
Aber auch der dritte Fehler trägt den letzten Keim in der Nichterkenntnis des Wertes der Masse, die,
durch überlegene Geister erst einmal in einer bestimmten Richtung in Bewegung gesetzt, dann aber
auch, einem Schwungrade ähnlich, der Stärke des Angriffs Wucht und gleichmäßige Beharrlichkeit gibt.
Der schwere Kampf, den die alldeutsche Bewegung mit der katholischen Kirche ausfocht, ist nur
erklärlich aus dem ungenügenden Verständnis, das man der seelischen Veranlagung des Volkes
entgegenzubringen vermochte.
Die Ursachen des heftigen Angriffs der neuen Partei gegen Rom lagen in folgendem:Sobald das Haus
Habsburg sich endgültig entschlossen hatte, Österreich zu einem slawischen Staate umzugestalten, griff
man zu jedem Mittel, das in dieser Richtung als irgendwie geeignet erschien. Auch religiöse
Institutionen wurden von diesem gewissenlosesten Herrscherhaus skrupellos in den Dienst der neuen
"Staatsidee" gestellt.
Die Verwendung tschechischer Pfarreien und ihrer geistlichen Seelsorger war nur eines der vielen
Mittel, um zu diesem Ziele, einer allgemeinen Verslawung Österreichs, zu kommen.
Der Vorgang spielte sich etwa wie folgt ab:In rein deutschen Gemeinden wurden tschechische Pfarrer
eingesetzt, die langsam, aber sicher die Interessen des tschechischen Volkes aber die Interessen der
Kirche zu stellen be-
[119 Die Los-von-Rom-Bewegung]
gannen und zu Keimzellen des Entdeutschungsprozesses wurden.
Die deutsche Geistlichkeit versagte einem solchen Vorgehen gegenüber leider fast vollständig. Nicht
nur, daß sie selber zu einem ähnlichen Kampfe im deutschen Sinne gänzlich unbrauchbar war,
vermochte sie auch den Angriffen der anderen nicht mit dem nötigen Widerstande zu begegnen. So
wurde das Deutschtum, über den Umweg konfessionellen Mißbrauchs auf der einen Seite und durch
ungenügende Abwehr auf der anderen, langsam, aber unaufhörlich zurückgedrängt.
Gand dies im kleinen wie dargelegt statt, so lagen leider die Verhältnisse im großen nicht viel anders.
Auch hier erfuhren die antideutschen Versuche der Habsburger, durch den höheren Klerus vor allem,
nicht die gebotene Abwehr, während die Vertretung der deutschen Interessen selber vollständig in den
Hintergrund trat.
Der allgemeine Eindruck konnte nicht anders sein, als daß hier eine große Verletzung deutscher Rechte
durch die katholische Geistlichkeit als solche vorläge.
Damit aber schien die Kirche eben nicht mit dem deutschen Volke zu fühlen, sondern sich in
ungerechter Weise auf die Seite der Feinde desselben zu stellen. Die Wurzel des ganzen Übels aber lag,
vor allem nach der Meinung Schönerers, in der nicht in Deutschland befindlichen Leitung der
katholischen Kirche sowie der dadurch schon allein bedingten Feindseligkeit den Belangen unseres
Volkstums gegenüber.
Die sogenannten kulturellen Probleme traten dabei, wie damals fast bei allem in Österreich, beinahe
ganz in den Hintergrund. Maßgebend für die Einstellung der alldeutschen Bewegung zur katholischen
Kirche war viel weniger die Haltung derselben etwa zur Wissenschaft usw. als vielmehr ihre
ungenügende Vertretung deutscher Rechte und umgekehrt dauernde Förderung besonders slawischer
Anmaßung und Begehrlichkeit.
Georg Schönerer war nun nicht der Mann, eine Sache halb zu tun. Er nahm den Kampf gegen die Kirche
auf in der Überzeugung, nur durch ihn allein das deutsche Volk
[120 Die Los-von-Rom-Bewegung]
noch retten zu können. Die "Los-von-Rom-Bewegung" schien das gewaltigste, aber freilich auch
schwerste Angriffsverfahren, das die feindliche Hochburg zertrümmern mußte. War es erfolgreich, dann
war auch die unselige Kirchenspaltung in Deutschland überwunden, und die innere Kraft des Reiches
und der deutschen Nation konnte durch einen solchen Sieg nur auf das ungeheuerlichste gewinnen.
Allein weder die Voraussetzung noch die Schlußfolgerung dieses Kampfes war richtig.
Ohne Zweifel war die nationale Widerstandskraft der katholischen Geistlichkeit deutscher Nationalität
in allen das Deutschtum betreffenden Fragen geringer als die ihrer nichtdeutschen, besonders
tschechischen Amtsbrüder.
Ebenso konnte nur ein Ignorant nicht sehen, da dem deutschen Klerus eine offensive Vertretung
deutscher Interessen fast nie auch nur einfiel.
Allein ebenso mußte jeder nicht Verblendete zugeben, daß dies in erster Linie einem Umstande
zuzuschreiben ist, unter dem wir Deutsche alle insgesamt auf das schwerste zu leiden haben: es ist dies
unsere Objektivität in der Einstellung zu unserem Volkstum genau so wie zu irgend etwas anderem.
So wie der tschechische Geistliche subjektiv seinem Volke gegenüberstand und nur Objektiv der Kirche,
so war der deutsche Pfarrer subjektiv der Kirche ergeben und blieb objektiv gegenüber der Nation. Eine
Erscheinung, die wir in tausend anderen Fällen zu unserem Unglück genau so beobachten können.
Es ist dies keineswegs nur ein besonderes Erbteil des Katholizismus, sondern frißt bei uns in kurzer Zeit
fast jede, besonders staatliche oder ideelle Einrichtung an.
Man vergleiche nur die Stellung, die z. B. unser Beamtentum gegenüber den Versuchen einer nationalen
Wiedergeburt einnimmt, mit der, wie sie in solchem Falle die Beamtenschaft eines anderen Volkes
einnehmen würde. Oder glaubt man, daß das Offizierkorps der ganzen anderen Welt etwa in ähnlicher
Weise die Belange der Nation unter der Phrase der "Staatsautorität" zurückstellen würde, wie dies bei
uns seit fünf Jahren selbstverständlich ist, ja
[121 Die Los-von-Rom-Bewegung]
sogar noch als besonders verdienstvoll gilt? Nehmen z. B. in der Judenfrage nicht beide Konfessionen
heute einen Standpunkt ein, der weder den Belangen der Nation noch den wirklichen Bedürfnissen der
Religion entspricht? Man vergleiche doch die Haltung eines jüdischen Rabbiner, in allen Fragen von nur
einiger Bedeutung für das Judentum als Rasse mit der Einstellung des weitaus größten Teils unserer
Geistlichkeit, aber gefälligst beider Konfessionen!Wir haben diese Erscheinung immer dann, wenn es
sich um die Vertretung einer abstrakten Idee an sich handelt. Staatsautorität", "Demokratie",
"Pazifismus", "Internationale Solidarität" usw. sind lauter Begriffe, die bei uns fast immer zu so starren,
rein doktrinären Vorstellungen werden, daß jede Beurteilung allgemeiner nationaler
Lebensnotwendigkeiten ausschließlich nur mehr von ihrem Gesichtspunkte aus erfolgt.
Diese unselige Art der Betrachtung aller Belange unter dem Gesichtswinkel einer einmal vorgefaßten
Meinung tötet jedes Vermögen, sich in eine Sache subjektiv hineinzudenken, die objektiv der eigenen
Doktrin widerspricht, und führt am Ende zu einer vollständigen Umkehrung von Mittel und Zweck. Man
wird sich gegen jeden Versuch einer nationalen Erhebung wenden, wenn diese nur unter vorhergehender
Beseitigung eines schlechten, verderblichen Regiments stattfinden könnte, da dies ja ein Verstoß gegen
die "Staatsautorität" wäre, die "Staatsautorität" aber nicht ein Mittel zum Zweck ist, als vielmehr in den
Augen eines solchen Objektivitätsfanatikers den Zweck selber darstellt, der genügend ist, um sein
ganzes klägliches Leben auszufüllen. So würde man sich z. B. mit Entrüstung gegen den Versuch einer
Diktatur stemmen, selbst wenn ihr Träger ein Friedrich der Große und die augenblicklichen
Staatskünstler einer Parlamentsmehrheit nur unfähige Zwerge oder gar minderwertige Subjekte waren,
weil das Gesetz der Demokratie einem solchen Prinzipienbock eben heiliger erscheint als die Wohlfahrt
einer Nation. Es wird also der eine die schlechteste Tyrannei, die ein Volk zugrunde richtet,
[122 Die Los-von-Rom-Bewegung]
beschirmen, da die "Staatsautorität" sich augenblicklich in ihr verkörpert, während der andere selbst die
segensreichste Regierung ablehnt, soweit sie nicht seiner Vorstellung von "Demokratie" entspricht.
Genau so wird unser deutscher Pazifist zu jeder auch noch so blutigen Vergewaltigung der Nation, sie
mag ruhig von den ärgsten Militärgewalten ausgehen, schweigen, wenn eine Änderung dieses Loses nur
durch Widerstand, also Gewalt, zu erreichen wäre, denn dieses würde ja dem Geiste reiner
Friedensgesellschaft widersprechen. Der internationale deutsche Sozialist aber kann von der anderen
Welt solidarisch ausgeplündert werden, er selber quittiert es mit brüderlicher Zuneigung und denkt nicht
an Vergeltung oder auch nur Verwahrung, weil er eben ein — Deutscher ist. Dies mag traurig sein, aber
eine Sache ändern wollen, heißt, sie vorher erkennen müssen.
Ebenso verhält es sich mit der schwächlichen Vertretung deutscher Belange durch einen Teil des Klerus.
Es ist dies weder boshafter, schlechter Wille an sich, noch bedingt durch, sagen wir Befehle von "Oben",
sondern wir sehen in einer solchen mangelhaften nationalen Entschlossenheit nur die Ergebnisse einer
ebenso mangelhaften Erziehung zum Deutschtum von Jugend auf, wie andererseits aber einer restlosen
Unterwerfung unter die zum Idol gewordene Idee.
Die Erziehung zur Demokratie, zum Sozialismus internationaler Art, zum Pazifismus usw. ist eine so
starre und ausschließliche, mithin, von ihnen aus betrachtet, rein subjektive, daß damit auch das
allgemeine Bild der übrigen Welt unter dieser grundsätzlichen Vorstellung beeinflußt wird, während die
Stellung zum Deutschtum ja von Jugend auf nur eine sehr objektive war. So wird der Pazifist, indem er
sich subjektiv seiner Idee restlos ergibt, bei jeder auch noch so ungerechten und schweren Bedrohung
seines Volkes (sofern er eben ein Deutscher ist) immer erst nach dem objektiven Recht suchen und
niemals aus reinem Selbsterhaltungstrieb sich in die Reihe seiner Herde stellen und mitfechten.
[123 Die Los-von-Rom-Bewegung]
Wie sehr dies auch für die einzelnen Konfessionen gilt, mag noch folgendes zeigen:Der Protestantismus
vertritt von sich aus die Belange des Deutschtums besser, soweit dies in seiner Geburt und späteren
Tradition überhaupt schon begründet liegt; er versagt jedoch in dem Augenblick, wo diese Verteidigung
nationaler Interessen auf einem Gebiete stattfinden müßte, das in der allgemeinen Linie seiner
Vorstellungswelt und traditionellen Entwicklung entweder fehlt oder gar aus irgendeinem Grunde
abgelehnt wird.
So wird der Protestantismus immer für die Förderung alles Deutschtums an sich eintreten, sobald es sich
um Dinge der inneren Sauberkeit oder auch nationalen Vertiefung, um die Verteidigung deutschen
Wesens, deutscher Sprache und auch deutscher Freiheit handelt, da dieses alles ja fest in ihm selber mit
begründet liegt; er bekämpft aber sofort auf das feindseligste jeden Versuch, die Nation aus der
Umklammerung ihres tödlichsten Feindes zu retten, da seine Stellung zum Judentum nun einmal mehr
oder weniger fest dogmatisch festgelegt ist. Dabei aber dreht es sich hierbei um die Frage, ohne deren
Lösung alle anderen Versuche einer deutschen Wiedergeburt oder einer Erhebung vollkommen unsinnig
und unmöglich sind und bleiben.
Ich besaß in meiner Wiener Zeit Muße und Gelegenheit genug, auch diese Frage unvoreingenommen zu
prüfen und konnte dabei noch im täglichen Verkehr die Richtigkeit dieser Anschauung tausendfältig
feststellen.
In diesem Brennpunkt der verschiedensten Nationalitäten zeigte sich sofort am klarsten, daß eben nur
der deutsche Pazifist die Belange der eigenen Nation immer objektiv zu betrachten versucht, aber
niemals der Jude etwa die des jüdischen Volkes; daß nur der deutsche Sozialist "internatonal" in einem
Sinne ist, der ihm dann verbietet, seinem eigenen Volke Gerechtigkeit anders als durch Winseln und
Flennen bei den internationalen Genossen zu erbetteln, niemals aber auch der Tscheche oder Pole usw.;
kurz, ich erkannte schon damals, daß das Unglück nur zum Teil in diesen Lehren an sich liegt, zum
anderen Teil aber in
[124 Die Los-von-Rom-Bewegung]
unserer gänzlich ungenügenden Erziehung zum eigenen Volkstum überhaupt und in einer dadurch
bedingten minderen Hingabe an dasselbe.
Damit entfiel die erste rein theoretische Begründung des Kampfes der alldeutschen Bewegung gegen
den Katholizismus an sich.
Man erziehe das deutsche Volk schon von Jugend an mit jener ausschließlichen Anerkennung der
Rechte des eigenen Volkstums und verpeste nicht schon die Kinderherzen mit dem Fluche unserer
"Objektivität" auch in Dingen der Erhaltung des eigenen Ichs, so wird es sich in kurzer Zeit zeigen, daß
(eine dann aber auch radikale nationale Regierung vorausgesetzt), ebenso wie in Irland, Polen oder
Frankreich, auch in Deutschland der Katholik immer Deutscher sein wird.
Den gewaltigsten Beweis hierfür hat aber jene Zeit geliefert, die zum letzten Male unser Volk zum
Schutze seines Daseins vor dem Richterstuhl der Geschichte antreten ließ zu seinem Kampfe auf Leben
und Tod.
Solange nicht die Führung damals von oben fehlte, hat das Volk seine Pflicht und Schuldigkeit in
überwältigendster Weise erfüllt. Ob protestantischer Pastor oder katholischer Pfarrer, sie trugen beide
gemeinsam unendlich bei zum so langen Erhalten unserer Widerstandskraft, nicht nur an der Front,
sondern noch mehr zu Hause. In diesen Jahren, und besonders im ersten Aufflammen, gab es wirklich in
beiden Lagern nur ein einziges heiliges Deutsches Reich, für dessen Bestehen und Zukunft sich jeder
eben an seinen Himmel wandte.
Eine Frage hätte sich die alldeutsche Bewegung in Österreich einst vorlegen müssen: Ist die Erhaltung
des österreichischen Deutschtums unter einem katholischen Glauben möglich oder nicht? Wenn ja, dann
dürfte sich die politische Partei nicht um religiöse oder gar konfessionelle Dinge kümmern; wenn aber
nein, dann mußte eine religiöse Reformation einsetzen und niemals eine politische Partei.
Wer aber den Umweg einer politischen Organisation zu einer religiösen Reformation kommen zu
können glaubt,

[125 Die Los-von-Rom-Bewegung]
zeigt nur, daß ihm auch jeder Schimmer vom Werden religiöser Vorstellungen oder gar Glaubenslehren
und deren kirchlichen Auswirkungen abgeht.
Man kann hier wirklich nicht zwei Herren dienen. Wobei ich die Gründung oder Zerstörung einer
Religion denn doch als wesentlich größer halte als die Gründung oder Zerstörung eines Staates,
geschweige denn einer Partei.
Man sage ja nicht, daß besagte Angriffe nur die Abwehr von Angriffen der anderen Seite waren!
Sicherlich haben zu allen Zeiten gewissenlose Kerle sich nicht gescheut, auch die Religion zum
Instrument ihrer politischen Geschäfte (denn um dies handelt es sich bei solchen Burschen fast immer
und ausschließlich) zu machen; allein ebenso sicher ist es falsch, die Religion oder auch die Konfession
für eine Anzahl von Lumpen, die mit ihr genau so Mißbrauch treiben, wie sie sonst eben wahrscheinlich
irgend etwas anderes in den Dienst ihrer niederen Instinkte stellen würden, verantwortlich zu machen.
Nichts kann solch einem parlamentarischen Taugenichts und Tagedieb besser passen, als wenn ihm so
Gelegenheit geboten wird, wenigstens nachträglich noch die Rechtfertigung zu seiner politischen
Schiebung zu erlangen. Denn sobald man die Religion oder auch die Konfession für seine persönliche
Schlechtigkeit verantwortlich macht und sie deshalb angreift, ruft der verlogene Bursche sofort unter
riesigem Geschrei alle Welt zum Zeugen an, wie berechtigt sein Vorgehen bisher war, und wie nur ihm
und seiner Mundfertigkeit allein die Rettung von Religion und Kirche zu danken sei. Die ebenso dumme
wie vergeßliche Mitwelt erkennt dann den wahren Urheber des ganzen Kampfes schon des großen
Geschreies wegen meistens nicht oder erinnert sich seiner nicht mehr, und der Lump hat ja nun
eigentlich sein Ziel erreicht.
Daß dies mit Religion gar nichts zu tun hat, weiß so ein listiger Fuchs ganz genau; er wird sich also um
so mehr im stillen in das Fäustchen lachen, während sein ehrlicher, aber ungeschickter Gegner das Spiel
verliert, um eines Tages,
[126 Die Los-von-Rom-Bewegung]
an Treu und Glauben der Menschheit verzweifelnd, sich von allem zurückzuziehen.
Es wäre aber auch in anderer Hinsicht nur unrecht, die Religion als solche oder selbst die Kirche für die
Verfehlungen einzelner verantwortlich zu machen. Man vergleiche die Größe der vor dem Auge
stehenden sichtbaren Organisation mit der durchschnittlichen Fehlerhaftigkeit der Menschen im
allgemeinen und wird zugeben müssen, daß das Verhältnis von Gutem und Schlechtem dabei besser ist
als wohl irgendwo anders. Sicher gibt es auch unter den Priestern selber solche, denen ihr heiliges Amt
nur ein Mittel zur Befriedigung ihres politischen Ehrgeizes ist, ja, die im politischen Kampfe in oft mehr
als beklagenswerter Weise vergessen, daß sie denn doch die Hüter einer höheren Wahrheit sein sollten
und nicht Vertreter von Lüge und Verleumdung — allein auf einen solchen Unwürdigen treffen doch
auch wieder tausend nur mehr ehrenhafte, ihrer Mission auf das treueste ergebene Seelsorger, die in
unserer heutigen, ebenso verlogenen als verkommenen Zeit wie kleine Inseln aus einem allgemeinen
Sumpfe herausragen.
So wenig ich die Kirche als solche verurteile und verurteilen darf, wenn einmal ein verkommenes
Subjekt im Priesterrock sich in schmutzigerweise an der Sittlichkeit verfehlt, so wenig aber auch, wenn
ein anderer unter den vielen sein Volkstum besudelt und verrät in Zeitläufen, in denen dies ohnehin
geradezu alltäglich ist. Besonders heute möge man dann nicht vergessen, daß auf einen solchen
Ephialtes auch Tausende treffen, die mit blutendem Herzen das Unglück ihres Volkes mitempfinden und
genau so wie die Besten unserer Nation die Stunde herbeisehnen, in der auch uns der Himmel wieder
einmal lächeln wird.
Wer aber zur Antwort gibt, daß es sich hier nicht um so kleine Problems des Alltags handelt, sondern
um Fragen grundsätzlicher Wahrhaftigkeit oder dogmatischen Inhalts überhaupt, dem kann man nur mit
einer anderen Frage die nötige Antwort geben:Glaubst du dich vom Schicksal ausersehen, hier die
Wahr-
[127 Die Los-von-Rom-Bewegung]
heit zu verkünden, dann tue es; aber habe dann auch den Mut, dies nicht über den Umweg einer
politischen Partei tun zu wollen — denn dies ist auch eine Schiebung —, sondern stelle eben an Stelle
des Schlechteren von jetzt dein Besseres der Zukunft auf.
Gehlt es dir hier an Mut, oder ist dir dein Besseres selber nicht ganz klar, dann lasse die Finger davon;
auf alle Fälle aber versuche nicht, was du mit offenem Visier nicht zu tun getraust, über den Umweg
einer politischen Bewegung zu erschleichen.
Politische Parteien haben mit religiösen Problemen, solange sie nicht als volksfremd die Sitte und Moral
der eigenen Rasse untergraben, nichts zu schaffen; genau so wie Religion nicht mit politischem
Parteiunfug zu verquicken ist.
Wenn kirchliche Würdenträger sich religiöser Einrichtungen oder auch Lehren bedienen, um ihr
Volkstum zu schädigen, so darf man ihnen auf diesem Wege niemals folgen und mit gleichen Waffen
kämpfen.
Dem politischen Führer haben religiöse Lehren und Einrichtungen seines Volkes immer unantastbar zu
sein, sonst darf er nicht Politiker sein, sondern soll Reformator werden, wenn er das Zeug hierzu besitzt!
Eine andere Haltung würde vor allem in Deutschland zu einer Katastrophe führen.
Bei dem Studium der alldeutschen Bewegung und ihres Kampfes gegen Rom bin ich damals und
besonders im Laufe späterer Jahre zu folgender Überzeugung gelangt: Das geringe Verständnis dieser
Bewegung für die Bedeutung des sozialen Problems kostete sie die wahrhaft kampfkräftige Masse des
Volkes; das Hineingehen in das Parlament nahm ihr den gewaltigen Schwung und belastete sie mit allen
dieser Institution eigenen Schwächen; der Kampf gegen die katholische Kirche machte sie in
zahlreichen kleinen und mittleren Kreisen unmöglich und raubte ihr damit unzählige der besten
Elemente, die die Nation überhaupt ihr eigen nennen kann.

[128 Die Los-von-Rom-Bewegung]
Das praktische Ergebnis des österreichischen Kulturkampfes war fast gleich Null.
Wohl gelang es, der Kirche gegen hunderttausend Mitglieder zu entreißen, allein ohne daß diese dadurch
auch nur einen besonderen Schaden erlitten hätte. Sie brauchte den verlorenen "Schäflein" in diesem
Falle wirklich keine Träne nachzuweinen; denn sie verlor nur, was ihr vorher schon längst innerlich
nicht mehr voll gehörte. Dies war der Unterschied der neuen Reformation gegenüber der einstigen: daß
einst viele der Besten der Kirche sich von ihr wendeten aus innerer religiöser Überzeugung heraus,
während jetzt nur die ohnehin Lauen gingen, und zwar aus "Erwägungen" politischer Natur.
Gerade vom politischen Gesichtspunkte aus war das Ergebnis ebenso lächerlich wie doch wieder traurig.
Wieder war eine erfolgversprechende politische Heilsbewegung der deutschen Nation zugrunde
gegangen, weil sie nicht mit der nötigen rücksichtslosen Nüchternheit geführt worden war, sondern sich
auf Gebiete verlor, die nur zu einer Zersplitterung führen mußten.
Denn eines ist sicher wahr:Die alldeutsche Bewegung würde diesen Fehler wohl nie gemacht haben,
wenn sie nicht zu wenig Verständnis für die Psyche der breiten Masse besessen hätte. Würde ihren
Führern bekannt gewesen sein, daß man, um überhaupt Erfolge erringen zu können, schon aus rein
seelischen Erwägungen heraus der Masse niemals zwei und mehr Gegner zeigen darf, da dies sonst zu
einer vollständigen Zersplitterung der Kampfkraft führt, so wäre schon aus diesem Grunde die
Stoßrichtung der alldeutschen Bewegung nur auf einen Gegner allein eingestellt worden. Es ist nichts
gefährlicher für eine politische Partei, als wenn sie sich in ihren Entschließungen von jenen
Hansdampfgesellen in allen Gassen leiten läßt, die alles wollen, ohne auch nur das Geringste je wirklich
erreichen zu können.
Auch wenn an der einzelnen Konfession noch soviel wirklich auszustellen wäre, so darf die politische
Partei doch nicht einen Augenblick die Tatsache aus dem Auge ver-
[129 Konzentration auf einen Gegner]
lieren, daß es nach aller bisherigen Erfahrung der Geschichte noch niemals einer rein politischen Partei
in ähnlichen Lagen gelungen war, zu einer religiösen Reformation zu kommen. Man studiert aber nicht
Geschichte, um dann, wenn sie zur praktischen Anwendung kommen sollte, sich ihrer Lehren nicht zu
erinnern oder zu glauben, daß nun die Dinge eben anders lägen, mithin ihre urewigen Wahrheiten nicht
mehr anzuwenden wären, sondern man lernt aus ihr gerade die Nutzanwendung für die Gegenwart. Wer
dies nicht fertigbringt, der bilde sich nicht ein, politischer Führer zu sein; er ist in Wahrheit ein seichter,
wenn auch meist sehr eingebildeter Tropf, und aller gute Wille entschuldigt nicht seine praktische
Unfähigkeit.Überhaupt besteht die Kunst aller wahrhaft großen Volksführer zu allen Zeiten in erster
Linie mit darin, die Aufmerksamkeit eines Volkes nicht zu zersplittern, sondern immer auf einen
einzigen Gegner zu konzentrieren. Je einheitlicher dieser Einsatz des Kampfwillens eines Volkes
stattfindet, um so größer wird die magnetische Anziehungskraft einer Bewegung sein, und um so
gewaltiger die Wucht des Stoßes. Es gehört zur Genialität eines großen Führers, selbst
auseinanderliegende Gegner immer als nur zu einer Kategorie gehörend erscheinen zu lassen, weil die
Erkenntnis verschiedener Feinde bei schwächlichen und unsicheren Charakteren nur zu leicht zum
Anfang des Zweifels am eigenen Rechte führt.
Sowie die schwankende Masse sich im Kampfe gegen zu viele Feinde sieht, wird sich sofort die
Objektivität einstellen und die Frage aufwerfen, ob wirklich alle anderen unrecht haben und nur das
eigene Volk oder die eigene Bewegung allein sich im Rechte befinde.
Damit aber kommt auch schon die erste Lähmung der eigenen Kraft. Daher muß eine Vielzahl von
innerlich verschiedenen Gegnern immer zusammengefaßt werden, so daß in der Einsicht der Masse der
eigenen Anhänger der Kampf nur gegen einen Feind allein geführt wird. Dies stärkt den Glauben an das
eigene Recht und steigert die Erbitterung gegen den Angreifer auf dasselbe.
[130 Der Weg der Christlich-Sozialen]
Daß die alldeutsche Bewegung von einst dies nicht begriff, kostete sie den Erfolg.
Ihr Ziel war richtig gesehen, das Wollen rein, der enigeschlagene Weg aber falsch. Sie glich einem
Bergsteiger, der den zu erklimmenden Gipfel wohl im Auge behält, auch mit größter Entschiedenheit
und Kraft sich auf den Weg macht, allein diesem selber keine Beachtung schenkt, sondern, immer den
Blick auf das Ziel gerichtet, die Beschaffenheit des Aufstiegs weder sieht noch prüft und daran endlich
scheitert.
Umgekehrt schien das Verhältnis bei der großen Konkurrentin, der christlich-sozialen Partei, zu liegen.
Der Weg, den sie einschlug, war klug und richtig gewählt, allein es fehlte die klare Erkenntnis über das
Ziel.
In fast allen Belangen, in denen die alldeutsche Bewegung fehlte, war die Einstellung der christlichsozialen
Partei richtig und planvoll.
Sie besaß das nötige Verständnis für die Bedeutung der Masse und sicherte sich wenigstens einen Teil
derselben durch offensichtliche Betonung ihres Sozialen Charakters vom ersten Tage an. Indem sie sich
in wesentlicher Weise auf die Gewinnung des kleinen und unteren Mittel- und Handwerkerstandes
einstellte, erhielt sie eine ebenso treue wie ausdauernde und opferwillige Gefolgschaft. Sie vermied
jeden Kampf gegen eine religiöse Einrichtung und sicherte sich dadurch die Unterstützung einer so
mächtigen Organisation, wie sie die Kirche nun einmal darstellt. Sie besaß demzufolge auch nur einen
einzigen wahrhaft großen Hauptgegner. Sie erkannte den Wert einer großzügigen Propaganda und war
Virtuosin im Einwirken auf die seelischen Instinkte der breiten Masse ihrer Anhänger.
Daß auch sie dennoch nicht das erträumte Ziel einer Rettung Österreichs zu erreichen vermochte, lag in
zwei Mängeln ihres Weges sowie in der Unklarheit über das Ziel selber.
Der Antisemitismus der neuen Bewegung war statt auf rassischer Erkenntnis auf religiöser Vorstellung
aufgebaut.
[131 Judenbekämpfung auf religöiser Grundlage]
Der Grund, warum dieser Fehler unterlief, war der gleiche, der auch den zweiten Irrtum veranlaßte.
Wollte die christlich-soziale Partei Österreich retten, dann durfte sie sich, nach der Meinung ihrer
Begründer, nicht auf den Standpunkt des Rassenprinzips stellen, da sonst in kurzer Zeit eine allgemeine
Auflösung des Staates eintreten mußte. Besonders aber die Lage in Wien selber erforderte, nach der
Ansicht der Führer der Partei, eine möglichst große Beiseitelassung aller trennenden Momente und an
deren Stelle ein Hervorheben aller einigenden Gesichtspunkte.
Wien war zu dieser Zeit schon so stark besonders mit tschechischen Elementen durchsetzt, daß nur
größte Toleranz in Bezug auf alle Rassenprobleme diese noch in einer nicht von vornherein deutschfeindlichen
Partei zu halten vermochte. Wollte man Österreich retten, durfte auf sie nicht verzichtet
werden. So versuchte man die besonders sehr zahlreichen tschechischen Kleingewerbetreibenden in
Wien zu gewinnen durch den Kampf gegen das liberale Manchestertum und glaubte dabei eine über alle
Völkerunterschiede des alten Österreichs hinwegführende Parole im Kampf gegen das Judentum auf
religiöser Grundlage gefunden zu haben.
Daß eine solche Bekämpfung auf solcher Grundlage der Judenheit nur begrenzte Sorge bereitete, liegt
auf der Hand. Im schlimmsten Falle rettete ein Guß Taufwasser immer noch Geschäft und Judentum
zugleich.
Mit einer solchen oberflächlichen Begründung kam man auch niemals zu einer ernstlichen
wissenschaftlichen Behandlung des ganzen Problems und stieß dadurch nur zu viele, denen diese Art
von Antisemitismus unverständlich sein mußte, überhaupt zurück. Die werbende Kraft der Idee war
damit fast ausschließlich an geistig beschränkte Kreise gebunden, wenn man nicht vom rein
gefühlsmäßigen Empfinden hinweg zu einer wirklichen Erkenntnis kommen wollte. Die Intelligenz
verhielt sich grundsätzlich ablehnend. Die Sache erhielt so mehr und mehr den Anstrich, als handle es
sich bei der ganzen Angelegenheit nur um den
[132 Der christlich-soziale Scheinantisemitismus]
Versuch einer neuen Judenbekehrung oder gar um den Ausdruck eines gewissen Konkurrenzneides.
Damit aber verlor der Kampf das Merkmal einer inneren und höheren Weihe und erschien vielen, und
nicht gerade den Schlechtesten, als unmoralisch und verwerflich. Es fehlte die Überzeugung, daß es sich
hier um eine Lebensfrage der gesamten Menschheit handle, von deren Lösung das Schicksal aller
nichtdeutschen Völker abhänge.
An dieser Halbheit ging der Wert der antisemitischen Einstellung der christlich-sozialen Partei verloren.
Es war ein Scheinantisemitismus, der fast schlimmer war als überhaupt keiner; denn so wurde man in
Sicherheit eingelullt, glaubte den Gegner an den Ohren zu haben, wurde jedoch in Wirklichkeit selber an
der Nase geführt.
Der Jude aber hatte sich schon in kurzer Zeit auch an diese Art von Antisemitismus gewöhnt, so daß ihm
sein Wegfall sicher mehr gefehlt haben würde, als ihn sein Vorhandensein behinderte.
Mußte man hier schon dem Nationalitätenstaat ein schweres Opfer bringen, so noch viel mehr der
Vertretung des Deutschtums an sich.
Man durfte nicht "nationalistisch" sein, wollte man nicht in Wien selber den Boden unter den Füßen
verlieren. Man hoffte, durch ein sanftes Umgehen dieser Frage den Habsburgerstaat noch zu retten und
trieb ihn gerade da. durch in das Verderben. Die Bewegung aber verlor damit die gewaltige Kraftquelle,
die allein auf die Dauer eine politische Partei mit innerer Triebkraft aufzufüllen vermag. Die christlichsoziale
Bewegung wurde gerade dadurch zu einer Partei wie eben jede andere auch.
Ich habe beide Bewegungen einst auf das aufmerksamste verfolgt, die eine aus dem Pulsschlag des
inneren Herzens heraus, die andere, hingerissen von Bewunderung für den seltenen Mann, der mir schon
damals wie ein bitteres Symbol des ganzen österreichischen Deutschtums erschien.
Als der gewaltige Leichenzug den toten Bürgermeister vom Rathaus hinweg der Ringstraße zu fuhr,
befand auch
[133 Alldeutsche und Christlich-Soziale]
ich mich unter den vielen Hunderttausenden, die dem Trauerspiel zusahen. In innerer Ergriffenheit sagte
mir dabei das Gefühl, daß auch das Werk dieses Mannes vergeblich sein müßte durch das Verhältnis,
das diesen Staat unweigerlich dem Untergang entgegenführen würde. Hätte Dr. Karl Lueger in
Deutschland gelebt, würde er in die Reihe der großen Köpfe unseres Volkes gestellt worden sein; daß er
in diesem unmöglichen Staate wirkte, war daß Unglück seines Werkes und seiner selbst.
Als er starb, zuckten bereits die Flämmchen auf dem Balkan von Monat zu Monat gieriger hervor, so
daß ihm das Schicksal gnädig das zu sehen erließ, was er noch glaubte verhüllen zu können. —Ich aber
versuchte, aus dem Versagen der einen Bewegung und dem Mißlingen der zweiten die Ursachen
herauszufinden und kam zur sicheren Überzeugung, daß, ganz abgesehen von der Unmöglichkeit, im
alten Österreich noch eine Festigung des Staates zu erreichen die Fehler der beiden Parteien folgende
waren:Die alldeutsche Bewegung hatte wohl recht in ihrer prinzipiellen Ansicht über das Ziel einer
deutschen Erneuerung, war jedoch unglücklich in der Wahl des Weges. Sie war nationalistisch, allein
leider nicht sozial genug, um die Masse zu gewinnen. Ihr Antisemitismus aber beruhte auf der richtigen
Erkenntnis der Bedeutung des Rassenproblems und nicht auf religiösen Vorstellungen. Ihr Kampf gegen
eine bestimmte Konfession war dagegen tatsächlich und taktisch falsch.
Die christlich-soziale Bewegung besaß eine unklare Vorstellung über das Ziel einer deutschen
Wiedergeburt, hatte aber Verstand und Glück beim Suchen ihrer Wege als Partei. Sie begriff die
Bedeutung der sozialen Frage, irrte in ihrem Kampf gegen das Judentum und besaß keine Ahnung von
der Macht des nationalen Gedankens.
Hätte die christlich-soziale Partei zu ihrer klugen Kenntnis der breiten Masse noch die richtige
Vorstellung von der Bedeutung des Rassenproblems, wie dies die alldeutsche Bewegung erfaßt hatte,
besessen, und wäre sie selber
[134 Wachsende Abneigung gegen den Habsburgerstaat]
endlich nationalistisch gewesen, oder würde die alldeutsche Bewegung zu ihrer richtigen Erkenntnis des
Zieles der Judenfrage und der Bedeutung des Nationalgedankens noch die praktische Klugheit der
christlich-sozialen Partei, besonders aber deren Einstellung zum Sozialismus angenommen haben, dann
würde dies jene Bewegung ergeben haben, die schon damals meiner Überzeugung nach mit Erfolg in
das deutsche Schicksal hatte eingreifen können.
Daß dies nicht so war, lag zum weitaus größten Teil aller am Wesen des österreichischen Staates.
Da ich meine Überzeugung in keiner anderen Partei verwirklicht sah, konnte ich mich in der Folgezeit
auch nicht mehr entschließen, in eine der bestehenden Organisationen einzutreten oder gar
mitzukämpfen. Ich hielt schon damals sämtliche der politischen Bewegungen für verfehlt und für
unfähig, eine nationale Wiedergeburt des deutschen Volkes in größerem und nicht äußerlichem
Umfange durchzuführen.
Meine innere Abneigung über dem habsburgischen Staate gegenüber Wuchs in dieser Zeit immer mehr
an.
Je mehr ich mich besonders auch mit außenpolitischen Fragen zu beschäftigen begann, um so mehr
gewann meine Überzeugung Boden, daß dieses Staatsgebilde nur zum Unglück des Deutschtums
werden mußte. Immer klarer sah ich endlich auch, daß das Schicksal der deutschen Nation nicht mehr
von dieser Stelle aus entschieden würde, sondern im Reiche selber. Dies galt aber nicht nur für
allgemeine politische Fragen, sondern nicht minder auch für alle Erscheinungen des gesamten
Kulturlebens überhaupt.
Der österreichische Staat zeigte auch hier auf dem Gebiete rein kultureller oder künstlerischer
Angelegenheiten alle Merkmale der Erschlaffung, mindestens aber der Bedeutungslosigkeit für die
deutsche Nation. Am meisten galt dies für das Gebiet der Architektur. Die neuere Baukunst konnte
schon deshalb in Österreich nicht zu besonders großen Erfolgen kommen, weil die Aufgaben seit dem
Ausbau der Ringstraße wenigstens in Wien nur mehr unbe-
[135 Österreich ein altes Mosaikbild]
deutende waren gegenüber den in Deutschland aufsteigenden Plänen.
So begann ich immer mehr ein Doppelleben zu führen; Verstand und Wirklichkeit hießen mich in
Österreich eine ebenso bittere wie segensreiche Schule durchmachten, allein das Herz weilte woanders.
Eine beklemmende Unzufriedenheit hatte damals von mir Besitz ergriffen, je mehr ich die innere
Hohlheit dieses Staates erkannte, die Unmöglichkeit, ihn noch zu retten, aber dabei mit aller Sicherheit
empfand, daß er in allem und jedem nur noch das Unglück des deutschen Volkes darstellen konnte.
Ich war überzeugt, daß dieser Staat jeden wahrhaft großen Deutschen ebenso beengen und behindern
mußte, wie er umgekehrt jede undeutsche Erscheinung fördern würde. Widerwärtig war mir das
Rassenkonglomerat, das die Reichshauptstadt zeigte, widerwärtig dieses ganze Völkergemisch von
Tschechen, Polen, Ungarn, Ruthenen, Serben und Kroaten usw., zwischen allem aber als ewiger
Spaltpilz der Menschheit Juden und wieder Juden.
Mir erscheint die Riesenstadt als die Verkörperung der Blutschande.
Mein Deutsch der Jugendzeit war der Dialekt, den auch Niederbayern spricht; ich vermochte ihn weder
zu vergessen, noch den Wiener Jargon zu lernen. Je länger ich in dieser Stadt weilte, um so mehr stieg
mein Haß gegen das fremde Völkergemisch, das diese alte deutsche Kulturstätte zu zerfressen begann.
Der Gedanke aber, daß dieser Staat noch längere Zeit zu halten wäre, erschien mir geradezu
lächerlich.Österreich war damals wie ein altes Mosaikbild, dessen Kitt, der die einzelnen Steinchen
zusammenbindet, alt und bröcklig geworden; solange das Kunstwerk nicht berührt wird, vermag es noch
sein Dasein weiter vorzutäuschen, sowie es jedoch einen Stoß erhält, bricht es in tausend Scherbchen
auseinander. Die Frage war also nur die, wann der Stoß kommen würde. —Da mein Herz niemals für
eine österreichische Monarchie,
[l36 Die Schule meines Lebens]
sondern immer nur für ein Deutsches Reich schlug, konnte mir die Stunde des Zerfalls dieses Staates nur
als der Beginn der Erlösung der deutschen Nation erscheinen.
Aus all diesen Gründen entstand immer starker die Sehnsucht, endlich dorthin zu gehen, wo seit so
früher Jugend mich heimliche Wünsche und heimliche Liebe hinzogen.
Ich hoffte, dereinst als Baumeister mir einen Namen zu machen und so, in kleinem oder großem
Rahmen, den mir das Schicksal dann eben schon zuweisen würde, der Nation meinen redlichen Dienst
zu weihen.
Endlich aber wollte ich des Glücks teilhaftig werden, an der Stelle zu sein und wirken zu dürfen, von der
einst ja auch mein brennendster Herzenswunsch in Erfüllung gehen mußte: der Anschluß meiner
geliebten Heimat an das gemeinsame Vaterland, das Deutsche Reich.
Viele werden die Größe einer solchen Sehnsucht auch heute noch nicht zu begreifen vermögen, allein
ich wende mich an die, denen das Schicksal entweder bisher dieses Glück verweigert oder in grausamer
Härte wieder genommen hat; ich wende mich an alle die, die, losgelöst vom Mutterlande, selbst um das
heilige Gut der Sprache zu kämpfen haben, die wegen ihrer Gesinnung der Treue dem Vaterlande
gegenüber verfolgt und gepeinigt worden, und die nun in schmerzlicher Ergriffenheit die Stunde
ersehnen, die sie wieder an das Herz der treuen Mutter zurückkehren läßt; ich wende mich an alle diese
und weiß: Sie werden mich verstehen!Nur wer selber am eigenen Leibe fühlt, was es heißt, Deutscher zu
sein, ohne dem lieben Vaterlande angehören zu dürfen, vermag die tiefe Sehnsucht zu ermessen, die zu
allen Zeiten im Herzen der vom Mutterlande getrennten Kinder brennt. Sie quält die von ihr Erfaßten
und verweigert ihnen Zufriedenheit und Glück so lange, bis die Tore des Vaterhauses sich öffnen und im
gemeinsamen Reiche das gemeinsame Blut Frieden und Ruhe wiederfindet.
[137 Die Schule meines Lebens]
Wien aber war und blieb für mich die schwerste, wenn auch gründlichste Schule meines Lebens. Ich
hatte diese Stadt einst betreten als ein halber Junge noch und verließ sie als still und ernst gewordener
Mensch. Ich erhielt in ihr die Grundlagen für eine Weltanschauung im großen und eine politische
Betrachtungsweise im kleinen, die ich später nur noch im einzelnen zu ergänzen brauchte, die mich aber
nie mehr verließen. Den rechten Wert der damaligen Lehrjahre vermag ich freilich selber erst heute voll
zu schätzen.
Deshalb habe ich diese Zeit etwas ausführlicher behandelt, da sie mir gerade in jenen Fragen den ersten
Anschauungsunterricht erteilte, die mit zu den Grundlagen der Partei gehören, die, aus kleinsten
Anfängen entstehend, sich im Laufe von kaum fünf Jahren zu einer großen Massenbewegung zu
entwickeln anschickt. Ich weiß nicht, wie meine Stellung zum Judentum, zur Sozialdemokratie, besser
zum gesamten Marxismus, zur sozialen Frage usw. heute wäre, wenn nicht schon ein Grundstock
persönlicher Anschauungen in so früher Zeit durch den Druck des Schicksals und durch eigenes Lernen
sich gebildet hätte.
Denn, wenn auch das Unglück des Vaterlandes Tausende und aber Tausende zum Denken anzuregen
vermag über die inneren Gründe des Zusammenbruches, so kann dies doch niemals zu jener
Gründlichkeit und tieferen Einsicht führen, die sich dem erschließt, der selber erst nach jahrelangem
Ringen Herr des Schicksals wurde.

4. Kapitel:
München
In Frühjahr 1912 kam ich endgültig nach München. Die Stadt selber war mir so gut bekannt, als ob ich
schon seit Jahren in ihren Mauern geweilt hätte. Es lag dies begründet in meinem Studium, das mich auf
Schritt und Tritt ja auf diese Metropole der deutschen Kunst hinwies. Man hat nicht nur Deutschland
nicht gesehen, wenn man München nicht kennt, nein, man kennt vor allem die deutsche Kunst nicht,
wenn man München nicht sah.
Jedenfalls war diese Zeit vor dem Kriege die glücklichste und weitaus zufriedenste meines Lebens.
Wenn auch mein Verdienst immer noch sehr kärglich war, so lebte ich ja nicht, um malen zu können,
sondern malte, um mir dadurch nur die Möglichkeit meines Lebens zu sichern, besser, um mir damit
mein weiteres Studium zu gestalten. Ich besaß die Überzeugung, mein Ziel, das ich mir gesteckt hatte,
einst eben dennoch zu erreichen. Und dies ließ mich allein schon alle sonstigen kleinen Sorgen des
täglichen Daseins leicht und unbekümmert ertragen.
Dazu aber kam noch die innere Liebe, die mich zu dieser Stadt mehr als zu einem anderen mir
bekannten Orte fast schon von der ersten Stunde meines Aufenthalts erfaßte. Eine deutsche Stadt!!
Welch ein Unterschied gegen Wien! Mir wurde schlecht, wenn ich an dieses Rassenbabylon auch nur
zurückdachte. Dazu der mir viel näher liegende Dialekt, der mich besonders im Umgang mit
Niederbayern an meine einstige Jugendzeit erinnern konnte. Es gab wohl tausend und mehr Dinge, die
mir innerlich lieb und teuer waren oder wurden. Am meisten aber zog
[139 Deutschlands falsche Bündnispolitik]
mich die wunderbare Vermählung von urwüchsiger Kraft und feiner künstlerischer Stimmung, diese
einzige Linie vom Hofbräuhaus zum Odeon, Oktoberfest zur Pinakothek usw. an. Daß ich heute an
dieser Stadt hänge, mehr als an irgendeinem anderen Flecken Erde auf dieser Welt, liegt wohl
mitbegründet in der Tatsache, daß sie mit der Entwicklung meines eigenen Lebens unzertrennlich
verbunden ist und bleibt; daß ich aber damals schon das Glück einer wahrhaft inneren Zufriedenheit
erhielt, war nur dem Zauber zuzuschreiben, den die wunderbare WittelsbacHerresidenz wohl auf jeden
nicht nur mit einem rechnerischen Verstande, sondern auch mit gefühlvollem Gemüte gesegneten
Menschen ausübt.
Was mich außer meiner beruflichen Arbeit am meisten anzog, war auch hier wieder das Studium der
politischen Tagesereignisse, darunter besonders außenpolitischer Vorgänge. Ich kam zu den letzteren
über den Umweg der deutschen Bündnispolitik, die ich von meinen österreichischen Zeiten her schon
für unbedingt falsch hielt. Immerhin war mir in Wien der volle Umfang dieser Selbsttäuschung des
Reiches noch nicht ganz klar geworden. Ich war damals geneigt, anzunehmen — oder redete mir es
vielleicht auch selber bloß als Entschuldigung vor —, das man möglicherweise in Berlin schon wisse,
wie schwach und wenig verläßlich der Bundesgenosse in Wirklichkeit sein würde, jedoch aus mehr oder
minder geheimnisvollen Gründen mit dieser Einsicht zurückhalte, um eine Bündnispolitik zu stützen,
ja Bismarck selber einst begründet hatte, und deren plötzlicher Abbruch nicht wünschenswert sein
konnte, schon um das lauernde Ausland nicht irgendwie aufzuschrecken oder den inneren Spießer zu
beruhigen.
Freilich, der Umgang, vor allem im Volke selber, lies mich zu meinem Entsetzen schon in kurzer Zeit
sehen, daß dieser Glaube falsch war. Zu meinem Erstaunen mußte ich überall feststellen, daß über das
Wesen der Habsburgermonarchie selbst in den sonst gut unterrichteten Kreisen aber auch kein blasser
Schimmer vorhanden war. Gerade
[140 Deutschlands falsche Bündnispolitik]
im Volke war man in dem Wahne verfangen, den Bundesgenossen als eine ernste Macht ansehen zu
dürfen, die in der Stunde der Not sicher sofort ihren Mann stellen würde. Man hielt in der Masse die
Monarchie immer für einen "deutschen" Staat und glaubte darauf auch bauen zu können. Man war der
Meinung, daß die Kraft auch hier nach den Millionen gemessen werden könnte, so wie etwa in
Deutschland selber, und vergaß vollständig, daß erstens: Österreich schon längst aufgehört hatte, ein
deutsches Staatswesen zu sein; daß aber zweitens: die inneren Verhältnisse dieses Reiches von Stunde
zu Stunde mehr der Auflösung entgegendrängten.
Ich hatte damals dieses Staatsgebilde besser gekannt als die sogenannte offizielle "Diplomatie", die
blind, wie fast immer, dem Verhängnis entgegentaumelte; denn die Stimmung des Volkes war immer
nur der Ausfluß dessen, was man von oben in die öffentliche Meinung hineintrichterte. Von oben aber
trieb man mit dem "Bundesgenossen" einen Kult wie um das goldene Kalb. Man hoffte wohl, durch
Liebenswürdigkeit zu ersetzen, was an Aufrichtigkeit fehlte. Dabei nahm man immer Worte für bare
Werte.
Mich packte schon in Wien der Zorn, wenn ich den Unterschied betrachtete, der zwischen den Reden
der offiziellen Staatsmänner und dem Inhalt der Wiener Presse von Zeit zu Zeit in Erscheinung trat.
Dabei war Wien aber doch noch, wenigstens dem Scheine nach, eine deutsche Stadt. Wie anders aber
lagen die Dinge, wenn man von Wien oder besser von Deutschösterreich weg in die slawischen
Provinzen des Reiches kam! Man brauchte nur Prager Zeitungen in die Hand zu nehmen, um zu wissen,
wie das ganze erhabene Gaukelspiel des Dreibundes dort beurteilt wurde. Da war für dieses
"staatsmännische Meisterwerk" schon nichts mehr vorhanden als blutiger Spott und Hohn. Man machte
im tiefsten Frieden, als die beiden Kaiser gerade die Freundschaftsküsse einander auf die Stirne
drückten, gar kein Hehl daraus, daß dieses Bündnis erledigt sei an dem Tage, an dem man versuchen
würde,
[141 Deutschlands falsche Bündnispolitik]
es aus dem Schimmer des Nibelungen-Ideals in die praktische Wirklichkeit zu überführen.
Wie hatte man sich doch einige Jahre später aufgeregt, als in der endlich gekommenen Stunde, da die
Bündnisse sich bewähren sollten, Italien aus dem Dreibunde aussprang und die beiden Genossen ziehen
ließ, ja zum Schlusse noch selber zum Feinde wurde! Daß man überhaupt auch nur eine Minute an die
Möglichkeit eines solchen Wunders früher zu glauben wagte, nämlich an das Wunder, daß Italien mit
Österreich gemeinsam kämpfen würde, konnte jedem eben nicht mit diplomatischer Blindheit
Geschlagenen nur einfach unverständlich sein. Allein die Dinge lagen ja in Österreich selber um kein
Haar anders.
Träger des Bündnisgedankens waren in Österreich nur die Habsburger und die Deutschen. Die
Habsburger aus Berechnung und Zwang, die Deutschen aus gutem Glauben und politischer —
Dummheit. Aus gutem Glauben, denn sie vermeinten, durch den Dreibund dem Deutschen Reiche selber
einen großen Dienst zu erweisen, es Stärken und sichern zu helfen; aus politischer Dummheit aber, weil
nicht das erst Gemeinte zutraf, sondern im Gegenteil sie dadurch mithalfen, das Reich an einen
Staatskadaver zu ketten, der beide in den Abgrund reißen mußte, vor allem aber, weil sie ja selber nur
durch dieses Bündnis immer mehr der Entdeutschung anheimfielen. Denn indem die Habsburger durch
das Bündnis mit dem Reiche vor einer Einmengung von dieser Seite aus sicher sein zu können glaubten
und leider auch mit Recht sein konnten, vermochten sie ihre innere Politik der langsamen Verdrängung
des Deutschtums schon wesentlich leichter und risikoloser durchzuführen. Nicht nur, daß man bei der
bekannten "Objektivität" einen Einspruch von seiten der Reichsregierung gar nicht zu befürchten
brauchte, konnte man auch dem österreichischen Deutschtum selber jederzeit mit dem Hinweis auf das
Bündnis den vorlauten Mund, der gegen eine etwa zu niederträchtige Art der Slawisierung sich auftun
wollte, sofort zum Schweigen bringen.
Was sollte denn auch der Deutsche in Österreich noch
[142 Deutschlands falsche Bündnispolitik]
tun, wenn doch das Deutschtum des Reiches selber der Habsburgerregierung Anerkennung und
Vertrauen aussprach? Sollte er Widerstand leisten, um dann in der ganzen deutschen Öffentlichkeit als
Verräter am eigenen Volkstum gebrandmarkt zu werden? Er, der seit Jahrhunderten die unerhörtesten
Opfer gerade für sein Volkstum gebracht hatte?Was aber besaß dieses Bündnis für einen Wert, wenn
erst das Deutschtum der Habsburgermonarchie ausgerottet worden wäre? War nicht der Wert des
Dreibundes für Deutschland geradezu abhängig von der Erhaltung der deutschen Vormachtstellung in
Österreich? Oder glaubte man wirklich, auch mit einem slawischen Habsburgerreich noch in einem
Bündnis leben zu können?Die Einstellung der offiziellen deutschen Diplomatie sowie auch die der
ganzen öffentlichen Meinung zum innerösterreichischen Nationalitätenproblem war schon nicht mehr
dumm, sondern einfach irrsinnig! Man baute auf ein Bündnis, stellte die Zukunft und Sicherheit eines
Siebzig-Millionen-Volkes darauf ein — und sah zu, wie die einzige Grundlage für diesen Bund beim
Partner von Jahr zu Jahr planmäßig und unbeirrt sicher zerstört wurde. Eines Tages mußte dann ein
"Vertrag" mit der Wiener Diplomatie übrigbleiben, die Bundeshilfe eines Reiches aber verloren sein.
Bei Italien war dies ohnehin von Anfang an der Fall.
Hätte man in Deutschland nur etwas klarer Geschichte studiert und Völkerpsychologie getrieben, dann
hätte man wohl keine Stunde glauben können, daß jemals Quirinal und Wiener Hofburg in einer
gemeinsamen Kampffront stehen würden. Italien wäre ja eher zu einem Vulkan geworden, ehe eine
Regierung es hätte wagen dürfen, dem so fanatisch verhaßten Habsburgerstaat aber auch nur einen
einzigen Italiener auf das Schlachtfeld zu stellen, außer als Feind. Ich habe die leidenschaftliche
Verachtung sowie den bodenlosen Haß, mit dem der Italiener dem österreichischen Staate "zugetan"
war, öfter als einmal in Wien aufbrennen sehen. Was das Haus Habsburg an der
[143 Deutschlands falsche Bündnispolitik]
italienischen Freiheit und Unabhängigkeit im Laufe der Jahrhunderte gesündigt hatte, war zu groß, als
daß man dies hätte vergessen können, auch wenn der Wille dazu vorhanden gewesen wäre. Er war aber
gar nicht vorhanden; weder im Volke noch bei der italienischen Regierung. Für Italien gab es deshalb
auch nur zwei Möglichkeiten im Zusammenleben mit Österreich: entweder Bündnis oder Krieg.
Indem man das erstere wählte, vermochte man sich in Ruhe zum zweiten vorzubereiten.
Besonders seitdem das Verhältnis Österreichs zu Rußland immer mehr einer kriegerischen
Auseinandersetzung entgegentrieb, war die deutsche Bündnispolitik ebenso sinnlos wie gefährlich.
Es war dies ein klassischer Fall. an dem sich das Fehlen jeder großen und richtigen Linie des Denkens
aufzeigen ließ.
Warum schloß man denn überhaupt ein Bündnis? Doch nur, um so die Zukunft des Reiches besser
wahren zu können, als es, auf sich allein gestellt, in der Lage gewesen wäre. Diese Zukunft des Reiches
aber war doch nichts anderes als die Frage der Erhaltung der Existenzmöglichkeit des deutschen Volkes.
Mithin aber konnte die Frage dann nur lauten: Wie muß das Leben der deutschen Nation in einer
greifbaren Zukunft sich gestalten, und wie kann man dieser Entwicklung dann die nötigen Grundlagen
und die erforderliche Sicherheit gewährleisten im Rahmen der allgemeinen europäischen
Machtverhältnisse?Bei klarer Betrachtung der Voraussetzungen für die außenpolitische Betätigung der
deutschen Staatskunst mußte man zu folgender Überzeugung gelangen:Deutschland hat eine jährliche
Bevölkerungszunahme von nahezu neunhunderttausend Seelen. Die Schwierigkeit der Ernährung dieser
Armee von neuen Staatsbürgern muß voll Jahr zu Jahr größer werden und einmal bei einer Katastrophe
enden, falls eben nicht Mittel und Wege gefunden
[144 Die vier Wege deutscher Politik]
werden, noch rechtzeitig der Gefahr dieser Hungerverelendung vorzubeugen.
Es gab vier Wege, um einer solchen entsetzlichen Zukunftsentwicklung zu entgehen:1. Man konnte,
nach französischem Vorbilde, die Zunahme der Geburten künstlich einschränken und damit einer
Übervölkerung begegnen.
Die Natur selber pflegt ja in Zeiten großer Not oder böser klimatischer Verhältnisse sowie bei armem
Bodenertrag ebenfalls zu einer Einschränkung der Vermehrung der Bevölkerung von bestimmten
Ländern oder Rassen zu schreiten; allerdings in ebenso weiser wie rücksichtsloser Methode. Sie
behindert nicht die Zeugungsfähigkeit an sich, wohl aber die Forterhaltung des Gezeugten, indem sie
dieses so schweren Prüfungen und Entbehrungen aussetzt, daß alles minder Starke, weniger Gesunde
wieder in den Schoß des ewig Unbekannten zurückzukehren gezwungen wird. Was sie dann dennoch
die Unbilden des Daseins überdauern läßt, ist tausendfältig erprobt, hart und wohl geeignet, wieder
weiter zu zeugen, auf daß die gründliche Auslese von vorne wieder zu beginnen vermag. Indem sie so
gegen den einzelnen brutal vorgeht und ihn augenblicklich wieder zu sich ruft, sowie er dem Sturme des
Lebens nicht gewachsen ist, erhält sie die Rasse und Art selber kraftvoll, ja steigert sie zu höchsten
Leistungen.
Damit ist aber eine Verminderung der Zahl eine Stärkung der Person, mithin aber letzten Endes eine
Kräftigung der Art.
Anders ist es, wenn der Mensch eine Beschränkung seiner Zahl vorzunehmen sich anschickt. Er ist nicht
aus dem Holze der Natur geschnitzt, sondern "human". Er versteht es besser als die grausame Königin
aller Weisheit. Er beschränkt nicht die Forterhaltung des einzelnen als vielmehr die Fortpflanzung
selber. Dieses erscheint ihm, der ja immer nur sich selbst und nie die Rasse sieht, menschlicher und
gerechtfertigter zu sein als der umgekehrte Weg. Allein leider sind auch die Folgen umgekehrt:Während
die Natur, indem sie die Zeugung freigibt,
[145 Die vier Wege deutscher Politik]
jedoch die Forterhaltung einer schwersten Prüfung unterwirft, aus einer Überzahl von Einzelwesen die
besten sich als wert zum Leben auserwählt, sie also allein erhält und ebenso zu Trägern der
Forterhaltung ihrer Art werden läßt, schränkt der Mensch die Zeugung ein, sorgt jedoch krampfhaft
dafür, daß jedes einmal geborene Wesen um jeden Preis auch erhalten werde. Diese Korrektur des
göttlichen Willens scheint ihm ebenso weise wie human zu sein, und er freut sich, wieder einmal in
einer Sache die Natur übertrumpft, ja ihre Unzulänglichkeit bewiesen zu haben. Daß in Wirklichkeit
allerdings wohl die Zahl eingeschränkt, aber dafür auch der Wert des einzelnen vermindert wurde, will
das liebe Äffchen des Allvaters freilich nur ungern sehen und hören.
Denn sowie erst einmal die Zeugung als solche eingeschränkt und die Zahl der Geburten vermindert
wird, tritt an Stelle des natürlichen Kampfes um das Dasein, der nur den Allerstärksten und Gesündesten
am Leben läßt, die selbstverständliche Sucht, auch das schwächlichste, ja krankhafteste um jeden Preis
zu "retten", womit der Keim zu einer Nachkommenschaft gelegt wird, die immer jämmerlicher werden
muß, je länger diese Verhöhnung der Natur und ihres Willens anhält.
Das Ende aber wird sein, daß einem solchen Volke eines Tages das Dasein auf dieser Welt genommen
werden wird; denn der Mensch kann wohl eine gewisse Zeit den ewigen Gesetzen des
Forterhaltungswillens trotzen, allein die Rache kommt früher oder später doch. Ein stärkeres Geschlecht
wird die Schwachen verjagen, da der Drang zum Leben in seiner letzten Form alle lächerlichen Fesseln
einer sogenannten Humanität der einzelnen immer wieder zerbrechen wird, um an deren Stelle die
Humanität der Natur treten zu lassen, die die Schwäche vernichtet, um der Stärke den Platz zu schenken.
Wer also dem deutschen Volke das Dasein sichern will auf dem Wege einer Selbstbeschränkung seiner
Vermehrung, raubt ihm damit die Zukunft.2. Ein zweiter Weg wäre der, den wir auch heute wieder
[146 Die vier Wege deutscher Politik]
oft und oft vorgeschlagen und angepriesen hören; die innere Kolonisation. Es ist dies ein Vorschlag, der
von ebenso vielen gut gemeint ist, als er von den meisten aber schlecht verstanden zu werden pflegt, um
den denkbar größten Schaden anzurichten, den man sich nur vorzustehen vermag.
Ohne Zweifel kann die Ertragsfähigkeit eines Bodens bis zu einer bestimmten Grenze erhöht werden.
Allein eben nur bis zu einer bestimmten Grenze und nicht endlos weiter. Eine gewisse Zeit wird man
also ohne Hungersgefahr die Vermehrung des deutschen Volkes durch eine Nutzungssteigerung unseres
Bodens auszugleichen vermögen. Allein dem steht die Tatsache gegenüber, daß die Anforderungen an
das Leben im allgemeinen schneller steigen als selbst die Zahl der Bevölkerung. Die Anforderungen der
Menschen in bezug auf Nahrung und Kleidung werden von Jahr zu Jahr größer und stehen schon jetzt
zum Beispiel in keinem Verhältnis mehr zu den Bedürfnissen unserer Vorfahren etwa vor hundert
Jahren. Es ist also irrig, zu meinen, daß jede Erhöhung der Produktion einer Vermehrung der
Bevölkerung die Voraussetzung schaffe: Nein; dies tritt nur bis zu einem gewissen Grad zu, indem
mindestens ein Teil der Mehrerzeugnisse des Bodens zur Befriedigung der erhöhten Bedürfnisse der
Menschen aufgebraucht wird. Allein selbst bei größter Einschränkung einerseits und emsigstem Fleiße
andererseits wird dennoch auch hier einmal eine Grenze kommen, die durch den Boden dann selber
gezogen wird. Es wird bei allem Fleiße nicht mehr gelingen, mehr aus ihm herauszuwirtschaften, und
dann tritt, wenn auch eine gewisse Zeit hinausgeschoben, das Verhängnis abermals in Erscheinung. Der
Hunger wird zunächst von Zeit zu Zeit, wenn Mißernten usw. kommen, sich wieder einstellen. Er wird
dies mit steigender Volkszahl immer öfter tun, so daß er endlich nur dann nicht mehr auftritt, wenn
seltene reichste Jahre die Speicher fallen. Aber es naht endlich die Zeit, in der auch dann die Not nicht
mehr zu befriedigen sein wird und der Hunger zum ewigen
[147 Die vier Wege deutscher Politik]
Begleiter eines solchen Volkes geworden ist. Nun muß wieder die Natur helfen und Auswahl treffen
unter den von ihr zum Leben Auserwählten; oder es hilft sich der Mensch wieder selbst, das heißt, er
greift zur künstlichen Behinderung seiner Vermehrung mit allen ihren schon angedeuteten schweren
Folgen für Rasse und Art.
Man wird noch einzuwenden vermögen, daß diese Zukunft ja der ganzen Menschheit einmal so oder so
bevorstehe, mithin auch das einzelne Volk diesem Verhängnis natürlich nicht zu entgehen vermöge.
Dies ist auf den ersten Blick ohne weiteres richtig. Dennoch ist aber hier folgendes zu
bedenken:Sicherlich wird zu einem bestimmten Zeitpunkt die gesamte Menschheit gezwungen sein,
infolge der Unmöglichkeit, die Fruchtbarkeit des Bodens der weitersteigenden Volkszahl noch länger
anzugleichen, die Vermehrung des menschlichen Geschlechtes einzustellen und entweder die Natur
wieder entscheiden zu lassen oder durch Selbsthilfe, wenn möglich, dann freilich schon auf dem
richtigeren Wege als heute, den notwendigen Ausgleich zu schaffen, Allein dieses wird dann eben alle
Völker treten, während zur Zeit nur diejenigen Rassen von solcher Not betroffen werden, die nicht mehr
Kraft und Stärke genug besitzen, um sich den für sie nötigen Boden auf dieser Welt zu sichern. Denn die
Dinge liegen doch so, daß auf dieser Erde zur Zeit noch immer Boden in ganz ungeheuren Flächen
ungenützt vorhanden ist und nur des Bebauers harrt. Ebenso aber ist es auch richtig, daß dieser Boden
nicht von der Natur an und für sich einer bestimmten Nation oder Rasse als Reservatfläche für die
Zukunft aufgehoben wurde, sondern er ist Land und Boden für das Volk, das die Kraft besitzt, ihn zu
nehmen, und den Fleiß, ihn zu bebauen.
Die Natur kennt keine politischen Grenzen. Sie setzt die Lebewesen zunächst auf diesen Erdball und
sieht dem freien Spiel der Kräfte zu. Der Stärkste an Mut und Fleiß erhält dann als ihr liebstes Kind das
Herrenrecht des Daseins zugesprochen.
[148 Die vier Wege deutscher Politik]
Wenn ein Volk sich auf innere Kolonisation beschränkt, da andere Rassen sich auf immer größeren
Bodenflächen dieser Erde festklammern, wird es zur Selbstbeschränkung schon zu einer Zeit zu greifen
gezwungen sein, da die übrigen Völker sich noch dauernd fortvermehren. Einmal tritt aber dieser Fall
ein, und zwar um so früher, je kleiner der zur Verfügung stehende Lebensraum eines Volkes ist. Da im
allgemeinen leider nur zu häufig die besten Nationen oder, noch richtiger, die einzigen wahrhaften
Kulturrassen, die Träger alles menschlichen Fortschrittes, sich in ihrer pazifistischen Verblendung,
entschließen, auf neuen Bodenerwerb Verzicht zu leisten, um sich mit "innerer" Kolonisation zu
begnügen, minderwertige Nationen aber ungeheure Lebensflächen auf dieser Welt sich zu sichern
verstehen, würde dies zu folgendem Endergebnis führen:Die kulturell besseren, allein minder
rücksichtslosen Rassen müßten schon zu einer Zeit ihre Vermehrung infolge ihres beschränkten Bodens
begrenzen, da die kulturell tieferen, aber naturhaft-brutaleren Völker infolge größter Lebensflächen noch
ins Unbegrenzte hinein sich fortzuvermehren in der Lage sein würden. Mit anderen Worten: Die Welt
wird damit eines Tages in den Besitz der kulturell minderwertigeren, jedoch tatkräftigeren Menschheit
kommen.
Dann gibt es in einer, wenn auch noch so fernen Zukunft nur zwei Möglichkeiten: Entweder die Welt
wird regiert nach den Vorstellungen unserer modernen Demokratie, dann füllt das Schwergewicht jeder
Entscheidung zugunsten der zahlenmäßig stärkeren Rassen aus, oder die Welt wird beHerrscht nach den
Gesetzen der natürlichen Kraftordnung, dann siegen die Völker des brutalen Willens und mithin eben
wieder nicht die Nation der Selbstbeschränkung.
Daß aber diese Welt dereinst noch schwersten Kämpfen um das Dasein der Menschheit ausgesetzt sein
wird, kann niemand bezweifeln. Am Ende siegt ewig nur die Sucht der Selbsterhaltung. Unter ihr
schmilzt die sogenannte Humanität als Ausdruck einer Mischung von Dummheit, Feigheit und
eingebildetem Besserwissen wie Schnee in der
[149 Die vier Wege deutscher Politik]
Märzensonne. Im ewigen Kampfe ist die Menschheit groß geworden im ewigen Frieden geht sie
zugrunde.
Für uns Deutsche aber ist die Parole der "inneren Kolonisation" schon deshalb unselig, da sie bei uns
sofort die Meinung verstärkt, ein Mittel gefunden zu haben, das der pazifistischen Gesinnung
entsprechend gestattet, in sanftem Schlummerleben sich das Dasein "erarbeiten" zu können. Diese
Lehre, bei uns erst einmal ernst genommen, bedeutet das Ende jeder Anstrengung, sich auf dieser Welt
den Platz zu bewahren, der auch uns gebührt. Sowie erst der Durchschnittsdeutsche die Überzeugung
erhielte, auch auf solchem Wege sich das Leben und die Zukunft sichern zu können, würde jeder
Versuch einer aktiven und damit allein fruchtbaren Vertretung deutscher Lebensnotwendigkeiten
erledigt sein. Jede wirklich nützliche Außenpolitik aber könnte durch eine solche Einstellung der Nation
als begraben angesehen werden und mit ihr die Zukunft des deutschen Volkes überhaupt.
In Erkenntnis dieser Folgen ist es nicht zufällig in erster Linie immer der Jude, der solche
todgefährlichen Gedankengänge in unser Volk hineinzupflanzen versucht und versteht. Er kennt seine
Pappenheimer nur zu gut, um nicht zu wissen, daß sie dankbar jedem spanischen Schatzschwindler zum
Opfer fallen, der ihnen weiszumachen versteht, daß das Mittel gefunden wäre, der Natur ein
Schnippchen zu schlagen, den harten, unerbittlichen Kampf ums Dasein überflüssig zu machen, um an
seiner Stelle bald durch Arbeit, manchmal auch schon durch bloßes Nichtstun, je nachdem "wies trefft",
zum Herrn des Planeten aufzusteigen.
Es kann nicht scharf genug betont werden, daß jede deutsche innere Kolonisation in erster Linie nur
dazu zu dienen hat, soziale Mißstände zu beseitigen, vor allem den Boden der allgemeinen Spekulation
zu entziehen, niemals aber genügen kann, etwa die Zukunft der Nation ohne neuen Grund und Boden
sicherzustellen.

[150 Die vier Wege deutscher Politik]
Handeln wir anders, so werden wir in kurzer Zeit nicht nur am Ende unseres Bodens angelangt sein,
sondern auch am Ende unserer Kraft.
Schließlich muß noch folgendes festgestellt werden:Die in der inneren Kolonisation liegende
Beschränkung auf eine bestimmte kleine Bodenfläche sowie auch die durch Einengung der
Fortpflanzung erfolgende gleiche Schlußwirkung führt zu einer außerordentlich ungünstigen
militärpolitischen Lage der betreffenden Nation.
In der Größe des Wohnsitzes eines Volkes liegt allein schon ein wesentlicher Faktor zur Bestimmung
seiner äußeren Sicherheit. Je größer die Raummenge ist, die einem Volk zur Verfügung steht, um so
größer ist auch dessen natürlicher Schutz; denn noch immer ließen sich militärische Entscheidungen
gegen Völker auf kleiner zusammengepreßter Bodenfläche in schnellerer und damit aber auch leichterer
und besonders wirksamerer und vollständigerer Weise erzielen, wie dies umgekehrt gegen territorial
umfangreiche Staaten möglich sein kann. In der Größe des Staatsgebietes liegt damit immer noch ein
gewisser Schutz gegen leichtfertige Angriffe, da ein Erfolg dabei nur nach langen, schweren Kämpfen
zu erzielen ist, mithin das Risiko eines übermütigen Überfalles zu groß erscheinen wird, sofern nicht
ganz außerordentliche Gründe vorliegen. Daher liegt schon in der Größe des Staates an sich ein Grund
zur leichteren Erhaltung der Freiheit und Unabhängigkeit eines Volkes, während umgekehrt die
Kleinheit eines solchen Gebildes zur Inbesitznahme geradezu herausfordert.
Tatsächlich wurden auch die beiden ersten Möglichkeiten zur Schaffung eines Ausgleiches zwischen der
steigenden Volkszahl und dem gleich groß bleibenden Boden in den sogenannten nationalen Kreisen des
Reiches abgelehnt. Die Gründe zu dieser Stellungnahme waren freilich andere als die oben angeführten:
Zur Einschränkung der Geburten verhielt man sich in erster Linie ablehnend aus einem gewissen
moralischen Gefühl heraus; die innere Kolonisation wies man mit Entrüstung zurück, da man in ihr
einen Angriff gegen den Großgrundbesitz witterte und
[151 Die vier Wege deutscher Politik]
darin den Beginn eines allgemeinen Kampfes gegen das Privateigentum überhaupt sah. Bei der Form, in
der besonders diese letztere Heilslehre empfohlen wurde, konnte man auch ohne weiteres mit einer
solchen Annahme recht haben.
Im allgemeinen war die Abwehr der breiten Masse gegenüber nicht sehr geschickt und traf auch in
keinerlei Weise den Kern des Problems.
Somit blieben nur noch zwei Wege, der steigenden Volkszahl Arbeit und Brot zu sichern.3. Man konnte
entweder neuen Boden erwerben, um die überschüssigen Millionen jährlich abzuschieben, und so die
Nation auch weiter auf der Grundlage einer Selbsternährung erhalten, oder man ging4. dazu über, durch
Industrie und Handel für fremden Bedarf zu schaffen, um vom Erlös das Leben zu bestreiten.
Also: entweder Boden- oder Kolonial- und Handelspolitik.
Beide Wege worden von verschiedenen Richtungen ins Auge gefaßt, geprüft, empfohlen und bekämpft,
bis endlich der letzte endgültig gegangen wurde.
Der gesündere Weg von beiden wäre freilich der erstere gewesen.
Die Erwerbung von neuem Grund und Boden zur Ansiedlung der überlaufenden Volkszahl besitzt
unendlich viel Vorzüge, besonders wenn man nicht die Gegenwart, sondern die Zukunft ins Auge faßt.
Schon die Möglichkeit der Erhaltung eines gesunden Bauernstandes als Fundament der gesamten Nation
kann niemals hoch genug eingeschätzt werden. Viele unserer heutigen Leiden sind nur die Folge des
ungesunden Verhältnisses zwischen Land- und Stadtvolk. Ein fester Stock kleiner und mittlerer Bauern
war noch zu allen Zeiten der beste Schutz gegen soziale Erkrankungen, wie wir sie heute besitzen. Dies
ist aber auch die einzige Lösung, die eine Nation das tägliche Brot im inneren Kreislauf einer Wirtschaft
finden läßt. Industrie und Handel treten von ihrer ungesunden führenden Stellung zurück und gliedern
sich in den
[152 Erwerb neuen Bodens]
allgemeinen Rahmen einer nationalen Bedarfs- und Ausgleichswirtschaft ein. Beide sind damit nicht
mehr die Grundlage der Ernährung der Nation, sondern ein Hilfsmittel derselben. zudem sie nur mehr
den Ausgleich zwischen eigener Produktion und Bedarf auf allen Gebieten zur Aufgabe haben, machen
sie die gesamte Volksernährung mehr oder weniger unabhängig vom Auslande, helfen also mit, die
Freiheit des Staates und die Unabhängigkeit der Nation, besonders in schweren Tagen, sicherzustellen.
Allerdings, eine solche Bodenpolitik kann nicht etwa in Kamerun ihre Erfüllung finden, sondern heute
fast ausschließlich nur mehr in Europa. Man muß sich damit kühl und nüchtern auf den Standpunkt
stellen, daß es sicher nicht Absicht des Himmels sein kann, dem einen Volke fünfzigmal so viel an
Grund und Boden auf dieser Welt zu geben als dem anderen. Man darf in diesem Falle sich nicht durch
politische Grenzen von den Grenzen des ewigen Rechtes abbringen lassen. Wenn diese Erde wirklich
für alle Raum zum Leben hat, dann möge man uns also den uns zum Leben notwendigen Boden geben.
Man wird das freilich nicht gerne tun. Dann jedoch tritt das Recht der Selbsterhaltung in seine Wirkung;
und was der Güte verweigert wird, hat eben die Faust sich zu nehmen. Hätten unsere Vorfahren einst
ihre Entscheidungen von dem gleichen pazifistischen Unsinn abhängig gemacht wie die heutige
Gegenwart, dann würden wir überhaupt nur ein Drittel unseres jetzigen Bodens zu eigen besitzen; ein
deutsches Volk aber dürfte dann kaum mehr Sorgen in Europa zu tragen haben. Nein, der natürlichen
Entschlossenheit zum Kampfe für das eigene Dasein verdanken wir die beiden Ostmarken des Reiches
und damit jene innere Stärke der Größe unseres Staats- und Volksgebietes, die überhaupt allein uns bis
heute bestehen ließ.
Auch aus einem anderen Grunde wäre diese Lösung die richtige gewesen:Viele europäische Staaten
gleichen heute auf die Spitze gestellten Pyramiden. Ihre europäische Grundfläche ist lächerlich klein
gegenüber ihrer übrigen Belastung in Kolo[
153 Erwerb neuen Bodens]
nien, Außenhandel usw. Man darf sagen: Spitze in Europa, Basis in der ganzen Welt; zum Unterschiede
der amerikanischen Union, die die Basis noch im eigenen Kontinent besitzt und nur mit der Spitze die
übrige Erde berührt. Daher kommt aber auch die unerhörte innere Kraft dieses Staates und die Schwäche
der meisten europäischen Kolonialmächte. Auch England ist kein Beweis dagegen, da man nur zu leicht
angesichts des britischen Imperiums die angelsächsische Welt als solche vergißt. Die Stellung Englands
kann infolge seiner Sprach- und Kulturgemeinschaft mit der amerikanischen Union allein schon mit
keinem sonstigen Staat in Europa verglichen werden.
Für Deutschland lag demnach die einzige Möglichkeit zur Durchführung einer gesunden Bodenpolitik
nur in der Erwerbung von neuem Lande in Europa selber. Kolonien können diesem Zweck so lange
nicht dienen, als sie nicht zur Besiedelung mit Europäern in größtem Maße geeignet erscheinen. Auf
friedlichem Wege aber waren solche Kolonialgebiete im neunzehnten Jahrhundert nicht mehr zu
erlangen. Es würde mithin auch eine solche Kolonialpolitik nur auf dem Wege eines schweren Kampfes
durchzuführen gewesen sein, der aber dann zweckmäßiger nicht für außereuropäische Gebiete, sondern
vielmehr für Land im Heimatkontinent selbst ausgefochten worden wäre.
Ein solcher Entschluß erfordert dann freilich ungeteilte Hingabe. Es geht nicht an, mit halben Mitteln
oder auch nur zögernd an eine Aufgabe heranzutreten, deren Durchführung nur unter Anspannung aber
auch der letzten Energie möglich erscheint. Dann mußte auch die gesamte politische Leitung des
Reiches diesem ausschließlichen Zwecke huldigen; niemals durfte ein Schritt erfolgen, von anderen
Erwägungen geleitet als von der Erkenntnis dieser Aufgabe und ihrer Bedingungen. Man hatte sich
Klarheit zu verschaffen, daß dieses Ziel nur unter Kampf zu erreichen war, und mußte dem
Waffengange dann aber auch ruhig und gefaßt ins Auge sehen.
So waren die gesamten Bündnisse ausschließlich von diesem Gesichtspunkte aus zu prüfen und ihrer
Verwertbarkeit
[154 Mit England gegen Rußland]
nach zu schätzen. Wollte man in Europa Grund und Boden dann konnte dies im großen und ganzen nur
auf Kosten Rußlands geschehen, dann mußte sich das neue Reich wieder auf der Straße der einstigen
Ordensritter in Marsch setzen, um mit dem deutschen Schwert dem deutschen Pflug die Scholle, der
Nation aber das tägliche Brot zu gehen.
Für eine solche Politik allerdings gab es in Europa nur einen einzigen Bundesgenossen: England.
Nur mit England allein vermochte man, den Rücken gedeckt, den neuen Germanenzug zu beginnen. Das
Recht hierzu wäre nicht geringer gewesen als das Recht unserer Vorfahren. Keiner unserer Pazifisten
weigert sich, das Brot des Ostens zu essen, obwohl der erste Pflug einst "Schwert" hieß!Englands
Geneigtheit zu gewinnen, durfte dann aber kein Opfer zu groß sein, Es war auf Kolonien und Seegeltung
zu verzichten, der britischen Industrie aber die Konkurrenz zu ersparen.
Nur unbedingte klare Einstellung allein konnte zu einem solchen Ziele führen. Verzicht auf Welthandel
und Kolonien, Verzicht auf eine deutsche Kriegsflotte, Konzentration der gesamten Machtmittel des
Staates auf das Landheer.
Das Ergebnis wäre wohl eine augenblickliche Beschränkung gewesen, allein eine große und mächtige
Zukunft.
Es gab eine Zeit, da England in diesem Sinne hätte mit sich reden lassen. Da es sehr wohl begriffen
hatte, daß Deutschland infolge seiner Bevölkerungszunahme nach irgendeinem Ausweg suchen müsse
und entweder mit England diesen in Europa fände oder ohne England in der Welt.
Dieser Ahnung war es wohl auch in erster Linie zuzuschreiben, wenn um die Jahrhundertwende von
London selber aus versucht wurde, Deutschland näherzutreten. Zum ersten Male zeigte sich damals, was
wir in den letzten Jahren in wahrhaft erschreckender Weise beobachten konnten. Man war unangenehm
berührt bei dem Gedanken, für England Kastanien aus dem Feuer holen zu müssen;
[155 Lösung des österreichischen Bündnisses]
als ob es überhaupt ein Bündnis auf einer anderen Grundlage als der eines gegenseitigen Geschäftes
geben könnte. Mit England ließ sich aber ein solches Geschäft sehr wohl machen. Die britische
Diplomatie war noch immer klug genug, zu wissen, daß ohne Gegenleistung keine Leistung zu erwarten
ist.
Man stelle sich aber vor, daß eine kluge deutsche Außenpolitik die Rolle Japans im Jahre 1904
übernommen hätte, und man kann kaum ermessen, welche Folgen dies für Deutschland gehabt haben
würde.
Es wäre niemals zu einem "Weltkriege" gekommen.
Das Blut im Jahre 1904 hatte das Zehnfache der Jahre 1914 bis 1918 erspartWelche Stellung aber würde
Deutschland heute in der Welt einnehmen!Allerdings, das Bündnis mit Österreich war dann ein Unsinn.
Denn die staatliche Mumie verband sich mit Deutschland nicht zum Durchfechten eines Krieges,
sondern zur Erhaltung eines ewigen Friedens, der dann in kluger Weise zur langsamen, aber sicheren
Ausrottung des Deutschtums der Monarchie verwendet werden konnte.
Dieses Bündnis aber war auch deshalb eine Unmöglichkeit, weil man doch von einem Staate so lange
gar keine offensive Vertretung nationaler deutscher Interessen erwarten durfte, als dieser nicht einmal
die Kraft und Entschlossenheit besaß, dem Entdeutschungsprozeß an seiner unmittelbaren Grenze ein
Ende zu bereiten. Wenn Deutschland nicht soviel nationale Besinnung und auch Rücksichtslosigkeit
besaß, dem unmöglichen Habsburgerstaat die Verfügung über das Schicksal der zehn Millionen
Stammesgenossen zu entreißen, dann durfte man wahrlich nicht erwarten, daß es jemals zu solch
weitausschauenden und verwegenen Plänen die Hand bieten würde. Die Haltung des alten Reiches zur
österreichischen Frage war der Prüfstein für sein Verhalten im Schicksalskampf der ganzen Nation.
Auf alle Fälle durfte man nicht zusehen, wie Jahr um Jahr das Deutschtum mehr zurückgedrängt wurde,
da ja
[156 Wirtschatts-Expansions-Politik]
der Wert der Bündnisfähigkeit Österreich ausschließlich von der Erhaltung des deutschen Elements
bestimmt wurde.
Allein, man beschritt diesen Weg ja überhaupt nicht.
Man fürchtete nichts so sehr als den Kampf, um endlich in der ungünstigsten Stunde dennoch zu ihm
gezwungen zu werden.
Man wollte dem Schicksal enteilen und wurde von ihm ereilt. Man träumte von der Erhaltung des
Weltfriedens und landete beim Weltkrieg.
Und dies war der bedeutendste Grund, warum man diesen dritten Weg der Gestaltung einer deutschen
Zukunft gar nicht einmal ins Auge faßte. Man wußte, daß die Gewinnung neuen Bodens nur im Osten zu
erreichen war, sah den dann nötigen Kampf und wollte um jeden Preis doch den Frieden; denn die
Parole der deutschen Außenpolitik hieß schon längst nicht mehr: Erhaltung der deutschen Nation auf
allen Wegen, als vielmehr: Erhaltung des Weltfriedens mit allen Mitteln. Wie dies dann gelang, ist
bekannt.
Ich werde darauf noch besonders zurückkommen.
So blieb also noch die vierte Möglichkeit: Industrie und Welthandel, Seemacht und Kolonien.
Eine solche Entwicklung war allerdings zunächst leichter und auch wohl schneller zu erreichen. Die
Besiedlung von Grund und Boden ist ein langsamer Prozeß, der oft Jahrhunderte dauert; ja, darin ist
gerade seine innere Stärke zu suchen, daß es sich dabei nicht um ein plötzliches Aufflammen, sondern
um ein allmähliches, aber gründliches und andauerndes Wachsen handelt, zum Unterschiede von einer
industriellen Entwicklung, die im Laufe weniger Jahre aufgeblasen werden kann, um dann aber auch
mehr einer Seifenblase als einer gediegenen Stärke zu ähneln. Eine Flotte ist freilich schneller zu bauen,
als im zähen Kampfe Bauernhöfe aufzurichten und mit Farmern zu besiedeln; allein, sie ist auch
schneller zu vernichten als letztere.
Wenn Deutschland dennoch diesen Weg beschritt, dann mußte man aber wenigstens klar erkennen, daß
auch diese Entwicklung eines Tages beim Kampfe enden würde. Nur
[157 Mit Rußland gegen England]
Kinder konnten vermeinen, durch freundliches und gesittetes Betragen und dauerndes Betonen
friedlicher Gesinnung ihre Bananen holen zu können im "friedlichen Wettbewerb der Völker", wie man
so schön und salbungsvoll daherschwätzte; ohne also je zur Waffe greifen zu müssen.
Nein, wenn wir diesen Weg beschritten, dann mußte eines Tages England unser Feind werden. Es war
mehr als unsinnig sich darüber zu entrüsten — entsprach aber ganz unserer eigenen Harmlosigkeit —,
daß England sich die Freiheit nahm, eines Tages unserem friedlichen Treiben mit der Roheit des
gewalttätigen Egoisten entgegenzutreten.
Wir hätten dies allerdings nie getan.
Wenn europäische Bodenpolitik nur zu treiben war gegen Rußland mit England im Bunde, dann war
aber umgekehrt Kolonial- und Welthandelspolitik nur denkbar gegen England mit Rußland. Dann müßte
man aber auch hier rücksichtslos die Konsequenzen ziehen — und vor allem Österreich schleunigst
fahren lassen.
Nach jeder Richtung hin betrachtet war dieses Bündnis mit Österreich um die Jahrhundertwende schon
ein wahrer Wahnsinn.
Allein man dachte ja auch gar nicht daran, sich mit Rußland gegen England zu verbünden, so wenig wie
mit England gegen Rußland, denn in beiden Fällen wäre das Ende ja Krieg gewesen, und um diesen zu
verhindern, entschloß man sich ja doch überhaupt erst zur Handels. und Industriepolitik. Man besaß ja
nun in der "wirtschaftsfriedlichen" Eroberung der Welt eine Gebrauchsanweisung, die der bisherigen
Gewaltpolitik ein für allemal das Genick brechen sollte. Man war sich manchmal der Sache vielleicht
doch wieder nicht ganz sicher, besonders, wenn aus England von Zeit zu Zeit ganz unmißverständliche
Drohungen herüberkamen; darum entschloß man sich auch zum Bau einer Flotte; jedoch auch wieder
nicht zum Angriff und zur Vernichtung Englands, sondern zur "Verteidigung" des schon benannten
"Weltfriedens" und der "friedlichen" Eroberung der Welt. Daher wurde sie auch in allem und jedem
etwas bescheidener gehalten, nicht nur der Zahl, sondern auch
[158 "Wirtschaftsfriedliche" Eroberung]
dem Tonnengehalt der einzelnen Schiffe sowie der Armierung nach, um auch so wieder die letzten
Endes doch "friedliche" Absicht durchleuchten zu lassen.
Das Gerede von der "wirtschaftsfriedlichen" Eroberung der Welt war wohl der größte Unsinn, der
jemals zum leitenden Prinzip der Staatspolitik erhoben wurde. Dieser Unsinn wurde noch größer
dadurch, daß man sich nicht scheute, England als Kronzeugen für die Möglichkeit einer solchen
Leistung anzurufen. Was dabei unsere professorale Geschichtslehre und Geschichtsauffassung
mitverbrochen hat, kann kaum wieder gutgemacht werden und ist nur der schlagende Beweis dafür, wie
viele Leute Geschichte "lernen", ohne sie zu verstehen oder gar zu begreifen. Gerade in England hatte
man die schlagende Widerlegung dieser Theorie erkennen müssen; hat doch kein Volk mit größter
Brutalität seine wirtschaftlichen Eroberungen mit dem Schwerte besser vorbereitet und später
rücksichtslos verteidigt als das englische. Ist es nicht geradezu das Merkmal britischer Staatskunst, aus
politischer Kraft wirtschaftliche Erwerbungen zu ziehen und jede wirtschaftliche Stärkung sofort wieder
in politische Macht umzugießen? Dabei welch ein Irrtum, zu meinen, daß England etwa persönlich zu
feige wäre, für seine Wirtschaftspolitik auch das eigene Blut einzusetzen! Daß das englische Volk kein
"Volksheer" besaß, bewies hier in keiner Weise das Gegenteil; denn nicht auf die jeweilige militärische
Form der Wehrmacht kommt es hierbei an, als vielmehr auf den Willen und die Entschlossenheit, die
vorhandene einzusetzen. England besaß immer die Rüstung, die es eben nötig hatte. Es kämpfte immer
mit den Waffen, die der Erfolg verlangte. Es schlug sich mit Söldnern, solange Söldner genügten; es
griff aber auch tief hinein in das wertvolle Blut der ganzen Nation, wenn nur mehr ein solches Opfer den
Sieg bringen konnte; immer aber blieb die Entschlossenheit zum Kampf und die Zähigkeit wie
rücksichtslose Führung desselben die gleiche.
In Deutschland aber züchtete man allmählich über den Weg der Schule, Presse und Witzblätter von dem
Wesen des Engländers und noch mehr fast seines Reiches eine
[159 Die Engländer in deutscher Karikatur]
Vorstellung, die zu einer der bösesten Selbsttäuschungen führen mußte; denn von diesem Unsinn ward
langsam alles angesteckt, und die Folge dessen war eine Unterschätzung, die sich dann auch auf das
bitterste rächte. Die Tiefe dieser Fälschung war so groß, daß man überzeugt war, im Engländer den
ebenso gerissenen wie aber persönlich ganz unglaublich feigen Geschäftsmann vor sich zu haben. Daß
man ein Weltreich von der Größe des englischen nicht gut nur zusammenschleichen und schwindeln
konnte, leuchtete unseren erhabenen Lehrern professoraler Wissenschaft leider nicht ein. Die wenigen
Warner wurden überhört oder totgeschwiegen. Ich erinnere mich noch genau, wie erstaunt bei meinen
Kameraden die Gesichter waren, als wir in Flandern den Tommies persönlich gegenübertraten. Schon
nach den ersten Schlachttagen dämmerte da wohl im Gehirn eines jeden die Überzeugung auf, daß diese
Schottländer nicht gerade denen entsprachen, die man uns in Witzblättern und Depeschenberichten
vorzumalen für richtig gefunden hatte.
Ich habe damals meine ersten Betrachtungen über die Zweckmäßigkeit der Form der Propaganda
angestellt.
Diese Fälschung aber hatte für die Verbreiter freilich etwas Gutes; man vermochte an diesem, wenn
auch unrichtigen Beispiel ja die Richtigkeit der wirtschaftlichen Eroberung der Welt zu demonstrieren.
Was dem Engländer gelang, mußte auch uns gelingen, wobei dann als ein ganz besonderes Plus unsere
doch bedeutend größere Redlichkeit, das Fehlen jener spezifisch englischen "Perfidie", angesehen
wurde. Hoffte man doch, dadurch die Zuneigung vor allem der kleineren Nationen sowie das Vertrauen
der großen nur um so leichter zu gewinnen.
Daß unsere Redlichkeit den anderen ein innerer Greuel war, leuchtete uns dabei schon deshalb nicht ein,
weil wir dieses alles ganz ernsthaft selber glaubten, wahrend die andere Welt ein solches Gebaren als
Ausdruck einer ganz geriebenen Verlogenheit ansah, bis erst, wohl zum größten Erstaunen, die
Revolution einen tieferen Einblick in die unbegrenzte Dummheit unserer "aufrichtigen" Gesinnung
vermittelte.
[160 Innere Schwäche des Dreibundes]
Allein aus dem Unsinn dieser "wirtschaftsfriedlichen Eroberung" der Welt heraus war auch sofort der
Unsinn des Dreibundes klar und verständlich. Mit welchem Staate konnte man sich denn da überhaupt
sonst verbünden? Mit Österreich zusammen vermochte man allerdings nicht auf kriegerische Eroberung,
selbst nur in Europa, auszugehen. Gerade darin aber bestand ja vom ersten Tage an die innere Schwäche
des Bundes. Ein Bismarck konnte sich diesen Notbehelf erlauben, allein dann noch lange nicht jeder
stümperhafte Nachfolger, am wenigsten jedoch zu einer Zeit, da wesentliche Voraussetzungen auch zu
dem Bismarckschen Bündnis langst nicht mehr vorhanden waren; denn Bismarck glaubte noch in
Österreich einen deutschen Staat vor sich zu haben. Mit der allmählichen Einführung des allgemeinen
Wahlrechtes aber war dieses Land zu einem parlamentarisch regierten, undeutschen Wirrwarr
herabgesunken.
Nun war das Bündnis mit Österreich auch rassepolitisch einfach verderblich. Man duldete das Werden
einer neuen slawischen Großmacht an der Grenze des Reiches, die sich früher oder später ganz anders
gegen Deutschland ein. stellen mußte als z. B. Rußland. Dabei mußte das Bündnis selber von Jahr zu
Jahr innerlich hohler und schwächer werden, in demselben Verhältnis, in dem die einzigen Träger dieses
Gedankens in der Monarchie an Einfluß verloren und aus den maßgebendsten Stellen verdrängt wurden.
Schon um die Jahrhundertwende war das Bündnis mit Österreich in genau das gleiche Stadium
eingetreten wie der Bund Österreichs mit Italien.
Auch hier gab es nur zwei Möglichkeiten: Entweder man war im Bunde mit der Habsburgermonarchie,
oder man mußte gegen die Verdrängung des Deutschtums Einspruch erheben. Wenn man aber mit so
etwas erst einmal beginnt, pflegt das Ende meistens der offene Kampf zu sein.
Der Wert des Dreibundes war auch schon psychologisch ein bescheidener, da die Festigkeit eines
Bundes in eben dem Maße abnimmt, je mehr er sich auf die Erhaltung eines bestehenden Zustandes an
sich beschränkt. Ein Bund
[161 Ludendorffs Denkschrift 1912]
wird aber umgekehrt um so stärker sein, je mehr die einzelnen Kontrahenten zu hoffen vermögen, durch
ihn bestimmte, greifbare, expansive Ziele erreichen zu können. Auch hier wie überall liegt die Stärke
nicht in der Abwehr, sondern im Angriff.
Dies wurde auch von verschiedenen Seiten schon damals erkannt, leider nur nicht von den sogenannten
"Berufenen". Besonders der damalige Oberst Ludendorff, Offizier im Großen Generalstab, wies in einer
Denkschrift des Jahres 1912 auf diese Schwächen hin. Natürlich wurde der Sache von seiten der
"Staatsmänner" keinerlei Wert und Bedeutung zuerkannt; wie denn überhaupt klare Vernunft
anscheinend nur für gewöhnliche Sterbliche zweckmäßig in Erscheinung zu treten hat, grundsätzlich
aber ausscheiden darf, soweit es sich um "Diplomaten" handelt.
Es war für Deutschland nur ein Glück, daß der Krieg im Jahre 1914 auf dem Umwege über Österreich
ausbrach, die Habsburger also mitmachen mußten; wäre es nämlich umgekehrt gekommen, so wäre
Deutschland allein gewesen. Niemals hätte der Habsburgerstaat sich an einem Kampfe zu beteiligen
vermocht oder auch selbst beteiligen wollen, der durch Deutschland entstanden wäre. Was man später an
Italien so verurteilte, wäre dann schon früher bei Österreich eingetreten: man würde "neutral" geblieben
sein, um so wenigstens den Staat vor einer Revolution gleich zu Beginn zu retten. Das österreichische
Slawentum würde eher die Monarchie schon im Jahre 1914 zerschlagen haben, als daß es die Hilfe für
Deutschland zugelassen hätte.
Wie groß aber die Gefahren und Erschwerungen, die der Bund mit der Donaumonarchie mit sich
brachte, waren, vermochten damals nur sehr wenige zu begreifen.
Erstens besaß Österreich zu viel Feinde, die den morschen Staat zu beerben gedachten, als daß nicht im
Laufe der Zeit ein gewisser Haß gegen Deutschland entstehen mußte, in dem man nun einmal die
Ursache der Verhinderung des allseits erhofften und ersehnten Zerfalles der Monarchie erblickte. Man
kam zur Überzeugung, daß Wien zum
[162 Österrich als verlockendes Erbe]
Schlusse eben nur auf dem Umweg über Berlin zu erreichen sei.
Damit aber verlor zweitens Deutschland die besten und aussichtsreichsten Bündnismöglichkeiten, ja, an
ihre Stelle trat immer größere Spannung mit Rußland und selbst Italien. Dabei war in Rom die
allgemeine Stimmung ebensosehr deutschfreundlich, wie sie österreichfeindlich im Herzen auch des
letzten Italieners schlummerte, öfters sogar hellauf brannte.
Weil man sich nun einmal auf Handels- und Industriepolitik geworfen hatte, war zu einem Kampfe
gegen Rußland ebenfalls nicht der leiseste Anstoß mehr vorhanden. Nur die Feinde beider Nationen
konnten daran noch ein lebendiges Interesse besitzen. Tatsächlich waren es auch in erster Linie Juden
und Marxisten, die hier mit allen Mitteln zum Kriege zwischen den zwei Staaten schürten und hetzten.
Endlich aber mußte drittens dieser Bund für Deutschland eine ganz unendliche Gefahr deshalb in sich
bergen, weil es nun einer dem Bismarckschen Reiche tatsächlich feindlich gegenüberstehenden
Großmacht jederzeit mit Leichtigkeit gelingen konnte, eine ganze Reihe von Staaten gegen Deutschland
mobil zu machen, indem man ja für jeden auf Kosten des österreichischen Verbündeten Bereicherungen
in Aussicht zu stellen in der Lage war.
Gegen die Donaumonarchie war der gesamte Osten Europas in Aufruhr zu bringen, insbesondere aber
Rußland und Italien. Niemals würde die sich seit König Eduards einleitendem Wirken bildende
Weltkoalition zustande gekommen sein, wenn eben nicht Österreich als der Verbündete Deutschlands
ein zu verlockendes Erbe dargestellt hatte. Nur so ward es möglich, Staaten mit sonst heterogenen
Wünschen und Zielen in eine einzige Angriffsfront zu bringen. Jeder konnte hoffen, bei einem
allgemeinen Vorgehen gegen Deutschland auch seinerseits eine Bereicherung auf Kosten Österreichs zu
erhalten. Daß nun diesem Unglücksbunde auch noch die Türkei als stiller Teilhaber an. zugehören
schien, verstärkte diese Gefahr auf das außerordentlichste.
[163 Österrich als verlockendes Erbe]
Die internationale jüdische Weltfinanz brauchte aber diese Lockmittel, um den langersehnten Plan einer
Vernichtung des in die allgemeine überstaatliche Finanz- und Wirtschaftskontrolle noch nicht sich
fügenden Deutschlands durchführen zu können. Nur damit konnte man eine Koalition
zusammenschmieden, stark und mutig gemacht durch die reine Zahl der nun marschierenden
Millionenheere, bereit, dem gehörnten Siegfried endlich auf den Leib zu rücken.
Das Bündnis mit der Habsburgermonarchie, das mich schon in Österreich immer mit Mißmut erfüllt
hatte, begann nun zur Ursache langer innerer Prüfungen zu werden, die mich in der Folgezeit nur noch
mehr in der schon vorgefaßten Meinung bestärkten.
Ich machte schon damals in den kleinen Kreisen, in denen ich überhaupt verkehrte, kein Hehl aus
meiner Überzeugung, daß dieser unselige Vertrag mit einem zum Untergange bestimmten Staat auch zu
einem katastrophalen Zusammenbruch Deutschlands führen werde, wenn man sich nicht noch zur
rechten Zeit loszulösen verstünde. Ich habe in dieser meiner felsenfesten Überzeugung auch keinen
Augenblick geschwankt, als endlich der Sturm des Weltkrieges jede vernünftige Überlegung
ausgeschaltet zu haben schien und der Taumel der Begeisterung die Stellen mitergriffen hatte, für die es
nur kälteste Wirklichkeitsbetrachtung geben durfte. Auch während ich selbst an der Front stand, vertrat
ich, wo immer aber diese Probleme gesprochen wurde, meine Meinung, daß der Bund je schneller desto
besser für die deutsche Nation abgebrochen werden müßte, und daß die Preisgabe der habsburgischen
Monarchie überhaupt kein Opfer wäre, wenn Deutschland dadurch eine Beschränkung seiner Gegner
erreichen könnte; denn nicht für die Erhaltung einer verluderten Dynastie hatten sich die Millionen den
Stahlhelm aufgebunden, sondern vielmehr für die Rettung der deutschen Nation.
Einige Male vor dem Kriege schien es, als ob wenigstens in einem Lager ein leiser Zweifel an der
Richtigkeit der eingeschlagenen Bündnispolitik auftauchen wollte. Deutschkonservative Kreise
begannen von Zeit zu Zeit vor zu großer
[164 Staat und Wirtschaft]
Vertrauensseligkeit zu warnen, allein es war dies, wie eben alles Vernünftige, in den Wind geschlagen
worden. Man war überzeugt, auf dem rechten Weg zu einer "Eroberung" der Welt zu sein, deren Erfolg
ungeheuer, deren Opfer gleich Null sein werden.
Den bekannten "Unberufenen" aber blieb wieder einmal nichts anderes übrig, als schweigend
zuzusehen, warum und wie die "Berufenen" geradewegs in das Verderben marschierten, das liebe Volk
wie der Rattenfänger von Hameln hinter sich herziehend.
×
Die tiefere Ursache für die Möglichkeit, den Unsinn einer "Wirtschaftlichen Eroberung" als praktischen
politischen Weg, die Erhaltung des "Weltfriedens" aber als politisches Ziel einem ganzen Volke
hinzustellen, ja begreiflich zu machen, lag in der allgemeinen Erkrankung unseres gesamten politischen
Denkens überhaupt.
Mit dem Siegeszuge der deutschen Technik und Industrie, den aufstrebenden Erfolgen des deutschen
Handels verlor sich immer mehr die Erkenntnis, daß dies alles doch nur unter der Voraussetzung eines
starken Staates möglich sei. Im Gegenteil, man ging schon in vielen Kreisen so weit, die Überzeugung
zu vertreten, daß der Staat selber nur diesen Erscheinungen sein Dasein verdanke, daß er selber in erster
Linie eine wirtschaftliche Institution darstelle, nach wirtschaftlichen Belangen zu regieren sei und
demgemäß auch in seinem Bestande von der Wirtschaft abhänge, welcher Zustand dann als der weitaus
gesündeste wie natürlichste angesehen und gepriesen wurde.
Der Staat hat aber mit einer bestimmten Wirtschaftsauffassung oder Wirtschaftsentwicklung gar nichts
zu tun.
Er ist nicht eine Zusammenfassung wirtschaftlicher Kontrahenten in einem bestimmt umgrenzten
Lebensraum zur Erfüllung wirtschaftlicher Aufgaben, sondern die Organisation einer Gemeinschaft
physisch und seelisch gleicher Lebewesen zur besseren Ermöglichung der Forterhaltung ihrer Art sowie
der Erreichung des dieser von der Vorsehung
[165 Staat und Wirtschaft]
vorgezeichneten Zieles ihres Daseins. Dies und nichts anderes ist der Zweck und Sinn eines Staates. Die
Wirtschaft ist dabei nur eines der vielen Hilfsmittel, die zur Erreichung dieses Zieles eben erforderlich
sind. Sie ist aber niemals Ursache oder Zweck eines Staates, sofern eben dieser nicht von vornherein auf
falscher, weil unnatürlicher Grundlage beruht. Nur so ist es erklärlich, daß der Staat als solcher nicht
einmal eine territoriale Begrenzung als Voraussetzung zu haben braucht. Es wird dies nur bei den
Völkern vonnöten sein, die aus sich selbst heraus die Ernährung der Artgenossen sicherstellen wollen,
also durch eigene Arbeit den Kampf mit dem Dasein auszufechten bereit sind. Völker, die sich als
Drohnen in die übrige Menschheit einzuschleichen vermögen, um diese unter allerlei Vorwänden für
sich schaffen zu lassen, können selbst ohne jeden eigenen, bestimmt begrenzten Lebensraum Staaten
bilden. Dies trifft in erster Linie zu bei dem Volke. unter dessen Parasitentum besonders heute die ganze
ehrliche Menschheit zu leiden hat: dem Judentum.
Der jüdische Staat war nie in sich räumlich begrenzt, sondern universell unbegrenzt auf den Raum, aber
beschränkt auf die Zusammenfassung einer Rasse. Daher bildete dieses Volk auch immer einen Staat
innerhalb der Staaten. Es gehört zu den genialsten Tricks, die jemals erfunden worden sind, diesen Staat
als "Religion" segeln zu lassen und ihn dadurch der Toleranz zu versichern, die der Arier dem religiösen
Bekenntnis immer zuzubilligen bereit ist. Denn tatsächlich ist die mosaische Religion nichts anderes als
eine Lehre der Erhaltung der jüdischen Rasse. Sie umfaßt daher auch nahezu alle soziologischen,
politischen sowie wirtschaftlichen Wissensgebiete, die hierfür überhaupt nur in Frage zu kommen
vermögen.
Der Trieb der Arterhaltung ist die erste Ursache zur Bildung menschlicher Gemeinschaften. Damit aber
ist der Staat ein völkischer Organismus und nicht eine wirtschaftliche Organisation. Ein Unterschied, der
ebenso groß ist, als er besonders den heutigen sogenannten "Staatsmännern" allerdings unverständlich
bleibt. Daher glauben dann diese auch,
[166 Staat und Wirtschaft]
den Staat durch Wirtschaft aufbauen zu können, wahrend er in Wahrheit ewig nur das Ergebnis der
Betätigung jener Eigenschaften ist, die in der Linie des Erhaltungswillens der Art und Rasse liegen.
Diese sind aber immer heldische Tugenden und niemals krämerischer Egoismus, da ja die Erhaltung des
Daseins einer Art die Bereitwilligkeit zur Aufopferung des einzelnen voraussetzt. Darin liegt ja eben der
Sinn des Dichterwortes "Und setzet ihr nicht das Leben ein, nie wird euch das Leben gewonnen sein",
daß die Hingabe des persönlichen Daseins notwendig ist, um die Erhaltung der Art zu sichern. Somit
aber ist die wesentlichste Voraussetzung zur Bildung und Erhaltung eines Staates das Vorhandensein
eines bestimmten Zusammengehörigkeitsgefühls auf Grund gleichen Wesens und gleicher Art sowie die
Bereitwilligkeit, dafür sich mit allen Mitteln einzusetzen. Dies wird bei Völkern auf eigenem Boden zur
Bildung heldischer Tugenden, bei Schmarotzern zu verlogener Heuchelei und heimtückischer
Grausamkeit führen, wenn nicht diese Eigenschaften schon als Voraussetzung ihres der Form nach so
verschiedenen staatlichen Daseins nachweisbar vorhanden sein müssen. Immer aber wird schon die
Bildung eines Staates nur durch den Einsatz dieser Eigenschaften mindestens ursprünglich erfolgen,
wobei dann im Ringen um die Selbsterhaltung, diejenigen Völker unterliegen werden, das heißt der
Unterjochung und damit dein früheren oder späteren Aussterben anheimfallen, die im gegenseitigen
Kampf das wenigste an heldischen Tugenden ihr eigen nennen oder der verlogenen List des feindlichen
Schmarotzers nicht gewachsen sind. Aber auch in diesem Falle ist dies fast immer nicht so sehr einem
Mangel an Klugheit als vielmehr einem Mangel an Entschlossenheit und Mut zuzuschreiben, der sich
nur unter dem Mantel humaner Gesinnung zu verbergen trachtet.
Wie wenig aber die staatsbildenden und staatserhaltenden Eigenschaften mit Wirtschaft im
Zusammenhang stehen, zeigt am klarsten die Tatsache, das die innere Stärke eines Staates nur in den
allerseltensten Fällen mit der sogenannten wirtschaftlichen Blüte zusammenfällt, wohl aber diese

[167 Staat und Wirtschaft]
in unendlich vielen Beispielen den bereits nahenden Verfall des Staates anzuzeigen scheint. Würde nun
aber die Bildung menschlicher Gemeinwesen in erster Linie wirtschaftlichen Kräften oder auch
Antrieben zuzuschreiben sein, dann mußte die höchste wirtschaftliche Entfaltung auch zugleich die
gewaltigste Stärke des Staates bedeuten und nicht umgekehrt.
Der Glaube an die staatsbildende und staatserhaltende Kraft der Wirtschaft mutet besonders
unverständlich an, wenn er in einem Lande Geltung hat, das in allein und jedem das geschichtliche
Gegenteil klar und eindringlich aufzeigt. Gerade Preußen erweist in wundervoller Schärfe, daß nicht
materielle Eigenschaften, sondern ideelle Tugenden allein zur Bildung eines Staates befähigen. Erst
unter ihrem Schutze vermag dann auch die Wirtschaft emporzublühen, so lange, bis mit dem
Zusammenbruche der reinen staatsbildenden Fähigkeiten auch die Wirtschaft wieder zusammenbricht;
ein Vorgang, den wir gerade jetzt in so entsetzlich trauriger Weise beobachten können. Immer vermögen
die materiellen Interessen der Menschen so lange am besten zu gedeihen, als sie im Schatten heldischer
Tugenden bleiben; sowie sie aber in den ersten Kreis des Daseins zu treten versuchen, zerstören sie sich
die Voraussetzung zum eigenen Bestand.
Stets, wenn in Deutschland ein Aufschwung machtpolitischer Art stattfand, begann sich auch die
Wirtschaft zu heben; immer aber, wenn die Wirtschaft zum einzigen Inhalt des Lebens unseres Volkes
wurde und darunter die ideellen Tugenden erstickte, brach der Staat wieder zusammen und riß in einiger
Zeit die Wirtschaft mit sich.
Wenn man sich jedoch die Frage vorlegt, was nun die staatsbildenden oder auch nur staatserhaltenden
Kräfte in Wirklichkeit sind, so kann man sie unter einer einzigen Bezeichnung zusammenfassen:
Aufopferungsfähigkeit und Aufopferungswille des einzelnen für die Gesamtheit. Daß diese Tugenden
mit Wirtschaft auch nicht das geringste zu tun haben, geht aus der einfachen Erkenntnis hervor, daß der
Mensch sich ja nie für diese aufopfert, das heißt: man
[168 Staat und Wirtschaft]
stirbt nicht für Geschäfte, sondern nur für Ideale. Nichts bewies die psychologische Überlegenheit des
Engländers in der Erkenntnis der Volksseele besser als die Motivierung. die er seinem Kampfe zu geben
verstand. Während wir für Brot fochten, stritt England für die "Freiheit", und nicht einmal für die
eigene, nein, für die der kleinen Nationen. Man lachte bei uns über diese Frechheit oder ärgerte sich
darüber und bewies damit, wie gedankenlos dumm die sogenannte Staatskunst Deutschlands schon vor
dem Kriege geworden war. Keine blasse Ahnung war mehr vorhanden über das Wesen der Kraft, die
Männer aus freiem Willen und Entschluß in den Tod zu führen vermag.
Solange das deutsche Volk im Jahre 1914 noch für Ideale zu fechten glaubte, hielt es stand; sowie man
es nur mehr um das tägliche Brot kämpfen ließ, gab es das Spiel lieber auf.
Unsere geistvollen "Staatsmänner" aber staunten über diesen Wechsel der Gesinnung. Es wurde ihnen
niemals klar, daß ein Mensch von dem Augenblick an, in dem er für ein wirtschaftliches Interesse ficht,
den Tod möglichst meidet, da ja dieser ihn um den Genuß des Lohnes seines Kampfes für immer
bringen würde. Die Sorge um die Rettung des eigenen Kindes läßt, die schwächlichste Mutter zur
Heldin werden, und nur der Kampf um die Erhaltung der Art und des sie schützenden Herdes oder auch
Staates trieb die Männer zu allen Zeiten in die Speere der Feinde. Man darf folgenden Satz als ewig
gültige Wahrheit aufstellen:Noch niemals wurde ein Staat durch friedliche Wirtschaft gegründet,
sondern immer nur durch die Instinkte der Erhaltung der Art, mögen diese nun auf dem Gebiete
heldischer Tugend oder listiger Verschlagenheit liegen; das eine ergibt dann eben arische Arbeits- und
Kulturstaaten, das andere jüdische Schmarotzerkolonien. Sowie jedoch erst bei einem Volke oder in
einem Staate die Wirtschaft als solche diese Triebe zu überwuchern beginnt, wird sie selber zur
lockenden Ursache der Unterjochung und Unterdrückung.
Der Glaube der Vorkriegszeit, durch Handels- und Kolonialpolitik auf friedlichem Wege die Welt dem
deutschen
[169 Verfallsmomente]
Volke erschließen oder gar erobern zu können, war ein klassisches Zeichen für den Verlust der
wirklichen staatsbildenden und staatserhaltenden Tugenden und aller daraus folgenden Einsicht,
Willenskraft und Tatentschlossenheit; die naturgesetzliche Quittung hierfür aber war der Weltkrieg mit
seinen Folgen.
Für den nicht tiefer Forschenden konnte allerdings diese Einstellung der deutschen Nation — denn sie
war wirklich so gut als allgemein — nur ein unlösbares Rätsel darstellen: war doch gerade Deutschland
ein ganz wundervolles Beispiel eines aus rein machtpolitischen Grundlagen her. vorgegangenen
Reiches. Preußen, des Reiches Keimzelle, entstand durch strahlendes Heldentum und nicht durch
Finanzoperationen oder Handelsgeschäfte, und das Reich selber war wieder nur der herrlichste Lohn
machtpolitischer Führung und soldatischen Todesmutes. Wie konnte gerade das deutsche Volk zu einer
solchen Erkrankung seines politischen Instinktes kommen? Denn hier handelte es sich nicht um eine
einzelne Erscheinung, sondern um Verfallsmomente, die in wahrhaft erschreckender Unzahl bald wie
Irrlichter aufflackerten und den Volkskörper auf und ab strichen oder als giftige Geschwüre bald da,
bald dort die Nation anfraßen. Es schien, als ob ein immerwährender Giftstrom bis in die äußersten
Blutgefäße dieses einstigen Heldenleibes von einer geheimnisvollen Macht getrieben würde, um nun zu
immer größeren Lähmungen der gesunden Vernunft, des einfachen Selbsterhaltungstriebes zu führen.
Indem ich alle diese Fragen, bedingt durch meine Stellungnahme zur deutschen Bündnispolitik und
Wirtschaftspolitik des Reiches, in den Jahren 1912 bis 1914 zahllose Male an mir vorüberziehen ließ,
blieb als des Rätsels Lösung immer mehr jene Macht übrig, die ich schon vordem in Wien, von ganz
anderen Gesichtspunkten bestimmt, kennengelernt hatte: die marxistische Lehre und Weltanschauung
sowie ihre organisatorische Auswirkung.
Zum zweiten Male in meinem Leben bohrte ich mich in diese Lehre der Zerstörung hinein — und
diesmal freilich
[170 Deutschlands Verhalten zum Marxismus]
nicht mehr geleitet durch die Eindrücke und Wirkungen meiner tagtäglichen Umgebung, sondern
hingewiesen durch die Beobachtung allgemeiner Vorgänge des politischen Lebens. Indem ich
neuerdings mich in die theoretische Literatur dieser neuen Welt vertiefte und mir deren mögliche
Auswirkungen klarzumachen versuchte, verglich ich diese dann mit den tatsächlichen Erscheinungen
und Ereignissen ihrer Wirksamkeit im politischen, kulturellen und auch wirtschaftlichen Leben.
Zum ersten Male aber wendete ich nun meine Aufmerksamkeit auch den Versuchen zu, dieser Weltpest
Herr zu werden.
Ich studierte die Bismarcksche Ausnahmegesetzgebung in Absicht, Kampf und Erfolg. Allmählich
erhielt ich dann eine für meine eigene Überzeugung allerdings geradezu granitene Grundlage, so daß ich
seit dieser Zeit eine Umstellung meiner inneren Anschauung in dieser Frage niemals mehr vorzunehmen
gezwungen wurde. Ebenso ward das Verhältnis von Marxismus und Judentum einer weiteren
gründlichen Prüfung unterzogen.
Wenn mir aber früher in Wien vor allem Deutschland als ein unerschütterlicher Koloß erschienen war,
so begannen nun doch manchmal bange Bedenken bei mir einzutreten. Ich haderte im stillen und in den
kleinen Kreisen meiner Bekannten mit der deutschen Außenpolitik ebenso wie mit der, wie mir schien,
unglaublich leichtfertigen Art, in der man das wichtigste Problem, das es überhaupt für Deutschland
damals gab, den Marxismus, behandelte. Ich konnte wirklich nicht begreifen, wie man nur so blind einer
Gefahr entgegenzutaumeln vermochte, deren Auswirkungen der eigenen Absicht des Marxismus
entsprechend einst ungeheuerliche sein mußten. Ich habe schon damals in meiner Umgebung, genau so
wie heute im großen, vor dem Beruhigungsspruch aller feigen Jämmerlinge "Uns kann nichts
geschehen!" gewarnt. Eine ähnliche Gesinnungspestilenz hatte schon einst ein Riesenreich zerstört.
Sollte Deutschland allein nicht genau den gleichen Gesetzen unterworfen sein wie alle anderen
menschlichen Gemeinschaften?
[171 Deutschlands Verhalten zum Marxismus]
In den Jahren 1913 und 1914 habe ich denn auch zum ersten Male in verschiedenen Kreisen, die heute
zum Teil treu zur nationalsozialistischen Bewegung stehen, die Überzeugung ausgesprochen, daß die
Frage der Zukunft der deutschen Nation die Frage der Vernichtung des Marxismus ist.
In der unseligen deutschen Bündnispolitik sah ich nur eine der durch die Zersetzungsarbeit dieser Lehre
hervorgerufenen Folgeerscheinungen; denn das Fürchterliche war ja eben, daß dieses Gift fast
unsichtbar sämtliche Grundlagen einer gesunden Wirtschafts- und Staatsauffassung zerstörte, ohne daß
die davon Ergriffenen häufig auch nur selber ahnten, wie sehr ihr Handeln und Wollen bereits der
Ausfluß dieser sonst auf das schärfste abgelehnten Weltanschauung war.
Der innere Niedergang des deutschen Volkes hatte damals schon längst begonnen, ohne daß die
Menschen, wie so oft im Leben, sich über den Vernichter ihres Daseins klargeworden wären. Manchmal
dokterte man wohl auch an der Krankheit herum, verwechselte jedoch dann die Formen der Erscheinung
mit dem Erreger. Da man diesen nicht kannte oder erkennen wollte, besaß aber auch der Kampf gegen
den Marxismus nur den Wert einer kurpfuscherischen Salbaderei.
[172]

5. Kapitel:
Der Weltkrieg
Als jungen Wildfang hatte mich in meinen ausgelassenen Jahren nichts so sehr betrübt, als gerade in
einer Zeit geboren zu sein, die ersichtlich ihre Ruhmestempel nur mehr Krämern oder Staatsbeamten
errichten würde. Die Wogen der geschichtlichen Ereignisse schienen sich schon so gelegt zu haben, daß
wirklich nur dem "friedlichen Wettbewerb der Völker", das heißt also einer geruhsamen gegenseitigen
Begaunerung unter Ausschaltung gewaltsamer Methoden der Abwehr, die Zukunft zu gehören schien.
Die einzelnen Staaten begannen immer mehr Unternehmen zu gleichen, die sich gegenseitig den Boden
abgraben, die Kunden und Aufträge wegfangen und einander auf jede Weise zu übervorteilen versuchen
und dies alles unter einem ebenso großen wie harmlosen Geschrei in Szene setzen. Diese Entwicklung
aber schien nicht nur anzuhalten, sondern sollte dereinst (nach allgemeiner Empfehlung) die ganze Welt
zu einem einzigen großen Warenhaus ummodeln, in dessen Vorhallen dann die Büsten der geriebensten
Schieber und harmlosesten Verwaltungsbeamten der Unsterblichkeit aufgespeichert würden. Die
Kaufleute könnten dann die Engländer stellen, die Verwaltungsbeamten die Deutschen, zu Inhabern aber
müßten sich wohl die Juden aufopfern, da sie nach eigenem Geständnis doch nie etwas verdienen,
sondern ewig nur "bezahlen" und außerdem die meisten Sprachen sprechen.
Warum konnte man denn nicht hundert Jahre früher geboren sein? Etwa zur Zeit der Befreiungskriege,
da der Mann wirklich, auch ohne "Geschäft", noch etwas wert war?!
[173 Die herannahende Katastrophe]
Ich hatte mir so über meine, wie mir vorkam, zu spät angetretene irdische Wanderschaft oft ärgerliche
Gedanken gemacht und die mir bevorstehende Zeit "der Ruhe und Ordnung" als eine unverdiente
Niedertracht des Schicksals angesehen. Ich war eben schon als Junge kein "Pazifist", und alle
erzieherischen Versuche in dieser Richtung wurden zu Nieten.
Wie ein Wetterleuchten kam mir da der Burenkrieg vor. Ich lauerte jeden Tag auf die Zeitungen und
verschlang Depeschen und Berichte und war schon glücklich, Zeuge dieses Heldenkampfes wenigstens
aus der Ferne sein zu dürfen.
Der Russisch-Japanische Krieg sah mich schon wesentlich reifer, allein auch aufmerksamer. Ich hatte
dort bereits aus mehr nationalen Gründen Partei ergriffen und mich damals beim Austrag unserer
Meinung sofort auf die Seite der Japaner gestellt. Ich sah in einer Niederlage der Russen auch eine
Niederlage des österreichischen Slawentums.
Seitdem waren viele Jahre verflossen, und was mir einst als Junge wie faules Siechtum erschien,
empfand ich nun als Ruhe vor dem Sturme. Schon während meiner Wiener Zeit lag über dem Balkan
jene fahle Schwüle, die den Orkan anzuzeigen pflegt, und schon zuckte manchmal auch ein hellerer
Lichtschein auf, um jedoch rasch in das unheimliche Dunkel sich wieder zurückzuverlieren. Dann aber
kam der Balkankrieg, und mit ihm fegte der erste Windstoß über das nervös gewordene Europa hinweg.
Die nun kommende Zeit lag wie ein schwerer Alpdruck auf den Menschen, brütend wie fiebrige
Tropenglut, so daß das Gefühl der herannahenden Katastrophe infolge der ewigen Sorge endlich zur
Sehnsucht wurde: der Himmel möge endlich dem Schicksal, das nicht mehr zu hemmen war, den freien
Lauf gewähren. Da fuhr denn auch schon der erste gewaltige Blitzstrahl auf die Erde nieder: das Wetter
brach los, und in den Donner des Himmels mengte sich das Dröhnen der Batterien des Weltkriegs.
Als die Nachricht von der Ermordung des Erzherzogs Franz Ferdinand in München eintraf (ich saß
gerade zu
[174 Der größte Slawenfreund ermordet]
Hause und hörte nur ungenau den Hergang der Tat), faßte mich zunächst die Sorge, die Kugeln möchten
vielleicht aus den Pistolen deutscher Studenten stammen, die aus Empörung über die dauernde
Verslawungsarbeit des Thronfolgers das deutsche Volk von diesem inneren Feinde befreien wollten.
Was die Folge davon gewesen wäre, konnte man sich sofort ausdenken: eine neue Welle von
Verfolgungen, die nun vor der ganzen Welt "gerechtfertigt" und "begründet" gewesen wären. Als ich
jedoch gleich darauf schon die Namen der vermutlichen Täter hörte und außerdem ihre Feststellung als
Serben las, begann mich leises Grauen zu beschleichen über diese Rache des unerforschlichen
Schicksals.
Der größte Slawenfreund fiel unter den Kugeln slawischer Fanatiker.
Wer in den letzten Jahren das Verhältnis Österreichs zu Serbien dauernd zu beobachten Gelegenheit
besaß, der konnte wohl kaum einen Augenblick darüber im Zweifel sein, daß der Stein ins Rollen
gekommen war, bei dem es ein Aufhalten nicht mehr geben konnte.
Man tut der Wiener Regierung Unrecht, sie heute mit Vorwürfen zu überschütten über Form und Inhalt
des von ihr gestellten Ultimatums. Keine andere Macht der Welt hätte an gleicher Stelle und in gleicher
Lage anders zu handeln vermocht. Österreich besaß an seiner Südgrenze einen unerbittlichen Todfeind,
der in immer kürzeren Perioden die Monarchie herausforderte, und der nimmer locker gelassen hätte, bis
endlich der günstige Augenblick zur Zertrümmerung des Reiches doch eingetreten wäre. Man hatte
Grund zur Befürchtung, daß dieser Fall spätestens mit dem Tode des alten Kaisers kommen mußte; dann
aber war die Monarchie vielleicht überhaupt nicht mehr in der Lage, ernstlichen Widerstand zu leisten.
Der ganze Staat stand in den letzten Jahren schon so sehr auf den beiden Augen Franz Josephs, daß der
Tod dieser uralten Verkörperung des Reiches in dem Gefühl der breiten Masse von vornherein als Tod
des Reiches selber galt. Ja, es gehörte mit zu den schlauesten Künsten besonders slawischer Politik, den
Anschein zu erwecken, daß der österreichische
[175 Das österreichische Ultimatum]
Staat ohnehin nur mehr der ganz wundervollen, einzigartigen Kunst dieses Monarchen sein Dasein
verdanke; eine Schmeichelei, die in der Hofburg um so wohler tat, als sie den wirklichen Verdiensten
dieses Kaisers am wenigsten entsprach. Den Stachel, der in dieser Lobpreisung versteckt lauerte,
vermochte man nicht herauszufinden. Man sah nicht oder wollte vielleicht auch dort nicht mehr sehen,
daß, je mehr die Monarchie nur noch auf die überragende Regierungskunst, wie man sich auszudrücken
pflegte, dieses "weisesten Monarchen" aller Zeiten eingestellt war, um so katastrophaler die Lage
werden mußte, wenn eines Tages auch hier das Schicksal an die Türe pochte, um seinen Tribut zu holen.
War das alte Österreich ohne den alten Kaiser dann überhaupt noch denkbar?Würde sich nicht sofort die
Tragödie, die einst Maria Theresia betroffen hatte, wiederholt haben?Nein, man tut den Wiener
Regierungskreisen wirklich Unrecht, wenn ihnen der Vorwurf gemacht wird, daß sie nun zum Kriege
trieben, der sonst vielleicht doch noch zu vermeiden gewesen wäre. Er war nicht mehr zu vermeiden,
sondern konnte höchstens noch ein oder zwei Jahre hinausgeschoben werden. Allein dies war ja der
Fluch der deutschen sowohl als auch der österreichischen Diplomatie, daß sie eben immer schon
versucht hatte, die unausbleibliche Abrechnung hinauszuschieben, bis sie endlich gezwungen war, zu
der unglücklichsten Stunde loszuschlagen. Man kann überzeugt sein, daß ein nochmaliger Versuch, den
Frieden zu retten, den Krieg zu noch ungünstigerer Zeit erst recht gebracht haben würde.
Nein, wer diesen Krieg nicht wollte, mußte auch den Mut aufbringen, die Konsequenzen zu ziehen.
Diese aber hätten nur in der Opferung Österreichs bestehen können. Der Krieg wäre auch dann noch
gekommen, allein wohl nicht mehr als Kampf aller gegen uns, dafür jedoch in der Form einer
Zerreißung der Habsburgermonarchie. Dabei mußte man sich dann entschließen, mitzutun oder eben
zuzusehen, um mit leeren Händen dem Schicksal seinen Lauf zu lassen.
[176 Das Österreichische Ultimatum]
Gerade diejenigen aber, die heute über den Beginn des Krieges am allermeisten fluchen und am
weisesten urteilen, waren diejenigen, die am verhängnisvollsten mithalfen, in ihn hineinzusteuern.
Die Sozialdemokratie hatte seit Jahrzehnten die schurkenhafteste Kriegshetze gegen Rußland getrieben,
das Zentrum aber hatte aus religiösen Gesichtspunkten den österreichischen Staat am meisten zum
Angel- und Drehpunkt der deutschen Politik gemacht. Nun hatte man die Folgen dieses Irrsinns zu
tragen. Was kam, mußte kommen und war unter keinen Umständen mehr zu vermeiden. Die Schuld der
deutschen Regierung war dabei, daß sie, um den Frieden nur ja zu erhalten, die günstigen Stunden des
Losschlagens immer versäumte, sich in das Bündnis zur Erhaltung des Weltfriedens verstrickte und so
endlich das Opfer einer Weltkoalition wurde, die eben dem Drang nach Erhaltung des Weltfriedens die
Entschlossenheit zum Weltkrieg entgegenstemmte.
Hätte aber die Wiener Regierung damals dem Ultimatum eine andere, mildere Form gegeben, so würde
dies an der Lage gar nichts mehr geändert haben als höchstens das eine, daß sie selber von der
Empörung des Volkes weggefegt worden wäre. Denn in den Augen der breiten Masse war der Ton des
Ultimatums noch viel zu rücksichtsvoll und keineswegs etwa zu weitgehend oder gar zu brutal. Wer dies
heute wegzuleugnen versucht, ist entweder ein vergeßlicher Hohlkopf oder ein ganz bewußter Lügner.
Der Kampf des Jahres 1914 wurde den Massen, wahrhaftiger Gott, nicht aufgezwungen, sondern von
dem gesamten Volke selbst begehrt.
Man wollte einer allgemeinen Unsicherheit endlich ein Ende bereiten. Nur so kann man auch verstehen,
daß zu diesem schwersten Ringen sich über zwei Millionen deutscher Männer und Knaben freiwillig zur
Fahne stellten, bereit, sie zu schirmen mit dem letzten Tropfen Blutes.
×
[177 Der deutsche Freiheitskampf]
Mir selber kamen die damaligen Stunden wie eine Erlösung aus den ärgerlichen Empfindungen der
Jugend vor. Ich schäme mich auch heute nicht, es zu sagen, daß ich, überwältigt von stürmischer
Begeisterung, in die Knie gesunken war und dem Himmel aus übervollem Herzen dankte, daß er mir das
Glück geschenkt, in dieser Zeit leben zu dürfen.
Ein Freiheitskampf war angebrochen, wie die Erde noch keinen gewaltigeren bisher gesehen; denn
sowie das Verhängnis seinen Lauf auch nur begonnen hatte, dämmerte auch schon den breitesten
Massen die Überzeugung auf, daß es sich dieses Mal nicht um Serbiens oder auch Österreichs Schicksal
handelte, sondern um Sein oder Nichtsein der deutschen Nation.
Zum letzten Male auf viele Jahre war das Volk hellseherisch über seine eigene Zukunft geworden. So
kam denn auch gleich zu Beginn des ungeheuren Ringens in den Rausch einer überschwenglichen
Begeisterung der nötige ernste Unterton: denn diese Erkenntnis allein ließ die nationale Erhebung mehr
werden als ein bloßes Strohfeuer. Der Ernst aber war nur zu sehr erforderlich; machte man sich doch
damals allgemein auch nicht die geringste Vorstellung von der möglichen Lange und Dauer des nun
beginnenden Kampfes. Man träumte, den Winter wieder zu Hause zu sein, um dann in erneuter
friedlicher Arbeit fortzufahren.
Was der Mensch will, das hofft und glaubt er. Die überwältigende Mehrheit der Nation war des ewigen
unsicheren Zustandes schon längst überdrüssig; so war es auch nur zu verständlich, daß man an eine
friedliche Beilegung des österreichisch-serbischen Konfliktes gar nicht mehr glaubte, die endgültige
Auseinandersetzung aber erhoffte. Zu diesen Millionen gehörte auch ich.
Kaum war die Kunde des Attentates in München bekanntgeworden, so zuckten mir auch sofort zwei
Gedanken durch den Kopf: erstens, daß der Krieg endlich unvermeidlich sein würde, weiter aber, daß
nun der habsburgische Staat gezwungen sei, den Bund auch zu halten; denn was ich immer am meisten
gefürchtet hatte,

[178 Der Sinn des Freiheitskampfes]
war die Möglichkeit, daß Deutschland selber eines Tages, vielleicht gerade infolge dieses Bündnisses, in
einen Konflikt geraten könnte, ohne daß aber Österreich die direkte Veranlassung hierzu gegeben hätte,
und so der österreichische Staat aus innerpolitischen Gründen nicht die Kraft des Entschlusses
aufbringen würde, sich hinter den Bundesgenossen zu stellen. Die slawische Majorität des Reiches
würde eine solche selbst gefaßte Absicht sofort zu sabotieren begonnen haben und hätte immer noch
lieber den ganzen Staat in Trümmer geschlagen, als dem Bundesgenossen die geforderte Hilfe gewährt.
Diese Gefahr war nun aber beseitigt. Der alte Staat mußte fechten, man mochte wollen oder nicht.
Meine eigene Stellung zum Konflikt war mir ebenfalls sehr einfach und klar; für mich stritt nicht
Österreich für irgendeine serbische Genugtuung, sondern Deutschland um seinen Bestand, die deutsche
Nation um Sein oder Nichtsein, um Freiheit und Zukunft. Bismarcks Werk mußte sich nun schlagen;
was die Väter einst mit ihrem Heldenblute in den Schlachten von Weißenburg bis Sedan und Paris
erstritten hatten, mußte nun das junge Deutschland sich aufs neue verdienen. Wenn dieser Kampf aber
siegreich bestanden wurde, dann war unser Volk in den Kreis der großen Nationen auch wieder an
äußerer Macht eingetreten, dann erst wieder konnte das Deutsche Reich als ein mächtiger Hort des
Friedens sich bewähren, ohne seinen Kindern das tägliche Brot um des lieben Friedens willen kürzen zu
müssen.
Ich hatte einst als Junge und junger Mensch so oft den Wunsch gehabt, doch wenigstens einmal auch
durch Taten bezeugen zu können, daß mir die nationale Begeisterung kein leerer Wahn sei. Mir kam es
oft fast als Sünde vor, Hurra zu schreien, ohne vielleicht auch nur das innere Recht hierzu zu besitzen;
denn wer durfte dieses Wort gebrauchen, ohne es einmal dort erprobt zu haben, wo alle Spielerei zu
Ende ist und die unerbittliche Hand der Schicksalsgöttin Völker und Menschen zu wagen beginnt auf
Wahrheit und Bestand ihrer Gesinnung? So quoll mir,
[179 Eintritt in ein bayerisches Regiment]
wie Millionen anderen, denn auch das Herz aber vor stolzem Glück, mich nun endlich von dieser
lähmenden Empfindung erlösen zu können. Ich hatte so oft "Deutschland über alles" gesungen und aus
voller Kehle Heil gerufen, daß es mir fast wie eine nachträglich gewährte Gnade erschien, nun im
Gottesgericht des ewigen Richters als Zeuge antreten zu dürfen zur Bekundung der Wahrhaftigkeit
dieser Gesinnung. Denn es stand bei mir von der ersten Stunde an fest, daß ich im Falle eines Krieges —
der mir unausbleiblich schien — so oder so die Bücher sofort verlassen würde. Ebenso aber wußte ich
auch, daß mein Platz dann dort sein mußte, wo mich die innere Stimme nun einmal hinwies.
Aus politischen Gründen hatte ich Österreich in erster Linie verlassen; was war aber
selbstverständlicher, als daß ich nun, da der Kampf begann, dieser Gesinnung erst recht Rechnung
tragen mußte! Ich wollte nicht für den habsburgischen Staat fechten, war aber bereit, für mein Volk und
das dieses verkörpernde Reich jederzeit zu sterben.
Am 3. August reichte ich ein Immediatgesuch an Seine Majestät König Ludwig III. ein mit der Bitte, in
ein bayerisches Regiment eintreten zu dürfen. Die Kabinettskanzlei hatte in diesen Tagen sicherlich
nicht wenig zu tun; um so größer war meine Freude, als ich schon am Tage darauf die Erledigung
meines Ansuchens erhielt. Als ich mit zitternden Händen das Schreiben geöffnet hatte und die
Genehmigung meiner Bitte mit der Aufforderung las, mich bei einem bayerischen Regiment zu melden,
kannten Jubel und Dankbarkeit keine Grenzen. Wenige Tage später trug ich dann den Rock, den ich erst
nach nahezu sechs Jahren wieder ausziehen sollte.
So, wie wohl für jeden Deutschen, begann nun auch für mich die unvergeßlichste und größte Zeit
meines irdischen Lebens. Gegenüber den Ereignissen dieses gewaltigsten Ringens fiel alles Vergangene
in ein schales Nichts zurück. Mit stolzer Wehmut denke ich gerade in diesen Tagen, da sich zum
zehnten Male das gewaltige Geschehen jährt, zurück an diese Wochen des beginnenden Heldenkampfes
[180 Die Feuertaufe]
unseres Volkes, den mitzumachen mir das Schicksal gnädig erlaubte.
Wie gestern erst zieht an mir Bild um Bild vorbei, sehe ich mich im Kreise meiner lieben Kameraden
eingekleidet, dann zum ersten Male ausrücken, exerzieren usw., bis endlich der Tag des Ausmarsches
kam.
Eine einzige Sorge quälte mich in dieser Zeit, mich wie so viele andere auch, ob wir nicht zu spät zur
Front kommen würden. Dies allein ließ mich oft und oft nicht Ruhe finden. So blieb in jedem
Siegesjubel über eine neue Heldentat ein leiser Tropfen Bitternis verborgen, schien doch mit jedem
neuen Siege die Gefahr unseres Zuspätkommens zu steigen.
Und so kam endlich der Tag, an dem wir München verließen, um anzutreten zur Erfüllung unserer
Pflicht. Zum ersten Male sah ich so den Rhein, als wir an seinen stillen Wellen entlang dem Westen
entgegenfuhren, um ihn, den deutschen Strom der Ströme, zu schirmen vor der Habgier des alten
Feindes. Als durch den zarten Schleier des Frühnebels die milden Strahlen der ersten Sonne das
Niederwalddenkmal auf uns herabschimmern ließen, da brauste aus dem endlos langen Transportzuge
die alte Wacht am Rhein in den Morgenhimmel hinaus, und mir wollte die Brust zu enge werden.
Und dann kommt eine feuchte, kalte Nacht in Flandern, durch die wir schweigend marschieren, und als
der Tag sich dann aus den Nebeln zu lösen beginnt, da zischt plötzlich ein eiserner Gruß über unsere
Köpfe uns entgegen und schlägt in scharfem Knall die kleinen Kugeln zwischen unsere Reihen, den
nassen Boden aufpeitschend; ehe aber die kleine Wolke sich noch verzogen, dröhnt aus zweihundert
Kehlen dem ersten Boten des Todes das erste Hurra entgegen. Dann aber begann es zu knattern und zu
dröhnen, zu singen und zu heulen, und mit fiebrigen Augen zog es nun jeden nach vorne, immer
schneller, bis plötzlich über Rübenfelder und Hecken hinweg der Kampf einsetzte, der Kampf Mann
gegen Mann. Aus der Ferne aber drangen die Klänge eines Liedes an unser Ohr und kamen immer
[181 Vom Kriegsfreiwilligen zum alten Soldaten]
näher und näher, sprangen über von Kompanie zu Kompanie, und da, als der Tod gerade geschäftig
hineingriff in unsere Reihen, da erreichte das Lied auch uns, und wir gaben es nun wieder weiter:
Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt!Nach vier Tagen kehrten wir zurück. Selbst
der Tritt war jetzt anders geworden. Siebzehnjährige Knaben sahen nun Männern ähnlich.
Die Freiwilligen des Regiments List hatten vielleicht nicht recht kämpfen gelernt, allein zu sterben
wußten sie wie alte Soldaten.
Das war der Beginn.
So ging es nun weiter Jahr für Jahr; an Stelle der Schlachtenromantik aber war das Grauen getreten. Die
Begeisterung kühlte allmählich ab, und der überschwengliche Jubel wurde erstickt von der Todesangst.
Es kam die Zeit, da jeder zu ringen hatte zwischen dem Trieb der Selbsterhaltung und dem Mahnen der
Pflicht. Auch mir blieb dieser Kampf nicht erspart. Immer, wenn der Tod auf Jagd war, versuchte ein
unbestimmtes Etwas zu revoltieren, war bemüht, sich als Vernunft dem schwachen Körper vorzustellen
und war aber doch nur die Feigheit, die unter solchen Verkleidungen den einzelnen zu umstricken
versuchte. Ein schweres Ziehen und Warnen hub dann an, und nur der letzte Rest des Gewissens gab oft
noch den Ausschlag. Je mehr sich aber diese Stimme, die zur Vorsicht mahnte, mühte, je lauter und
eindringlicher sie lockte, um so schärfer ward dann der Widerstand, bis endlich nach langem innerem
Streite das Pflichtbewußtsein den Sieg davontrug. Schon im Winter 1915/16 war bei mir dieser Kampf
entschieden. Der Wille war endlich restlos Herr geworden. Konnte ich die ersten Tage mit Jubel und
Lachen mitstürmen, so war ich jetzt ruhig und entschlossen. Dieses aber war das Dauerhafte. Nun erst
konnte das Schicksal zu den letzten Proben schreiten, ohne daß die Nerven rissen oder der Verstand
versagte.
Aus dem jungen Kriegsfreiwilligen war ein alter Soldat geworden.
[182 Ein Mahnmal der Unsterblichkeit]
Dieser Wandel aber hatte sich in der ganzen Armee vollzogen. Sie war alt und hart aus den ewigen
Kämpfen hervorgegangen, und was dem Sturme nicht standzuhalten vermochte, wurde eben von ihm
gebrochen.
Nun aber erst mußte man dieses Heer beurteilen. Nun, nach zwei, drei Jahren, wahrend deren es von
einer Schlacht heraus in die andere hineingeworfen wurde, immer fechtend gegen Übermacht an Zahl
und Waffen, Hunger leidend und Entbehrungen ertragend, nun war die Zeit, die Güte dieses einzigen
Heeres zu prüfen.
Mögen Jahrtausende vergehen, so wird man nie von Heidentum reden und sagen dürfen, ohne des
deutschen Heeres des Weltkrieges zu gedenken. Dann wird aus dem Schleier der Vergangenheit heraus
die eiserne Front des grauen Stahlhelms sichtbar werden, nicht wankend und nicht weichend, ein
Mahnmal der Unsterblichkeit. Solange aber Deutsche leben, werden sie bedenken, daß dies einst Söhne
ihres Volkes waren.
Ich war damals Soldat und wollte nicht politisieren. Es war hierzu auch wirklich nicht die Zeit. Ich hege
heute noch die Überzeugung, daß der letzte Fuhrknecht dem Vaterlande noch immer mehr an wertvollen
Diensten geleistet hat als selbst der erste, sagen wir "Parlamentarier". Ich haßte diese Schwätzer niemals
mehr als gerade in der Zeit, da jeder wahrhaftige Kerl, der etwas zu sagen hatte, dies dem Feinde in das
Gesicht schrie oder sonst zweckmäßig sein Mundwerk zu Hause lies und schweigend irgendwo seine
Pflicht tat. Ja, ich haßte damals alle diese "Politiker", und wäre es auf mich angekommen, so würde
sofort ein parlamentarisches Schipperbataillon gebildet worden sein; dann hatten sie unter sich nach
Herzenslust und Bedürfnis zu schwätzen vermocht, ohne die anständige und ehrliche Menschheit zu
ärgern oder gar zu schädigen.
Ich wollte also damals von Politik nichts wissen, konnte aber doch nicht anders, als zu gewissen
Erscheinungen Stellung zu nehmen, die nun einmal die ganze Nation betrafen, besonders aber uns
Soldaten angingen.
[183 Künstliche Dämpfung der Begeisterung]
Zwei Dinge waren es, die mich damals innerlich ärgerten und die ich für schädlich hielt.
Schon nach den ersten Siegesnachrichten begann eine gewisse Presse langsam und vielleicht für viele
zunächst unerkennbar einige Wermuttropfen in die allgemeine Begeisterung fallen zu lassen. Es geschah
dies unter der Maske eines gewissen Wohlwollens und Gutmeinens, ja einer gewissen Besorgtheit sogar.
Man hatte Bedenken gegen eine zu große Überschwenglichkeit im Feiern der Siege. Man befürchtete,
daß dieses in dieser Form einer so großen Nation nicht würdig und damit auch nicht entsprechend sei.
Die Tapferkeit und der Heldenmut des deutschen Soldaten wären ja etwas ganz Selbstverständliches, so
daß man darüber sich nicht so sehr von unüberlegten Freudenausbrüchen hinreißen lassen dürfe, schon
um des Auslandes willen, dem eine stille und würdige Form der Freude mehr zusage als ein unbändiges
Jauchzen usw. Endlich sollten wir Deutsche doch auch jetzt nicht vergessen, daß der Krieg nicht unsere
Absicht war, mithin wir auch uns nicht zu schämen hätten, offen und männlich zu gestehen, daß wir
jederzeit zu einer Versöhnung der Menschheit unseren Teil beitragen würden. Deshalb aber wäre es
nicht klug, die Reinheit der Taten des Herzens durch ein großes Geschrei zu verrußen, da ja die übrige
Welt für ein solches Gehaben nur wenig Verständnis aufbringen würde. Nichts bewundere man mehr als
die Bescheidenheit, mit der ein wahrer Held seine Taten schweigend und ruhig vergesse, denn darauf
kam das Ganze hinaus.
Statt daß man nun so einen Burschen bei seinen langen Ohren nahm und zu einem langen Pfahl hin und
an einem Strick aufzog, damit dem Tintenritter die feiernde Nation nicht mehr sein ästhetisches
Empfinden zu beleidigen vermochte, begann man tatsächlich gegen die "unpassende" Art des
Siegesjubels mit Ermahnungen vorzugehen.
Man hatte keine blasse Ahnung, daß die Begeisterung, erst einmal geknickt, nicht mehr nach Bedarf zu
erwecken ist. Sie ist ein Rausch und ist in diesem Zustande weiter zu erhalten. Wie aber sollte man ohne
diese Macht der Be-
[184 Das Verkennen des Marxismus]
geisterung einen Kampf bestehen, der nach menschlichem Ermessen die ungeheuersten Anforderungen
an die seelischen Eigenschaften der Nation stellen würde?Ich kannte die Psyche der breiten Masse nur
zu genau, um nicht zu wissen, daß man hier mit "ästhetischer" Gehobenheit nicht das Feuer würde
schüren können, das notwendig war, um dieses Eisen in Wärme zu halten. Man war in meinen Augen
verrückt, daß man nichts tat, um die Siedehitze der Leidenschaft zu steigern; daß man aber die glücklich
vorhandene auch noch beschnitt, vermochte ich schlechterdings nicht zu verstehen.
Was mich dann zum zweiten ärgerte, war die Art und Weise, in der man nun für gut hielt, sich dem
Marxismus gegenüberzustellen. Man bewies damit in meinen Augen nur, daß man von dieser Pestilenz
aber auch nicht die geringste Ahnung besaß. Man schien allen Ernstes zu glauben, durch die
Versicherung, nun keine Parteien mehr zu kennen, den Marxismus zur Einsicht und Zurückhaltung
gebracht zu haben.
Daß es sich hier überhaupt um keine Partei handelt, sondern um eine Lehre, die zur Zerstörung der
gesamten Menschheit führen muß, begriff man um so weniger, als dies ja nicht auf den verjudeten
Universitäten zu hören ist, sonst aber nur zu viele, besonders unserer höheren Beamten aus anerzogenem
blödem Dünkel es ja nicht der Mühe wert finden, ein Buch zur Hand zu nehmen und etwas zu lernen,
was eben nicht zum Unterrichtsstoff ihrer Hochschule gehörte. Die gewaltigste Umwälzung geht an
diesen "Köpfen" gänzlich spurlos vorüber, weshalb auch die staatlichen Einrichtungen zumeist den
privaten nachhinken. Von ihnen gilt, wahrhaftiger Gott, am allermeisten das Volkssprichwort: Was der
Bauer nicht kennt, das frißt er nicht. Wenige Ausnahmen bestätigen auch hier nur die Regel.
Es war ein Unsinn sondergleichen, in den Tagen des August 1914 den deutschen Arbeiter mit dem
Marxismus zu identifizieren. Der deutsche Arbeiter hatte in den damaligen Stunden sich ja aus der
Umarmung dieser giftigen
[185 Was man hätte tun müssen]
Seuche gelöst, da er sonst eben niemals hätte zum Kampf überhaupt auch nur anzutreten vermocht. Man
war aber dumm genug, zu vermeinen, das nun vielleicht der Marxismus "national" geworden sei; ein
Geistesblitz, der nur zeigt, daß in diesen langen Jahren es niemand von diesen beamteten Staatslenkern
auch nur der Mühe wert gefunden hatte, das Wesen dieser Lehre zu studieren, da sonst denn doch ein
solcher Irrsinn schwerlich unterlaufen sein würde.
Der Marxismus, dessen letztes Ziel die Vernichtung aller nichtjüdischen Nationalstaaten ist und bleibt,
mußte zu seinem Entsetzen sehen, daß in den Julitagen des Jahres 1914 die von ihm umgarnte deutsche
Arbeiterschaft erwachte um sich von Stunde zu Stunde schneller in den Dienst des Vaterlandes zu
stellen begann. In wenigen Tagen war der ganze Dunst und Schwindel dieses infamen Volksbetruges
zerflattert, und einsam und verlassen stand das jüdische Führerpack nun plötzlich da, als ob nicht eine
Spur von dem in sechzig Jahren den Massen eingetrichterten Unsinn und Irrwahn mehr vorhanden
gewesen wäre. Es war ein böser Augenblick für die Betrüger der Arbeiterschaft des deutschen Volkes.
Sowie aber erst die Führer die ihnen drohende Gefahr erkannten, zogen sie schleunigst die Tarnkappe
der Lage über die Ohren und mimten frech die nationale Erhebung mit.
Nun wäre aber der Zeitpunkt gekommen gewesen, gegen die ganze betrügerische Genossenschaft dieser
jüdischen Volksvergifter vorzugehen. Jetzt mußte ihnen kurzerhand der Prozeß gemacht werden, ohne
die geringste Rücksicht auf etwa einsetzendes Geschrei oder Gejammer. Im August des Jahres 1914 war
das Gemauschel der internationalen Solidarität mit einem Schlage aus den Köpfen der deutschen
Arbeiterschaft verschwunden, und statt dessen begannen schon wenige Wochen später amerikanische
Schrapnells die Segnungen der Brüderlichkeit über die Helme der Marschkolonnen hinabzugießen. Es
wäre die Pflicht einer besorgten Staatsregierung gewesen, nun, da der deutsche Arbeiter wieder den Weg
zum Volkstum gefunden hatte, die Verhetzer dieses Volkstums unbarmherzig auszurotten.
[186 Die Anwendung nackter Gewalt]
Wenn an der Front die Besten fielen, dann konnte man zu Hause wenigstens das Ungeziefer vertilgen.
Statt dessen aber streckte Seine Majestät der Kaiser selber den alten Verbrechern die Hand entgegen und
gab den hinterlistigen Meuchelmördern der Nation damit Schonung und Möglichkeit der inneren
Fassung.
Nun also konnte die Schlange wieder weiterarbeiten, vorsichtiger als früher, allein nur desto
gefährlicher. Während die Ehrlichen vom Burgfrieden träumten, organisierten die meineidigen
Verbrecher die Revolution.
Daß man damals sich zu dieser entsetzlichen Halbheit entschloß, machte mich innerlich immer
unzufriedener; daß das Ende dessen aber ein so entsetzliches sein würde, hätte auch ich damals noch
nicht für möglich gehalten.
Was aber mußte man nun tun? Die Führer der ganzen Bewegung sofort hinter Schloß und Riegel setzen,
ihnen den Prozeß machen und sie der Nation vom Halse schaffen. Man mußte rücksichtslos die
gesamten militärischen Machtmittel einsetzen zur Ausrottung dieser Pestilenz. Die Parteien waren
aufzulösen, der Reichstag wenn nötig mit Bajonetten zur Vernunft zu bringen, am besten aber so. fort
aufzuheben. So wie die Republik heute Parteien aufzulösen vermag, so hätte man damals mit mehr
Grund zu diesem Mittel greifen müssen. Stand doch Sein oder Nichtsein eines ganzen Volkes auf dem
Spiele!Freilich kam dann aber eine Frage zur Geltung: Kann man denn geistige Ideen überhaupt mit
dem Schwerte ausrotten? Kann man mit der Anwendung roher Gewalt "Weltanschauungen"
bekämpfen?Ich habe mir diese Frage schon zu jener Zeit öfter als einmal vorgelegt.
Beim Durchdenken analoger Fälle, die sich besonders auf religiöser Grundlage in der Geschichte
auffinden lassen, ergibt sich folgende grundsätzliche Erkenntnis:Vorstellungen und Ideen sowie
Bewegungen mit bestimmter geistiger Grundlage, mag diese nun falsch sein oder wahr, können von
einem gewissen Zeitpunkt ihres Werdens an mit Machtmitteln technischer Art nur mehr
[187 Die Anwendung nackter Gewalt]
dann gebrochen werden, wenn diese körperlichen Waffen zugleich selber Träger eines neuen zündenden
Gedankens, einer Idee oder Weltanschauung sind.
Die Anwendung von Gewalt allein, ohne die Triebkraft einer geistigen Grundvorstellung als
Voraussetzung, kann niemals zur Vernichtung einer Idee und deren Verbreitung führen, außer in Form
einer restlosen Ausrottung aber auch des letzten Trägers und der Zerstörung der letzten Überlieferung.
Dies bedeutet jedoch zumeist das Ausscheiden eines solchen Staatskörpers aus dem Kreise
machtpolitischer Bedeutung auf oft endlose Zeit, manchmal auch für immer; denn ein solches Blutopfer
trifft ja erfahrungsgemäß den besten Teil des Volkstums, da nämlich jede Verfolgung, die ohne geistige
Voraussetzung stattfindet, als sittlich nicht berechtigt erscheint und nun gerade die wertvolleren
Bestande eines Volkes zum Protest aufpeitscht, der sich aber in einer Aneignung des geistigen Inhalts
der ungerecht verfolgten Bewegung auswirkt. Dies geschieht bei vielen dann einfach aus dem Gefühl
der Opposition gegen den Versuch der Niederknüppelung einer Idee durch brutale Gewalt.
Dadurch aber wächst die Zahl der inneren Anhänger in eben dem Maße, in dem die Verfolgung
zunimmt. Mithin wird die restlose Vernichtung der neuen Lehre nur auf dem Wege einer so großen und
sich immer steigernden Ausrottung durchzuführen sein, das darüber endlich dem betreffenden Volke
oder auch Staate alles wahrhaft wertvolle Blut überhaupt entzogen wird. Dies aber rächt sich, indem nun
wohl eine sogenannte "innere" Reinigung stattfinden kann, allein auf Kosten einer allgemeinen
Ohnmacht. Immer aber wird ein solcher Vorgang von vornherein schon vergeblich sein, wenn die zu
bekämpfende Lehre einen gewissen kleinen Kreis schon überschritten hat.
Daher ist auch hier, wie bei allem Wachstum, die erste Zeit der Kindheit noch am ehesten der
Möglichkeit einer Vernichtung ausgesetzt, während mit steigenden Jahren die Widerstandskraft
zunimmt, um erst bei herannahender Altersschwäche wieder neuer Jugend zu weichen, wenn auch in
anderer Form und aus anderen Gründen.
[188 Die Anwendung nackter Gewalt]
Tatsächlich führen aber fast sämtliche Versuche, durch Gewalt ohne geistige Grundlage eine Lehre und
deren organisatorische Auswirkung auszurotten, zu Mißerfolgen, ja enden nicht selten gerade mit dem
Gegenteil des Gewünschten aus folgendem Grunde:Die allererste Voraussetzung zu einer Kampfesweise
mit den Waffen der nackten Gewalt ist und bleibt die Beharrlichkeit. Das heißt, daß nur in der dauernd
gleichmäßigen Anwendung der Methoden zur Unterdrückung einer Lehre usw. die Möglichkeit des
Gelingens der Absicht liegt. Sobald hier aber auch nur schwankend Gewalt mit Nachsicht wechselt, wird
nicht nur die zu unterdrückende Lehre sich immer wieder erholen, sondern sie wird sogar aus jeder
Verfolgung neue Werte zu ziehen in der Lage sein, indem nach Ablaufen einer solchen Welle des
Druckes, die Empörung über das erduldete Leid der alten Lehre neue Anhänger zuführt, die bereits
vorhandenen aber mit größerem Trotz und tieferem Haß als vordem an ihr hängen werden, ja schon
abgesplitterte Abtrünnige wieder nach Beseitigung der Gefahr zur alten Einstellung zurückzukehren
versuchen. In der ewig gleichmäßigen Anwendung der Gewalt allein liegt die allererste Voraussetzung
zum Erfolge. Diese Beharrlichkeit jedoch ist, immer nur das Ergebnis einer bestimmten geistigen
Überzeugung. Jede Gewalt, die nicht einer festen geistigen Grundlage entsprießt, wird schwankend und
unsicher sein. Ihr fehlt die Stabilität, die nur in einer fanatischen Weltanschauung zu ruhen vermag. Sie
ist der Ausfluß der jeweiligen Energie und brutalen Entschlossenheit eines einzelnen, mithin aber eben
dem Wechsel der Persönlichkeit und ihrer Wesensart und Stärke unterworfen.
Es kommt aber hierzu noch etwas anderes:Jede Weltanschauung, mag sie mehr religiöser oder
politischer Art sein — manchmal ist hier die Grenze nur schwer festzustellen —, kämpft weniger für die
negative Vernichtung der gegnerischen Ideenwelt als vielmehr für die positive Durchsetzung der
eigenen. Damit aber ist ihr Kampf weniger Abwehr als Angriff. Sie ist dabei schon

[189 Der Angriff einer Weltanschauung]
in der Bestimmung des Zieles im Vorteil, da ja dieses Ziel den Sieg der eigenen Idee darstellt, während
umgekehrt es nur schwer zu bestimmen ist, wann das negative Ziel der Vernichtung einer feindlichen
Lehre als erreicht und gesichert angesehen werden darf. Schon deshalb wird der Angriff der
Weltanschauung planvoller, aber auch gewaltiger sein als die Abwehr einer solchen; wie denn überhaupt
auch hier die Entscheidung dem Angriff zukommt und nicht der Verteidigung. Der Kampf gegen eine
geistige Macht mit Mitteln der Gewalt ist daher so lange nur Verteidigung, als das Schwert nicht selber
als Träger, Verkünder und Verbreiter einer neuen geistigen Lehre auftritt.
Man kann also zusammenfassend folgendes festhalten:Jeder Versuch, eine Weltanschauung mit
Machtmitteln zu bekämpfen, scheitert am Ende, solange nicht der Kampf die Form des Angriffes für
eine neue geistige Einstellung erhält. Nur im Ringen zweier Weltanschauungen miteinander vermag die
Waffe der brutalen Gewalt, beharrlich und rücksichtslos eingesetzt, die Entscheidung für die von ihr
unterstützte Seite herbeizuführen.
Daran aber war bislang noch immer die Bekämpfung des Marxismus gescheitert.
Das war der Grund, warum auch Bismarcks Sozialistengesetzgebung endlich trotz allem versagte und
versagen mußte. Es fehlte die Plattform einer neuen Weltanschauung, für deren Aufstieg der Kampf
hatte gekämpft werden können. Denn daß das Gefasel von einer sogenannten "Staatsautorität" oder der
"Ruhe und Ordnung" eine geeignete Grundlage für den geistigen Antrieb eines Kampfes auf Leben und
Tod sein könnte, wird nur die sprichwörtliche Weisheit höherer Ministerialbeamter zu vermeinen
fertigbringen.
Weil aber eine wirklich geistige Trägerin dieses Kampfes fehlte, mußte Bismarck auch die
Durchführung seiner Sozialistengesetzgebung dem Ermessen und Wollen derjenigen Institution
anheimstellen, die selber schon Ausgeburt marxistischer Denkart war. Indem der eiserne Kanzler das
Schicksal seines Marxistenkrieges dem Wohlwollen
[190 Bürgerliche Klassenparteien]
der bürgerlichen Demokratie überantwortete, machte er den Bock zum Gärtner.
Dieses alles aber war nur die zwangsläufige Folge des Fehlens einer grundsätzlichen, dem Marxismus
entgegengesetzten neuen Weltanschauung von stürmischem Eroberungswillen.
So war das Ergebnis des Bismarckschen Kampfes nur eine schwere Enttäuschung.
Lagen aber die Verhältnisse während des Weltkrieges oder zu Beginn desselben etwa anders? Leider
nein.
Je mehr ich mich damals mit dem Gedanken einer notwendigen Änderung der Haltung der staatlichen
Regierungen zur Sozialdemokratie als der augenblicklichen Verkörperung des Marxismus beschäftigte,
um so mehr erkannte ich das Fehlen eines brauchbaren Ersatzes für diese Lehre. Was wollte man denn
den Massen geben, wenn, angenommen, die Sozialdemokratie gebrochen worden wäre? Nicht ein
Bewegung war vorhanden, von der man hätte erwarten können, daß es ihr gelingen würde, die großen
Scharen der nun mehr oder weniger führerlos gewordenen Arbeiter in ihren Bann zu ziehen. Es ist
unsinnig und mehr als dumm,<?> zu meinen, daß der aus der Klassenpartei ausgeschiedene
internationale Fanatiker nun augenblicklich in eine bürgerliche Partei, also in eine neue
Klassenorganisation, einrücken werde. Denn so unangenehm dies verschiedenen Organisationen auch
sein mag, so kann doch nicht weggeleugnet werden, daß den bürgerlichen Politikern die
Klassenscheidung zu einem sehr großen Teile so lange als ganz selbstverständlich erscheint, solange sie
sie sich nicht politisch zu ihren Ungunsten auszuwirken beginnt.
Das Ableugnen dieser Tatsache beweist nur die Frechheit, aber auch die Dummheit der Lügner.
Man soll sich überhaupt hüten, die breite Masse für dümmer zu halten, als sie ist. In politischen
Angelegenheiten entscheidet nicht selten das Gefühl richtiger als der Verstand. Die Meinung aber, daß
für die Unrichtigkeit dieses Gefühls der Masse doch deren dumme internationale Einstellung genügend
spräche, kann sofort auf das gründ-
[191 Kein Ersatz für die Sozialdemokratie]
lichste wiederlegt<?> werden durch den einfachen Hinweis, daß die pazifistische Demokratie nicht
minder irrsinnig ist, ihre Träger aber fast ausschließlich dem bürgerlichen Lager entstammen. Solange
noch Millionen von Bürgern jeden Morgen andächtig ihre jüdische Demokratenpresse anbeten, steht es
den Herrschaften sehr schlecht an, über die Dummheit des "Genossen" zu witzeln, der zum Schluß nur
den gleichen Mist, wenn auch eben in anderer Aufmachung verschlingt. In beiden Fällen ist der
Fabrikant ein und derselbe Jude.
Man soll sich also sehr wohl hüten, Dinge abzustreiten, die nun einmal sind. Die Tatsache, daß es sich
bei der Klassenfrage keinesfalls nur um ideelle Probleme handelt, wie man besonders vor Wahlen
immer gerne weismachen möchte, kann nicht weggeleugnet werden. Der Standesdünkel eines großen
Teiles unseres Volkes ist, ebenso wie vor allem die mindere Einschätzung des Handarbeiters, eine
Erscheinung, die nicht aus der Phantasie eines Mondsüchtigen stammt.
Es zeigt aber, ganz abgesehen davon, die geringe Denkfähigkeit unserer sogenannten Intelligenz an,
wenn gerade in diesen Kreisen nicht begriffen wird, daß ein Zustand, der das Emporkommen einer Pest,
wie die der Marxismus nun einmal ist, nicht zu verhindern vermochte, jetzt aber erst recht nicht mehr in
der Lage sein wird, das Verlorene wieder zurückzugewinnen.
Die "bürgerlichen" Parteien, wie sie sich selbst bezeichnen, werden niemals mehr die "proletarischen"
Massen an ihr Lager zu fesseln vermögen, da sich hier zwei Welten gegenüberstehen, teils natürlich,
teils künstlich getrennt, deren Verhaltungszustand zueinander nur der Kampf sein kann. Siegen aber
wird hier der Jüngere — und dies wäre der Marxismus.
Tatsächlich war ein Kampf gegen die Sozialdemokratie im Jahre 1914 wohl denkbar, allein, wie lange
dieser Zustand bei dem Fehlen jedes praktischen Ersatzes aufrechtzuerhalten gewesen wäre, konnte
zweifelhaft sein.
Hier war eine große Lücke vorhanden.
[192 Erste Gedanken an politische Betätigung]
Ich besaß diese Meinung schon längst vor dem Kriege und konnte mich deshalb auch nicht entschließen,
an eine der bestehenden Parteien heranzutreten. Im Verlaufe der Ereignisse des Weltkrieges wurde ich
in dieser Meinung noch bestärkt durch die ersichtliche Unmöglichkeit, gerade infolge dieses Fehlens
einer Bewegung, die eben mehr sein mußte als "parlamentarische" Partei, den Kampf gegen die
Sozialdemokratie rücksichtslos aufzunehmen.
Ich habe mich gegenüber meinen engeren Kameraden offen darüber ausgesprochen.
Im übrigen kamen mir nun auch die ersten Gedanken, mich später einmal doch noch politisch zu
betätigen.
Gerade dieses aber war der Anlaß, daß ich nun öfters dem kleinen Kreise meiner Freunde versicherte,
nach dem Kriege als Redner neben meinem Berufe wirken zu wollen.
Ich glaube, es war mir damit auch sehr Ernst.
[193]

6. Kapitel:
Kriegspropaganda

Bei meinem aufmerksamen Verfolgen aller politischen Vorgänge hatte mich schon immer die Tätigkeit
der Propaganda außerordentlich interessiert. Ich sah in ihr ein Instrument, das gerade die sozialistischmarxistischen
Organisationen mit meisterhafter Geschicklichkeit beHerrschten und zur Anwendung zu
bringen verstanden. Ich lernte dabei schon frühzeitig verstehen, daß die richtige Verwendung der
Propaganda eine wirkliche Kunst darstellt, die den bürgerlichen Parteien fast so gut wie unbekannt war
und blieb. Nur die christlich-soziale Bewegung, besonders zu Luegers Zeit, brachte es auch auf diesem
Instrument zu einer gewissen Virtuosität und verdankte dem auch sehr viele ihrer Erfolge.
Zu welchen ungeheuren Ergebnissen aber eine richtig angewendete Propaganda zu führen vermag,
konnte man erst während des Krieges ersehen. Leider war jedoch hier wieder alles auf der anderen Seite
zu studieren, denn die Tätigkeit auf unserer Seite blieb ja in dieser Beziehung mehr als bescheiden.
Allein, gerade das so vollständige Versagen der gesamten Aufklärung auf deutscher Seite, das besonders
jedem Soldaten grell in die Augen springen mußte, wurde bei mir der Anlaß mich nun noch viel
eindringlicher mit der Propagandafrage zu beschäftigen.
Zeit zum Denken war dabei oft mehr als genug vorhanden, den praktischen Unterricht aber erteilte uns
der Feind, leider nur zu gut.
Denn was bei uns hier versäumt ward, holte der Gegner mit unerhörter Geschicklichkeit und wahrhaft
genialer Berechnung ein. An dieser feindlichen Kriegspropaganda habe
[194 Propaganda ein Mittel]
auch ich unendlich gelernt. An den Köpfen derjenigen allerdings, die am ehesten sich dies zur Lehre
hätten sein lassen müssen, ging die Zeit spurlos vorüber; man dünkte sich dort zum Teil zu klug, um von
den anderen Belehrungen entgegenzunehmen, zum anderen Teil aber fehlte der ehrliche Wille hierzu.
Gab es bei uns überhaupt eine Propaganda?Leider kann ich darauf nur mit Nein antworten. Alles, was in
dieser Richtung wirklich unternommen wurde, war so unzulänglich und falsch von Anfang an, daß es
zum mindesten nichts nützte, manchmal aber geradezu Schaden anstiftete.
In der Form ungenügend, im Wesen psychologisch falsch: dies mußte das Ergebnis einer aufmerksamen
Prüfung der deutschen Kriegspropaganda sein.
Schon aber die erste Frage scheint man sich nicht ganz klar geworden zu sein, nämlich: Ist die
Propaganda Mittel oder Zweck?Sie ist ein Mittel und muß demgemäß beurteilt werden vom
Gesichtspunkt des Zweckes aus. Ihre Form wird mithin eine der Unterstützung des Zieles, dem sie dient,
zweckmäßig angepaßte sein müssen. Es ist auch klar, daß die Bedeutung des Zieles eine verschiedene
sein kann vom Standpunkte des allgemeinen Bedürfnisses aus, und das damit auch die Propaganda in
ihrem inneren Wert verschieden bestimmt wird. Das Ziel, für das im Verlaufe des Krieges aber
gekämpft wurde, war das erhabenste und gewaltigste, das sich für Menschen denken läßt: es war die
Freiheit und Unabhängigkeit unseres Volkes, die Sicherheit der Ernährung für die Zukunft und — die
Ehre der Nation; etwas, das trotz der gegenteiligen Meinung von heute dennoch vorhanden ist oder
besser sein sollte, da eben Völker ohne Ehre die Freiheit und Unabhängigkeit früher oder später zu
verlieren pflegen, was wieder nur einer höheren Gerechtigkeit entspricht, da ehrlose
Lumpengenerationen keine Freiheit verdienen. Wer aber feiger Sklave sein will, darf und kann gar keine
Ehre haben, da ja diese sonst der allgemeinen Mißachtung in kürzester Zeit anheimfiele.
[195 Der Zweck der Propaganda]
Im Streit für ein menschliches Dasein kämpfte das deutsche Volk, und diesen Streit zu unterstützen,
wäre der Zweck der Propaganda des Krieges gewesen; ihm zum Siege zu verhelfen, mußte das Ziel sein.
Wenn aber Völker um ihre Existenz auf diesem Planeten kämpfen, mithin die Schicksalsfrage von Sein
oder Nichtsein an sie herantritt, fallen alle Erwägungen von Humanität oder Ästhetik in ein Nichts
zusammen; denn alle diese Vorstellungen schweben nicht im Weltlichen, sondern stammen aus der
Phantasie des Menschen und sind an ihn gebunden. Sein Scheiden von dieser Welt löst auch diese
Begriffe wieder in Nichts auf, denn die Natur kennt sie nicht. Sie sind aber auch unter den Menschen nur
wenigen Völkern oder besser Rassen zu eigen, und zwar in jenem Maße, in dem sie dem Gefühl
derselben selbst entstammen. Humanität und Ästhetik würden sogar in einer menschlich bewohnten
Welt vergehen, sowie diese die Rassen verlöre, die Schöpfer und Träger dieser Begriffe sind.
Damit haben aber alle diese Begriffe beim Kampfe eines Volkes um sein Dasein auf dieser Welt nur
untergeordnete Bedeutung, ja scheiden als bestimmend für die Formen des Kampfes vollständig aus,
sobald durch sie die Selbsterhaltungskraft eines im Kampfe liegenden Volkes gelähmt werden könnte.
Das aber ist immer das einzig sichtbare Ergebnis.
Was die Frage der Humanität betrifft, so hat sich von Moltke dahin geäußert, daß diese beim Kriege
immer in der Kürze des Verfahrens liege, also daß ihr die schärfste Kampfesweise am meisten
entspräche.
Wenn man aber versucht, in solchen Dingen mit dem Gefasel der Ästhetik usw. anzurücken, dann kann
es darauf wirklich nur eine Antwort geben: Schicksalsfragen von der Bedeutung des Existenzkampfes
eines Volkes heben jede Verpflichtung zur Schönheit auf. Das Unschönste, was es im menschlichen
Leben geben kann, ist und bleibt das Joch der Sklaverei. Oder empfindet diese Schwabinger Dekadenz
etwa das heutige Los der deutschen Nation als "ästhetisch"? Mit den Juden, als den modernen Erfindern
dieses
[196 Propaganda nur für die Masse]
Kulturparfüms, braucht man sich aber darüber wahrhaftig nicht zu unterhalten. Ihr ganzes Dasein ist der
fleischgewordene Protest gegen die Ästhetik des Ebenbildes des Herrn.
Wenn aber diese Gesichtspunkte von Humanität und Schönheit für den Kampf erst einmal ausscheiden,
dann können sie auch nicht als Maßstab für Propaganda Verwendung finden.
Die Propaganda war im Kriege ein Mittel zum Zweck, dieser aber war der Kampf um das Dasein des
deutschen Volkes, und somit konnte die Propaganda auch nur von den hierfür gültigen Grundsätzen aus
betrachtet werden. Die grausamsten Waffen waren dann human, wenn sie den schnelleren Sieg
bedingten, und schön waren nur die Methoden allein, die der Nation die Würde der Freiheit sichern
halfen.
Dies war die einzig mögliche Stellung in einem solchen Kampf auf Leben und Tod zur Frage der
Kriegspropaganda.
Wäre man sich darüber an den sogenannten maßgebenden Stellen klargeworden, so hätte man niemals in
jene Unsicherheit über die Form und Anwendung dieser Waffe kommen können; denn auch dies ist nur
eine Waffe, wenn auch eine wahrhaft fürchterliche in der Hand des Kenner.
Die zweite Frage von geradezu ausschlaggebender Bedeutung war folgende: An wen hat sich die
Propaganda zu wenden? An die wissenschaftliche Intelligenz oder an die weniger gebildete Masse?Sie
hat sich ewig nur an die Masse zu richten!Für die Intelligenz, oder was sich heute leider häufig so nennt,
ist nicht Propaganda da, sondern wissenschaftliche Belehrung. Propaganda aber ist so wenig
Wissenschaft ihrem Inhalte nach, wie etwa ein Plakat Kunst ist in seiner Darstellung an sich. Die Kunst
des Plakates liegt in der Fähigkeit des Entwerfers, durch Form und Farbe die Menge aufmerksam zu
machen. Das Kunstausstellungsplakat hat nur auf die Kunst der Ausstellung hinzuweisen; je mehr ihm
dies gelingt, um so größer ist dann die Kunst
[197 Die Aufgabe der Propaganda]
des Plakates selber. Das Plakat soll weiter der Masse eine Vorstellung von der Bedeutung der
Ausstellung vermitteln, keineswegs aber ein Ersatz der in dieser gebotenen Kunst sein. Wer sich deshalb
mit der Kunst selber beschäftigen will, muß schon mehr als das Plakat studieren, ja, für den genügt auch
keineswegs ein bloßes "Durchwandern" der Ausstellung. Von ihm darf erwartet werden, daß er in
gründlichem Schauen sich in die einzelnen Werke vertiefe und sich dann langsam ein gerechtes Urteil
bilde.
Ähnlich liegen die Verhältnisse auch bei dem, was wir heute mit dem Wort Propaganda bezeichnen.
Die Aufgabe der Propaganda liegt nicht in einer wissenschaftlichen Ausbildung des einzelnen, sondern
in einem Hinweisen der Masse auf bestimmte Tatsachen, Vorgänge, Notwendigkeiten usw., deren
Bedeutung dadurch erst in den Gesichtskreis der Masse gerückt werden soll.
Die Kunst liegt nun ausschließlich darin, dies in so vorzüglicher Weise zu tun, daß eine allgemeine
Überzeugung von der Wirklichkeit einer Tatsache, der Notwendigkeit eines Vorganges, der Richtigkeit
von etwas Notwendigem usw. entsteht. Da sie aber nicht Notwendigkeit an sich ist und sein kann, da
ihre Aufgabe ja genau wie bei dem Plakat im Aufmerksammachen der Menge zu bestehen hat und nicht
in der Belehrung der wissenschaftlich ohnehin Erfahrenen oder nach Bildung und Einsicht Strebenden,
so muß ihr Wirken auch immer mehr auf das Gefühl gerichtet sein und nur sehr bedingt auf den
sogenannten Verstand.
Jede Propaganda hat volkstümlich zu sein und ihr geistiges Niveau einzustellen nach der
Aufnahmefähigkeit des Beschränktesten unter denen, an die sie sich zu richten gedenkt. Damit wird ihre
rein geistige Höhe um so tiefer zu stellen sein, je größer die zu erfassende Masse der Menschen sein soll.
Handelt es sich aber, wie bei der Propaganda für die Durchhaltung eines Krieges, darum, ein ganzes
Volk in ihren Wirkungsbereich zu ziehen, so kann die Vorsicht bei der Vermeidung zu hoher geistiger
Voraussetzungen gar nicht groß genug sein.
[198 Die Psychologie der Propaganda]
Je bescheidener dann ihr wissenschaftlicher Ballast ist, und je mehr sie ausschließlich auf das Fühlen der
Masse Rücksicht nimmt, um so durchschlagender der Erfolg. Dieser aber ist der beste Beweis für die
Richtigkeit oder Unrichtigkeit einer Propaganda und nicht die gelungene Befriedigung einiger Gelehrter
oder ästhetischer Jünglinge.
Gerade darin liegt die Kunst der Propaganda, daß sie, die gefühlsmäßige Vorstellungswelt der großen
Masse begreifend, in psychologisch richtiger Form den Weg zur Aufmerksamkeit und weiter zum
Herzen der breiten Masse findet. Daß dies von unseren Neunmalklugen nicht begriffen wird, beweist nur
deren Denkfaulheit oder Einbildung.
Versteht man aber die Notwendigkeit der Einstellung der Werbekunst der Propaganda auf die breite
Masse, so ergibt sich weiter schon daraus folgende Lehre:Es ist falsch, der Propaganda die Vielseitigkeit
etwa des wissenschaftlichen Unterrichts geben zu wollen.
Die Aufnahmefähigkeit der großen Masse ist nur sehr beschränkt, das Verständnis klein, dafür jedoch
die Vergeßlichkeit groß. Aus diesen Tatsachen heraus hat sich jede wirkungsvolle Propaganda auf nur
sehr wenige Punkte zu beschränken und diese schlagwortartig so lange zu verwerten, bis auch bestimmt
der Letzte unter einem solchen Worte das Gewollte sich vorzustellen vermag. Sowie man diesen
Grundsatz opfert und vielseitig werden will, wird man die Wirkung zum Zerflattern bringen, da die
Menge den gebotenen Stoff weder zu verdauen noch zu behalten vermag. Damit aber wird das Ergebnis
wieder abgeschwächt und endlich aufgehoben.
Je größer so die Linie ihrer Darstellung zu sein hat, um so psychologisch richtiger muß die Feststellung
ihrer Taktik sein.
Es war zum Beispiel grundfalsch, den Gegner lächerlich zu machen, wie dies die österreichische und
deutsche Witzblattpropaganda vor allem besorgte. Grundfalsch deshalb, weil das Zusammentreffen in
der Wirklichkeit dem Manne vom Gegner sofort eine ganz andere Überzeugung beibringen mußte,
etwas, was sich dann auf das fürchterlichste
[199 Die Psychologie der Propaganda]
rächte; denn nun fühlte sich der deutsche Soldat unter dem unmittelbaren Eindruck des Widerstandes
des Gegners von den Machern seiner bisherigen Aufklärung getäuscht, und an Stelle einer Stärkung
seiner Kampflust oder auch nur Festigkeit trat das Gegenteil ein. Der Mann verzagte.
Demgegenüber war die Kriegspropaganda der Engländer und Amerikaner psychologisch richtig. Indem
sie dem eigenen Volke den Deutschen als Barbaren und Hunnen vorstellte, bereitete sie den einzelnen
Soldaten schon auf die Schrecken des Krieges vor und half so mit, ihn vor Enttäuschungen zu bewahren.
Die entsetzlichste Waffe, die nun gegen ihn zur Anwendung kam, erschien ihm nur mehr als die
Bestätigung seiner schon gewordenen Aufklärung und stärkte ebenso den Glauben an die Richtigkeit der
Behauptungen seiner Regierung, wie sie andererseits Wut und Haß gegen den verruchten Feind
steigerte. Denn die grausame Wirkung der Waffe, die er ja nun an sich von seiten des Gegners
kennenlernte, erschien ihm allmählich als Beweis der ihm schon bekannten "hunnenhaften" Brutalität
des barbarischen Feindes, ohne daß er auch nur einen Augenblick so weit zum Nachdenken gebracht
worden wäre, daß seine Waffen vielleicht, ja sogar wahrscheinlich, noch entsetzlicher wirken könnten.
So konnte sich der englische Soldat vor allem nie als von zu Hause unwahr unterrichtet fühlen, was
leider beim deutschen so sehr der Fall war, daß er endlich überhaupt alles, was von dieser Seite noch
kam, als "Schwindel" und "Krampf" ablehnte. Lauter Folgen davon, daß man glaubte, zur Propaganda
den nächstbesten Esel (oder selbst "sonst" gescheiten Menschen) abkommandieren zu können, statt zu
begreifen, daß hierfür die allergenialsten Seelenkenner gerade noch gut genug sind.
So bot die deutsche Kriegspropaganda ein unübertreffliches Lehr- und Unterrichtsbeispiel für eine in
den Wirkungen geradezu umgekehrt arbeitende "Aufklärung" infolge vollkommenen Fehlens jeder
psychologisch richtigen Überlegung.
Am Gegner aber war unendlich viel zu lernen für den,

[200 Subjektiv — einseitig — unbedingt!]
der mit offenen Augen und unverkalktem Empfinden die viereinhalb Jahre lang anstürmende Flutwelle
der feindlichen Propaganda für sich verarbeitete.
Am allerschlechtesten jedoch begriff man die allererste Voraussetzung jeder propagandistischen
Tätigkeit überhaupt: nämlich die grundsätzlich subjektiv einseitige Stellungnahme derselben zu jeder
von ihr bearbeiteten Frage. Auf diesem Gebiete wurde in einer Weise gesündigt, und zwar gleich zu
Beginn des Krieges von oben herunter, daß man wohl das Recht erhielt, zu zweifeln, ob soviel Unsinn
wirklich nur reiner Dummheit zugeschrieben werden konnte.
Was würde man zum Beispiel über ein Plakat sagen, das eine neue Seife anpreisen soll, dabei jedoch
auch andere Seifen als "gut" bezeichnet? Man würde darüber nur den Kopf schütteln.
Genau so verhält es sich aber auch mit politischer Reklame.
Die Aufgabe der Propaganda ist z. B. nicht ein Abwägen der verschiedenen Rechte, sondern das
ausschließliche Betonen des einen eben durch sie zu vertretenden. Sie hat nicht objektiv auch die
Wahrheit, soweit sie den anderen günstig ist, zu erforschen, um sie dann der Masse in doktrinärer
Aufrichtigkeit vorzusetzen, sondern ununterbrochen der eigenen zu dienen.
Es war grundfalsch, die Schuld am Kriege von dem Standpunkt aus zu erörtern, daß nicht nur
Deutschland allein verantwortlich gemacht werden könnte für den Ausbruch dieser Katastrophe, sondern
es wäre richtig gewesen, diese Schuld restlos dem Gegner aufzubürden, selbst wenn dies wirklich nicht
so dem wahren Hergang entsprochen hatte, wie es doch nun tatsächlich der Fall war.
War, aber war die Folge dieser Halbheit? Die breite Masse eines Volkes besteht nicht aus Diplomaten
oder auch nur Staatsrechtslehrern, ja nicht einmal aus lauter vernünftig Urteilsfähigen, sondern aus
ebenso schwankenden wie zu Zweifel und Unsicherheit geneigten Menschenkindern. Sowie durch die
eigene Propaganda erst einmal nur der Schimmer eines Rechtes, auch auf der anderen Seite zugegeben
wird, ist der Grund zum Zweifel an
[201 Der deutsche Objektivitätsfimmel]
dem eigenen Rechte schon gelegt. Die Masse ist nicht in der Lage, nun zu unterscheiden, wo das fremde
Unrecht endet und das eigene beginnt. Sie wird in einem solchen Falle unsicher und mißtrauisch,
besonders dann, wenn der Gegner eben nicht den gleichen Unsinn macht, sondern seinerseits alle und
jede Schuld dem Feinde aufbürdet. Was ist da erklärlicher, als daß endlich das eigene Volk der
feindlichen Propaganda, die geschlossener, einheitlicher vorgeht, sogar mehr glaubt als der
eigenen? Und noch dazu bei einem Volke, das ohnehin so sehr am Objektivitätsfimmel leidet wie
das deutsche! Denn bei ihm wird nun jeder sich bemühen, nur ja dem Feind nicht Unrecht zu tun,
selbst auf die Gefahr der schwersten Belastung, ja Vernichtung des eigenen Volkes und Staates.
Daß an den maßgebenden Stellen dies natürlich nicht so gedacht ist, kommt der Masse gar nicht zum
Bewußtsein.
Das Volk ist in seiner überwiegenden Mehrheit so feminin veranlagt und eingestellt, daß weniger
nüchterne Überlegung als vielmehr gefühlsmäßige Empfindung sein Denken und Handeln bestimmt.
Diese Empfindung aber ist nicht kompliziert, sondern sehr einfach und geschlossen. Es gibt hierbei nicht
viel Differenzierungen, sondern ein Positiv oder ein Negative. Liebe oder Haß, Recht oder Unrecht,
Wahrheit oder Lüge, niemals aber halb so und halb so oder teilweise usw.
Das alles hat besonders die englische Propaganda in der wahrhaft genialsten Weise verstanden — und
berücksichtigt. Dort gab es wirklich keine Halbheiten, die etwa zu Zweifeln hätten anregen können.
Das Zeichen für die glänzende Kenntnis der Primitivität der Empfindung der breiten Masse lag in der
diesem Zustande angepaßten Greuelpropaganda, die in ebenso rücksichtsloser wie genialer Art die
Vorbedingungen für das moralische Standhalten an der Front sicherte, selbst bei größten tatsächlichen
Niederlagen, sowie weiter in der ebenso schlagenden Festnagelung des deutschen Feindes als des allein
schuldigen Teils am Ausbruch des Krieges: eine Lüge, die nur durch die unbedingte, freche, einseitige
Sturheit, mit der
[202 Beschränkung auf Beharrlichkeit]
sie vorgetragen wurde, der gefühlsmäßigen, immer extremen Einstellung des großen Volkes Rechnung
trug und deshalb auch geglaubt wurde.
Wie sehr diese Art von Propaganda wirksam war, zeigte am schlagendsten die Tatsache, daß sie nach
vier Jahren nicht nur den Gegner noch streng an der Stange zu halten vermochte, sondern sogar unser
eigenes Volk anzufressen begann.
Daß unserer Propaganda dieser Erfolg nicht beschieden war, durfte einen wirklich nicht wundern. Sie
trug den Keim der Unwirksamkeit schon in ihrer inneren Zweideutigkeit. Endlich war es schon infolge
ihres Inhalts wenig wahrscheinlich, daß sie bei den Massen den notwendigen Eindruck erwecken würde.
Zu hoffen, daß es mit diesem faden Pazifistenspülwasser gelingen könnte, Menschen zum Sterben zu
berauschen, brachten nur unsere geistfreien "Staatsmänner" fertig.
So war dies elende Produkt zwecklos, ja sogar schädlich.
Aber alle Genialität der Aufmachung der Propaganda wird zu keinem Erfolg führen, wenn nicht ein
fundamentaler Grundsatz immer gleich scharf berücksichtigt wird. Sie hat sich auf wenig zu
beschränken und dieses ewig zu wiederholen. Die Beharrlichkeit ist hier wie bei so vielem auf der Welt
die erste und wichtigste Voraussetzung zum Erfolg.
Gerade auf dem Gebiete der Propaganda darf man sich niemals von Ästheten oder Blasierten leiten
lassen: Von den ersteren nicht, weil sonst der Inhalt in Form und Ausdruck in kurzer Zeit, statt für die
Masse sich zu eignen, nur mehr für literarische Teegesellschaften Zugkraft entwickelt; vor den zweiten
aber hüte man sich deshalb ängstlich, weil ihr Mangel an eigenem frischem Empfinden immer nach
neuen Reizen sucht. Diesen Leuten wird in kurzer Zeit alles überdrüssig; sie wünschen Abwechslung
und verstehen niemals, sich in die Bedürfnisse ihrer noch nicht so abgebrühten Mitwelt
hineinzuversetzen oder diese gar zu begreifen. Sie sind immer die ersten Kritiker der Propaganda oder
besser ihres Inhaltes, der ihnen zu althergebracht, zu abgedroschen, dann wieder zu überlebt usw.
erscheint. Sie wollen immer Neues, suchen Abwechslung und werden dadurch zu wahren Tod-
[203 Die feindliche Kriegspropaganda]
feinden jeder wirksamen politischen Massengewinnung. Denn sowie sich die Organisation und der
Inhalt einer Propaganda nach ihren Bedürfnissen zu richten beginnen, verlieren sie jede Geschlossenheit
und zerflattern statt dessen vollständig.
Propaganda ist jedoch nicht dazu da, blasierten Herrchen laufend interessante Abwechslung zu
verschaffen, sondern zu überzeugen, und zwar die Masse zu überzeugen. Diese aber braucht in ihrer
Schwerfälligkeit immer eine bestimmte Zeit, ehe sie auch nur von einer Sache Kenntnis zu nehmen
bereit ist, und nur einer tausendfachen Wiederholung einfachster Begriffe wird sie endlich ihr
Gedächtnis schenken.
Jede Abwechslung darf nie den Inhalt des durch die Propaganda zu Bringenden verändern, sondern muß
stets zum Schlusse das gleiche besagen. So muß das Schlagwort wohl von verschiedenen Seiten aus
beleuchtet werden, allein das Ende jeder Betrachtung hat immer von neuem beim Schlagwort selber zu
liegen. Nur so kann und wird die Propaganda einheitlich und geschlossen wirken.
Diese große Linie allein, die nie verlassen werden darf, läßt bei immer gleichbleibender konsequenter
Betonung den endgültigen Erfolg heranreifen. Darin aber wird man mit Staunen feststellen können, zu
welch ungeheuren, kaum verständlichen Ergebnissen solch eine Beharrlichkeit führt.
Jede Reklame, mag sie auf dem Gebiete des Geschäftes oder der Politik liegen, trägt den Erfolg in der
Dauer und gleichmäßigen Einheitlichkeit ihrer Anwendung.
Auch hier war das Beispiel der feindlichen Kriegspropaganda vorbildlich; auf wenige Gesichtspunkte
beschränkt, ausschließlich berechnet für die Masse, mit unermüdlicher Beharrlichkeit betrieben.
Während des ganzen Krieges wurden die einmal als richtig erkannten Grundgedanken und
Ausführungsformen angewendet, ohne daß auch nur die geringste Änderung jemals vorgenommen
worden wäre. Sie war im Anfang scheinbar verrückt in der Frechheit ihrer Behauptungen, wurde später
unangenehm und wurde endlich geglaubt. Nach viereinhalb Jahren brach in Deutsch-
[204 Die feindliche Kriegspropaganda]
land eine Revolution aus, deren Schlagworte der feindlichen Kriegspropaganda entstammten.
In England aber begriff man noch etwas: daß nämlich für diese geistige Waffe der mögliche Erfolg nur
in der Masse ihrer Anwendung liegt, der Erfolg jedoch alle Kosten reichlich deckt.
Die Propaganda galt dort als Waffe ersten Ranges, während sie bei uns das letzte Brot stellenloser
Politiker und Druckpöstchen bescheidener Helden darstellte.
Ihr Erfolg war denn auch, alles in allem genommen, gleich Null.
[205]

7. Kapitel:
Die Revolution
Mit dem Jahre 1915 hat die feindliche Propaganda bei uns eingesetzt, seit 1916 wurde sie immer
intensiver, um endlich zu Beginn des Jahres 1918 zu einer förmlichen Flut anzuschwellen. Nun ließen
sich auch schon auf Schritt und Tritt die Wirkungen dieses Seelenfanges erkennen. Die Armee lernte
allmählich denken, wie der Feind es wollte.
Die deutsche Gegenwirkung aber versagte vollständig.
Die Armee besaß in ihrem damaligen geistigen und willensmäßigen Leiter wohl die Absicht und
Entschlossenheit, den Kampf auch auf diesem Felde aufzunehmen, allein ihr fehlte das Instrument, das
hierfür nötig gewesen wäre. Auch psychologisch war es falsch, diese Aufklärung durch die Truppe
selber vornehmen zu lassen. Sie mußte, wenn sie wirkungsvoll sein sollte, aus der Heimat kommen. Nur
dann durfte man auf Erfolg bei Männern rechnen, die zum Schlusse ja für diese Heimat unsterbliche
Taten des Heldenmutes und der Entbehrungen seit schon bald vier Jahren vollbracht hatten.
Allein, was kam aus der Heimat?War dieses Versagen Dummheit oder Verbrechen?Im Hochsommer
1918, nach dem Räumen des südlichen Marneufers, benahm sich vor allem die deutsche Presse schon so
elend ungeschickt, ja verbrecherisch dumm, daß mir mit täglich sich mehrendem Grimme die Frage
aufstieg, ob denn wirklich gar niemand da wäre, der dieser geistigen Verprassung des Heldentums der
Armee ein Ende bereiten würde.
Was geschah in Frankreich, als wir im Jahre 1914 in unerhörtem Siegessturme in dieses Land
hineinfegten? Was tat Italien in den Tagen des Zusammenbruches seiner
[206 Psychologischer Massenmord]
Isonzofront? Was Frankreich wieder im Frühjahr 1918, als der Angriff der deutschen Divisionen die
Stellungen aus den Angeln zu heben schien und der weitreichende Arm der schweren
Fernkampfbatterien an Paris zu klopfen begann?Wie war dort immer den zurückhastenden Regimentern
die Siedehitze nationaler Leidenschaft in die Gesichter gepeitscht worden! Wie arbeiteten dann
Propaganda und geniale Massenbeeinflussung, um den Glauben an den endgültigen Sieg erst recht in die
Herzen der gebrochenen Fronten wieder hineinzuhämmern!Was geschah indessen bei uns?Nichts oder
gar noch Schlechteres als dieses!Damals stiegen mir oft Zorn und Empörung auf, wenn ich die neuesten
Zeitungen zu lesen erhielt und man diesem psychologischen Massenmord, der da verbrochen wurde, zu
Gesicht bekam.
Öfter als einmal quälte mich der Gedanke, daß, wenn mich die Vorsehung an die Stelle dieser unfähigen
oder verbrecherischen Nichtskönner oder Nichtwollen unseres Propagandadienstes gestellt hätte, dem
Schicksal der Kampf anders angesagt worden wäre.
In diesen Monaten empfand ich zum ersten Male die ganze Tücke des Verhängnisses, das mich an der
Front und in einer Stelle hielt, in der mich der Zufallsgriff jedes Negers zusammenschießen konnte,
während ich dem Vaterland an anderem Orte andere Dienste zu leisten vermocht hätte!Denn daß mir
dieses gelungen sein würde, war ich schon damals vermessen genug zu glauben.
Allein ich war ein Namenloser, einer unter acht Millionen!So war es besser, den Mund zu halten und so
gut als möglich seine Pflicht an dieser Stelle zu tun.
×
Im Sommer 1915 fielen uns die ersten feindlichen Flugblätter in die Hand.
[207 Die ersten feindlichen Flugblätter]
Ihr Inhalt war fast stets, wenn auch mit einigen Abwechslungen in der Form der Darstellung, derselbe,
nämlich: daß die Not in Deutschland immer größer werde; die Dauer des Krieges endlos sei, während
die Aussicht, ihn zu gewinnen, immer mehr schwinde; das Volk in der Heimat sehne sich deshalb auch
nach Frieden, allein der "Militarismus" sowie der "Kaiser" erlaubten dies nicht; die ganze Welt — der
dies sehr wohl bekannt sei — führe deshalb auch nicht den Krieg gegen das deutsche Volk, sondern
vielmehr ausschließlich gegen den einzig Schuldigen, den Kaiser; der Kampf werde daher nicht früher
ein Ende nehmen, bis dieser Feind der friedlichen Menschheit beseitigt sei; die freiheitlichen und
demokratischen Nationen würden aber nach Beendigung des Krieges das deutsche Volk in den Bund des
ewigen Weltfriedens aufnehmen, der von der Stunde der Vernichtung des "preußischen Militarismus" an
gesichert sei.
Zur besseren Illustration des so Vorgebrachten wurden dann nicht selten "Briefe aus der Heimat"
abgedruckt, deren Inhalt diese Behauptungen zu bestätigen schien.
Im allgemeinen lachte man damals nur über alle diese Versuche. Die Flugblätter wurden gelesen, dann
nach rückwärts geschickt zu den höheren Stäben und meist wieder vergessen, bis der Wind abermals
eine Ladung von oben in die Gräben hineinbeförderte; es waren nämlich meistens Flugzeuge, die zum
Herüberbringen der Blätter dienten.
Eines mußte bei dieser Art von Propaganda bald auffallen, daß nämlich in jedem Frontabschnitt, in dem
sich Bayern befanden, mit außerordentlicher Konsequenz immer gegen Preußen Front gemacht wurde,
mit der Versicherung, daß nicht nur einerseits Preußen der eigentlich Schuldige und Verantwortliche für
den ganzen Krieg sei, sondern daß andererseits gegen Bayern im besonderen auch nicht das geringste an
Feindschaft vorhanden wäre; freilich könnte man ihm aber auch nicht helfen, solange es eben im Dienste
des preußischen Militarismus mittue, diesem die Kastanien aus dem Feuer zu holen.
Die Art der Beeinflussung begann tatsächlich schon im
[208 Die Jammerbriefe aus der Heimat]
Jahre 1915 bestimmte Wirkungen zu erzielen. Die Stimmung gegen Preußen wuchs unter der Truppe
ganz ersichtlich ohne daß von oben herunter auch nur ein einziges Mal dagegen eingeschritten worden
wäre. Dies war schon mehr als eine bloße Unterlassungssünde, die sich früher oder später einmal auf das
unseligste rächen mußte, und zwar nicht an den "Preußen", sondern an dem deutschen Volke, und dazu
gehört nicht zum allerletzten denn doch auch Bayern selber.
In dieser Richtung begann die feindliche Propaganda schon vom Jahre 1916 an unbedingte Erfolge zu
zeitigen.
Ebenso übten die Jammerbriefe direkt aus der Heimat längst ihre Wirkung aus. Es war nun gar nicht
mehr notwendig, daß der Gegner sie noch besonders durch Flugblätter usw. der Front übermittelte. Auch
dagegen geschah, außer einigen psychologisch blitzdummen "Ermahnungen" von "Regierungsseite",
nichts. Die Front wurde nach wie vor mit diesem Gift überschwemmt, das gedankenlose Weiber zu
Hause zusammenfabrizierten, ohne natürlich zu ahnen, daß dies das Mittel war, dem Gegner die
Siegeszuversicht auf das äußerste zu stärken, also mithin die Leiden ihrer Angehörigen an der
Kampffront zu verlängern und zu verschärfen. Die sinnlosen Briefe deutscher Frauen kosteten in der
Folgezeit Hunderttausenden von Männern das Leben.
So zeigten sich im Jahre 1916 bereits verschiedene bedenkliche Erscheinungen. Die Front schimpfte und
"masselte", war schon in vielen Dingen unzufrieden und manchmal auch mit Recht empört. Während sie
hungerte und duldete, die Angehörigen zu Hause im Elend saßen, gab es an anderer Stelle Überfluß und
Prasserei. Ja, sogar an der Kampffront selber war in dieser Richtung nicht alles in Ordnung.
So kriselte es schon damals ganz leicht — allein, dies waren noch immer "interne" Angelegenheiten.
Der gleiche Mann, der erst geschimpft und geknurrt hatte, tat wenige Minuten später schweigend seine
Pflicht, als ob es selbstverständlich gewesen wäre. Dieselbe Kompanie, die erst unzufrieden war,
klammerte sich an das Stück Graben, das
[209 Verwundet]
sie zu schützen hatte, wie wenn Deutschlands Schicksal von diesen hundert Metern Schlammlöchern
abhängig gewesen wäre. Es war noch die Front der alten, herrlichen Heldenarmee!Den Unterschied
zwischen ihr und der Heimat sollte ich in grellem Wechsel kennenlernen.
Ende September 1916 rückte meine Division in die Sommeschlacht ab. Sie war für uns die erste der nun
folgenden ungeheuren Materialschlachten und der Eindruck denn auch ein nur schwer zu beschreibender
— mehr Hölle als Krieg.
In wochenlangem Wirbelsturm des Trommelfeuers hielt die deutsche Front stand, manchmal etwas
zurückgedrängt, dann wieder vorstoßend, niemals aber weichend.
Am 7. Oktober 1916 wurde ich verwundet.
Ich kam glücklich nach rückwärts und sollte mit einem Transport nach Deutschland.
Es waren nun zwei Jahre verflossen, seit ich die Heimat nicht mehr gesehen hatte, eine unter solchen
Verhältnissen fast endlose Zeit. Ich konnte mir kaum mehr vorstellen, wie Deutsche aussehen, die nicht
in Uniform stecken. Als ich in Hermies im Verwundeten-Sammellazarett lag, zuckte ich fast wie im
Schreck zusammen, als plötzlich die Stimme einer deutschen Frau als Krankenschwester einen neben
mir Liegenden ansprach.
Nach zwei Jahren zum erstenmal ein solcher Laut!Je näher dann aber der Zug, der uns in die Heimat
bringen sollte, der Grenze kam, um so unruhiger wurde es nun im Innern eines jeden. Alle die Orte
zogen vorüber, durch die wir zwei Jahre vordem als junge Soldaten gefahren waren: Brüssel, Löwen,
Lüttich, und endlich glaubten wir das erste deutsche Haus am hohen Giebel und seinen schönen Läden
zu erkennen.
Das Vaterland!Im Oktober 1914 brannten wir vor stürmischer Begeisterung, als wir die Grenze
überfuhren, nun Herrschte Stille und Ergriffenheit. Jeder war glücklich, daß ihn das Schicksal noch
einmal schauen ließ, was er mit seinem Leben so
[210 Das Rühmen der eigenen Feigheit]
schwer zu schützen hatte; und jeder schämte sich fast, den andren in sein Auge sehen zu lassen.
Fast am Jahrestage meines Ausmarsches kam ich in das Lazarett zu Beelitz; bei Berlin.
Welcher Wandel! Vom Schlamm der Sommeschlacht in die weißen Betten dieses Wunderbaues! Man
wagte ja anfangs nicht, sich richtig hineinzulegen. Erst langsam vermochte man sich an diese neue Welt
wieder zu gewöhnen.
Leider aber war diese Welt auch in anderer Hinsicht neu.
Der Geist des Heeres an der Front schien hier schon kein Gast mehr zu sein. Etwas, das an der Front
noch unbekannt war, hörte ich hier zum ersten Male: das Rühmen der eigenen Feigheit. Denn was man
auch draußen schimpfen und "masseln" hören konnte, so war dies doch nie eine Aufforderung zur
Pflichtverletzung oder gar eine Verherrlichung des Angsthasen. Nein! Der Feigling galt noch immer als
Feigling, und sonst eben als weiter nichts; und die Verachtung, die ihn traf, war noch immer allgemein,
genau so wie die Bewunderung, die man dem wirklichen Helden zollte. Hier aber im Lazarett war es
schon zum Teil fast umgekehrt: Die gesinnungslosesten Hetzer führten das große Wort und versuchten
mit allen Mitteln ihrer jämmerlichen Beredsamkeit, die Begriffe des anständigen Soldaten als lächerlich
und die Charakterlosigkeit des Feiglings als vorbildlich hinzustellen. Ein paar elende Burschen vor
allem gaben den Ton an. Der eine davon rühmte sich, die Hand selber durch das Drahtverhau gezogen
zu haben, um so in das Lazarett zu kommen; er schien nun trotz dieser lächerlichen Verletzung schon
endlose Zeit hier zu sein, wie er denn ja überhaupt nur durch einen Schwindel in den Transport nach
Deutschland kam. Dieser giftige Kerl aber brachte es schon so weit, die eigene Feigheit mit frecher
Stirne als den Ausfluß höherer Tapferkeit als den Heldentod des ehrlichen Soldaten hinzustellen. Viele
hörten schweigend zu, andere gingen, einige aber stimmten auch bei.
Mir kroch der Ekel zum Halse herauf, allein der Hetzer wurde ruhig in der Anstalt geduldet. Was sollte
man,

[211 Die Drückebergerei]
machen? Wer und was er war, mußte man bei der Leitung genau wissen und wußte es auch. Dennoch
geschah nichts.
Als ich wieder richtig gehen konnte, erhielt ich Erlaubnis, nach Berlin fahren zu dürfen.
Die Not war ersichtlich überall sehr herbe. Die Millionenstadt litt Hunger. Die Unzufriedenheit war
groß. In verschiedenen, von Soldaten besuchten Heimen war der Ton ähnlich dem des Lazaretts. Es
machte ganz den Eindruck, als ob mit Absicht diese Burschen gerade solche Stellen aufsuchen würden,
um ihre Anschauungen weiterzuverbreiten.
Noch viel, viel ärger waren jedoch die Verhältnisse in München selber!Als ich nach Ausheilung aus dem
Lazarett entlassen und dem Ersatzbataillon überwiesen wurde, glaubte ich, die Stadt nicht mehr
wiederzuerkennen. Ärger, Mißmut und Geschimpfe, wohin man nur kam! Beim Ersatzbataillon selber
war die Stimmung unter jeder Kritik. Hier wirkte noch mit die unendlich ungeschickte Art der
Behandlung der Feldsoldaten von seiten alter Instruktionsoffiziere, die noch keine Stunde im Felde
waren und schon aus diesem Grunde nur zu einem Teil ein anständiges Verhältnis zu den alten Soldaten
herzustellen vermochten. Diese besaßen nun einmal gewisse Eigenheiten, die aus dem Dienst an der
Front erklärlich waren, den Leitern dieser Ersatztruppenteile indessen gänzlich unverständlich blieben,
während sie der ebenfalls von der Front gekommene Offizier sich wenigstens zu erklären wußte.
Letzterer selbst war von den Mannschaften natürlich auch ganz anders geachtet als der
Etappenkommandeur. Aber von dem ganz abgesehen, war die allgemeine Stimmung miserabel; die
Drückebergerei galt schon fast als Zeichen höherer Klugheit, das treue Ausharren aber als Merkmal
innerer Schwäche und Borniertheit. Die Kanzleien waren mit Juden besetzt. Fast jeder Schreiber ein
Jude und jeder Jude ein Schreiber. Ich staunte über die Fülle von Kämpfern des auserwählten Volkes
und konnte nicht anders, als sie mit den spärlichen Vertretern an der Front zu vergleichen.
Noch schlimmer lagen die Dinge bei der Wirtschaft. Hier
[212 Die Preußenhetze]
war das jüdische Volk tatsächlich "unabkömmlich" geworden. Die Spinne begann, dem Volke langsam
das Blut aus den Poren zu saugen. Auf dem Umwege über die Kriegsgesellschaften hatte man das
Instrument gefunden, um der nationalen und freien Wirtschaft nach und nach den Garaus zu machen.
Es wurde die Notwendigkeit einer schrankenlosen Zentralisation betont.
So befand sich tatsächlich schon im Jahre 1916/17 fast die gesamte Produktion unter der Kontrolle des
Finanzjudentums.
Gegen wen aber richtete sich nun der Haß des Volkes?In dieser Zeit sah ich mit Entsetzen ein
Verhängnis herannahen, das, nicht zur richtigen Stunde noch abgewendet, zum Zusammenbruch führen
mußte.
Während der Jude die gesamte Nation bestahl und unter seine Herrschaft preßte, hetzte man gegen die
"Preußen". Genau wie an der Front geschah auch zu Hause von oben gegen diese Giftpropaganda nichts.
Man schien gar nicht zu ahnen, daß der Zusammenbruch Preußens noch lange keinen Aufschwung
Bayerns mit sich bringe, ja, daß im Gegenteil jeder Sturz des einen den anderen rettungslos mit sich in
den Abgrund reißen mußte.
Mir tat dies Gebaren unendlich leid. Ich konnte in ihm nur den genialsten Trick des Juden sehen, der die
allgemeine Aufmerksamkeit von sich ab- und auf andere hinlenken sollte. Während Bayer und Preuße
stritten, [siehe das Tapfere Schneiderlein], zog er beiden die Existenz unter der Nase fort; während man
in Bayern gegen den Preußen schimpfte, organisierte der Jude die Revolution und zerschlug Preußen
und Bayern zugleich.
Ich konnte diesen verfluchten Hader unter den deutschen Stämmen nicht leiden und war froh, wieder an
die Front zu kommen, zu der ich mich sofort nach meiner Ankunft in München von neuem meldete.
Anfang März 1917 war ich denn auch wieder bei meinem Regiment.
×
[213 Neues Hoffen des Heeres]
Gegen Ende des Jahres 1917 schien der Tiefpunkt der Niedergeschlagenheit des Heeres überwunden zu
sein. Die ganze Armee schöpfte nach dem russischen Zusammenbruch wieder frische Hoffnung und
frischen Mut. Die Überzeugung, daß der Kampf nun dennoch mit einem Siege Deutschlands enden
würde, begann die Truppe immer mehr zu erfassen. Man konnte wieder singen hören, und die
Unglücksraben wurden seltener. Man glaubte wieder an die Zukunft des Vaterlandes.
Besonders der italienische Zusammenbruch des Herbstes 1917 hatte die wundervollste Wirkung
ausgeübt; sah man doch in diesem Siege den Beweis für die Möglichkeit, auch abseits des russischen
Kriegsschauplatzes die Front durchbrechen zu können. Ein herrlicher Glaube stürmte nun wieder in die
Herzen der Millionen und ließ sie mit aufatmender Zuversicht dem Frühjahr 1918 entgegenharren. Der
Gegner aber war ersichtlich deprimiert. In diesem Winter blieb es etwas ruhiger als sonst. Es trat die
Ruhe vor dem Sturm ein.
Doch während gerade die Front die letzten Vorbereitungen zur endlichen Beendigung des ewigen
Kampfes vornahm, endlose Transporte an Menschen und Material an die Westfront rollten und die
Truppe die Ausbildung zum großen Angriff erhielt, brach in Deutschland das größte Gaunerstück des
ganzen Krieges aus.
Deutschland sollte nicht siegen: in letzter Stunde, da der Sieg sich schon an die deutschen Fahnen zu
heften drohte, griff man zu einem Mittel, das geeignet erschien, mit einem Schlage den deutschen
Angriff des Frühjahrs im Keime zu ersticken, den Sieg unmöglich zu machen:Man organisierte den
Munitionsstreik.
Wenn er gelang, mußte die deutsche Front zusammenbrechen und der Wunsch des "Vorwärts", daß der
Sieg sich dieses Mal nicht mehr an die deutschen Fahnen heften möge, in Erfüllung gehen. Die Front
mußte unter dem Mangel an Munition in wenigen Wochen durchstoßen sein; die Offensive war damit
verhindert, die Entente gerettet; das internationale Kapital aber zum Herrn Deutschlands
[214 Rußlands Zusammenbruch]
gemacht, das innere Ziel des marxistischen Völkerbetruges erreicht.
Zerbrechen der nationalen Wirtschaft zur Aufrichtung der Herrschaft des internationalen Kapitals — ein
Ziel, das dank der Dummheit und Gutgläubigkeit der einen Seite und der bodenlosen Feigheit der
anderen ja auch erreicht ist.
Allerdings hatte der Munitionsstreik in bezug auf die Aushungerung der Front an Waffen nicht den
letzten gehofften Erfolg: er brach zu frühzeitig zusammen, als daß der Munitionsmangel als solcher —
so wie der Plan vorhanden war — das Heer zum Untergange verdammt hätte. Allein um wieviel
entsetzlicher war der moralische Schaden, der angerichtet war!Erstens: Für was kämpfte das Heer noch,
wenn die Heimat selber den Sieg gar nicht wollte? Für wen die ungeheuren Opfer und Entbehrungen?
Der Soldat soll für den Sieg fechten, und die Heimat streikt dagegen?Zweitens aber: Wie war die
Wirkung auf den Feind?Im Winter 1917/18 stiegen zum ersten Male trübe Wolken am Firmament der
alliierten Welt auf. Fast vier Jahre lang war man gegen den deutschen Recken angerannt und konnte ihn
nicht zum Sturz bringen; dabei war es aber nur der Schildarm, den dieser frei zur Abwehr hatte, während
das Schwert bald im Osten, bald im Süden zum Hiebe ausholen mußte. Nun endlich war der Riese im
Rücken frei. Ströme von Blut waren geflossen, bis es ihm gelang, den einen der Gegner endgültig
niederzuschlagen. Jetzt sollte im Westen zum Schild das Schwert kommen, und wenn es dem Feinde
bisher nicht glückte, die Abwehr zu brechen, nun sollte der Angriff ihn selber treffen.
Man fürchtete ihn und bangte um den Sieg.
In London und Paris jagte eine Beratung die andere. Selbst die feindliche Propaganda tat sich schon
schwer; es war nicht mehr so leicht, die Aussichtslosigkeit des deutschen Sieges nachzuweisen.
Das gleiche jedoch galt an den Fronten, an denen dösiges Schweigen Herrschte, auch für die alliierten
Truppen
[215 Niedergeschlagenheit der Alliierten]
selber. Den Herrschaften war die Frechheit plötzlich vergangen. Auch ihnen begann langsam ein
unheimliches Licht aufzugehen. Ihre innere Stellung zum deutschen Soldaten hatte sich jetzt geändert.
Bisher mochte er ihnen als ein ja doch zur Niederlage bestimmter Narr gelten; nun aber stand vor ihnen
der Vernichter des russischen Verbündeten. Die aus der Not geborene Beschränkung der deutschen
Offensiven auf den Osten erschien nunmehr als geniale Taktik. Drei Jahre waren diese Deutschen gegen
Rußland angerannt, anfangs scheinbar ohne auch nur den geringsten Erfolg. Man lachte fast über dieses
zwecklose Beginnen; denn endlich mußte ja doch der russische Riese in der Überzahl seiner Menschen
Sieger bleiben, Deutschland aber an Verblutung niederbrechen. Die Wirklichkeit schien dieses Hoffen
zu bestätigen.
Seit den Septembertagen 1914, da sich zum ersten Male die endlosen Haufen russischer Gefangener aus
der Schlacht von Tannenberg auf Straßen und Bahnen nach Deutschland zu wälzen begannen, nahm
dieser Strom kaum mehr ein Ende — allein für jede geschlagene und vernichtete Armee stand eine neue
auf. Unerschöpflich gab das Riesenreich dem Zaren [Nikolaus II.] immer neue Soldaten und dem Kriege
seine neuen Opfer. Wie lange konnte Deutschland dieses Rennen mitmachen? Mußte nicht einmal der
Tag kommen, an dem nach einem letzten deutschen Siege immer noch nicht die letzten russischen
Armeen zur allerletzten Schlacht antreten würden? Und was dann? Nach menschlichem Ermessen
konnte der Sieg Rußlands wohl hinausgeschoben werden, aber er mußte kommen.
Jetzt waren alle diese Hoffnungen zu Ende: der Verbündete, der die größten Blutopfer auf dem Altar der
gemeinsamen Interessen niedergelegt hatte, war am Ende seiner Kraft und lag vor dem unerbittlichen
Angreifer auf dem Boden. Furcht und Grauen schlichen in die Herzen der bisher blindgläubigen
Soldaten ein. Man fürchtete das kommende Frühjahr. Denn wenn es bisher nicht gelang, den Deutschen
zu besiegen, da er nur zum Teil sich auf der Westfront zu stellen vermochte, wie sollte man jetzt noch
[216 "Deutschland vor der Revolution!"]
mit dem Siege rechnen, da die gesamte Kraft des unheimlichen Heldenstaates sich zum Angriff gegen
den Westen zusammenzuballen schien?Die Schatten der Südtiroler Berge legten sich beklemmend auf
die Phantasie; bis in die flandrischen Nebel gaukelten die geschlagenen Heere Cadornas trübe Gesichte
vor, und der Glaube an den Sieg wich der Furcht vor der kommenden Niederlage.
Da — als man aus den kühlen Nächten schon das gleichmäßige Rollen der anrückenden Sturmarmeen
des deutschen Heeres zu vernehmen glaubte und in banger Sorge dem kommenden Gericht
entgegenstarrte, da zuckte plötzlich ein grellrotes Licht aus Deutschland auf und warf den Schein bis in
die letzten Granattrichter der feindlichen Front: im Augenblick, da die deutschen Divisionen den letzten
Unterricht zum großen Angriff erhielten, brach in Deutschland der Generalstreik aus.
Zunächst war die Welt sprachlos. Dann über stürzte sich die feindliche Propaganda erlöst aufatmend auf
diese Hilfe in zwölfter Stunde. Mit einem Schlage war das Mittel gefunden, die sinkende Zuversicht der
alliierten Soldaten wieder zu heben, die Wahrscheinlichkeit des Sieges aufs neue als sicher hinstellen zu
lassen und die bange Sorge vor den kommenden Ereignissen in entschlossene Zuversicht umzuwandeln.
Nun durfte man den des deutschen Angriffs harrenden Regimentern die Überzeugung in die größte
Schlacht aller Zeiten mitgeben, daß nicht der Verwegenheit des deutschen Sturmes die Entscheidung
über das Ende dieses Krieges zukomme, sondern der Ausdauer seiner Abwehr. Mochten die Deutschen
nun Siege erringen, soviel sie noch wollten, in ihrer Heimat stand die Revolution vor dem Einzug und
nicht die siegreiche Armee.
Diesen Glauben begannen englische, französische und amerikanische Zeitungen in die Herzen ihrer
Leser zu pflanzen, während eine unendlich geschickte Propaganda die Truppen der Front emporriß.
Deutschland vor der Revolution! Der Sieg der Alliierten unaufhaltbar!" Dies war die beste Medizin, um
dem schwan-
[217 Die Folgen des Munitionestreiks]
kenden Poilu und Tommy auf die Beine zu helfen. Nun konnten Gewehre und Maschinengewehre noch
einmal zum Feuer gebracht werden, und an Stelle einer in panischem Schrecken davonjagenden Flucht
trat hoffnungsvoller Widerstand.
Dieses war das Ergebnis des Munitionsstreiks. Er stärkte den Siegesglauben der feindlichen Völker und
behob die lahmende Verzweiflung der alliierten Front — in der Folge hatten Tausende von deutschen
Soldaten dies mit ihrem Blute zu bezahlen. Die Urheber dieses niederträchtigsten Schurkenstreiches
aber waren die Anwärter auf die höchsten Staatsstellen des Deutschlands der Revolution.
Wohl konnte auf deutscher Seite zunächst die sichtbare Rückwirkung dieser Tat scheinbar überwunden
werden, auf der Seite des Gegners jedoch blieben die Folgen nicht aus. Der Widerstand hatte die
Ziellosigkeit einer alles verlorengehenden Armee verloren, und an seine Stelle trat die Erbitterung eines
Kampfes um den Sieg.
Denn, der Sieg mußte nun nach menschlichem Ermessen kommen, wenn die Westfront dem deutschen
Angriff auch nur wenige Monate standhielt. In den Parlamenten der Entente aber erkannte man die
Möglichkeit der Zukunft und bewilligte unerhörte Mittel zur Fortführung der Propaganda zur Zersetzung
Deutschlands.
×
Ich hatte das Glück, die beiden ersten und die letzte Offensive mitmachen zu können.
Es sind dies die ungeheuersten Eindrücke meines Lebens geworden; ungeheuer deshalb, weil nun zum
letzten Male ähnlich wie im Jahre 1914 der Kampf den Charakter der Abwehr verlor und den des
Angriffs übernahm. Ein Aufatmen ging durch die Gräben und Stollen des deutschen Heeres, als endlich
nach mehr als dreijährigem Ausharren in der feindlichen Hölle der Tag der Vergeltung kam. Noch
einmal jauchzten die siegreichen Bataillone, und die letzten Kränze unsterblichen Lorbeers hingen sie an
die siegumwitterten Fahnen. Noch einmal brausten die Lieder des Vater-
[218 Letzte Kränze unsterblichen Lorbeers]
landes die endlosen Marschkolonnen entlang zum Himmel empor, und zum letzten Male lächelte die
Gnade des Herrn seinen undankbaren Kindern.

×
Im Hochsommer des Jahres 1918 lag dumpfe Schwüle über der Front. Die Heimat stritt sich. Um was?
Man erzählte sich vieles in den einzelnen Truppenteilen des Feldheeres. Der Krieg wäre nun
aussichtslos, und nur Narren könnten noch an den Sieg glauben. Das Volk besäße kein Interesse mehr
am weiteren Aushalten, sondern nur noch das Kapital und die Monarchie — dies kam aus der Heimat
und wurde auch an der Front besprochen.
Sie reagierte zunächst nur sehr wenig darauf. Was ging uns das allgemeine Wahlrecht an? Hatten wir
etwa deswegen vier Jahre lang gekämpft? Es war ein niederträchtiger Banditenstreich, auf solche Weise
den toten Helden das Kriegsziel im Grabe noch zu stehlen. Nicht mit dem Rufe "Es lebe das allgemeine
und geheime Wahlrecht" waren die jungen Regimenter einst in Flandern in den Tod gegangen, sondern
mit dem Schrei "Deutschland über alles in der Welt". Ein kleiner, aber doch nicht ganz unbedeutender
Unterschied. Die aber nach dem Wahlrecht riefen, waren zum größten Teil nicht dort gewesen, wo sie
dieses nun erkämpfen wollten. Die Front kannte das ganze politische Parteipack nicht. Man sah die
Herren Parlamentarier nur zu einem Bruchteil dort, wo die anständigen Deutschen. wenn sie nur gerade
Glieder besaßen, sich damals aufhielten.
So war denn die Front in ihren alten Beständen für dieses neue Kriegsziel der Herren Ebert,
Scheidemann, Barth, Liebknecht usw. nur sehr wenig empfänglich. Man verstand gar nicht, warum auf
einmal Drückeberger das Recht besitzen konnten, über das Heer hinweg sich die Herrschaft im Staate
anzumaßen.
Meine persönliche Einstellung war von Anfang an fest: Ich haßte das ganze Pack dieser elenden,
volksbetrügerischen Parteilumpen auf das äußerste. Ich war mir längst
[219 Die Zunahme der Zersetzungserscheinungen]
darüber im klaren, daß es sich bei diesem Gelichter wahrlich nicht um das Wohl der Nation handelte,
sondern um die Füllung leerer Taschen. Und daß sie jetzt selbst bereitwaren, dafür das ganze Volk zu
opfern und wenn nötig Deutschland zugrunde gehen zu lassen, machte sie in meinen Augen reif für den
Strick. Auf ihre Wünsche Rücksicht nehmen, hieß die Interessen des arbeitenden Volkes zugunsten
einer Anzahl von Taschendieben opfern, sie aber erfüllen konnte man nur dann, wenn man bereit war,
Deutschland aufzugeben.
So aber dachten noch immer die weitaus meisten des kämpfenden Heeres. Nur der aus der Heimat
kommende Nachschub wurde rapid schlechter und schlechter, so daß sein Kommen keine Verstärkung,
sondern eine Schwächung der Kampfkraft bedeutete. Besonders der junge Nachschub war zum größten
Teil wertlos. Es war oft nur schwer zu glauben, daß dies Söhne desselben Volkes sein sollten, das einst
seine Jugend zum Kampf um Ypern ausgeschickt hatte.
Im August und September nahmen die Zersetzungserscheinungen immer schneller zu, trotzdem die
feindliche Angriffswirkung mit dem Schrecken unserer Abwehrschlachten von einst nicht zu
vergleichen war. Sommeschlacht und Flandern lagen demgegenüber grauenerregend in der
Vergangenheit.
Ende September kam meine Division zum drittenmal an die Stellen, die wir einst als junge
Kriegsfreiwilligen-Regimenter gestürmt hatten.
Welch eine Erinnerung!Im Oktober und November 1914 hatten wir dort die Feuertaufe erhalten.
Vaterlandsliebe im Herzen und Lieder auf den Lippen war unser junges Regiment in die Schlacht
gegangen wie in den Tanz. Teuerstes Blut gab sich da freudig hin im Glauben, dem Vaterland so seine
Unabhängigkeit und Freiheit zu bewahren.
Im Juli 1917 betraten wir zum zweiten Male den für uns alle geheiligten Boden. Schlummerten doch in
ihm die besten Kameraden, Kinder noch fast, die einst mit strah-
[220 Der jüngere Nachschub versagt]
lenden Augen für das einzige teure Vaterland in den Tod hineingelaufen waren.
Wir Alten, die mit dem Regiment einst ausgezogen, standen in ehrfürchtiger Ergriffenheit an dieser
Schwurstätte von "Treue und Gehorsam bis in den Tod".
Diesen Boden, den das Regiment drei Jahre vorher gestürmt, sollte es nun in schwerer Abwehrschlacht
verteidigen.
In dreiwöchigem Trommelfeuer bereitete der Engländer die große Flandernoffensive vor. Da schienen
die Geister der Verstorbenen lebendig zu werden; das Regiment krallte sich in den schmutzigen
Schlamm und biß sich hinein in die einzelnen Löcher und Krater und wich nicht und wankte nicht und
wurde so wie schon einmal an dieser Stelle immer kleiner und dünner, bis der Angriff des Engländers
am 31. Juli 1917 endlich losbrach.
In den ersten Augusttagen wurden wir abgelöst.
Aus dem Regiment waren einige Kompanien geworden: die schwankten schlammüberkrustet zurück,
mehr Gespenstern als Menschen ähnlich. Allein außer einigen hundert Meter Granatlöchern hatte der
Engländer sich nur den Tod geholt.
Nun, im Herbste des Jahres 1918, standen wir zum drittenmal auf dem Sturmboden von 1914. Unser
einstiges Ruhestädtchen Comines war jetzt zum Kampffeld geworden. Freilich, wenn auch das
Kampfgelände das gleiche war, die Menschen hatten sich geändert; es wurde nunmehr in der Truppe
auch "politisiert". Das Gift der Heimat begann, wie überall, so auch hier wirksam zu werden. Der
jüngere Nachschub aber versagte vollständig — er kam von zu Hause.
In der Nacht vom 13. zum 14. Oktober ging das englische Gasschießen auf der Südfront vor Ypern los;
man verwendete dabei Gelbkreuz, das uns in der Wirkung noch unbekannt war, soweit es sich um die
Erprobung am eigenen Leibe handelte. Ich sollte es noch in dieser Nacht selbst kennenlernen. Auf einem
Hügel südlich von Wervick waren wir noch am Abend des 13. Oktober in ein mehrstündiges
Trommelfeuer von Gasgranaten gekommen, das sich dann die ganze Nacht hindurch in mehr oder
minder heftiger
[221 Vergiftet durch Gelbkreuzgas]
Weise fortsetzte. Schon gegen Mitternacht schied ein Teil von uns aus, darunter einige Kameraden
gleich für immer. Gegen Morgen erfaßte auch mich der Schmerz von Viertelstunde zu Viertelstunde
ärger, und um sieben Uhr früh stolperte und schwankte ich mit brennenden Augen zurück, meine letzte
Meldung im Kriege noch mitnehmend.
Schon einige Stunden später waren die Augen in glühende Kohlen verwandelt, es war finster um mich
geworden.
So kam ich in das Lazarett Pasewalk in Pommern, und dort mußte ich — die Revolution erleben!
×
Es lag etwas Unbestimmtes, aber Widerliches schon lange in der Luft. Man erzählte sich, daß es in den
nächsten Wochen "los"gehe — ich vermochte mir nur nicht vorzustellen, was darunter zu verstehen sei.
Ich dachte in erster Linie an einen Streik, ähnlich dem des Frühjahrs. Ungünstige Gerüchte kamen
dauernd aus der Marine, in der es gären sollte. Allein auch dieses schien mir mehr die Ausgeburt der
Phantasie einzelner Burschen als Angelegenheit größerer Massen zu sein. Im Lazarett selbst redete wohl
jeder von der hoffentlich doch bald herbeieilenden Beendigung des Krieges, allein auf ein "sofort"
rechnete niemand. Zeitungen konnte ich nicht lesen.
Im November nahm die allgemeine Spannung zu.
Und dann brach eines Tages plötzlich und unvermittelt das Unglück herein. Matrosen kamen auf
Lastkraftwagen und riefen zur Revolution auf, ein paar Judenjungen waren die "Führer" in diesem
Kampf um die "Freiheit, Schönheit und Würde" unseres Volksdaseins. Keiner von ihnen war an der
Front gewesen. Auf dem Umweg eines sogenannten "Tripperlazaretts" waren die drei Orientalen aus der
Etappe der Heimat zurückgegeben worden. Nun zogen sie in ihr den roten Fetzen auf.
Mir war es in der letzten Zeit etwas besser ergangen. Der bohrende Schmerz in den Augenhöhlen ließ
nach; es gelang mir langsam, meine Umgebung in großen Umrissen
[222 "Republik"]
wieder unterscheiden zu lernen. Ich durfte Hoffnung hegen, wenigstens so weit wieder sehend zu
werden, um später irgendeinem Berufe nachgehen zu können. Freilich, daß ich jemals wieder würde
zeichnen können, durfte ich nicht mehr hoffen. So befand ich mich immerhin auf dem Wege der
Besserung, als das Ungeheuerliche geschah.
Meine erste Hoffnung war noch immer, daß es sich bei dem Landesverrat nur um eine mehr oder minder
örtliche Sache handeln konnte. Ich versuchte auch einige Kameraden in dieser Richtung zu bestärken.
Besonders meine bayerischen Lazarettgenossen waren dem mehr als zugänglich. Die Stimmung war da
alles andere eher als "revolutionär". Ich konnte mir nicht vorstellen, daß auch in München der Wahnsinn
ausbrechen würde. Die Treue zum ehrwürdigen Hause Wittelsbach schien mir denn doch fester zu sein
als der Wille einiger Juden. So konnte ich nicht anders als glauben, daß es sich um einen Putsch der
Marine handle, der in den nächsten Tagen niedergeschlagen werden würde.
Die nächsten Tage kamen und mit ihnen die entsetzlichste Gewißheit meines Lebens. Immer drückender
wurden nun die Gerüchte. Was ich für eine lokale Sache gehalten hatte, sollte eine allgemeine
Revolution sein. Dazu kamen die schmachvollen Nachrichten von der Front. Man wollte kapitulieren.
Ja, war so etwas überhaupt auch nur möglich?Am 10. November kam der Pastor in das Lazarett zu einer
kleinen Ansprache; nun erfuhren wir alles.
Ich war, auf das äußerste erregt, auch bei der kurzen Rede anwesend. Der alte, würdige Herr schien sehr
zu zittern, als er uns mitteilte, daß das Haus Hohenzollern nun die deutsche Kaiserkrone nicht mehr
tragen dürfe, daß das Vaterland "Republik" geworden sei, daß man den Allmächtigen bitten müsse,
diesem Wandel seinen Segen nicht zu versagen und unser Volk in den kommenden Zeiten nicht
verlassen zu wollen. Er konnte dabei wohl nicht anders, er mußte in wenigen Worten des königlichen
Hauses gedenken, wollte dessen Verdienste in Pommern, in Preußen, nein, um das deutsche Vaterland
würdigen, und — da
[223 Umsonst alle Opfer]
begann er leise in sich hineinzuweinen — in dem kleinen Saale aber legte sich tiefste
Niedergeschlagenheit wohl auf alle Herzen, und ich glaube, daß kein Auge die Tränen zurückzuhalten
vermochte. Als aber der alte Herr weiter zu erzählen versuchte und mitzuteilen begann, daß wir den
langen Krieg nun beenden müßten, ja, daß unser Vaterland für die Zukunft, da der Krieg jetzt verloren
wäre und wir uns in die Gnade der Sieger begaben, schweren Bedrückungen ausgesetzt sein würde, daß
der Waffenstillstand im Vertrauen auf die Großmut unserer bisherigen Feinde angenommen werden
sollte — da hielt ich es nicht mehr aus. Mir wurde es unmöglich, noch länger zu bleiben. Während es
mir um die Augen wieder schwarz ward, tastete und taumelte ich zum Schlafsaal zurück, warf mich auf
mein Lager und grub den brennenden Kopf in Decke und Kissen.
Seit dem Tage, da ich am Grabe der Mutter gestanden, hatte ich nicht mehr geweint. Wenn mich in
meiner Jugend das Schicksal unbarmherzig anfaßte, wuchs mein Trotz. Als sich in den langen
Kriegsjahren der Tod so manchen lieben Kameraden und Freund aus unseren Reihen holte, wäre es mir
fast wie eine Sünde erschienen, zu klagen starben sie doch für Deutschland! Und als mich endlich selbst
— noch in den letzten Tagen des fürchterlichen Ringens das schleichende Gas anfiel und sich in die
Augen zu fressen begann und ich unter dem Schrecken, für immer zu erblinden, einen Augenblick
verzagen wollte, da donnerte mich die Stimme des Gewissens an: Elender Jämmerling, du willst wohl
heulen, während es Tausenden hundertmal schlechter geht als dir. Und so trug ich denn stumpf und
stumm mein Los. Nun aber konnte ich nicht mehr anders. Nun sah ich erst, wie sehr alles persönliche
Leid versinkt gegenüber dem Unglück des Vaterlandes.
Es war also alles umsonst gewesen. Umsonst all die Opfer und Entbehrungen, umsonst der Hunger und
Durst von manchmal endlosen Monaten, vergeblich die Stunden, in denen wir, von Todesangst umkrallt,
dennoch unsere Pflicht taten, und vergeblich der Tod von zwei Millionen, die da
[-224 Umsonst alle Opfer]
bei starben. Mußten sich nicht die Gräber all der Hunderttausende öffnen, die im Glauben an das
Vaterland einst hinausgezogen waren, um niemals wiederzukehren? Mußten sie sich nicht öffnen und
die stummen, schlamm- und blutbedeckten Helden als Rachegeister in die Heimat senden, die sie um
das höchste Opfer, das auf dieser Welt der Mann seinem Volke zu bringen vermag, so hohnvoll betrogen
hatte? Waren sie dafür gestorben, die Soldaten des August und September 1914, zogen dafür die
Freiwilligen-Regimenter im Herbst desselben Jahres den alten Kameraden nach? Sanken dafür diese
Knaben von siebzehn Jahren in die flandrische Erde? War dies der Sinn des Opfers, das die deutsche
Mutter dem Vaterland darbrachte, als sie mit wehem Herzen die liebsten Jungen damals ziehen ließ, um
sie niemals wiederzusehen? Geschah dies alles dafür, daß nun ein Haufen elender Verbrecher die Hand
an das Vaterland zu legen vermochte?Hatte also dafür der deutsche Soldat im Sonnenbrand und
Schneesturm hungernd, dürstend und frierend, Maße von schlaflosen Nächten und endlosen Märschen
ausgeharrt? Hatte er dafür in der Hölle des Trommelfeuers und im Fieber des Gaskampfes gelegen, ohne
zu weichen, immer eingedenk der einzigen Pflicht, das Vaterland vor dem Einfall des Feindes zu
bewahren?Wahrlich, auch diese Helden verdienten einen Stein: Wanderer, der du nach Deutschland
kommst, melde der Heimat, daß wir hier liegen, treu dem Vaterland und gehorsam der Pflicht."Und die
Heimat —?Allein — war es nur das einzige Opfer, das wir zu wägen hatten? War das vergangene
Deutschland weniger wert? Gab es nicht auch eine Verpflichtung der eigenen Geschichte gegenüber?
Waren wir noch wert, den Ruhm der Vergangenheit auch auf uns zu beziehen? Wie aber war diese Tat
der Zukunft zur Rechtfertigung zu unterbreiten?Elende und verkommene Verbrecher!Je mehr ich mir in
dieser Stunde über das ungeheure
[225 Beschluß Politiker zu werden]
Ereignis klar zu werden versuchte, um so mehr brannte mir die Scham der Empörung und der Schande
in der Stirn. Was war der ganze Schmerz der Augen gegen diesen Jammer?Was folgte, waren
entsetzliche Tage und noch bösere Nächte — ich wußte, daß alles verloren war. Auf die Gnade des
Feindes zu hoffen, konnten höchstens Narren fertigbringen oder — Lügner und Verbrecher. In diesen
Nächten wuchs mir der Haß, der Haß gegen die Urheber dieser Tat.
In den Tagen darauf wurde mir auch mein Schicksal bewußt. Ich mußte nun lachen bei dem Gedanken
an meine eigene Zukunft, die mir vor kurzer Zeit noch so bittere Sorgen bereitet hatte. War es nicht zum
Lachen, Häuser bauen zu wollen auf solchem Grunde? Endlich wurde mir auch klar, daß doch nur
eingetreten war, was ich so oft schon befürchtete, nur gefühlsmäßig nie zu glauben vermochte.
Kaiser Wilhelm II. hatte als erster deutscher Kaiser den Führern des Marxismus die Hand zur
Versöhnung gereicht, ohne zu ahnen, daß Schurken keine Ehre besitzen. Während sie die kaiserliche
Hand noch in der ihren hielten, suchte die andere schon nach dem Dolche.
Mit dem Juden gibt es kein Paktieren, sondern nur das harte Entweder-Oder.
Ich aber beschloß, Politiker zu werden.
[226]

8. Kapitel:
Beginn meiner politischen Tätigkeit
Noch Ende November 1918 kam ich nach München zurück. Ich fuhr wieder zum Ersatzbataillon meines
Regiments, das sich in der Hand von "Soldatenräten" befand. Der ganze Betrieb war mir so widerlich,
daß ich mich sofort entschloß, wenn möglich wieder fortzugehen. Mit einem treuen Feldzugskameraden,
Schmiedt Ernst, kam ich nach Traunstein und blieb bis zur Auflösung des Lagers dort.
Im März 1919 gingen wir wieder nach München zurück.
Die Lage war unhaltbar und drängte zwangsläufig zu einer weiteren Fortsetzung der Revolution. Der
Tod Eisners beschleunigte nur die Entwicklung und führte endlich zur Rätediktatur, besser ausgedrückt:
zu einer vorübergehenden JudenHerrschaft, wie sie ursprünglich den Urhebern der ganzen Revolution als
Ziel vor Augen schwebte.
In dieser Zeit jagten in meinem Kopfe endlose Pläne einander. Tagelang überlegte ich, was man nur
überhaupt tun könne, allein immer war das Ende jeder Erwägung die nüchterne Feststellung, daß ich als
Namenloser selbst die geringste Voraussetzung zu irgendeinem zweckmäßigen Handeln nicht besaß.
Auf die Gründe, warum ich auch damals mich nicht entschließen konnte, zu einer der bestehenden
Parteien zu gehen, werde ich noch zu sprechen kommen.
Im Laufe der neuen Räterevolution trat ich zum ersten Male so auf, daß ich mir das Mißfallen des
Zentralrates zuzog. Am 27. April 1919 frühmorgens sollte ich verhaftet werden — die drei Burschen
aber besaßen angesichts des vorgehaltenen Karabiners nicht den nötigen Mut und zogen wieder ab, wie
sie gekommen waren.
[227 Erörterung der Bildung einer neuen Partei]
Wenige Tage nach der Befreiung Münchens wurde ich zur Untersuchungskommission über die
Revolutionsvorgänge beim 2. Infanterieregiment kommandiert.
Dies war meine erste mehr oder weniger rein politische aktive Tätigkeit.
Schon wenige Wochen darauf erhielt ich den Befehl, an einem "Kurs" teilzunehmen, der für Angehörige
der Wehrmacht abgehalten wurde. In ihm sollte der Soldat bestimmte Grundlagen zu staatsbürgerlichem
Denken erhalten. Für mich lag der Wert der ganzen Veranstaltung darin, daß ich nun die Möglichkeit
erhielt, einige gleichgesinnte Kameraden kennenzulernen, mit denen ich die augenblickliche Lage
gründlich durchzusprechen vermochte. Wir waren alle mehr oder minder fest überzeugt, daß
Deutschland durch die Parteien des Novemberverbrechens, Zentrum und Sozialdemokratie, nicht mehr
aus dem heranreifenden Zusammenbruche gerettet werden würde, daß aber auch die sogenannten
"bürgerlich-nationalen" Gebilde selbst bei bestem Wollen niemals mehr gutzumachen verständen, was
geschehen. Hier fehlte eine ganze Reihe von Voraussetzungen, ohne die eine solche Arbeit eben nicht
gelingen konnte. Die Folgezeit hat unserer damaligen Ansicht recht gegeben.
So wurde denn in unserem kleinen Kreise die Bildung einer neuen Partei erörtert. Die Grundgedanken,
die uns dabei vorschwebten, waren dieselben, die dann später in der "Deutschen Arbeiterpartei" zur
Verwirklichung kamen. Der Name der neuzugründenden Bewegung mußte von Anfang an die
Möglichkeit bieten, an die breite Masse heranzukommen; denn ohne diese Eigenschaft schien die ganze
Arbeit zwecklos und überflüssig. So kamen wir auf den Namen "Sozialrevolutionäre Partei"; dies
deshalb, weil ja die sozialen Anschauungen der neuen Gründung tatsächlich eine Revolution bedeuteten.
Der tiefere Grund hierzu lag aber in folgendem:Wie sehr ich mich auch schon früher mit
wirtschaftlichen Problemen beschäftigt hatte, so war es doch mehr oder weniger immer in den Grenzen
geblieben, die sich aus der
[228 Die beiden Kapitalsarten]
Betrachtung der sozialen Fragen an sich ergaben. Erst später erweiterte sich dieser Rahmen infolge der
Prüfung der deutschen Bündnispolitik. Sie war ja zu einem sehr großen Teil das Ergebnis einer falschen
Einschätzung der Wirtschaft sowohl wie der Unklarheit über die möglichen Grundlagen einer Ernährung
des deutschen Volkes in der Zukunft. Alle diese Gedanken aber fußten noch auf der Meinung, daß das
Kapital in jedem Falle nur das Ergebnis der Arbeit wäre und mithin, wie diese selbst, der Korrektur all
jener Faktoren unterläge, die die menschliche Tätigkeit entweder zu fördern oder zu hemmen vermögen.
Darin läge dann auch die nationale Bedeutung des Kapitals, daß es selber so vollständig von Größe,
Freiheit und Macht des Staates, also der Nation, abhänge, daß diese Gebundenheit allein schon zu einer
Förderung des Staates und der Nation von Seiten dieses Kapitals führen müsse, aus dem einfachen Trieb
der Selbsterhaltung, bzw. der Weitervermehrung heraus. Dieses Angewiesensein des Kapitals auf den
unabhängigen freien Staat zwänge dieses also seinerseits, für diese Freiheit, Macht, Stärke usw. der
Nation einzutreten.
Damit war auch die Aufgabe des Staates dem Kapital gegenüber eine verhältnismäßig einfache und
klare: er hatte nur dafür zu sorgen, daß es Dienerin des Staates bliebe und sich nicht einbilde, Herrin der
Nation zu sein. Diese Stellungnahme konnte sich dann in zwei Grenzlinien halten: Erhaltung einer
lebensfähigen nationalen und unabhängigen Wirtschaft auf der einen Seite, Sicherung der sozialen
Rechte der Arbeitnehmer auf der anderen.
Den Unterschied dieses reinen Kapitals als letztes Ergebnis der schaffenden Arbeit gegenüber einem
Kapital, dessen Existenz und Wesen ausschließlich auf Spekulation beruhen, vermochte ich früher noch
nicht mit der wünschenswerten Klarheit zu erkennen. Es fehlte mir hierzu die erste Anregung, die eben
nicht an mich herankam.
Dieses wurde nun auf das gründlichste besorgt von einem der verschiedenen in dem schon erwähnten
Kurse vortragenden Herren: Gottfried Feder.
[229 Die Aufgabe des Programmatikers]
Zum ersten Male in meinem Leben vernahm ich eine prinzipielle Auseinandersetzung mit dem
internationalen Börsen- und Leihkapital.
Nachdem ich den ersten Vortrag Feders angehört hatte, zuckte mir auch sofort der Gedanke durch den
Kopf, nun den Weg zu einer der wesentlichsten Voraussetzungen zur Gründung einer neuen Partei
gefunden zu haben.
×
Das Verdienst Feders beruhte in meinen Augen darin, mit rücksichtsloser Brutalität den ebenso
spekulativen wie volkswirtschaftlichen Charakter des Börsen- und Leihkapitals festgelegt, reine urewige
Voraussetzung des Zinses aber bloßgelegt zu haben. Seine Ausführungen waren in allen grundsätzlichen
Fragen so richtig, daß die Kritiker derselben von vornherein weniger die theoretische Richtigkeit der
Idee bestritten, als vielmehr die praktische Möglichkeit ihrer Durchführung anzweifelten. Alles, was so
in den Augen anderer eine Schwäche der Federschen Darlegungen war, bildete in den meinen ihre
Stärke.
×
Die Aufgabe des Programmatikers ist nicht, die verschiedenen Grade der Erfüllbarkeit einer Sache
festzustellen, sondern die Sache als solche klarzulegen; das heißt: er hat sich weniger um den Weg als
das Ziel zu kümmern. Hierbei aber entscheidet die prinzipielle Richtigkeit einer Idee und nicht die
Schwierigkeit ihrer Durchführung. Sowie der Programmatiker versucht, an Stelle der absoluten
Wahrheit der sogenannten "Zweckmäßigkeit" und "Wirklichkeit" Rechnung zu tragen, wird seine Arbeit
aufhören, ein Polarstern der suchenden Menschheit zu sein, um statt dessen zu einem Rezept des Alltags
zu werden. Der Programmatiker einer Bewegung hat das Ziel derselben festzulegen, der Politiker seine
Erfüllung anzustreben. Der eine wird demgemäß in seinem Denken von der ewigen Wahrheit bestimmt,
der anders in seinem Handeln mehr von der jeweiligen praktischen Wirklichkeit. Die Größe des einen
[230 Programmatiker und Politiker]
liegt in der absoluten abstrakten Richtigkeit seiner Idee, die des anderen in der richtigen Einstellung zu
den gegebenen Tatsachen und einer nützlichen Verwendung derselben, wobei ihm als Leitstern das Ziel
des Programmatikers zu dienen hat. Während man als Prüfstein für die Bedeutung eines Politikers den
Erfolg seiner Pläne und Taten ansehen darf, das heißt also das Zur-Wirklichkeit-Werden derselben, kann
die Verwirklichung der letzten Absicht des Programmatikers nie erfolgen, da wohl der menschliche
Gedanke Wahrheit zu erfassen, kristallklare Ziele aufzustellen vermag, allein die restlose Erfüllung
derselben an der allgemein menschlichen Unvollständigkeit und Unzulänglichkeit scheitern wird. Je
abstrakt richtiger und damit gewaltiger die Idee sein wird, um so unmöglicher bleibt deren vollständige
Erfüllung, solange sie nun einmal von Menschen abhängt. Daher darf auch die Bedeutung des
Programmatikers nicht an der Erfüllung seiner Ziele gemessen werden, sondern an der Richtigkeit
derselben und dem Einfluß, den sie auf die Entwicklung der Menschheit genommen haben. Wäre es
anders, dürften nicht die Begründer von Religionen zu den größten Menschen auf dieser Erde gerechnet
werden, da ja die Erfüllung ihrer ethischen Absichten niemals eine auch nur annähernd vollständige sein
wird. Selbst die Religion der Liebe ist in ihrem Wirken nur ein schwacher Abglanz des Wollens ihres
erhabenen Begründers; allein ihre Bedeutung liegt in der Richtung, die sie einer allgemeinen
menschlichen Kultur-, Sittlichkeits- und Moralentwicklung zu geben versuchte.
Die überaus große Verschiedenheit der Aufgaben des Programmatikers und des Politikers ist auch die
Ursache, warum fast nie eine Vereinigung von beiden in einer Person zu finden ist. Es gilt dies
besonders vom sogenannten "erfolgreichen" Politiker kleinen Formats, dessen Tätigkeit zumeist
wirklich nur eine "Kunst des Möglichen" ist, wie Bismarck die Politik überhaupt etwas bescheiden
bezeichnete. Je freier ein solcher "Politiker" sich von großen Ideen hält, um so leichter und häufig auch
sichtbarer, immer jedoch schneller werden seine Erfolge sein. Freilich, sie sind
[231 Programmatiker und Politiker]
damit auch der irdischen Vergänglichkeit geweiht und überleben manchmal nicht den Tod ihrer Väter.
Das Werk solcher Politiker ist im großen und ganzen für die Nachwelt bedeutungslos, da ihre Erfolge in
der Gegenwart ja nur auf dem Fernhalten aller wirklich großen und einschneidenden Probleme und
Gedanken beruhen, die als solche auch für die späteren Generationen von Wert gewesen sein würden.
Die Durchführung derartiger Ziele, die noch für die fernsten Zeiten Wert und Bedeutung haben, ist für
den Verfechter derselben meistens wenig lohnend und findet nur selten Verständnis bei der großen
Masse, der Bier und Milcherlasse zunächst besser einleuchten als weitschauende Zukunftsplane, deren
Verwirklichung erst später eintreten kann, deren Nutzen aber überhaupt erst der Nachwelt zugute
kommt.
So wird schon aus einer gewissen Eitelkeit heraus, die immer eine Verwandte der Dummheit ist, die
große Masse der Politiker sich fernhalten von allen wirklich schweren Zukunftsentwürfen, um nicht der
Augenblickssympathie des großen Haufens verlustig zu gehen. Der Erfolg und die Bedeutung eines
solchen Politikers liegen dann ausschließlich in der Gegenwart und sind für die Nachwelt nicht
vorhanden. Die kleinen Köpfe pflegt dies ja auch wenig zu genieren; sie sind damit zufrieden.
Anders liegen die Verhältnisse bei dem Programmatiker. Seine Bedeutung liegt fast immer nur in der
Zukunft, da er ja nicht selten das ist, was man mit dem Worte "weltfremd" bezeichnet. Denn wenn die
Kunst des Politikers wirklich als eine Kunst des Möglichen gilt, dann gehört der Programmatiker zu
jenen, von denen es heißt, daß sie den Göttern nur gefallen, wenn sie Unmögliches verlangen und
wollen. Er wird auf die Anerkennung der Gegenwart fast immer Verzicht zu leisten haben, erntet aber
dafür, falls seine Gedanken unsterblich sind, den Ruhm der Nachwelt.
Innerhalb langer Perioden der Menschheit kann es einmal vorkommen, daß sich der Politiker mit dem
Program-

[232 Die Marathonläufer der Geschichte]
matiker vermählt. Je inniger aber diese Verschmelzung ist, um so größer sind die Widerstände, die sich
dem Wirken des Politikers dann entgegenstemmen. Er arbeitet nicht mehr für Erfordernisse, die jedem
nächstbesten Spießbürger einleuchten, sondern für Ziele, die nur die wenigsten begreifen. Daher ist dann
sein Leben zerrissen von Liebe und Haß. Der Protest der Gegenwart, die den Mann nicht begreift, ringt
mit der Anerkennung der Nachwelt, für die er ja auch arbeitet.
Denn je größer die Werke eines Menschen für die Zukunft sind, um so schwerer vermag sie die
Gegenwart zu erfassen, um so schwerer ist auch der Kampf und um so seltener der Erfolg. Blüht er aber
dennoch in Jahrhunderten einem, dann kann ihn vielleicht in seinen späten Tagen schon ein leiser
Schimmer des kommenden Ruhmes umstrahlen. Freilich sind diese Großen nur die Marathonläufer der
Geschichte; der Lorbeerkranz der Gegenwart berührt nur mehr die Schläfen des sterbenden Helden.
Zu ihnen aber sind zu rechnen die großen Kämpfer auf dieser Welt, die, von der Gegenwart nicht
verstanden, dennoch den Streit um ihre Idee und Ideale durchzufechten bereit sind. Sie sind diejenigen,
die einst am meisten dem Herzen des Volkes nahestehen werden; es scheint fast so, als fühlte jeder
einzelne dann die Pflicht, an der Vergangenheit gutzumachen, was die Gegenwart einst an den Großen
gesündigt hatte. Ihr Leben und Wirken wird in rührend dankbarer Bewunderung verfolgt und vermag
besonders in trüben Tagen gebrochene Herzen und verzweifelnde Seelen wieder zu erheben.
Hierzu gehören aber nicht nur die wirklich großen Staatsmänner, sondern auch alle sonstigen großen
Reformatoren. Neben Friedrich dem Großen stehen hier Martin Luther sowie Richard Wagner.
Als ich den ersten Vortrag Gottfried Feders über die "Brechung der Zinsknechtschaft" anhörte, wußte
ich sofort, daß es sich hier um eine theoretische Wahrheit handelte, die von immenser Bedeutung für die
Zukunft des deutschen Volkes werden müßte. Die scharfe Scheidung des
[233 Kampf gegen internationales Finanzkapital]
Börsenkapitals von der nationalen Wirtschaft bot die Möglichkeit, der Verinternationalisierung der
deutschen Wirtschaft entgegenzutreten, ohne zugleich mit dem Kampf gegen das Kapital überhaupt die
Grundlage einer unabhängigen völkischen Selbsterhaltung zu bedrohen. Mir stand die Entwicklung
Deutschlands schon viel zu klar vor Augen, als daß ich nicht gewußt hätte, daß der schwerste Kampf
nicht mehr gegen die feindlichen Völker, sondern gegen das internationale Kapital [Banken]
ausgefochten werden mußte. In Feders Vortrag spürte ich eine gewaltige Parole für dieses kommende
Ringen.
Und auch hier bewies die spätere Entwicklung, wie richtig unsere damalige Empfindung war. Heute
werden wir nicht mehr verlacht von den Schlauköpfen unserer bürgerlichen Politiker; heute sehen selbst
diese, soweit sie nicht bewußte Lügner sind, daß das internationale Börsenkapital nicht nur der größte
Hetzer zum Kriege war, sondern gerade jetzt nach des Kampfes Beendigung nichts unterläßt, den
Frieden zur Hölle zu verwandeln.
Der Kampf gegen das internationale Finanz- und Leihkapital ist zum wichtigsten Programmpunkt des
Kampfes der deutschen Nation um ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit und Freiheit geworden.
Was aber die Einwände der sogenannten Praktiker betrifft, so kann ihnen folgendes geantwortet werden:
Alle Befürchtungen über die entsetzlichen wirtschaftlichen Folgen einer Durchführung der "Brechung
der Zinsknechtschaft" sind überflüssig; denn erstens sind die bisherigen Wirtschaftsrezepte dem
deutschen Volke sehr schlecht bekommen, die Stellungnahmen zu den Fragen der nationalen
Selbstbehauptung erinnern uns sehr stark an die Gutachten ähnlicher Sachverständiger in früheren
Zeiten, zum Beispiel des ba
yerischen Medizinalkollegiums anläßlich der Frage der Einführung der
Eisenbahn. Alle Befürchtungen dieser erlauchten Korporation von damals sind später bekanntlich nicht
eingetroffen; die Reisenden in den Zügen des neuen "Dampfrosses" wurden nicht schwindlig, die
Zuschauer auch nicht krank, und auf die Bretterzäune, um die
[234 Nur eine Doktrin: Volk und Vaterland]
neue Einrichtung unsichtbar zu machen, hat man verzichtet — nur die Bretterwände vor den Köpfen
aller sogenannten "Sachverständigen" blieben auch der Nachwelt erhalten.
Zweitens aber soll man sich folgendes merken: Jede und auch die beste Idee wird zur Gefahr, wenn sie
sich einbildet, Selbstzweck zu sein, in Wirklichkeit jedoch nur ein Mittel zu einem solchen darstellt —
für mich aber und alle wahrhaftigen Nationalsozialisten gibt es nur eine Doktrin: Volk und Vaterland.
Für was wir zu kämpfen haben, ist die Sicherung des Bestehens und der Vermehrung unserer Rasse und
unseres Volkes, die Ernährung seiner Kinder und Reinhaltung des Blutes, die Freiheit und
Unabhängigkeit des Vaterlandes, auf daß unser Volk zur Erfüllung der auch ihm vom Schöpfer des
Universums zugewiesenen Mission heranzureifen vermag.
Jeder Gedanke und jede Idee, jede Lehre und alle Wissen haben diesem Zweck zu dienen. Von diesem
Gesichtspunkte aus ist auch alles zu prüfen und nach seiner Zweckmäßigkeit zu verwenden oder
abzulehnen. So kann keine Theorie zur tödlichen Doktrin erstarren, da alles ja nur dem Leben zu dienen
hat.
So waren die Erkenntnisse Gottfried Feders die Veranlassung, mich in gründlicher Weise nur diesem
mir ja bis dahin noch wenig vertrauten Gebiete überhaupt zu befassen.
Ich begann wieder zu lernen und kam nun erst recht zum Verständnis des Inhaltes und Wollens der
Lebensarbeit des Juden Karl Marx. Sein "Kapital" wurde mir jetzt erst recht verständlich, genau so wie
der Kampf der Sozialdemokratie gegen die nationale Wirtschaft, der nur den Boden für die Herrschaft,
des wirklich internationalen Finanz und Börsenkapitals vorzubereiten hat.
×
Allein noch in einer anderen Hinsicht waren die Kurse für mich von größter Folgewirkung.
[235 Der "Bildungsoffizier"]
Ich meldete mich eines Tages zur Aussprache. Einer der Teilnehmer glaubte, für die Juden eine Lanze
brechen zu müssen und begann sie in längeren Ausführungen zu verteidigen. Dies reizte mich zu einer
Entgegnung. Die weitaus überwiegende Anzahl der anwesenden Kursteilnehmer stellte sich auf meinen
Standpunkt. Das Ergebnis aber war, daß ich wenige Tage später dazu bestimmt wurde, zu einem
damaligen Münchener Regiment als sogenannter "Bildungsoffizier" einzurücken.
Die Disziplin der Truppe war zu dieser Zeit noch ziemlich schwach. Sie litt unter den Nachwirkungen
der Soldatenratsperiode. Nur ganz langsam und vorsichtig konnte man dazu übergehen, an Stelle des
"freiwilligen" Gehorsams — wie man den Saustall unter Kurt Eisner so schön zu bezeichnen pflegte —
wieder die militärische Disziplin und Unterordnung einzuführen. Ebenso sollte die Truppe selber
national und vaterländisch fühlen und denken lernen. In diesen beiden Richtungen lagen die Gebiete
meiner neuen Tätigkeit.
Ich begann mit aller Lust und Liebe. Bot sich mir doch jetzt mit einem Male die Gelegenheit, vor einer
größeren Zuhörerschaft zu sprechen; und was ich früher immer, ohne es zu wissen, aus dem reinen
Gefühl heraus einfach angenommen hatte, traf nun ein: ich konnte "reden". Auch die Stimme war schon
so viel besser geworden, daß ich wenigstens in kleinen Mannschaftszimmern überall genügend
verständlich blieb.
Keine Aufgabe konnte mich glücklicher machen als diese, denn nun vermochte ich noch vor meiner
Entlassung in der Institution nützliche Dienste zu leisten, die mir unendlich am Herzen gelegen hatte: im
Heere.
Ich durfte auch von Erfolg sprechen: Viele Hunderte, ja wohl Tausende von Kameraden habe ich im
Verlaufe meiner Vorträge wieder zu ihrem Volk und Vaterland zurückgeführt. Ich "nationalisierte" die
Truppe und konnte auf diesem Wege auch mithelfen, die allgemeine Disziplin zu Stärken.
Wieder lernte ich dabei eine Anzahl von gleichgesinnten Kameraden kennen, die später mit den
Grundstock der neuen Bewegung zu bilden begannen.
[236]

9. Kapitel:
Die "Deutsche Arbeiterpartei"
Eines Tages erhielt ich von der mir vorgesetzten Dienststelle den Befehl, nachzusehen, was es für eine
Bewandtnis mit einem anscheinend politischen Verein habe, der unter dem Namen "Deutsche
Arbeiterpartei" in den nächsten Tagen eine Versammlung abzuhalten beabsichtige, und in der ebenfalls
Gottfried Feder sprechen sollte; ich müßte hingehen und mir den Verband einmal ansehen und dann
Bericht erstatten.
Die Neugierde, die von seiten des Heeres damals den politischen Parteien entgegengebracht wurde, war
mehr als verständlich Die Revolution hatte dem Soldaten das Recht der politischen Betätigung gegeben,
Von dem nun auch gerade die Unerfahrensten den reichlichsten Gebrauch machten. Erst in dem
Augenblick, da Zentrum und Sozialdemokratie zum eigenen Leidwesen erkennen mußten, daß die
Sympathien der Soldaten sich von den revolutionären Parteien weg der nationalen Bewegung und
Wiedererhebung zuzuwenden begannen, sah man sich veranlaßt, der Truppe das Wahlrecht wieder zu
entziehen und die politische Betätigung zu untersagen.
Daß Zentrum und Marxismus zu dieser Maßnahme griffen, war einleuchtend, denn würde man diese
Beschneidung der "staatsbürgerlichen Rechte" — wie man die politische Gleichberechtigung der
Soldaten nach der Revolution nannte — nicht vorgenommen haben, hätte es schon wenige Jahre später
keinen Novemberstaat, aber damit auch keine weitere nationale Entehrung und Schande mehr gegeben.
Die Truppe war damals auf dem besten Wege, der Nation ihre Blutsauger und Handlanger der Entente
im Innern
[237 Die "Deutsche Arbeiterpartei]
vom Halse zu schaffen. Daß aber auch die sogenannten "nationalen" Parteien begeistert für die
Korrektur der bisherigen Anschauungen der Novemberverbrecher stimmten und so mithalfen, das
Instrument einer nationalen Erhebung unschädlich zu machen, zeigte wieder, wohin die immer nur
doktrinären Vorstellungen dieser Harmlosesten der Harmlosen zu führen vermögen. Dieses wirklich an
geistiger Altersschwäche krankende Bürgertum war allen Ernstes der Meinung, daß die Armee wieder
das werde, was sie war, nämlich ein Hort deutscher Wehrhaftigkeit, während Zentrum und Marxismus
ihr nur den gefährlichen nationalen Giftzahn auszubrechen gedachten, ohne den nun aber einmal eine
Armee ewig Polizei bleibt, jedoch keine Truppe ist, die vor dem Feind zu kämpfen vermag; etwas, was
sich in der Folgezeit wohl zur Genüge bewiesen hat.
Oder glaubten etwa unsere "nationalen Politiker", daß die Entwicklung der Armee anders als eine
nationale hätte sein können? Das sähe diesen Herren verflucht ähnlich und kommt davon, wenn man im
Kriege, statt Soldat zu sein, Schwätzer, also Parlamentarier ist und keine Ahnung mehr hat, was in der
Brust von Männern vorgehen mag, die die gewaltigste Vergangenheit erinnert, einst die ersten Soldaten
der Welt gewesen zu sein.
So entschloß ich mich, in die schon erwähnte Versammlung dieser mir bis dahin ebenfalls noch ganz
unbekannten Partei zu gehen.
Als ich abends in das für uns später historisch gewordene "Leiberzimmer" des ehemaligen
Sterneckerbräues in München kam, traf ich dort etwa 20 bis 25 Anwesende, hauptsächlich aus den
unteren Schichten der Bevölkerung.
Der Vortrag Feders war mir schon von den Kursen her bekannt, so daß ich mich mehr der Betrachtung
des Vereines selber widmen konnte.
Der Eindruck auf mich war weder gut noch schlecht; eine Neugründung, wie eben so viele andere auch.
Es war gerade damals die Zeit, in der sich jeder berufen fühlte, eine neue Partei aufzumachen, der mit
der bisherigen Entwick-
[238 Die "Deutsche Arbeiterpartei"]
lung nicht zufrieden war und zu den gegebenen Parteien kein Vertrauen mehr besaß. So schossen denn
überall diese Vereine nur so aus dem Boden, um nach einiger Zeit sang- und klanglos wieder zu
verschwinden. Die Begründer besaßen zumeist keine Ahnung davon, was es heißt, auch einem Verein
eine Partei oder gar eine Bewegung zu machen. So erstickten diese Gründungen fast immer von selbst
an ihrer lächerlichen Spießerhaftigkeit.
Nicht anders beurteilte ich nach etwa zweistündigem Zuhören die "Deutsche Arbeiterpartei". Als Feder
endlich schloß, war ich froh. Ich hatte genug gesehen und wollte schon gehen, als die nun verkündete
freie Aussprache mich doch bewog, noch zu bleiben. Allein auch hier schien alles bedeutungslos zu
verlaufen, bis plötzlich ein "Professor" zu Worte kam, der erst an der Richtigkeit der Federschen Gründe
zweifelte, sich dann aber — nach einer sehr guten Erwiderung Feders — plötzlich auf den "Boden der
Tatsachen" stellte, nicht aber ohne der jungen Partei auf das Angelegentlichste zu empfehlen, als
besonders wichtigen Programmpunkt den Kampf um die "Lostrennung" Bayerns von "Preußen"
aufzunehmen. Der Mann behauptete mit freier Stirne, daß in diesem Falle sich besonders DeutschÖsterreich
sofort an Bayern anschließen würde, daß der Friede dann viel besser würde und ähnlichen
Unsinn mehr. Da konnte ich denn nicht anders, als mich ebenfalls zum Wort zu melden und dem
gelahrten Herrn meine Meinung über diesen Punkt zu sagen — mit dem Erfolg, daß der Herr Vorredner,
noch ehe ich fertig war, wie ein begossener Pudel das Lokal verließ. Als ich sprach, hatte man mit
erstaunten Gesichtern zugehört, und erst als ich mich anschickte, der Versammlung gute Nacht zu sagen
und mich zu entfernen, kam mir noch ein Mann nachgesprungen, stellte sich vor (ich hatte den Namen
gar nicht richtig verstanden) und drückte mir ein kleines Heftchen, ersichtlich eine politische Broschüre,
in die Hand, mit der dringenden Bitte, dies doch ja zu lesen.
Das war mir sehr angenehm, denn nun durfte ich hoffen, vielleicht auf einfachere Weise den
langweiligen Verein
[239 Die "Deutsche Arbeiterpartei"]
kennenzulernen, ohne noch weiterhin so interessante Versammlungen besuchen zu müssen. Im übrigen
hatte dieser augenscheinliche Arbeiter auf mich einen guten Eindruck gemacht. Damit also ging ich.
Ich wohnte zu jener Zeit noch in der Kaserne des 2. Infanterieregiments, in einem kleinen Stübchen, das
die Spuren der Revolution noch sehr deutlich an sich trug. Tagsüber war ich fort, meistens bei dem
Schützenregiment 41 oder auch in Versammlungen, auf Vorträgen bei irgendeinem anderen Truppenteil
usw. Nur nachts schlief ich in meiner Behausung. Da ich jeden Morgen früh schon vor 5 Uhr
aufzuwachen pflegte, hatte ich mir die Spielerei angewöhnt, den Mäuslein, die in der kleinen Stube ihre
Unterhaltung trieben, ein paar Stückeln harte Brotreste oder -rinden auf den Fußboden zu legen und nun
zuzusehen, wie sich die possierlichen Tierchen um diese paar Leckerbissen herumjagten. Ich hatte in
meinem Leben schon so viel Not gehabt, daß ich mir den Hunger und daher auch das Vergnügen der
kleinen Wesen nur zu gut vor. zustellen vermochte.
Auch am Morgen nach dieser Versammlung lag ich gegen 5 Uhr wach in der Klappe und sah dem
Treiben und Gehusche zu. Da ich nicht mehr einschlafen konnte, erinnerte ich mich plötzlich des
vergangenen Abends, und nun fiel mir das Heft ein, das mir der eine Arbeiter mitgegeben hatte. So
begann ich zu lesen. Es war eine kleine Broschüre, in der der Verfasser, eben dieser Arbeiter, schilderte,
wie er aus dem Wirrwarr marxistischer und gewerkschaftlicher Phrasen wieder zu nationalem Denken
gelangte; daher auch der Titel "Mein politisches Erwachen". Da ich erst angefangen hatte, las ich das
Schriftchen mit Interesse durch; spiegelte sich ja in ihm ein Vorgang ab, den ich ähnlich zwö